Großes Kino in der Oberpfalz. Die Schwandorfer Dokumentarfilmtage 2012

13/03/2012 § 4 Kommentare

In der letzten Woche, vom 7. bis 11. März, fanden im hiesigen Union Kino die ersten „Schwandorfer Dokumentarfilmtage“ statt.

Schon dieser harmlose kleine Satz beinhaltet gleich eine ganze Reihe irritierender Informationen: Schwandorf – eine „Große Kreisstadt“ mit deutlich unter 30.000 Einwohnern, tief in der Oberpfalz – hat ein Kino? Dabei handelt es sich nicht um ein Multiplex fürs Umland, sondern um ein kleines Kino mit gerade einmal zwei Sälen und zusammen 182 Plätzen? Dort gibt es nicht ausschließlich eine Grundversorgung der Landbevölkerung mit den Highlights des kulturindustriellen Blockbustertums, sondern programmatisch ambitionierte Filmtage? Und dann auch noch Dokumentarfilme? Indeed.

Im Programm der Schwandorfer Dokumentarfilmtage standen zehn Filme aus den Jahren 2006 bis 2011 (mit einer Ausnahme). Das klug und vielfältig zusammengestellte Programm spiegelte ziemlich genau die Variantionsbreite innerhalb der Dokumentarfilmlandschaft.

Da sind zunächst die Blockbusterdokumentationen, die in der Folge der Michael Moore’schen Erfolge immer wieder an den Kinokassen durchbrechen. In Schwandorf gab es aus dieser Kategorie Plastic Planet (2009, Regie: Werner Boote) und Taste the Waste (2010, Regie: Valentin Turn) zu sehen. Etwas reißerisch, immer auf diesen „Oh, das habe ich ja gar nicht gewusst, das schockiert mich jetzt aber …“-Effekt setzend, während spektakulär Neues gar nicht verhandelt wird. Im Prinzip sind Filme dieser Art wenig mehr als ein journalistisches Dossier und dokumentarfilmgewordener Noam-Chomskyismus.

Dann die glänzenden Celebrity-Dokumentationen, die stilsicher einer schillernden Persönlichkeit folgen. Im Schwandorfer Programm wurde dieses Subgenre mit Lagerfeld Confidential (2007, Regie: Rodolphe Marconi) und The big Eden (2011, Regie: Peter Dörfler) bedient. Wo Boulevard, Gossip und exzessive (so oder so) Lebensentwürfe aufeinander treffen, kann man schon Spaß haben.

Schließlich jene Dokumentationen, die quasi ethnologisch diese oder jene lokale Schrulligkeit erkunden und mit dem entsprechenden Kolorit das Publikum vor Ort direkt ansprechen. In Schwandorf in der Oberpfalz (das ist Bayern, falls es nicht jedeR weiß) gab es aus dieser Abteilung Frei:gespielt – Mehmet Scholl: Über das Spiel hinaus (2007, Regie: Eduard Augustin/Ferdinand Neumayr) – damit wäre dann auch die Brücke von den Celebrities zum Lokalkolorit geschlagen -, Gernstls Reisen (2005, Regie: Franz Xaver Gernstl) und WAAhnrock (1987, Regie: Helge Cramer).

Insgesamt also ein rundes Programm, das nicht am Publikum vorbei gemacht wurde, aber dennoch nicht nur auf Hits setzte. Entdeckungen waren immer möglich. Drei habe ich auf diese oder jene Weise gemacht.

I.

Freitagnacht Exit Through the Gift Shop (2010, Regie: Banksy) zu sehen, war eine gute Idee.

Über den Film ist schon genug geschrieben wurden und die meisten dürften ihn schon gesehen haben. Da ich Exit … damals im Kino verpasst habe, bin ich froh, das nun nachholen gekonnt zu haben. Eine schreiend komische Dokumentation über das Dokumentieren, in der der wahrste Satz wohl gegen Ende von Banksys Sprecher irritiert-nachdenklich ins Nirgendwo gesprochen wird: Am Ende geht der Witz vielleicht auf …, ähm, ich weiß gar nicht auf wessen Kosten, also vielleicht war es nicht einmal ein Witz.

Die absurde Befürchtung, in tiefer Nacht in einer kleinen Stadt ein leeres Kino anzutreffen, verflüchtigte sich schneller als Thierry „Mr. Brainwash“ Guetta filmen kann. Aber wer konnte schon ahnen, dass Schwandorf über ein so großes Reservoir an süßen und hippen Teens und Twens verfügt, die dann auch wirklich mal ins Kino gehen? Jedenfalls: Ein voller, kleiner, nicht klimatisierter Kinosaal mit der entsprechenden Geräuschkulisse erzeugt genau die Atmosphäre, für die sich ein Kinobesuch immer lohnt.

II.

Dass 1986 120.000 Menschen bei einem Musikfestival in Burglengenfeld zusammenkamen – wer mag, darf an ein Woodstock in der Oberpfalz denken -, um gegen die geplante Errichtung einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage (WAA) zu protestieren, habe ich erst durch WAAhnrock (1987, Regie: Helge Cramer) gelernt. Hier hat eine Dokumentation einmal mehr den klassischen Effekt einer Geschichtsstunde gehabt – auch wenn der Film eher Quelle und Teil des Geschehens als abgeklärte Analyse ist.

In filmischer Hinsicht ist WAAhnrock allerdings eher schwach. Der Film bietet zwar ab und an witzige Kommentierungen des Geschehens und es gelingt ihm hin und wieder, die eine oder andere Absurdität gut ins Bild zu setzen. Solche Momente sind aber selten und sie funktionieren zumeist nur innerhalb eines nostalgischen Protest- und Lokalpatrotismus. Der Film wirkt, als sei er von Anfang an als Erinnerungsstück gedacht gewesen, das die Beteiligten später mal ihrem Nachwuchs zeigen können sollten. Bavaria nostalgica. Entsprechend war dann auch das Publikum im rappelvollen großen Saal. Alles lebte von Wiedererkennungseffekten: Na, warst Du auch da?

Sowohl der Film selbst als auch die Reaktionen im Publikum machen deutlich, dass man es hier mit einer sehr speziellen Protest- und Widerstandskultur zu tun hat. Diese besteht im Wesentlichen darin, alle Mittel der bajuwarischen Folklore gegen die ‚Großkopferten in Minga‘ zu mobilisieren. Das zeigt sich unter anderem daran, dass das heimattümliche Polit-Musik-Kabarett der Biermösl Blosn beim damaligen Festival- wie auch dem heutigen Kinopublikum zustimmende Lacher hervorlockt. Die jungen Toten Hosen dagegen erzeugten – als sie ihren Smashhit „F*ck*n, B*ms*n, Bl*s*n“ auf der Festivalbühne zum Besten gaben – ein unmittelbar hörbares, konsterniertes Schweigen im Kinosaal. Auf die CSU kann man ruhig auch mal schimpfen, aber versauter Punk? Tztztz.

III.

Und natürlich: Prinzessinnenbad (2007, Regie: Bettina Blümner)

Drei fünfzehnjährige Mädchen, in deren Leben nicht alles rund läuft, die es schwer haben, denen nicht alles zufliegt (ganz im Gegenteil), die mit sich, ihren Familien, ihren Freunden, ihrem Stadtteil und der Welt um sie herum kämpfen (und in jeder Sekunde gewinnen, auch wenn ‚gewinnen‘ hier nicht immer eine sinnvolle Kategorie ist) – das ist genau die Erzählung, für die ich immer und überall empfänglich bin.

Der Film erzählt eine tolle Geschichte. Und er erzählt sie gut. Prinzessinnenbad besticht durch eine unglaubliche Kameraarbeit. Die Protagonistinnen werden nicht begafft oder zur Schau gestellt. Die Kamera fängt die ungebrochene, zerbrechliche Stärke von Tanutscha, Klara und Mina kraftvoll, emotional und poetisch ein – auch wenn diese Stärke manchmal ’nur‘ darin besteht, mit der Traurigkeit des Alltags und der widerspenstigen Umgebung zurecht zu kommen. Eigentlich hätte Prinzessinnenbad in der letzten Woche, am Weltfrauentag, überall laufen sollen.

Soweit.

Die Schwandorfer Dokumentarfilmtage haben Spaß gemacht. Vielleicht ist diese Art von Filmevent ein ideales Format für kleine Kinos in kleinen Städte. Die programmatisch gerahmten Filme stützen sich gegenseitig und leihen sich Aufmerksamkeit. Filme Schlag auf Schlag und Tür an Tür, andauernd hoher Publikumsverkehr und der Umstand, dass viele Zuschauer_innen sicher mehr als einen Film gesehen haben dürften, man sich also immer mal wieder über den Weg lief und sich cineastisch anlächelte – all das macht ein Kino zu einem wundervollen sozialen Ort.

Bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass das Union Kino an diesem Format festhält und irgendwann mal wieder Filmtage veranstaltet. Es können ja auch, wenn die Dokumentarfilme ausgehen, Horrorfilmtage sein.

Advertisements

Tagged:, , ,

§ 4 Antworten auf Großes Kino in der Oberpfalz. Die Schwandorfer Dokumentarfilmtage 2012

  • Toll zusammengefasster Beitrag über tolle, ereignisreiche Zwickltage im Union Kino Schwandorf. Herzlichen Dank für das Lob, das natürlich in erster Linie Anne Schleicher gehört, die die Idee hatte und Zwickl ins Leben rief.

  • marikhue sagt:

    Schöner Artikel, besonders die Kritik an dem identitätsstiftenden regional-politischen Protest gegen die WAA! Ist ja klar, dass die Toten Hosen in Bayern nicht ankommen – die stammen ja schließlich aus Düsseldorf! Und Bansky werde ich mir demnächst anschauen, steht schon bei mir im Regal.

    • Timo Luks sagt:

      Danke für das lob!
      Im prinzip spricht ja gar nicht so viel dagegen, protestraditionen zu erinnern, nur war da schon auffällig, wie stark der protest schon von so einer heimatümelnden nostalgie überlagerts wurde – vielleicht irritiert das aber auch nur „regionsfremde“ wie mich 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Großes Kino in der Oberpfalz. Die Schwandorfer Dokumentarfilmtage 2012 auf luks blog.

Meta

%d Bloggern gefällt das: