Zwei Sexszenen: Roeg/Christie/Sutherland vs. Annaud/Vargas/Slater

Wenige Dinge geben deutlicher Auskunft über die Qualität eines Films – vor allem Regie, Kamera und Schauspiel – als Sexszenen. Sexszenen sind eben nicht nur Sexszenen, nicht nur Abbildung und Darstellung sexueller Handlungen im Medium des Films. Vielmehr transportieren sie filmästhetische, kulturelle und (geschlechter-)politische Vorstellungen.

Zwei Beispiele; bei  beiden handelt es sich um sehr berühmte, viel diskutierte und beeindruckend gefilmte Szenen, die dennoch ganz unterschiedlich funktionieren.

1) Julie Christie und Donald Sutherland in Wenn die Gondeln Trauer tragen (OT: Don’t Look Now) aus dem Jahr 1973 (Regie: Nicolas Roeg)

http://www.metacafe.com/watch/2276677/julie_christie_from_movie_dont_look_now/

Das ist sie, die wohl kontroverseste Sexszene (Hatten die beiden wirklich Sex? – bis heute kann man abwechselnd mit der einen oder anderen Antwort Schlagzeilen machen) im unbestritten besten britischen Film aller Zeiten (so jedenfalls immer wieder die entsprechenden Umfragen und Hitlisten).

Eine derart intensive bzw. intensiv gefilmte Sexszene wäre in jedem anderen Film als etwas Solitäres dargestellt worden, etwas Einzigartiges – life changing, wie das dann immer so schön heißt. Nicht so bei Nicolas Roeg. Beeindruckend ist hier die Parallelmontage von Sex und schrittweisem Ankleiden beider nach dem Sex. Sex ist ein Teil eines Lebens, zu dem ganz selbstverständlich auch andere Teile gehören. Das Besondere an dieser Sexszene ist, dass Sex (und mag er noch so besonders sein) auch nichts Besondereres ist als der anstehende Restaurantbesuch.

Der Sex zwischen Julie Christie und Donald Sutherland ist weiter als nur irgend möglich von quasi-natürlicher, instinktiver Sexualität entfernt. Hier kommunizieren zwei Körper – sophisticated. Es ist Kommunikation unter Gleichen. Dieser Körpersprache ist es egal, ob ein männlicher oder weiblicher Körper sie spricht. Helligkeit und Eleganz im Filmischen wie auch der Ausstattung der Szenerie sagen zudem klar und deutlich: This is the Modern Life. Hier wird nicht mythisiert oder bei Schummerlicht in neckischer Kleidung verklärt.

2) Valentina Vargas und Christian Slater in Der Name der Rose aus dem Jahr 1986 (Regie: Jean-Jacques Annaud)

Die Szene zwischen Valentina Vargas und Christian Slater in dieser Bestsellerbestsellerverfilmung funktioniert ganz anders. Annaud verwendet die Sexszene, um das große Thema Natur/Zivilisation zu verhandeln.

‚Das Mädchen‘ – sie hat keinen Namen und redet im ganzen Film kein Wort – ist das dunkle, erdige, ursprüngliche und urmenschliche Leben; animalische Natur und sonst nichts. Sie ergreift die Initiative, ohne dass man sagen könnte: Sie ist die Veführerin. Sie verführt eben nicht. Verführung ist ein viel zu zivilisiert-verspieltes Konzept, als dass es einen Platz im rein instinkthaften Handeln ‚des Mädchens‘ haben könnte. ‚Das Mädchen‘ ist nicht nur aller Kleider, sondern auch aller Zivilisation entkleidet. Dagegen der Mönch Adso von Melk. Hochkultiviert, als Adelssohn und Novize der Höhepunkt der Zivilisation des frühen vierzehnten Jahrhunderts.

Jean-Jacques Annaud erzählt in dieser Szene eine Geschichte, die nicht das Hohelied von Kultur und Zivilisation singt. Es ist keine Geschichte vom Zivilisationsprozess oder von einer Zivilisierung der ‚Barbaren‘ und ‚Wilden‘ im Inneren und außerhalb der zivilisierten Welt. Annaud erzählt die Geschichte einer (vermeintlich) ‚falschen‘ und in die Irre geleiteten Zivilisation. Adso von Melk könnte als sadistischer, fanatischer, ideologischer, scheinheiliger, gieriger Kleriker enden (wie all die anderen Exemplare, die der Film fratzenhaft vorführt). Dass er es nicht tut, liegt an ‚dem Mädchen‘. Sie ist es, die ihn mit ihrem instinktiven, sexuellen Begehren ‚erdet‘. Durch sie hält er die Verbindung zu einer ur-menschlichen Natur, die bei allen anderen durch die Zivilisation korrumpiert wurde. In der Konfrontation mit der naturgewaltigen Sexualität ‚des Mädchens‘ muss Adso feststellen, dass seine verfeinerten Kulturtechniken nicht funktionieren – sie sind schlichtweg nutzlos im Umgang mit einer Natur, zu deren Kultivierung sie erst erfunden worden waren.

Das ist die Geschichte, die die Sexszene in Der Name der Rose erzählt. Es ist eine Geschichte, die ihre ganz eigenen Probleme mit sich bringt. Sie transportiert einen heiklen Exotismus voller Geschlecherstereotypen. In anderen Kontexten hat man derartiges auch schon Rassismus (hier vielleicht besser: ‚Klassismus‘, weil Annaud eben keine fremden Ethnien, sondern eine soziale Schicht exotisiert) und Sexismus nennen dürfen. Das namenlose Bauernmädchen ist die ‚edle Wilde‘ voller ’natürlicher‘, instinkhafter Sexualität. Annauds Sexszene berichtet von wenig mehr als der Natürlichkeitssehnsucht und den erotischen Phantasien des gebildeten Mannes. An ihrer filmästhetischen Qualität ändert das aber nichts.

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Also, eine Sexszene ist einfach nur eine Sexszene?

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