Protestsong der Woche I: The Who – My Generation

03/05/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

In den nächsten zwei Monaten werde ich an dieser Stelle eine kleine Sammlung von Protestsongs seit den sechziger Jahren anlegen. Vielleicht ergeben sich daraus ja eine Typologie und eine Geschichte des Protestsongs, die irgendwie Sinn machen.

Diese Woche:

My Generation gilt eigentlich nicht so richtig als Protestsong (eher als Hymne der Jugend im Allgemeinen und Besonderen), weil ihm irgendwie die revolutionären Slogans fehlen. Andere Songs der Sechziger – auch von The Who selbst – sind in dieser Hinsicht einschlägiger. Hinzu kommt, dass The Who in keiner Weise jemals in den Verdacht gerieten, eine ‚politische Band‘ zu sein. Sieht man von einigen irrlichternden politischen Kommentaren Roger Daltreys ab, war da eigentlich: nichts. Selbst das berühmte „Fuck off my stage!“, das Pete Townshend dem Politaktivisten Abbie Hoffman – in Verbindung mit einem Gitarrenstoß – in Woodstock entgegenbrüllte, lässt sich kaum als politisches Statement deuten. Vielmehr schwangen darin Missverständnis, Ignoranz und eine zunehmende Entfremdung von New Left und Rockmusik mit.

Dass die noch wenige Monate vor diesem clash scheinbar dauerhafte Allianz von Politik und Musik höchst fragil war, gehört zu den Dingen, die man bei der Lektüre von Peter Doggetts Buch There’s a Riot Going on. Revolutionaries, Rock Stars, and the Rise and Fall of the ’60s Counter-Culture lernen kann.

Als My Generation 1965 erschien, durchlief das Genre des Protestsongs eine sehr spezielle Phase. Die bis dahin geradezu idealtypische Verkörperung des Protestsongs – der topical (folk) song – war auf dem Rückzug. Spätestens mit Bob Dylans berühmter Abkehr. Rock versprach die Lücke zu schließen, nur war damit eben eine signifikante Verschiebung verbunden. Wo der topical song – der Name sagt es – direkt bestimmte politische Themen ansprach, auf klar identifizierbare Ereignisse Bezug nahm und konkretes Protesthandeln samt klarer politischer Forderungen artikulierte, evozierte Rock (lediglich?) eine diffuse Stimmung, ein aggressives, energisches, aber eben im Wortsinn unmotiviertes Unbehagen. Rock schien besser geeignet zu sein, um vor allem Jugendliche zu mobilisieren, ohne aber sagen zu können, wofür oder wogegen mobilisiert werden soll. Die Probleme und Beschränkungen des topical folk songs kehrten spiegelverkehrt wieder.

Hinzu kommt eine weitere Eigentümlichkeit der mittleren und späten sechziger Jahre. Jugend-, Rock- und Protestkultur waren noch kaum ausdifferenziert und die stimmgewaltigsten Propheten der Rebellion waren zugleich die kommerziell erfolgreichsten Superstars. „In den 1960ern“, so schreibt Martin Büsser in Music Is My Boyfriend, „galt Popkultur an sich als Ausdruck des Protests, ausgetragen von den musikalischen Stars der damaligen Zeit, heute dagegen gehen die emanzipatorischen Impulse von ambitionierten Musikerinnen und Musikern aus, die zwar einerseits der Popkultur im weitesten Sinne zugerechnet werden, die sich andererseits aber durch eine radikale Abgrenzung gegenüber den Werten, Inhalten und der Form des kommerziellen Pop auszeichnen.“

Zu Zeiten von My Generation war also einerseits mit dem topical folk song das etablierte musikalische Vehikel von Protest abhanden gekommen, und andererseits gab es jenen explizit politischen underground , seines Zeichens Reaktion auf einen zunehmend entpolitisierten mainstream, der späteren Jahrzehnte eben noch nicht.

Dementsprechend beantwortet sich auch die Frage nach dem Protestpotential oder Protestgehalt von My Generation. Im Song passiert – textlich – zunächst nichts anderes als die unspezifische Artikulation eines eher diffusen generationellen Lebensgefühls samt der Anrufung (im Althusser’schen Sinn!) von ‚Jugend‘ als einer eigenständigen, solidarischen Gruppe. Ellen Willis in Out of the Vinyl Deeps: „The Who specialized in an unbohemian youth-prole defiance that was much closer to the fifties rock.“

Der Text ist eher defensiv, dokumentiert (zunächst) eher das Gefühl von Entfremdung und Belagertsein als dass er zum Angriff bläst. Allerdings kann ebenso gut argumentiert werden, dass die Forderung, als junge Generation einfach nur in Ruhe gelassen zu werden, nur scheinbar defensiv ist. Schließlich schwingt darin die Forderung nach einem quasi-autonomen Ort mit, an dem die überall sonst als selbstverständlich und legitim hingenommene und anerkannte Autorität der älteren und Elterngeneration – deren bis dahin unwidersprochen in Anspruch genommenes Recht, jeden Lebensbereich und jede Lebensäußerung der Jugend zu bestimmen und zu strukturieren – suspendiert sein sollte. Dass A Room Of One’s Own eine wichtige Voraussetzung für Individualität, Freiheit und Emanzipation ist – davon berichtete schließlich schon Virginia Woolf in ihrem gleichnamigen, feministischen, Essay aus dem Jahr 1929.

people try to put us down / … / just because we get around / … / things they do look awful cold

[…]

i’m not trying to cause a big sensation / … / i’m just talkin bout my generation

Musikalisch sieht das allerdings ganz anders aus als im letztlich vielleicht doch defensiven Text. Protesteifer und Zorn stecken in diesem unfassbar scheppernden, zerdeppernden Sound, der vor allem die Live-Versionen kennzeichnet. Und die Art des Gesangs. Dieses Stottern, es zeigt an, dass dieses bestimmte, jugendliche Lebensgefühl nur mit Mühe und nicht dauerhaft zurückgehalten werden kann. Es zeigt an, dass es zum Ausbruch kommen muss. Im Gesang lautet der Text anders als er sich liest: d-d-down, c-c-cold, s-s-sensation, g-g-generation. Hört man den Gesang als musikalisches Gegenstück zu einer wohlbekannten Bewegung: dem Ausholen zu Schlag, dann weiß man, dass dieser Schlag nach zwei Dritteln des Songs trifft. Da wird auf der Bühne nicht nur das sündhaft teure Equipment jeden Abend aufs Neue wieder zerdroschen, sondern vor allem jede Art von Songstruktur Stück für Stück auseinandergenommen. Destruktion ist hier wirklich eine schaffende Lust. Wer wissen will, wie die Revolution, also die Zertrümmerung der etablierten (gesellschaftlichen) Ordnung klingen könnte, der oder die lausche My Generation, zum Beispiel dem Auftritt beim Monterey International Pop Festival 1967 – insbesondere ab Minute 2:15.

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