The Cure und das Ende des Kapitalismus

Bloodflowers (2000) gehört nicht zu den Alben von The Cure, die ich sonderlich häufig höre. Das dürfte wohl ein Fehler (gewesen) sein, denn das Album ist der perfekte Soundtrack zur ökologisch-spätkapitalistischen Apokalypse. Bloodflowers ist weit weg von der Perfektion von Disintegration (1989) oder den Pop-Perlen in Singleform, die The Cure in der zweiten Hälfte der achtziger aneinander gereiht haben (oder dem 1982er-Liebling Pornography). Dieses Album ist ein bedrohlicher Klangdschungel, in dem wuchernde Natur und wuchernde Psyche eins werden. Das Album macht aus Robert Smiths ikonischer Vogelnestfrisur ein gespenstisches Lianengeflecht. Das gilt für jeden einzelnen Song wie für das Ganze: Wer würde schon behaupten, sich aus dem elfminütigen Watching Me Fall ohne Hilfe wieder herausfinden zu können?

Aber nicht Watching Me Fall ist der Song, der paradigmatisch für das Album steht, sondern das immerhin auch noch siebenminütige 39 – auch wenn Chris Ott das vor zwölf Jahren ist seiner Besprechung anders sah.

Bloodflowers, so schrieb Ott damals, „closes with Smith’s biggest resignations: ’39‘ and the title track. The former starts off with a bizarre guitar effect that almost resembles the video game music of old; it takes the signature Simon Gallup bass line (in arguably its finest presentation) to get things moving properly. There’s the customary self-loathing in the lyrics [but] ’39‘ lacks the usually powerful music that accompanies such rants; it can’t hold a candle to even ‚Watching Me Fall‘.“

Das soll keine kraftvolle, mächtige Musik, kein überwältigender Sound sein? Vielleicht war er es 2000 auch nicht, aber heute? Wie soll man hier nicht an eine überwältigende, übermächtige Öko-Apokalypse denken? Wie kann man hier nicht den Soundtrack des spätesten Kapitalismus hören? Auch der Text bietet heute mehr als „self-loathing […] rant“.

So the fire is almost out and there’s nothing left to burn / I’ve run right out of thoughts and I’ve run right out of words / As I used them up, I used them up /  Yea, the fire is almost cold and there’s nothing left to burn / I’ve run right out of feeling and I’ve run right out of world / And everything I promised, and everything I tried / Yea, everything I ever did.

Etwas prosaischer: Es drängen sich wachstumskritische Assoziationen auf, die bis zu jenem Punkt getrieben werden, an dem Ressourcenverbrauch, Kapitalismus und Apokalypse konvergieren. Kritikerinnen und Kritikern des postmodernen Kapitalismus dürften die Topoi bekannt sein: ein neuer Kapitalismus, der nicht mehr nur von der Arbeit, sondern von den Gedanken, Worten, Geführen und Wünschen – von der Subjektivität jeder und jedes Einzelnen – lebt. Oder nicht?

I used to feed the fire / Half my life I’ve been here, half my life in flames / Using all I ever had to keep the fire ablaze.

Verstörend wird das Ganze, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass der Kapitalismus vielleicht gar nicht das Feuer, sondern das lyrische Ich sein könnte. Dann nämlich bringt der Kapitalismus die Subjekte hervor, die ihm gar nicht so sehr oder ausschließlich unterworfen sind, sondern in ihrem Überleben von ihm abhängen. So oder so: Die Untiefen der Feuer- wie auch der Kapitalismusmetaphorik geben einiges her. Dass und wie The Cure beide Stränge – vermeintlich – aufeinanderprallen lassen, macht 39 zu einem großartigen Song.

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