Protestsong der Woche VII: Hole – Olympia

27/06/2012 § 2 Kommentare

In den nächsten zwei Monaten werde ich an dieser Stelle eine kleine Sammlung von Protestsongs seit den sechziger Jahren anlegen. Vielleicht ergeben sich daraus ja eine Typologie und eine Geschichte des Protestsongs, die irgendwie Sinn machen.

Diese Woche:

Olympia von Hole ist nicht im eigentlichen Sinn ein Protestsong, wie es die anderen Songs dieser kleinen Textreihe sind. Courtney Loves Band gehört zwar in das Riot Grrrl-Umfeld, Olympia ist nun aber explizit keine Hymne wie Rebel Girl und auch kein feministisch-revolutionäres statement of intent wie Double Dare Ya, beides Songs von Bikini Kill.

Olympia ist viel mehr die etwas böse, etwas zynische, etwas verbitterte, in jedem Fall aber nachträgliche Reflektion über eine ganz bestimmte (musikalische und kulturelle) Protestkultur. Der Song ist Courtney Loves giftig-messerscharfe Analyse einer Szene, ihrer Zwänge und Möglichkeiten, ihrer Selbsttäuschungen und unabgegoltenen Verheißungen.

Der Song setzt ein mit einem Bekenntnis:

When i went to school (oh)

When I went to school (heh)

When I went to school … in Olympia

Olympia, diese kleine Stadt im US-amerikanischen Nordwesten, die Stadt der Riot Grrrls, die ‚weibliche‘ Stadt, die Stadt mit ihrem Evergreen College, jener Reformuniversität, die als Sammelbecken für Hippies und dropouts ein gewisses Renommee erlangte, die Stadt mit ihrer etablierten LoFi-Pop- und Künstler_innenszene. Dort ging Courtney also zur ‚Schule‘. Diese ganz spezielle Olympiaszene war ihre Schule. Was ‚Oly‘ für die Riot Grrrls bedeutete und wie ‚Oly‘ tickte, lässt sich in fast jeder Erinnerung greifen (nachzulesen unter anderem in dem schönen Band Riot Grrrl Revisited! Die Geschichte einer feministischen Bewegung aus dem Ventil Verlag).

Und dann setzt Courtney Loves Sezierung der Olympiaszene an:

I went to school in Olympia

Everyone’s the same, and so are you! in Olympia

We look the same, we talk the same, we even fuck the same

Diese Zeilen treffen ins Herz jeder Subkultur. Keine Subkultur, schon gar nicht diese, so sagen sie, ohne Homogenisierungstendenz, ohne Konformitätsdruck. Das kann erdrückend sein und die Luft zum Atmen nehmen.

Und dann immerzu dieses Gerede von der Revolution; von einer Revolution, die nichts weiter ist als ein Topos, den man kollektiv vor sich her trägt. „What do You do with a revolution?“ singt Courtney.

Und dann immerzu dieser moralische Druck, die Verantwortung (für andere), die einem aufgebürdet wird, die immer als Argument herhalten muss, wenn man etwas tun soll, das man nicht will. „Do it for the kids … yeah / Do it for the kids … yeah / Do it for the kids … yeah / Do it for the kids … yeah“.

Courtney weiß aber auch, was sie der so barsch kritisierten Szene verdankt. Sie weiß um die Gleichzeitigkeit. Sie weiß, dass der Konformitätsdruck auf ihr lastet und sie einengt. Sie weiß aber auch, dass erst mit den und durch die Riot Grrls Türen eingetreten wurden, durch die sie gehen konnte. Beides ist da. „Don’t You please / Make me real / Make me sick / make me real“.

Und weil es am Ende diese dahingewisperte, unhörbare „No, we’re not done“ gibt, bleibt nur eine Schlussfolgerung. Courtney, We Love You.

***

Das war der letzte kleine Text in der Reihe Protestsong der Woche. Danken möchte ich an dieser Stelle den Teilnehmer_innen meines Chemnitzer Seminars zu „Jugend, Pop, und Protest im 20. Jahrhundert“, die bereit waren, ein Semester lang jede Woche zwei Songs mit mir zu diskutieren. Die Debatten im Seminar ließen so manches Argument klaren werden …

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