Generation Kuttner in Chemnitz

„Liebste Chemnitzer!
Es tut mir leid dass ich so albern war und dass der Hund in Euer Kulturkaufhaus gepullert hat und dass ich Euren Stein-Fetisch nicht verstanden hab und dass ich die Batterien leer gelabert hab.
Aber ich hatte doch so viel Spass!“

(Sarah Kuttner)

Freitagabend, Generation Kuttner im Chemnitzer Kulturkaufhaus DAStietz. Das passte irgendwie zu uns: hier der ewig zeitgemäße Schick neoklassizistischer Architektur anno 1913, dort der fossile Charme des versteinerten Walds anno ein paar Millionen Jahre vor unserer Zeit. Irgendwie passte das also zu uns, der Generation Kuttner (Jahrgang 1978/79 – plus/minus ein paar Jährchen), die wir erwachsen sind, uns aber nicht erwachsen fühlen, weil wir wissen, dass es ‚erwachsen sein‘ als Zustand gar nicht gibt. Wir haben Wachstumsschmerz – zumindest als Buch.

Wir aus der Generation Kuttner wissen, dass sich Jugend und Erwachsensein nicht (mehr) fein säuberlich trennen lassen. Es geht nicht darum, irgendwann und irgendwie eine imaginierte Grenze zwischen zwei ‚Zuständen‘ zu überschreiten. Erwachsensein hat immer schon begonnen. Jugendsein wird nie aufgehört haben. Sarah Kuttners neues Buch zeigt genau das. (Die ‚Story‘ des Buchs kennen inzwischen alle, zumindest aber kann man das in so vielen Rezensionen und Blogbeiträgen nachlesen, dass ich mir eine Inhaltsangabe sparen kann.) Alle formalen Parameter klassischen Erwachsenseins sind vorhanden, die damit früher immer gleich mitgelieferte emotionale und mentale Ausstattung ist aber inzwischen so abgestanden, dass sie niemand mehr haben will.

Bleiben also Wachstumsschmerzen, die gar nicht immer besonders wehtun – und ein klein wenig Trotz. Bräuchte Sarah Kuttners Buch einen Titelsong, dann wäre es Kitty Solaris‘ Get Used to It.

Was ist das nun aber mit dem Buch? Was ist das für ein Buch? Buzz Aldrin hat sich in seinem Bücherblog dafür gerechtfertigt, dass er Sarah Kuttners neuen Roman überhaupt rezensiert.

„Zwischendurch“, so Buzz, „hatte ich schon fast das Gefühl, dass mir die Lektüre in irgendeiner Art und Weise fast unangenehm sein müsste: das ist ja trivial!, warum liest du denn ein Buch von der Kuttner? Ich bin mir mit der Zeit immer unsicherer geworden, ob ich meine Rezension zu diesem Buch hier überhaupt vorstellen kann oder vielleicht auch darf. Erfülle ich mit dieser Lektüre vielleicht nicht den bisherigen literarischen Anspruch meines Blogs?“

Die Frage nach dem ‚literarischen‘ Anspruch, die Buzz in seiner Rezension aufwirft, geht freilich ein wenig am Punkt vorbei. Denn der Anspruch besteht nicht darin, ein bestimmtes Medium (wie ‚Literatur‘) auszufüllen und zu bedienen, sondern darin, die Grenzen zwischen einzelnen Medien sowie den Medien und der Welt aufzuheben.

Eigentlich müsste es für Wachstumsschmerz auf den Bestsellerlisten eine dritte Spalte – zwischen Belletristik und Sachbuch – geben. Aus Prinzip unterscheiden wir, die Generation Kuttner, gar nicht mehr zwischen Literatur und Leben, Anspruch und Fernsehen, Authentizität und Show. Unser/mein Verliebtsein in Sarah Kuttner begann mit dem Fernsehen. Es begann mit Sarah Kuttner – Die Show. Und es setzt sich fort mit Sarah Kuttner – Das Buch und Sarah Kuttner – Die Lesung.

Warum Dinge wie der televisionär-schrullige Kult um den wundersamen Moneybrother – an den ich mich unerklärlicherweise immer zuerst erinnere – ein anhaltendes Verliebtsein begründen, bleibt freilich ein Rätsel.

Am Ende habe ich mir doch kein Buch am Stand der tollen Buchhandlung Universitas signieren lassen (obwohl ich mein Exemplar in der Tasche hatte). Bin ich etwa Luise? Brenne ich etwa nicht? Bin ich „nicht hungrig, nicht gespannt wie ein Flitzebogen, nicht total auf Zack, nicht … Mir fallen keine Metaphern mehr ein“? Vielleicht bin ich aber, und das ist wahrscheinlicher, einfach nur zu schüchtern.

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