In Defense of Madonna

10/04/2012 § Ein Kommentar

Madonna hat natürlich keinerlei Anspruch auf Lob, etwa deshalb, weil Madonna eben Madonna ist. Entsprechend wurde in den letzten Wochen nicht mit Kritik an ihrem neuen Album MDNA gespart. Die Art der Kritik lässt allerdings aufmerken. Anlässlich einer neuen Platte von Madonna kann man offensichtlich nach Belieben wirklich jedes argumentative Klischee noch einmal aufwärmen.

Madonna, LA und die Welt

Marcel Malachowski hat im Freitag einen Fundamentalverriss des Albums vorgenommen, dessen Zutaten popfeuilletonistische Klischees und abgestandene Exotismen sind. Das Schönste an diesem Artikel ist der unbestreitbar wortwitzige Titel: Like A Slayer. Die Einwände gegen Madonna und ihr neues Album? Nun, inzwischen gibt es sooo viele neue, jüngere, bessere Madonnen, dass man die originale, alte Madonna gar nicht mehr braucht. Und diese neuen Madonnen kommen, natürlich, „woanders“ her:

„Warum also noch das Original nehmen, wenn es schon bessere Kopien gibt? Im Türk-Pop sind Burcu Günes und Ebru Gündes die poetischeren Style-Madonnen, der J-Pop und die populäre Visual-Key-Szene in Tokio machen vor, wie man Geschlechter spielerisch neu definiert, die ungarischen Chalga-Diven der Band Preslava oder Galena exerzieren prachtvolle Erotik auf höchstem Niveau, feministische Provo-Effekte setzen heute die Russin Choc-O-Lady, die Brazil-Rapperin Flora Matos oder die Libanesinnen Najwa Karam und Haifa Wehbe, die längst ein größeres Publikum haben als Madonna und gerade deshalb in mehreren muslimischen Ländern Auftrittsverbot. […] Der Pop à la Madonna ist tot, sie hat ihn miterschaffen und mitbeerdigt. Sein Versprechen lösen längst andere ein – im Süden wie im Osten. Das weiß Madonna selber: Für eines ihrer letzten Videos engagierte sie Krumbing-Tänzer, die den Baile-Funk aus Rio inszenierten. Der Horizont wird erweitert in Benghazi, Istanbul oder Kairo – aber bestimmt nicht mehr im rauch- und kohlehydratfreien Los Angeles oder New York.“

Wie oft muss man noch lesen, dass die Musik längst ganz „Woanders“ spielt, als sie das bisher tat? Wie oft muss man noch die immer gleichen Kanditaten für dieses „Woanders“ lesen (zugegeben, mit konjunkturbedingten Variationen)? Unbestritten, Madonna machte sich zur Ikone (nicht: „wurde zur Ikone“) in einer Zeit, in der die US-amerikanische (plus britische) Hegemonie in Sachen Popkultur unangefochten war. Dass das heute nicht mehr so ist, habe inzwischen selbst ich begriffen.

Die globalisierte Popkultur unserer Gegenwart ist polyzentrisch. Dass Popkritik noch darauf hinweist, ist vielleicht nicht mehr unbedingt nötig, schadet aber auch nicht – zumal dann nicht, wenn aufgezeigt wird, was, wo, wie und warum spannend und relevant ist. Was an einer brasilianischen Rapperin oder türkischen Popsternchen mit jeweils ganz schön vielen youtube-Klicks per se spannender oder relevanter sein soll als an Madonna – das versteht sich allerdings nicht von selbst; sieht man einmal davon ab, dass Lateinamerika seit Che eh immer mit der Aura des authentischen sozialrevolutionären (im Popkontext: subversiv-kreativen) Gestus und Istanbul seit einiger Zeit mit dem Etikett einer vibrierend-hippen Metropole versehen werden.

Damit will ich keinen Funken Wertung gegenüber den genannten Künstler_innen geäußert haben. Vielmehr geht es mir darum, dass die Popkritik – nachdem sie sich völlig zurecht kritisch mit dem US-Euro-Zentrismus auseinandergesetzt hat – reflektiert, ob sich nicht inzwischen eine neue Form des Orientalismus, ein postkolonialer Orientalismus, in ihren Diskurs eingeschlichen hat. Der Verweis auf die spannenden Dinge „Woanders“ taucht inzwischen derart regelmäßig, reflexhaft und stereotyp auf, dass darin schwerlich noch ein kritischer Impuls zu erkennen ist. Immer, wenn irgendjemandem die popkulturelle Kreativität abgesprochen wird, müssen lateinamerikanische oder arabische Rapper_innen bzw. indischer oder japanischer Bombast- und Comicpop als positive Beispiele herhalten. Da diese Beispiele offenkundig austauschbar sind, kommt darin eben gerade kein Respekt vor neuen und anderen Künstler_innen zum Ausdruck.

Man kann sich ja durchaus unbehaglich fühlen in der Behaglichkeit einer „rauch- und kohlehydratfreien“ Welt. Man kann durchaus genervt sein von „alt-mütterlichen Erziehungs-Tipps und fettarmen Ernährungs-Irrtümern“, die, so Marcel Malachowski, inzwischen Madonnas einzige Botschaft seien. Man kann sich auch abwenden von einer Künstlerin, der als „prominentester Protagonistin einer politisch korrekten Probiotik […] jede Lust, jedes Verlangen und jede Sehnsucht abhanden gekommen ist“. Dass Tokio, Moskau und Rio, Benghazi, Istanbul und Kairo (samt der dortigen Künstler_innen) allerdings zu strahlenden Gegenentwürfen und Sehnsuchtsorten mutieren, weil sie so schön schmutzig, laut und ‚lebendig‘ sind, lässt dann aber doch eine ungehörige Portion Orientalismus aufblitzen. Im Orient stand schon immer die Sonne hoch …

Corporate Madonna und die jungen Leute

Thomas Vorreyer hat auf Spex (unter der in jeder Hinsicht mehr herabwürdigenden als humorvollen Überschrift: Frischzellen(einkaufs)kur) zu Madonnas Single/Video Give Me All Your Luvin‘  bemerkt: Madonna  „leiht sich […] die Frische von M.I.A. und Nicki Minaj aus“ – als Teil einer Marketingkampagne. „Alles sollte zeigen, wie gut sich der Popstar Jahrgang ’58 doch mit den Tonangeberinnen von heute versteht.“ Madonna bekommt dann zu hören, dass sie ja nur oberflächlich so tue, als hielte sie M.I.A. und Nicki Minaj für ebenbürtig.

„Der Nachwuchs“, so schreibt Thomas Vorreyer, „darf kurz im Monroe-Spitzen-Outfit ein paar Zeilen rappen, ansonsten reißen sie die beiden in roten Cheerleaderuniformen die Pom-Poms nach oben und jubeln: ‚L – U – V – MADONNA!‘ Selbige […] vereinnahmt die beiden für sich und lässt sich von massigen Footballspielern quer an Wänden entlang tragen und vor goldenem Regen schützen, während sie die Liebe durch Tanz einfordert. Am Ende weisen tatsächlich nur noch die fehlenden Masken, die ansonsten alle Beteiligten […] tragen müssen, darauf hin, dass die zwei Novizinnen doch keine bloßen Statisten sind.“

Popkritik schwingt sich hier auf beeindruckende Höhen: Der erste Teil des Arguments (es gibt eine Marketingkampagne, how shocking) ist banal, der zweite Teil des Arguments (eine alte Tante wanzt sich an die hippe Jugend heran und vereinnahmt sie, wie dreist, wie peinlich) ist eine ätzende Verschmelzung von sexism und ageism. Natürlich kann diese Art von Popkritik Madonna nur als corporate cannibal sehen (dabei ist das doch Grace Jones!). Sie ist die böse Maddy, die die unschuldige Popjugend zu PR- und Profitzwecken aussaugt – auch wenn nicht ganz klar ist, ob sie das aus eigenem Antrieb oder ihrerseits als Marionette der kulturindustriellen Großkonzerne tut. Ja, genau, die bösen Konzerne. Dass es eine Musikindustrie gibt, der an Profit gelegen ist – eine derart neue Entwicklung hätten wir glatt übersehen, wenn Popkritik à la Matthew Perpetua (auf Pitchfork) uns nicht anlässlich des Erscheinen von MDNA darauf hinweisen würde.

„[T]he tone“, so Matthew Perpetua, „is mostly set by corporate dealmaking. MDNA is the star’s first record as part of a $120 million deal with concert promotion juggernaut Live Nation and a separate three-album pact with Interscope, and like a lot of new records by artists of her stature, it’s essentially a mechanism to promote a world tour that will inevitably drastically out-earn the profits from her new music. These sort of records don’t need to be cynical or uninspired on an artistic level, but this one feels particularly hollow, the dead-eyed result of obligations, deadlines, and hedged bets. […] MDNA is a record that comes with major commercial expectations. The ‚this has to work‘ factor is high, and it’s hard to shake the impression that she has some measure of contempt for the contemporary pop audience.“

Das big business- und das Altersargument – zwei Höhepunkte gedankenfauler Popkritik – haben hier offensichtlich in schönster Harmonie zueinander gefunden: Madonna ist zu alt, um noch selbst kreativ zu sein (treffende Bemerkungen zum Altersargument in Sachen Madonna macht Verena Reygers im Freitag, auch wenn sie das neue Album ebenfalls nicht leiden kann); daher klaut Madonna die Kreativität und credibility junger Künstlerinnen. Alter wird bei Madonna (natürlich nur bei ihr) zu Zynismus. Und das hat zur Folge, dass Madonna nicht nur junge Künstlerinnen aussaugt, sondern auch uns – ihre Fans – hemmungslos und ohne Rücksicht auf Verluste den übermächtigen Unterhaltungskonzernen ausliefert. Soweit Teile der Popkritik.

***

Aber Madonna ist ja auch selbst schuld. Warum singt sie nicht einfach: „Don’t play the stupid game / Cause I’m a different kind of girl“? Nein, halt, das singt sie ja; aber als Madonna dürfte sie das eigentlich nicht singen, glaubte man einer Popkritik, für die ‚Madonna‘ offensichtlich derjenige Trigger ist, der Argumente zum Vorschein bringt, die einem andernsorts peinlich wären. Madonna wird für Selbstironie verspottet, wo andere dafür gefeiert werden. Zusammenarbeit mit anderen Künstler_innen, die sonst doch so gern gelobt wird, wird im Fall von Madonna als feindliche Übernahme interpretiert.

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