Es könnte goth sein I: das debütalbum von Veronica Falls

17/07/2012 § 3 Kommentare

Versuchsweise soll hier einmal das selbstbetitelte Debütalbum der brititschen Newcomerband Veronica Falls (2011) aus dem Referenzkosmos des Indie-Retro-Pop herausgelöst werden, in den es inzwischen wiederholt eingestrickt wurde. Es könnte goth sein. Genau genommen: Gäbe es noch einen Funken musikalischer Kreativität in der düsteren Unterwelt, würde gothic in irgendeiner Weise noch musikalisch reizvoll sein, dann klänge das wohl so. Und es sähe wohl auch so aus.

Veronica Falls‘ Debüt ist bereits im letzten Jahr, im Herbst (na klar, wann auch sonst?), erschienen. Irgendwie ist es bei mir aber in einem Schwung weiterer Alben untergegangen. Gekauft, gehört, gut gefunden, weggerutscht.

Veronica Falls bewegen sich im Indieretromeer der letzten Jahre wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Sie sind aber nicht lediglich eine Band unter vielen, deren erstes Album man ebenso schnell mag, wie man die Band dann wieder vergessen haben wird. „Im Pulk aktueller Girly-Mid-80s-Reverb-Popbands“, so schrieb Gregor Kessler in Spex (#336), „setzen sich Londons Veronica Falls spielend an die Spitze. […] [Sie] demonstrieren nicht nur Stil, der über die gebügelte Retro-Garderobe der Band hinausgeht, sondern auch Eigensinn“. Auch Janine Andert hat diese eigentümliche Mischung aus Retro und Innovation in einem wundervollen Text für CULTurMAG gewürdigt:

„Sing-a-long-süchtige Melodien verweisen auf liebgewonnene, bekannte Tunes, polieren Girl-Group-Sound mit ein bisschen Shoegazegeschrammel auf. […] Um die Vergangenheit nicht ganz zu verklären, greifen Veronica Falls gewitzt die Tradition tragischer Poptexte auf, um damit eine Antithese zwischen Lyrics und Musik zu zelebrieren. Im Land der rosaroten Seifenblasen wird von der unglücklichen Liebe zu einem Geist, Selbstmord und Elend gesungen. Das alles so twee, dass man einmal mehr glaubt, die Halloweengeister beim Kuschelreigen erwischt zu haben. Morbide Gesten sind eben das Salz im zuckersüßen Sound, der auf dem Debüt von Veronica Falls mit einem ordentlichen Schuss Ironie verfeinert wird.“

Die Videos, das Cover des Albums, und dann die Songtitel: Found Love In A Graveyard? Goth, klar. Weiter geht es mit Songtiteln wie Misery oder Bad Feeling, die bereits im Titel anzeigen, was traurige Sache ist. Aber auch Titel wie Wedding Day haben nichts mit irgendwelcher Fröhlichkeit zu tun: „So sorry I missed your wedding day / There’s nothing left for me to say / I said you don’t look at her like you’re looking at me / She’ll never know that’s the way it will be / You don’t love her like you love me“.

Mit Blick auf Found Love In A Graveyard (siehe oben) schrieb Gregor Kessler in seinem bereits zitierten Spexartikel (siehe nicht ganz so weit oben), es handle sich dabei um einen „großartigen Gothic-Lovesong mit Sixties-Uuuhuhuu-Harmonien, der so effektiv Tempo und Dynamik variiert, dass die Allerweltsstimme von Roxanne Clifford nicht weiter negativ auffällt.“ Abgesehen davon, dass diese Formulierung lehrbuchmäßig Lob und Beleidigung verbindet, zeigt die Bemerkung Kesslers auch, wie man gleichzeitig den Punkt treffen und doch die Pointe verfehlen kann. Näher dran am Geheimnis von Veronica Falls ist da schon Lindsay Zoladz (auf pitchfork.com):

„Given the group’s penchant for ghosts and reverb, it’s tempting to grab for a familiar collection of low-hanging adjectives: dreamy, ethereal, haunting –  except that, actually, Veronica Falls is none of these things. There’s a striking physicality to these songs, and Guy Fixsen and Ash Workman’s production makes every tambourine beat hit with the clarity of a shattering window. The guitar sound is immaculate: Clifford and James Hoare’s strings don’t jangle so much as bristle– taut chords that dart restlessly in and out of each other’s way. There’s a clarity of texture – a specificity even – to every element of the band’s sound. Which makes it something of an anomaly: shoegaze that looks you square in the eye.“

Was Gregor Kessler nicht, Lindsay Zoladz aber sehr deutlich in den Griff bekommt, ist der Umstand, dass Veronica Falls absichtlich und gekonnt um eine Klischeeklippe herumspazieren. Sie bedienen nicht dieses eine so erdrückende, latent und manifest nervende Frauenstimmen- und Klangstereotyp des Gothic der letzten Jahre. Heavenly voices muss man woanders suchen (fündig wird man leider ohne große Mühe in der gänzlich unambitionierten Welt des heutigen Gothic). Roxanne Clifford wird hier eben nicht als ätherisches Opernelfenstimmchen in den Vordergrund gerückt, nur um die Düsterniss der Musik im Hintergrund noch einmal extra zu betonen.

Die Musik von Veronica Falls ist dezentral und polyzentrisch. Keine der Stimmen und keines der Instrumente stehen im Zentrum. Gesang und Sound kommen aus allen Ecken der Songs. Sie sind immer woanders, kommen nie von dort, wo man sie eigentlich vermutet oder gerade eben noch identifiziert hat. Das macht die eigentliche Gothic-Qualität aus. Das ist spooky und haunting. Würde Roxanne Clifford das machen, was Gregor Kessler sich wünscht (ihr aber nicht zuzutrauen scheint), wäre die Qualität der Songs sofort zerstört.

Veronica Falls – es könnte goth sein; nicht zuletzt, weil ich ihnen hier einmal unterstelle, dass sie sich mit ihrem Song The Fountain vor dem gleichnamigen Song der Düsterpoplegenden Echo & the Bunnymen aus dem Jahr 2009 verbeugen.

Die Bunnymen sangen:

I slept by the mountain / Of rivers we crossed / I dreamt of the fountain / And the coin that we tossed

Now I’m just counting / The dreams that were lost / One coin in a fountain / Was that all it cost?

Das klang dann so:

Veronica Falls singen:

On a distant hillside I watched our love die / I lost my baby to the winter / …

Don’t take me back to the fountain / There is nothing left for you / Just take yout flowers and leave them at the fountain …

Das klingt nun so:

Es könnte goth sein. Wenn es goth wäre, dann müsste die Szene wohl – angesichts des Sounds von Veronica Falls –  einen Fledermauskolibri zum Wappentier machen. Nur über die Sache mit den Wollpullovern und Jeansjacken – siehe diverse Studiosessions und Bandphotos – müsste man noch einmal reden.

Obwohl ich eigentlich schon viel zu viel geschrieben und zitiert und viel zu viele Videos hier eingebaut habe, kann ich nicht anders als diesen einen – den einen – Song von Veronica Falls auch noch zu verlinken: Beachy Head … „sounds like a zombified Mamas and the Papas thrashing at surf-punk guitars with shards of glass“ (Lindsay Zoladz).

(PS. Wer sich an The Ring erinnert, weiß, warum das Video gruselig ist …)

Ich habe diesen Artikel in der Überschrift mit einer Nummer versehen, weil es gut sein kann, dass daraus eine kleine Serie wird, die sich neuen Alben und Künstler_innen widmet, deren Musik sich – um David van Mark zu zitieren – irgendwo zwischen „new grave“ und „dark synth disco“ bewegt.

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