hören/sehen/lesen 2011 – meine top 9

23/12/2011 § 2 Kommentare

Kurz vor Weihnachten und gegen Jahresende haben Listen Konjunktur. Die Top 9, die ich hier vorstelle, sind keine Wunschliste. Auf der Liste sind nur Dinge, die ich schon habe, mir also nicht mehr zu wünschen brauche.

Damit ist schon das erste, zwar willkürliche, aber stabile Auswahlkriterium benannt: der vollzogene Kaufakt. Dadurch komme ich immerhin nicht in die Verlegenheit, implizite Wertigkeiten für alle potentiell verfügbaren CDs, DVDs, Bücher und Magazine des Jahres zu behaupten. Vielmehr kann offen bleiben, ob es nicht unzählige bessere gab, die lediglich nicht Opfer meines randomisierten Kaufverhaltens geworden sind. Zudem umfasst die Liste (zweites Auswahlkriterium) etwas altmodisch nur diejenigen Dinge, die ich seit dem Kauf physisch in Händen halten kann – und auch wirklich schon gehört/gesehen/gelesen habe.

9) Jan Ole Arps: Frühschicht. Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren (Assoziation A)

Ein kluges Buch. Das Thema mag etwas esoterisch und schrullig anmuten, vielleicht auch etwas aus der Zeit gefallen. Jan Ole Arps zeigt aber, dass es in dieser Geschichte nicht nur um einige linksintellektuelle Irrlichter gehen muss, die glaubten, Flugblattaktionen in Fabriken brächten die Revolution voran. Vielmehr lässt sich lernen, welche Dimensionen der inzwischen viel beschworene gesellschaftliche Umbruch der siebziger Jahre eigentlich aufwies – wie z.B. neue Aktionsformen und innovative Analysen der Industrie- und Arbeitsgesellschaft zusammenhingen und welche Horizonte das öffnete.

8 ) Nathanael West: Eine glatte Million. Oder: Die Demontage des Lemuel Pitkin (Manesse)

Der Roman aus dem Jahr 1934 wurde neu aufgelegt. Zum Glück und sicher absichtlich vor dem Hintergrund weltweiter Finanz-, Wirtschafts-, sozialer und politischer Krisen. Nathanael West erzählt eine Geschichte, in der das Glücksversprechen des US-amerikanischen Kapitalismus in Zynismus zu sich selbst kommt; eine Geschichte, in der die USA mit der Gefahr eines Faschismus im eigenen Lande konfrontiert werden. Das ist böse, düster und in einer halsabschnürenden, erstickenden Weise komisch.

7) Machete. Regie: Robert Rodriguez (Sony Pictures)

Dieses Gemetzel und diese SchauspielerInnenparade muss ich einfach lieben. Dazu dieses Revolutions- und Protestpathos, das so überdreht ist, dass man es schon wieder ernst nehmen kann. Matthias Dell hat im freitag – unter dem poetischen Titel „Widerstandswirtschaft“ – schöne Worte dafür gefunden, die ich gern zitiere:

„Man kann in Machete mehr kennen lernen als avancierte Tötungsmethoden. Der politischste Moment ist dabei ein sehr stiller: als wieder einmal Machete vorbeischaut, beschließen die Bodyguards des Politikberaters zu fliehen, statt ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen für jemanden, der ihnen ferner ist als das Gegenüber. So fangen Revolutionen an.“

Der eigentliche Grund, Machete auf der 7 zu platzieren, ist natürlich LiLo, die im Nonnenkostüm Tod und Frieden bringt.

6) David Foster Wallace:  Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich (Mare)

Diese Kreuzfahrtreportage ist die spannendste Beantwortung der Frage, wie ‚realistisches Schreiben‘ unter den Bedingungen der Postmoderne eigentlich noch funktionieren kann. Wie beschreibt man das echte, wirklich wahre Leben, wenn es zwischen den Dingen und den Worten keine Verbindung gibt, wenn man – wie DFW –  zu jeder Be-Schreibung auch gleich noch ihr Gegenteil liefern könnte? Diese Kreuzfahrtreportage ist trotzdem oder gerade deshalb schreiend komisch, von überbordender sprachlicher Kreativität und analytischer Präzision. Schrecklich amüsant usw. kitzelt an Stellen im Gehirn, deren Existenz bisher nur vom Hörensagen her bekannt war.

5) Poly Styrene: Generation Indigo (Future Noise Music/Rough Trade)

Die Lebensfreude, die dieses letzte Album der wundervollen (Du wirst vermisst!) Poly Styrene versprüht, rührt zu Tränen. Songs, aus denen es schallend lacht und Songs, die verschmitzt kichern. Also: Die Röntgenbrille aufsetzen und sehen, wie hibbelig und wuselig die Welt ist. Und das Lächeln nicht vergessen. Poly Styrene hat (Post-)Punk am Ende dorthin geführt, wo er sich wieder gut anfühlt.

4) bitch. feminist response to pop culture (Bitchmedia)

Andere Magazine versprechen eine Kiste Wein und einen Biobäckergutschein, wenn man ein Abo abschließt. bitch fragt nur hinterlistig, ob man denn wolle, dass ein unabhängiges, feministisches Magazin verschwinde … Das wolle man doch nicht wirklich, oder? Natürlich nicht. Also genieße ich nun Artikel wie diesen hier von Gabrielle Moss: Party Out Of Bounds. Booze, The Pleasure Principle, and Party-Girl Pop (bitch51/2011). Und ja, ich verlängere mein Abo.

3) Human League: Credo (Wall of Sound/Rough Trade)

Dort, wo die kalte, klare Vernunft gegen den Impuls, sich Plüschtierkostüme überzuwerfen, triumphiert; dort, wo es statt Bildern von Wäldern, Wiesen und hüpfenden Kindern Graphiken reiner Formen gibt; abstrakt, klar und reduziert, schwarz und weiß – dort regiert die Human League. Zerlegung und Neuzusammensetzung, Differenz und Wiederholung machen die Stärke von Credo aus. Trotziger Stolz spricht aus diesem Album und eine Haltung, die sich weigert, in Kategorien wie Jugend und Alter zu denken. Kein Wunder, dass ich das mag.

2) Martin Büsser: Music Is My Boyfriend. Texte 1990-2010 (Ventil)

Die ausgewählten Texte dokumentieren, dass Martin Büsser Pop ernst nahm, dass Pop es ihm wert war, darüber nachzudenken. Ein Adornit, ein linker Pop(musik)kritiker, der nicht von der Idee lassen wollte, dass Jugend- und Subkulturen etwas bedeuten und verändern können. Die Texte beeindrucken auch und gerade durch ihre Weigerung, intellektuellen Anspruch aufzugeben. Sie beeindrucken durch ein feines Gespür für Machtverhältnisse. Und: Sie können polemisch präzise sein, vor allem dann, wenn Martin Büsser popkulturelle Deutschtümeleien erblickt. Da werden z.B. Wir Sind Helden zum „als Pop weiter wuchernden Geschwür des rot-grünen Kuschel-Nationalismus“. … „Als Zarah Leander des Turbokapitalismus weiß Judith Holofernes, womit sich die Massen noch mobilisieren lassen.“ Nehmt, das Ihr Teutopopper!

1) Lady GaGa x Terry Richardson (Goldmann)

Wow, mother monster!

Im Übrigen gilt natürlich, was Emily Nussbaum, Fernsehkritikerin des New Yorker, im Allgemeinen und Besonderen über Listen geschrieben hat.

Achja – Euch allen schöne Weihnachten usw.

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