CETA, TTIP, Tiptree, oder: Handel in unendlichen Weiten

17/07/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn etwas kompliziert ist – kompliziert zu verstehen oder kompliziert zu bewerkstelligen -, dann hilft Science Fiction. Das gilt auch für die unendlich komplizierten, weitgehend intransparenten, viel diskutierten und viel kritisierten Freihandelsabkommen CETA und TTIP. Offenkundig gebiert der Freihandel vertragliche Ungeheuer. Es bedarf scheinbar eines ungeheuerlichen Apparats und Vorlaufs, damit Güter und Waren einfach, schnell und leicht über weite Räume gehandelt werden können.

Es könnte natürlich auch einfach sein: Man könnte sich einfach gegenseitig zusichern, alle Waren und Güter der ‚anderen‘ rein zu lassen. Aber nach welchen Regeln? Entweder beharrt man darauf, dass alles, was ‚bei uns‘ eingeführt wird, ‚unseren‘ Regeln und Vorgaben entsprechen muss, oder ‚wir‘ vertrauen ‚ihnen‘ und ‚ihren‘ Regeln. Das Problem ist nur, dass den jeweiligen Regeln unterschiedliche Einschätzungen darüber zugrunde liegen, welche Waren und Güter (un-)gesund, (un-)gefährlich, (un-)schädlich sind. US-Amerikaner_innen finden französischen Rohmilchkäse nicht nur eklig, sondern halten ihn fast schon für eine kulinarische Form bakteriologischer Kriegsführung; Europäer_innen erkennen im Chlorhühnchen den Vorboten eines alten Witzes von Louis de Funès.

Wenn bereits Kanada, die USA und die Europäische Union – die ja immerhin behaupten, einer gemeinsamen (westlichen) Wertegemeinschaft und Konsummoderne anzugehören – feststellen müssen, dass selbst in profanen Waren und Konsumgütern abweichende kulturelle Vorlieben, Abneigungen und Werthaltungen eingeschrieben sind – wie muss es dann erst im extraterrestrischen, interstellaren Handel aussehen?

Die Kurzgeschichte Geburt eines Handlungsreisenden von James Tiptree Jr. aus dem Jahr 1967 – ein wundervolles SciFi-Kleinod – gibt einen Einblick in die unterschiedlichen Strategien im Umgang mit den Problemen eines weiträumigen (Frei-)Handels. Im Mittelpunkt der Geschichte steht T. Benedict, Mitarbeiter einer Handelsorganisation und dort der Verantwortliche in der Abteilung FKGK – „Fremdkulturelle Gestaltklarierungen“.

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Als Einstieg in die Geschichte und Beschreibung von Mr. Benedicts Arbeit dient ein Telefongespräch, dass dieser mit einem Klienten führt. Das ist literarisch fein gearbeitet, und es macht Vergnügen, als Leser die andere Seite des Gesprächs zu imaginieren.

„Eff-ka-ge-ka. … Richtig, Sie brauchen eine Klarierung von uns, wenn Sie Ihr Produkt außerhalb des Planeten versenden wollen … Richtig, das gilt auch für außerplanetare Waren, die hier weiterverarbeitet werden. Sobald man sie irgendwie in die Finger nimmt … Ja, genau, Fremdkulturelle Gestaltklarierungen. Ein scheußlicher Name, ich weiß; war nicht meine Wahl. Wir schicken Ihnen die Formulare zu … Moment, dass wir uns richtig verstehen, der Name ist vielleicht albern, aber unsere Aufgabe nicht. Was wollen Sie versenden? … Lager mit monomolekularer Beschichtung? Wie sind sie verpackt? … Wie sie verpackt sind, will ich wissen. In was für Behältern? In kugelförmigen? Schön, Sie wollen sie also in den Deneb-Sektor verschicken. Das heißt, über den Transferpunkt Deneb-Gamma, richtig? … Na, dann schlagen Sie es mal nach, Sie werden feststellen, dass die Ware darüber laufen muss. Also, in dem Moment, in  dem diese Kugeln von Ihnen da durch den Transfer rollen, wird sich die komplette Belegschaft von Station Gamma auf ihre Opercula hocken und niemand krümmt auch nur einen Tentakel, weil Kugeln auf Gamma nämlich religöse Bildnisse sind, alles klar? Und der Transmitter bleibt auf Ihre Kosten offen, abgerechnet per Mikrosekunde, und Ihr Produkt rührt sich kein Stück, bis ein dortiger atheistischer Rettungstrupp da reingebracht wird – zum dreifachen Satz, auf Ihre Kosten – und den Weiterversand übernimmt, ja? Wenn Sie sich diesen Mist ersparen wollen, müssen Sie uns ein Muster zur Klarierung schicken. Und zwar, bevor die Fracht versiegelt wird! Alles klar? … Ich schick Ihnen die Formulare und Sie sehen zu, dass wir schleunigst die Muster reinbekommen, Wir tun, was wir können.“

Die Geschichte folgt im Wesentlichen dieser Logik und bezieht ihre Komik und Dynamik aus der schieren Unendlichkeit der Variationen von Produkteigenschaften, denen auch mit dem brillantesten fremdkulturellen Gestaltklarierer und einem allumfassend besetzten „Fremdwesen-Beirat“ nicht im Vorhinein beizukommen ist. Bekannte Faktoren lassen sich vorweg ausschalten – etwa die Gefahr, dass ein Paket auf einem bestimmten Planeten angeknabbert wird, weil den dortigen Transportarbeitern das Rot des Paketaufdrucks so gut schmeckt usw. – anderes bleibt aber völlig rätselhaft, und man ist erst im Nachhinein schlauer, wenn überhaupt. Es sollte also niemanden verwundern, dass auch heute amerikanische und europäische CETA- und TTIP-Unterhändler_innen mit ihren Versuchen, alle Unwägbarkeiten vorab vertraglich zu klären, einfach nicht hinterherkommen. Im Grunde – das könnte man aus Tiptrees Geschichte lernen – weiß man nie abschließend, was es überhaupt alles zu regeln gilt, geschweige denn, dass man sich auf das Wie einigen könnte.

Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: einerseits das optimistisch-expertokratische Bürokratiemodell, auf das Tiptree in den 1960er Jahren augenzwinkernd setzte; andererseits das privatrechtliche Vertragsmodell, mit dem sich zwei „Unternehmer“ auf die Bedingungen und Voraussetzungen eines Geschäfts oder einer Reihe von Geschäften einigen. Kanada, die USA und die EU probieren sich am zweiten Modell. Das hat wohl auch etwas mit dem Zeitgeist zu tun. Die Kritik an CETA und TTIP ist aus unterschiedlichen, nicht immer unzutreffenden Gründen erheblich. Sie wäre wahrscheinlich aber noch massiver, wenn jemand eine ressourcenstarke europäische Behörde fordern würde, die von Fall zu Fall und auf Antrag Produkte prüft und „Unbedenklichkeitsbescheinigungen“ ausstellt – oder eben auch nicht. Bereits T. Benedict muss sich in Tiptrees Geschichte mit verärgerten Geschäftsleuten herumschlagen, die sich über die Kosten bestimmter Auflagen beklagen und die Behörde für alles, was schief geht verantwortlich machen. „Wofür zahle ich meine Steuern? Inkompetent! Parasitär! Bah!“

Im progressiven Klima der USA der Sixties konnte man Partei für aufgeklärte öffentliche Angestellte ergreifen – gegen die allzu eindeutigen und durchschaubaren Interessen der Geschäftswelt. Seither hat die Bürokratiekritik erheblich an Bedeutung gewonnen. Diesen Aspekt des Neoliberalismus finden alle gut … Die EU-Kommission hat vielleicht deshalb ein so schweres Standing, weil sie als bürokratische Behörde wahrgenommen wird, die sich wie ein schmierig-gieriger Geschäftsmann aufführt; jedenfalls nicht wie der integere Mr. T.Benedict von der FKGK.

 

Die Geschichte Geburt eines Handlungsreisenden (1967) ist erschienen in: James Tiptree Jr.: DOKTOR AIN. Sämtliche Erzählungen, Band 1 (aus dem Amerikanischen von Elvira Bittner, Andrea Stumpf, Samuel N. D. Wohl, Laura Scheifinger, Frank Böhmert und Margo Jane Warnken). Der Band ist Teil der wunder- und verdienstvollen Werkausgabe, die der Septime Verlag anlässlich des 100jährigen Tiptree-Jubiläums seit 2011 herausgibt. Danke!

P.S. Bei James Tiptree Jr. handelt es sich natürlich um Alice B. Sheldon, deren unter männlichem Pseudonym verfasste Kurzgeschichten zum Kernbestand moderner Science Fiction gehören.

Daimler und die Würste – deutsche Kontinuitäten im 20. Jahrhundert

07/04/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Zuerst die Süddeutsche Zeitung und dann der Guardian berichten heute über einen Wurststreit auf der Aktionärshauptversammlung bei Daimler. Offenkundig bevorratete sich jemand am Buffet ausgiebig für einen späteren Wursthunger zuhause; jemand anderes störte sich daran; es kam zum Streit; die Polizei schlichtete. 12.500 Würste für 5.500 Aktionäre. Da war der Zwischenfall doch vorprogrammiert! Wer sich ein klein wenig mit der Wurstgeschichte Daimlers auskennt, hätte das auch vorhersehen können.

Wie das Leben manchmal spielt und der Zufall es will: Der erste Aufsatz, den ich jemals in einer geschichtswissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlich habe, widmete sich – genau – einem hässlichen und langwierigen Kantinenstreit bei Daimler (vgl. Die Massengesellschaft auf dem Weg in die Kantine. Fabrikmahlzeit, Selbstbedienung und „Ordnungsdenken“ bei der Daimler-Benz AG 1948-1953, in: Historische Anthropologie 17.1,2009). Auch in diesem alten Kantinenstreit ging es – unter anderem – um die Wurst. So wurde um das wirkliche oder unterstellte „Untergewicht“ einer Wurst gestritten.

„Es darf natürlich nicht sein, daß, wenn zu einem Pärchen Wurst beispielsweise Normalmaß genommen ist und dann das Pärchen in einem Stück gegeben wird, daß dann einer glaubt, es sei das andere Stück zu dem Pärchen nicht mitgegeben worden, also die Länge vielleicht 2 Meter betragen muß.“ (Betriebsversammlung vom 11.3.1952, Protokoll, Daimler Archiv, Bestand Könecke 12, S. 10.)

Die Ansicht, beim Essen übervorteilt zu werden, rechtfertigte in den frühen 1950er Jahren zwar Beschwerden, aber nicht jede Art von Benehmen.

„In der Kantine kommt es immer wieder vor und ich weiß, daß mal eine Portion Wurst vielleicht Untergewicht hat oder an einem Käse mal etwas nicht ganz in Ordnung ist. Kolleginnen und Kollegen, bitte seid so freundlich und kommt, aber bitte schreit die Verkäuferin nicht an […], die kann nämlich nichts dafür, die verkauft nur. Wenn Ihr in einem freundlichen Ton kommt, dann hallt es freundlich zurück. Aber, wenn einer anders kommt, auf einen groben Klotz gehört auch ein grober Keil. Das ist eine ganz klare Sache.“ (ebd., S. 22)

Hunger- und Mangelerfahrung in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, gerade auch unter Arbeiterinnen und Arbeitern, machen derartige Diskussionen verständlich. Die Arbeiter_innen von Daimler würden sich heute in der Kantine wahrscheinlich nicht mehr um das Gewicht einer Wurst streiten. Dass derartiges 2016 auf Aktionärsversammlungen vorkommt, zeigt einerseits, dass die Wurstfrage wohl eine der unterschätzten Kontinuitäten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist. Andererseits zeigt sich darin aber auch der Wandel vom Industrie- zum Finanzmarktkapitalismus. Nicht mehr hungrige Arbeiter streiten sich um die Wurst, sondern gierige Aktionäre. Die Wustfrage ist eine Frage des shareholder value geworden. Oder soll man glauben, dass a) Daimler so schwache Renditen abwirft, dass Aktionäre aus purer Not Würste am Buffet in die Tasche stecken, und b) andere ihre Dividente in Gefahr sehen, wenn jemand zu viele Gratiswürste konsumiert?

Provinz in „Amerika“ – Jörg Magenau: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47

28/03/2016 § Ein Kommentar

Jörg Magenau hat ein neugieriges und neugierig machendes kleines Buch geschrieben. Es widmet sich einer skurrilen Klassenfahrt: der Reise der Gruppe 47 nach Amerika im Jahr 1966, um in Princeton ihre Jahrestagung abzuhalten. Der Charme dieses Unternehmens, den Magenaus Buch amüsant einfängt, speist sich aus der Spannung der Großen Fahrt auf der einen und der literaturbetrieblichen Routine auf der anderen Seite. Abenteuer trifft auf Alltag. Große Gesten, Erwartungen, Befürchtungen treffen auf: nichts Neues. Denn zuallererst hatte die Gruppe 47- wo immer sie tagte – sich selbst im Gepäck.

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Bereits die Reisevorbereitungen hätten auf US-amerikansiche Literaturstudent_innen in den Sixties wahrscheinlich hilarious gewirkt – eine literarische Sitcom mit clumsy German writers. Ein Großteil der Komik liegt darin, dass die Protagonisten sich bei der Einschätzung der Wichtigkeit nahezu aller Dinge systematisch vergreifen. Die Maßstäbe sind immer etwas zu groß oder etwas zu klein. Die Reisenden zerbrachen sich den Kopf über mögliche Einflussnahmen Washingtons und Bonns oder wollten nicht als offizielle Delegation der Bundesrepublik erscheinen. So mancher ging davon aus, seine Anwesenheit in den USA sei gar nicht anders denn als welthistorisch bedeutsames Geschichtszeichen unter den Bedingungen des Kalten Kriegs zu interpretieren (Looking At You, Günter Grass!). Peter Weiss wollte keine Presse dabei haben und innerhalb der Universität nur mit „denjenigen Kräften“ in Beziehung treten, die sich gegen die US-amerikanische Vietnampolitik richteten. Der junge Peter Handke sorgte sich um die Preise der Flugtickets. Heinrich Böll blieb zu Hause, weil er nicht zum „Exportartikel“ werden wollte.

Und dann erst die Provinz. Princeton hatte zwar durchaus etwas von einer gemütlichen kleinen Welt, stand aber für „Amerika“, für das Große und Raumgreifende – und kollidierte so mit dem programmatischen und faktischen Selbstverständnis der deutschen Literaten, das freilich Mitte der 1960er Jahre langsam bröckelte.

„Das Verharren in der Provinz war gewissermaßen ein deutscher Selbstschutz. Solange man unter sich und auf irgendeinem abgelegenen Gasthof blieb, konnte nichts passieren, und die Großmannssucht erhielt qua Abgeschiedenheit keine Chance.[…] So eine Reise nach Princeton könnte doch auch dazu dienen, die Gruppe aus ihrer selbstgewählten Provinzialität herauszuholen. […] Deshalb waren sie ja hierher gereist, im seltsamen Versuch, die Provinz in die große weite Welt zu verlagern […]. Dass man die Welt dann aber auch einlassen müsste, fiel Richter nicht ein. Dass die deutsche Provinz womöglich eine aussterbende Region war, setzte der Literatur zu.“ (S. 23-25)

In „Amerika“ fremdelten die 47er. Sie ignorierten, was zu ignorieren war. Was sollte man auch an intellektuellen, künstlerischen und popkulturellen Impulsen der mittleren Sixties aufnehmen, wenn man eh schon wusste, dass „Amerika“ Krieg in Vietnam führte und „Amerikaner“ immer nur nach Unterhaltung gierten? Welchen Einflüssen sollte man sich da öffnen? Was war zu holen für das eigene Bemühen um eine andersdeutsche Literatur, die zwar anders, aber eben unbedingt deutsch sein wollte? Bereits ‚zu Hause‘ hatte es ja Tradition, das Schreiben ‚rein‘ zu halten – schon vom „Emigrantendeutsch“, über das Hans Werner Richter noch in den frühen 1950er Jahren ohne Irritation schimpfen konnte. Weltläufigkeit, so schreibt Mark Terkessidis im freitag (11/2016), war eben jenen Teilen der „deutschen Intelligenzija“ verdächtig, „die monolingual und provinziell meinten, der eigene Ort sei der Mittelpunkt des Kosmos“.

Jörg Magenaus Buch ist auch eine konzise Geschichte der Gruppe 47. Ausgehend von der Princeton-Episode beschreibt er zentrale Themen, Konfliktlinien und Dynamiken. Wer, wie ich, nicht sonderlich vertraut ist mit den Details dieser bundesrepublikanischen Institution, liest das mit viel Gewinn und einigem Schmunzeln (Magenaus bevorzugtes Stilmittel ist der süffisant-sympathisierende Kommentar – gern auch in den Bildunterschriften). Allerdings erliegt Magenau selbst ein wenig der Faszination von Provinz und Provinzialität. Auch ihn interessiert nur auf wenigen Seiten, was es mit Princeton auf sich hatte – und es interessiert ihn nur aus der Perspektive der 47er. Das Buch spiegelt die Selbstbezüglichkeit der Gruppe 47, in der die Reisenden stets wichtiger sind als die ‚Bereisten‘. Detailliertere Schilderungen aus der Sicht derjenigen, die die Ankunft dieser schriftstellerischen Missionare des Deutschen organisiert und beobachtet hatten, wären sicher nicht von Nachteil gewesen. Die Andeutungen, die sich im Buch finden, legen zumindest nahe, was mit einer etwas amerikabezogeneren Recherche und Erzählperspektive möglich sein könnte. Vor allem aber ist es etwas enttäuschend (weil erwartbar und Ausdruck unnötiger Selbstprovinzialisierung), wenn ein spannendes und thematisch überraschendes Buch dramaturgisch alles auf die Wutrede Peter Handkes über „läppische, beschreibungsimpotente Prosa“ zulaufen lässt. Die Pointe ist in diesem Fall weit langweiliger als der Weg zu ihr.

Jörg Magenau: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47. Klett Cotta 2016; 223 Seiten.

Die „Stimme des Volkes“ in Zeiten der ‚Lügenpresse‘. Arlette Farge, das 18. Jahrhundert und wir

28/02/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Geschichtsbücher, also Bücher über Geschichte, erklären die Gegenwart. Sie erzeugen Verfremdung und Distanzierung und gleichzeitig oft irritierende Wiedererkennungseffekte. Als ich kürzlich ein bestimmtes Geschichtsbuch aus dem Regal nahm (als Historiker tue ich das natürlich hin und wieder), drängte sich eine Aktualität auf, die ich nicht erwartet hatte.

Jedenfalls habe ich Lauffeuer in Paris. Die Stimme des Volkes im 18. Jahrhundert von Arlette Farge nicht gelesen, weil ich etwas über die Lage heutiger Öffentlichkeit und politischer Debattenkultur erfahren wollte. Ich wollte lediglich wieder ein Buch von Arlette Farge lesen, weil sie eine der inspirierendsten und spannendsten Historiker_innen überhaupt ist. Das Buch ist im französischen Original 1992, in deutscher Übersetzung von Grete Osterwald 1993 erschienen und bereits seit einiger Zeit vergriffen.

Es war also nicht zu erwarten, etwas über eine Zeit zu erfahren, in der sich die selbsternannte „Stimme des Volkes“ in ‚Lügenpresse‘-Sprechchören ergeht, in der in sozialen Medien hanebüchene Gerüchte, krude Behauptungen, offensive Faktenresistenz und dummstolze Ignoranz gegen jede Form von ‚Aufklärung‘ dominieren (eine beeindruckende Analyse lieferte jüngst Georg Seeßlen). Dennoch bietet Farge die Möglichkeit, genau darüber nachzudenken: über Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit; über das Verhältnis ‚des Volkes‘ zu den Mächtigen; über den subversiven Charakter einer bestimmten Rede; über Zensur und Überwachung.

Arlette Farge rekonstruiert ein Segment der Öffentlichkeit, das nicht identisch ist mit dem bürgerlichen „Raum der gebildeten Kritik“, also der Welt der aufgeklärten Meinung. Sie trägt eine Fülle zirkulierender Gerüchte, Denunziationen und ‚Nachrichten‘ zusammen, bei denen es nie darum ging, ob sie ‚wahr‘ oder ‚falsch‘, sondern nur darum, ob sie mehr oder weniger wahrscheinlich sind. Die Pointe besteht darin, dass dieser aus unzähligen Absurditäten sich zusammensetzende Redeschwall zu einer politischen Kraft wurde.

Am Beispiel Frankreichs im 18. Jahrhundert rekonstruiert Arlette Farge „politische Formen der Zustimmung oder der Mißbilligung, mit denen das Volk auf die Ereignisse und auf das Schauspiel der Monarchie reagiert“. Sie beschreibt die „Stimme des Volkes“ als etwas, das als gesellschaftliche Praxis allgegenwärtig ist, politisch aber keinen Ort hat – und sich schrittweise einen Ort erobert. Der Skandal bestand – aus Sicht der Obrigkeit, der Zensoren, des polizeilichen Überwachungsapparats – darin, dass ‚das Volk‘ sich überhaupt eine Meinung zu irgendetwas bildete und diese ausdrückte.

„Die Spitzel sind erstaunt. In ihren Berichten äußern sie Verwunderung und Beunruhigung über ein ‚Denken‘, das jederman zugänglich ist, und über bislang ungewohnte Ausdrucksformen. Verwundet sind sie auf doppelte Weise: es erscheint ihnen außerordentlich, zu hören, wie Leute ‚aus dem gemeinen Volk‘ fortwährend und kühn Partei ergreifen; fassungslos sind sie aber auch über die Hartnäckigkeit der bekundeten Überzeugungen und über die Wohlbegründetheit der Argumente. […] Sie sind die ersten, die gemerkt haben, daß die nach alter Gewohnheit politisch disqualifizierte Volksmeinung zu einem Diskurs mit klarem politischen Inhalt wird.“ (S. 43)

Arlette Farge beschreibt eine Umbruchsituation, in der politische Kommunikation und Öffentlichkeit nicht mehr in obrigkeitlicher Verkündigung und Zensur aufgehen.

„Eben das ist neu an der Atmosphäre des achtzehnten Jahrhunderts: daß sich die Legitimität, über etwas nachzudenken, gegen das Denkverbot durchsetzt. Die Überschreitung zahlt sich aus. Unter den kulturellen und politischen Bedingungen der damaligen Zeit erzeugt sie einen Wagemut, eine Selbstsicherheit, die zu den wichtigsten politischen Tatbeständen des Jahrhunderts gehören.“ (S. 63)

AfD-Pegidisten dürften sich gern in dieser Tradition sehen: Wagemutige Männer und Frauen des Volkes, die den Mächtigen eine Meinung sagen, die diese nicht hören wollen und mittels ‚Lügenpresse‘ und ‚Staatsfernsehen‘ unterdrücken. Sie dürften für sich beanspruchen, die ‚wirkliche Meinung des Volkes‘ an die Oberfläche zu bringen. Und sie dürften ihre ‚Gegenöffentlichkeit‘ als Raum der wirklich wahren Wahrheit verstehen. Aber ihre Welt ist nicht die Welt, die Arlette Farge im Sinn hat. Denn einerseits sind die meisten AfD-Pegidisten eben gerade keine „Leute, die ‚begierig sind, das Für und Wider zu kennen‘.“ Und andererseits zeigt Farge, dass das ‚Volk‘ und die ‚Volksmeinung‘ heterogen und zerrissen sind. Die „Stimme des Volkes“ ist kein parolenskandierender Sprechchor. Wer meint, ‚das Volk‘ zu sein oder für ‚das Volk‘ zu sprechen – der lügt und verwechselt die eigene (Des-)Informationsblase mit volkssouveräner Demokratie.

Aktualisierungseffekte, die von Geschichtsbüchern ausgehen, gebieten freilich auch immer eine gewisse Skepsis. Das Gleiche ist nie dasselbe. Eine Figur wie Pierre Dayrivier, der am 26.November 1762 wegen regierungskritischer Rede in einem Café festgenommen wurde, lässt sich nicht einfach in megaphonbewaffnete AfD-Pegidisten übersetzen. Allerdings ist auch nicht auszuschließen, dass eine Wiederbelebung vergangener Haltungen genau dort enden könnte. Über Dayrivier hieß es im Polizeibericht:

„Dieser Mann kümmert sich seit langem um zu viele Dinge, außerdem ist er ein begeisterter Hitzkopf, der glaubt, mehr Einsicht und Räsonnement zu besitzen als andere, die nicht aufgeklärt sind, was ihn offenbar dazu getrieben hat, entweder dem Monarchen oder der Regierung seine Achtung zu versagen.“ (S. 294)

Die Sympathie für Pierre Dayrivier kann unter heutigen Vorzeichen nicht mehr bedingungslos sein; der Respekt allerdings schon, denn dieser Hitzkopf des 18. Jahrhunderts wäre nie auf die Idee gekommen, seine Unzufriedenheit mit der Regierung in Hass auf Minderheiten, Unterprivilegierte und Fremde zu gießen.

Farge, Arlette: Lauffeuer in Paris. Die Stimme des Volkes im 18. Jahrhundert, Klett Cotta: Stuttgart 1993 (aus dem Französischen von Grete Osterwald).

Eruption und Gärung – Jürgen Goldstein: Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt

07/02/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Vor wenigen Tagen wurden die Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse bekanntgegeben (eine Zusammenstellung gibt es z.B. hier). Nun kann die Diskussion losgehen: Wer kennt welchen Titel? Welcher Titel steht ‚zurecht‘ auf der Liste und welcher Titel fehlt?

Ein kleines Puzzlestück möchte ich auch beitragen:

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Nominiert in der Kategorie Sachbuch ist Jürgen GoldsteinGeorg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt (Matthes & Seitz Berlin). Ob Goldsteins Buch es mehr als andere verdient, auf der Buchpreisliste zu landen, weiß ich nicht. Allerdings ist es, unabhängig von der potentiellen Qualität nicht nominierter Bücher, ganz für sich genommen ein spannendes, kluges und elegantes Buch. Der schlanke, 230 Textseiten umfassende Essay über den Weltumsegler, Naturforscher, Schriftsteller, Übersetzer und Revolutionär Georg Forster (1754-1794) bietet einiges.

Zunächst handelt es sich um eine Biographie Forsters. Zwischen 1772 und 1775 nahm Forster an James Cooks zweiter Weltumsegelung teil (sein Vater war bei diesem Abenteuer für die wissenschaftlichen Untersuchungen verantwortlich). Nach seiner Rückkehr verfasst Forster seine berühmte Reise um die Welt und wird zur Berühmtheit. Er arbeitet als Übersetzer, verlässt England, wird Professor in Wilna und dann Bibliothekar der Universität Mainz. Schließlich wird er glühender Jakobiner und unterstützt die Mainzer Republik, geht nach Paris, ist schockiert vom einsetzenden Terror und stirbt als Geächteter. Ausgehend von diesen biographischen Wegmarken entwickelt Jürgen Goldstein eine hoch spannende Erfahrungs- und Ideengeschichte.

Jürgen Goldstein schildert die Geschichte der Naturerfahrung im achtzehnten Jahrhundert – mit Forster als Kronzeugen für eine Haltung, die den Vorrang der Empfindung vor bloßem Räsonieren betont. Forsters Ideal ist der „unbefangene Zuschauer“. Das spiegelt sich in seiner späteren Reisebeschreibung, die vom stilistischen Willen geprägt ist, „im Leser jene Empfindungen zu wecken, welche die Betrachtung der Natur in ihm selbst angeregt hat.“ Und das heißt auch: Ereignisse, die eine heftige Empfindung zu erregen im Stande sind, dürfen nicht nüchtern berichtet, sondern müssen dramatisiert werden. Forster interessiert sich für die Erfassung fremder Kulturen und entdeckt die Gleichheit aller Menschen: Überall teilen Menschen die gleichen Leidenschaften. Die ‚edlen Wilden‘ sind weder edel noch wild. Sie sind Menschen wie alle anderen auch. Allerdings bricht er mit einem naiven Anthropozentrismus: Die Welt, so erkennt er auf Reisen, ist keineswegs für den Menschen da. Die Natur ist übermächtig und die Schutzräume, die sich der Mensch schafft, sind zerbrechlich.

Jürgen Goldstein zeigt, wie sich ausgehend von einer bestimmten Idee der Natur und Naturerfahrung eine neue Perspektive auf die politische Ideengeschichte gewinnen lässt: ein neuer Blick auf die Genealogie von ‚Freiheit‘ und ‚Gleichheit‘. Dabei entsteht eine Ansicht der Aufklärung, die mit Forster die „Fremdbestimmung der Vernunft durch natürliche Kräfte“ ins Zentrum rückt. Goldstein nennt das die „verdunkelte Schattenseite“ der Aufklärung (so ‚dunkel‘ scheint mir das aber nicht zu sein).

Die Pointe des Essays liegt in der Verbindung beider Themenstränge. „Forster“, so schreibt Goldstein, „hat nach dem Gesetz gesucht, welches das Natürliche mit der politischen Freiheit verbinden soll.“ In seinen Schriften „berühren sich die beiden Schlüsselbegriffe jener Zeit auf spektakuläre Weise: ‚Natur‘ und ‚Revolution‘.“ Goldstein weigert sich – und weist im Verlauf seiner Argumention nach, dass diese Weigerung plausibel ist – Forsters Biographie zweizuteilen. Vielmehr setzt er das Leben des Naturforschers zum Leben des Revolutionärs in Beziehung. „Die Revolution vollzieht sich für Forster als Naturgewalt, die sich unaufhaltsam Bahn bricht: Die Natur ist – bis in das politische Geschehen hinein – das über uns verhängte Schicksal.“ Und an anderer Stelle:

„Eine Revolution ist für Forster ein Geschichtsereignis, das man nicht initiiert, sondern vielmehr beobachtet, begleitet und gegebenenfalls fördert. Zwar hat man sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen, aber an dem Gewirr der vielfältigen Revolutionskräfte hat jeder einzelne nur seinen kleinen Anteil. […] Die Revolution gibt die Richtung vor, nicht der Revolutionär. Ein Revolutionär reitet lediglich auf dem Rücken des Tigers.“ (S. 148f.)

Umstürze und Umbrüche sind für Forster nicht das Werk des Menschen, sondern „Folgen einer Natur, die auch den Menschen bestimmt“. Revolutionen sind Naturereignisse: Sie sind Erdbeben und Vulkanausbrüche in der Welt des Politischen. Kein bewusster Plan, sondern Eruption und Gärung – einmal in Gang gekommen, sind sie weder aufzuhalten noch zu lenken. Angesichts des einsetzenden Terrors der Revolution, der ihn während seines Parisaufenthalts anwidert, erkennt Forster, dass der Weg und die Richtung einer einmal entfesselten Bewegung nicht vorherzusehen sind. In der Revolution sind die Revolutionäre der Revolution ausgeliefert – vom „kalten Fieber“ ergriffen und „in Unruhe versetzt“. Wer glaube, die Ereignisse kontrollieren zu können, der irre. Selbst der Terror wird aus dieser Sicht „zu einem natürlichen Phänomen jenseits von Gut und Böse“.

Eine neue Französische Revolution steht gegenwärtig ebensowenig an wie neue Entdeckungsreisen. Dennoch bietet Jürgen Goldsteins Buch die Gelegenheit, einen vielleicht erschreckenden Blick auf unsere heutige Welt politischer Umbrüche zu werfen. Durch Forsters Brille sähe man Flüchtlingsströme, die über alle Ufer treten. Man sähe Provinzministerpräsidenten, die tatsächlich glauben, Fluten eindämmen und kanalisieren zu können. Man sähe das kalte Fieber und die Unruhe Demonstrierender, die meinen, die globalen Beben und Eruptionen nähmen ein Ende, wenn sie es nur laut genug forderten. Durch Forsters Brille sähe man auch, dass das kalte Fieber heute nicht mehr von der Idee der natürlichen Gleichheit und Freiheit aller Menschen ausgeht, dass sich heute politisch etwas anderes Bahn bricht als, so nannte es Forster, „das Gefühl der gekränkten Rechte der Menschheit“. Ein Blick durch Forsters Brille mag fatalistisch stimmen, er schafft aber auch Raum für ein neues Nachdenken, eine Suche nach neuen Lösungen. Man kann fordern, Obergrenzen festzulegen, Grenzen zu schließen, schneller abzuschieben und die Welt zu einem sicheren Herkunftsgebiet erklären. Ganz sicher nährt das aber nichts außer der Illusion – das würde Forster vielleicht so sagen  -, politische Naturgewalten seien beherrschbar.

„Die kleine flirtende Amerikanerin“- Henry James: Daisy Miller

17/01/2016 § Ein Kommentar

Die ‚junge Amerikanerin‘ beflügelte seit dem späten neunzehnten Jahrhundert die auch damals schon recht alten europäischen Männerphantasien. So beklagten sich kulturkritische Autoren der Weimarer Republik über einen „Kulturfeminismus“, der angeblich in Amerika herrsche. Amerikanische Mädchen kleideten und verhielten sich, so hieß es, als gäbe es keine Klassenunterschiede (und als stünden ihnen alle Freiheiten der Welt zu). Diese anmaßende – selbstbewusste – Haltung drohe auf Europa auszugreifen. In der Folge könne man kaum unterscheiden, ob man es mit einem factory girl, einer Sekretärin oder einer Tochter aus gutem Hause zu tun hat. Diese Einschätzung trägt unverkennbar europäische Züge. Amerikanerinnen und Amerikanern dürfte es keineswegs schwergefallen sein, die feinen Klassenunterschiede trotz modischer Klassenüberschreitung zu erkennen. Henry James‘ Novelle Daisy Miller, erstmals 1878 veröffentlicht, lässt daran keinen Zweifel. Die hervorragende Übersetzung von Britta Mümmler zeigt zudem, dass James ein herausragender Stilist ist. Nicht zuletzt ist es diese sprachliche Eleganz, die Daisy Miller zu einem intellektuellen und literarischen Vergnügen macht.

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Die Novelle, die anlässlich des anstehenden 100. Todestags von James in neuer Übersetzung bei dtv erschienen ist, führt uns in die Welt der wohlhabenden und gutsituierten amerikanischen Europatouristinnen (die Damen reisen allein oder mit ihren Kindern – stets ohne Männer) zu einer Zeit, in der die vergleichsweise junge amerikanische Oberschicht noch bemüht war, sich kulturelles Kapital von der vergleichsweise alten europäischen Oberschicht zu leihen.

  • „Mrs Walker war eine jener Pilgerinnen aus der Neuen Welt, die während ihres Aufenthaltes in der Alten großen Wert darauf legten, so ihre eigenen Worte, die europäische Gesellschaft zu studieren; und deshalb hatte sie zu diesem Anlass etliche Exemplare der Gattung Mensch von unterschiedlichster Herkunft um sich versammelt, die ihr, sozusagen, als Studienobjekte dienten.“

Wir begegnen amerikanischen society ladies, die sich unter die alteuropäische Aristokratie mischen und sich als ebenbürtig – als nicht nur ebenso reich, sondern vor allem als ebenso altehrwürdig und ebenso kultiviert zu präsentieren suchen. Dieses Bemühen schließt ein: sich von ‚vulgären‘, neureichen Emporkömmlingen zu distanzieren. James hat ein feines Gespür für dieses soziale Ringen alter und neuer amerikanischer Eliten auf europäischer Bühne und vor europäischem Publikum.

Im Zentrum steht die titelgebende Daisy Miller, eine „kleine flirtende Amerikanerin“, die zwar aus wohlhabender Familie stammt, aber nicht zur neuenglischen Kolonialaristokratie gehört. Ihr Vater kam als Geschäftsmann zu Reichtum, aber die amerikanische und europäische Aristokratie gibt ihr zu verstehen, dass genau das ein Indiz für eine unkultivierte, vulgäre Herkunft ist. Miss Miller irritiert, provoziert und demonstriert eine manchmal schnippische, oft ironische Unabhängigkeit, die ihr zum Verhängnis werden soll. Die story wie auch die Figurenkonstellation der Novelle sind außerordentlich reduziert. Alles läuft auf Daisy Miller zu bzw. nimmt ihren Ausgang von ihr. James entwirft ein erzählerisches Netz, aber dieses Netz hat nur einen Knotenpunkt.

Daisy Miller ist anders als alles, was junge Männer und alte Damen in Europa jemals glauben gesehen zu haben. Sie wird nicht verlegen. Sie errötet nicht.

  • „Ihr frischer, heller Teint jedoch hatte nicht den leisesten Anflug eines Errötens; sie war also weder gekränkt noch aufgeregt.“

Seit eh und je formulierte die europäische Literatur genau diese Erwartung an junge Frauen. Oft genug machen sich junge Männer in zahlreichen Romanen einen perfiden Spaß daraus, junge Mädchen in Verlegenheit zu bringen. Das prompte Erröten ist dann wiederum Beleg für die Scham- und Tugendhaftigkeit der jungen Frau – und gleichzeitig Anlass für weiteren ‚Spaß‘. Der junge Galan, der Daisy Miller begegnet, ist geradezu verstört angesichts des unübersehbaren Nicht-Errötens. Er weiß nicht, wie er das einzuordnen und wie er damit umzugehen hat. Er zweifelt an seiner Menschenkenntnis und seinem moralischen Empfinden. Er einigt sich darauf, Daisy als „gern flirtend“ zu charakterisieren und das ihrer amerikanischen Herkunft zuzuschreiben. Flirten, so vergewissert er sich, sei wohl eine „rein amerikanische Albernheit“, die Europäer missverstehen würden. In gewisser Weise ist das sein Versuch, sich Daisy in seiner Vorstellung als scham- und tugendhaft zu bewahren, obwohl die erwarteten, freilich oberflächlichen Zeichen (eben das Erröten) fehlen. Junge Mädchen, die nicht erröten sind offenkundig ein Rätsel.

  • „Sie stand nicht errötend auf, so wie ein junges Mädchen in Genf es getan hätte; und doch hielt er es, wohl wissend, dass er sehr weit gegangen war, für möglich, dass sie sich innerlich zurückgezogen hatte.“

Erst viel später zeigt Daisy vereinzelt „den leichtesten Anflug eines Errötens“. James‘ Novelle aus dem Jahr 1878 behandelt das Erröten nicht mehr als selbstverständliche Normalität. Vielmehr präsentiert er diese literarische Figur als etwas ‚Problematisches‘. Er macht es zum Gegenstand des Nachdenkens und gibt der Leserin und dem Leser die Möglichkeit, sich davon irritieren zu lassen. (Wem würde heute schon bewusst auffallen, dass jemand im Gespräch nicht errötet?) Etwas ganz ähnliches leistet der vier Jahre zuvor erschienene Roman Fern vom Treiben der Menge von Thomas Hardy. Bei Hardy erröten geschlechter- und altersübergreifend nahezu alle Charaktere immerzu in allen möglichen Rotschattierungen – fast als ein running gag.

Das Erröten: Ein scheinbar exzentrisches, marginales Thema, das aber einiges darüber aussagt, wie Körperlichkeit, Emotionalität und Geschlecht literarisch modelliert werden. Ich jedenfalls achte nun beim Lesen darauf, wer wann wie warum errötet.

Stellvertretende und vorweggenommene Lektüre – Texte über ungelesene Bücher

18/12/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Kürzlich habe ich, zufällig, zwei Essays gelesen, die sich mit ein und demselben Romanklassiker beschäftigen: George Eliots Middlemarch (1871). Beide Essays habe ich nicht wegen ihres Themas gelesen (obwohl Middlemarch zu den Romanen gehört, die nie wirklich von meiner imaginären Leseliste verschwinden), sondern weil ich Zadie Smith als Schriftstellerin und Carolyn Steedman als Historikerin außerordentlich schätze. Ich wollte Essays von Smith bzw. Steedman lesen – egal worüber.

In der zufälligen Middlemarch-Überlagerung drängte sich aber eine Frage auf, die wir alle kennen: Was bedeuten und bewirken Texte über Bücher, die man nicht gelesen hat? Das hängt natürlich von der Art der Texte ab.

Verlagsankündigungen oder Kurzrezensionen haben ihren Zweck bereits dann erfüllt, wenn sie mir sagen, dass es ein Buch gibt. Das klappt in der Regel dann gut, wenn ich die Autorin oder den Autor kenne, und auf dem Laufenden bleiben will, ob es etwas Neues gibt.

Anders ist es mit den zahllosen Einführungen zu dieser Autorin oder jenem Autor, die vor allem in der Lehre an Universitäten kursieren. Diese Texte sollen nicht über die bloße Existenz bestimmter Autor_innen oder Bücher informieren, sondern sie versprechen (allerdings niemals offen ausgesprochen), dass man selbst sich die Lektüre sparen kann, weil jemand anderes sie stellvertretend bereits unternommen hat – und man nun einfach auf dessen Lesefrüchte zugreifen könne. (Außerhalb universitärer Seminare dürften Biographien diese Funktion erfüllen.)

Wieder anders ist es mit Essays wie denjenigen von Zadie Smith oder Carolyn Steedman. Darin wird keine stellvertretende Lektüre angeboten. Stattdessen handelt es sich um eine Form vorweggenommener Lektüre. Smith und Steedman greifen meiner eigenen Lektüre vor. Sie skizzieren, was mich erwarten könnte, falls ich Middlemarch lesen würde. Sie machen ein Angebot, wie ich Middlemarch lesen, worauf ich dabei achten könnte. Essays wie diese ersetzen keine Lektüre. Smith und Steedman sind keiner Leserinnen an meiner Stelle. Ihre Essays sind ein Vorgriff auf ein noch zu lesendes Buch – und sie legen nahe, dass das Verständnis der Thesen ihrer Essays erst nach der eigenen Lektüre von Middlemarch abgeschlossen sein wird.

Folge ich Zadie Smith, erwartet mich ein Buch, das die Grenzen des klassischen englischen Romans ausreizt. Mich erwartet eine Prise Spinoza und vor allem „the famous Eliot effect, the narrative equivalent of surround sound“ – eine Interpretation des Genres Roman, die bewusst ohne Hauptfigur auskommt und stattdessen eine Vielfalt gleichrangiger Charaktere vorstellt. Die Frage nach dem Hauptcharakter ist so immer eine Frage der Perspektive.

  • „The novel is a riot of subjectivity. To Mary Garth, Fred Vincy is the central character in Middlemarch. To Ladislaw, it is Dorothea. To Lydgate, it is Rosamund Vincy. To Rosamund, it is herself. And authorial attention is certainly diffuse.“

Folge ich Carolyn Steedman, erwartet mich ein Buch, das durch seine zeitliche Dissonanz strukturiert ist – Middlemarch wurde 1871 veröffentlicht, spielt aber in den Jahren 1829-32. Mich erwartet ein Buch, das Teil einer nostalgischen Bewegung im englischen Bürgertum der 1860er Jahre war. Mich erwartet ein Buch, das eine Rückprojektion des Moralismus der 1860er Jahre auf die sozialen Brüche und politischen Konflikte der 1830er vornimmt, statt sich ‚aus dem Archiv‘ zu bedienen.

  • „Eliot reads class, class concflict, political struggle and questions of political agency through the filter of ‚culture‘. […] Did she know about her own role of diminution and occlusion? – About a political story told in terms of something else?“

Vielleicht erwartet mich aber auch etwas ganz anderes. Vielleicht erwartet mich die Chance, Zadie Smith und Carolyn Steedman anders zu lesen. Vorweggenommene Lektüre ist Vorfreude – und damit die schönste Freude; gerade kurz vor Weihnachten, wenn auf den einen oder die andere vielleicht ein Buch wartet, über das man bereits etwas gelesen hat.

 

Literatur:

George Eliot: Middlemarch, London 2012 [1871].

Zadie Smith: Middlemarch and Everybody, in: dies., Changing My Mind. Occasional Essays, London 2009, S. 28-40 [dt.: Sinneswechsel: Gelegenheitsessays, KiWi 2015, übersetzt von Tanja Handels].

Carolyn Steedman: To Middlemarch: without benefit of archive, in: dies., Dust, Manchester 2001, S. 89-111.

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