Protestsong der Woche II: Gil Scott-Heron – The Revolution Will Not Be Televised

In den nächsten zwei Monaten werde ich an dieser Stelle eine kleine Sammlung von Protestsongs seit den sechziger Jahren anlegen. Vielleicht ergeben sich daraus ja eine Typologie und eine Geschichte des Protestsongs, die irgendwie Sinn machen.

Diese Woche:

The Revolution will Not Be Televised

The Revolution Will Not Be Televised (1970/71) ist in gewisser Weise der signature song eines großartigen Künstlers. Gil Scott-Heron glänzt darin nicht nur mit einem scharfzüngigen Wortwitz und einer brillanten Analyse von Medienkonsumgesellschaft und Revolutionsposen, die in der Welt der Protestsongs seinesgleichen suchen. Vielmehr bedeutet der Song eine ästhetische Revolution. Die Songs von Gil Scott-Heron bewegen sich allesamt, so schreibt Dorian Lynskey, an der Schnittstelle der beiden radikalsten Kunstformen des Black America: jazz und poetry – durchaus in Abgrenzung zur in den Mainstream eingebundenen Soulmusik der damaligen Zeit. In The Revolution Will Not Be Televised führt das zu einem hypnotischen Feuerwerk.

Der Song ist ein einziges Wort- und Sprachkunstwerk, in dem das Aufsagen von Werbeslogans und das Celebrity Name Dropping sich zu einem wundervollen Argument verdichten. „The language of advertising and TV news coverage is satirically détoured with immaculate precision; Scott-Heron is a pretty persuasive announcer himself“ (D. Lynskey). Gil Scott-Heron ist ein radikaler Philologe der Medienkonsumgesellschaft, dem am subversiven Potential einer steten De- und Rekontextualisierung von Worten, Redewendungen und Slogans gelegen ist. Da vieles von dem heute nicht mehr unmittelbar präsent ist, bedarf es inzwischen einer kleinen archäologischen Anstrengung, um das alles zu verstehen (dankenswerter Weise hat das jemand bereits getan). Der Drive des Texts geht so oder so nicht verloren. Die Revolution hat nichts mit dem „white tornado“ zu tun, den ein Reinigungsmittel zu entfachen verspricht, nichts mit dem raubtierhaften Treibstoff von Exxon, nichts mit der gigantischen Kraft eines Rohrreinigers. Koffeinhaltige Limonade hilft – anders als der Werbespruch suggeriert – auch nicht weiter. Ebensowenig ein Mundwasser. Lediglich der Slogan einer Autovermietung hat das Wesen der Revolution erfasst.

The revolution will not be right back after a message
About a white tornado, white lightning, or white people.
You will not have to worry about a germ on your Bedroom,
a tiger in your tank, or the giant in your toilet bowl.
The revolution will not go better with Coke.
The revolution will not fight the germs that cause bad breath.
The revolution WILL put you in the driver’s seat.
The revolution will not be televised,

The revolution will be no re-run brothers;
The revolution will be live.

Gil Scott-Heron verkettet die Welt der commercials und TV-Sendungen – natürlich – mit der Bürgerrechtsbewegung und, vor allem, den gewaltsamen Eruptionen der sechziger Jahre. Die Riots von Harlem, Detroit, Watts etc. sind präsent – als Drohung, Möglichkeitshorizon, Erinnerung und: Medienereignis.

There will be no pictures of pigs shooting down
Brothers in the instant replay.
There will be no pictures of young being
Run out of Harlem on a rail with a brand new process
There will be no slow motion or still life of
Roy Wilkens strolling through Watts in a red, black and
Green liberation jumpsuit that he had been saving
For just the right occasion
Green Acres, The Beverly Hillbillies, and
Hooterville Junction will no longer be so damned relevant,
and Women will not care if Dick finally gets down with
Jane on Search for Tomorrow because Black people
will be in the street looking for a brighter day.

Gegenüber der alten Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King, gegenüber den Freedom Rides, Freedom Marches und Demonstrationen der ersten Hälfte der sechziger Jahre markiert Gil Scott-Heron aber einen Bruch und Neuanfang. Die friedlichen, liberal-optimistischen Sixties sind vorbei. Der Civil Rights Act (1964) – die große Errungenschaft der Bürgerrechtsbewegung – brachte rechtliche Gleichstellung, löste aber nicht die Probleme. Vor diesem Hintergrund kann Gil Scott-Heron zusammen mit vielen anderen für eine neue Welle des Protests stehen. Dieser Protest war jünger, nördlicher, urbaner, industrialisierter, radikaler.

Abschließend ist hier noch eine kleine Entschuldigung an die Adresse von Gil Scott-Heron fällig. Sorry, dass ich – wie fast alle anderen auch – wieder nur The Revolution Will Not Be Televised in den Blick nehme und wieder einmal nur die Protestthematik aufgreife. Dabei habe ich doch Deine Autobiographie The Last Holiday gelesen und dort steht schließlich:

„Once, again, I felt people who wrote about me and Brian [Jackson] should have looked at all that we did. It was pretty obvious that there was an entire Black experience and that it didn’t relate only to protest. We dealt with all the streets that went through the Black community, and not all of those streets were protesting.“

Natürlich, nicht alles war auf Protest im engeren Sinn bezogen, aber: Was könnte im Kontext der Bürgerrechtsbewegung und des Radikalismus der sechziger und siebziger Jahre politischer sein, als diese Art von community building, die Scott-Heron in seinen Erinnerungen anspricht? Gil Scott-Herons Beitrag zur Welt des Protests und Protestsongs besteht unter anderem darin, die Herausbildung einer selbstbewussten, solidarischen, kollektiv handlungsfähigen Black community unterstützt zu haben, ganz so, wie The Who das für die junge Generation zu leisten versuchten.

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