hören/sehen/lesen 2012 – meine top 9

09/12/2012 § 7 Kommentare

Wieder kurz vor Weihnachten, wieder kurz vor Jahresende. Wie im letzten Jahr versuche ich mich an einer kleinen Liste. Auch diesmal ist es keine Wunschliste. Auch diesmal sind auf der Liste nur Dinge, die ich schon habe, mir also nicht mehr zu wünschen brauche.

Wie im letzten Jahr ist damit schon das erste Auswahlkriterium benannt: der vollzogene Kaufakt. Dadurch komme ich auch diesmal nicht in die Verlegenheit, implizite Wertigkeiten für alle potentiell verfügbaren CDs, DVDs und Bücher des Jahres zu behaupten. Vielmehr kann offen bleiben, ob es nicht unzählige bessere gab, die lediglich nicht Opfer meines randomisierten Kaufverhaltens geworden sind. Zudem umfasst die Liste (zweites Auswahlkriterium) etwas altmodisch nur diejenigen Dinge, die ich seit dem Kauf physisch in Händen halten kann – und auch wirklich schon gehört/gesehen/gelesen habe.

Mit Blick auf die Liste beschleicht mich der Verdacht, dass 2012 eher ein Roman- als ein Filmjahr war, ob insgesamt oder nur für mich und meine Kulturindustrieproduktekonsumgewohnheiten, das weiß ich nicht.

9) The Ward. Regie: John Carpenter

Wenn der große John Carpenter nach langer Zeit doch wieder einmal als Regisseur eines Kinofilms in Erscheinung tritt, dann muss ich natürlich die DVD kaufen und diese dann auch hier listen. The Ward ist ein klassischer Horrorfilm, ein klassischer John Carpenter: ein Gemisch aus düsterer Atmosphäre (im Irrenhaus, wie man im Horrorfilmjargon so sagt), Wahnvorstellungen, terror und suspense. Nur, man darf die Pointe nicht verraten. Wer den Film sehen möchte, sollte tunlichst nicht vorab in Erfahrung bringen, wie das ganze ausgeht.

8) Melancholia. Regie: Lars von Trier

Hach, was hat er uns alle aufgescheucht, dieser verrückte Däne, mit seiner Nazisympathisantenparodie.

Zum Glück wurde der unfassbar gut besetzte Film, der der Aufhänger für all die Aufregung war, nicht verschüttet. Melancholia – „eine Komödie“, so LvT – fesselt den Blick. Es ist die düster-poetische Bildsprache, nicht die Nacktszene von Kirsten Dunst, die es ummöglich macht, die Augen abzuwenden. Eine Zusammenfassung von story und plot erübrigt sich. Wovon der Film auch immer handelt: Es ist egal! Anfangs mag man sich vielleicht noch fragen, was da eigentlich passiert. Ziemlich rasch interessiert aber nur noch die Frage, wie der Film das, was er vielleicht zeigen will, zeigt. Attraction im vollsten Wortsinn.

7) Penelope Houston: On Market Street

Irgendwann Ende April habe ich mich verliebt. Ich habe mich verliebt in Penelope Houston, beim Konzert, hier in Chemnitz. Der unglaublichen Intensität ihrer Songs, den düster-tragischen Texten und dieser Stimme kann ich mich nicht entziehen. On Market Street ist ein wundervolles Album, das irgendwie so gar nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die es verdient.

6) Harry Belafonte: My Song. Die Autobiographie

Diesem Buch, den lieben Lesenden und mir schulde ich noch einen Blogbeitrag. Die Besprechung von My Song wird kommen, irgendwann. Dieses Buch sticht gegenüber vielen Promiautobiographien nicht nur dadurch hervor, dass Harry Belafonte eben eine ganz besondere Figur ist, der es in unvergleichbarer Weise gelang und gelingt, Politik und Entertainment zu verbinden. Vielmehr glänzt und glitzert und schimmert My Song durch eine ausgeprägt literarische Sprache, die durch die Übersetzung von Kristian Lutze, Silvia Morawetz und Werner Schmitz auch in der deutschen Ausgabe grandios zum Vorschein gebracht wird. Für die Akademiker_innen unter uns gibt es mit Belafontes Buch gleichzeitig eine wundervolle Studie zur Frage: Wie funktioniert Rassifizierung? Simone de Beauvoirs große Einsicht, dass man nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht werde: Harry Belafontes Autobiographie zeigt eindringlich, dass das für ‚Schwarzsein‘ ebenso gilt.

5) 2:54 – 2:54

Dass das Debütalbum von 2:54 goth sein könnte, warum das gut so ist und warum mir das gefällt, gibt es hier zu lesen.

4) Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt

Jennifer Egans Buch, die amerikanische Originalausgabe wurde 2011 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, hat mich Anfang des Jahres enorm begeistert. Der größere Teil der Welt widersetzt sich damit dem (all-)gemeinen Trend, dass Jahrescharts in der Regel von Dingen aus der zweiten Jahreshälfte dominiert werden. Das Buch ist die Geschichte einiger Gestalten, die sich irgendwie in den Musikszenen San Franciscos und New Yorks bewegen und seit den Siebzigern durch die Zeit trudeln. Warum das Buch – jenseits des über 50seitigen Kapitels in Form eines PowerPoint-Folien-Tagebuchs – großartig ist, lässt sich in der klugen Rezension von Dirk Knipphals in der taz nachlesen („Jennifer Egan kann schreiben, dass es einen schier umpustet“). Jennifer Egan lehnt jedes Kapital gekonnt an ein anderes literarisches Genre an und, so etwas beeindruckt mich immer, kombiniert virtuos verschiedene Zeitebenen. Angewandte postmoderne Geschichtsschreibung.

3) Stephan Thome: Fliehkräfte

Welche Chance hat man, ein Buch nicht zu kaufen, wenn der Buchhändler des Vertrauens in der Stamm- und Lieblingsbuchhandlung aus dem Stand ein mehrminütiges Loblieb anstimmt? Ich bin jedenfalls froh, dass ich dieser Empfehlung gefolgt bin und mich mit dem Philosophieprofessor Hartmut Hainbach jenen Fliehkräften aussetzte, die einen durch das Leben kreiseln lassen. Stephan Thome führt in diesem Roman eindrücklich vor, dass das eigentliche Ereignnis in einem Buch die Sprache ist, dass also gar nicht so viel „passieren“ muss, um die Lesenden zu bannen. Mit der Einschätzung, dass Fliehkräfte zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und im Prinzip einer der Favoriten war, stand und steht man in diesem Jahr jedenfalls nicht allein.

2) Public Image Limited – This is PiL

Das, nunja, „Comebackalbum“ von PiL ist mein musikalischer Höhepunkt des Jahres. Unfassbar, dieser Groove. This is PiL verwandelt mit einem Fingerschnipp jeden Ort in eine potentielle Tanzfläche. Muss ich betonen, dass die Texte diesen Groove natürlich ebenso tragen, wie der Sound? Muss ich nicht: We come from chaos, you cannot change us / Cannot explain us and that’s what makes us / We are the ageless, we are teenagers / We are the focused out of the hopeless / We are the last chance, we are the last dance …

1) Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Es gibt Romane, die einen körperlich berühren, die einem beim Lesen eine merkwürdige Aufregung bescheren. Vielen Dank für das Leben ist so ein Roman. „Fesselnd“ ist schlicht das falsche Wort für das, was dieses Buch während der Lektüre mit einem macht. Vielmehr ist es im Wortsinn atemberaubend, es erzeugt eine Resonanz, bringt etwas in einem zum Schwingen. Sibylle Bergs Sprache entwickelt einen so unwiderstehlichen Sog, dass Leser, Buch und Welt förmlich ineinander übergehen. Vielen Dank für das Leben ist der mit Abstand beste Roman, den ich seit Ulrich Peltzers Teil der Lösung (2007) oder gar Juli Zehs Spieltrieb (2004) gelesen habe. Achja, darum geht es (sagt der Verlag):

„Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung – das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris.“

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§ 7 Antworten auf hören/sehen/lesen 2012 – meine top 9

  • laura sagt:

    Oh ha, auf deiner Topliste entdecke ich ja so einige meiner Lieblinge wieder, schön! Es wundert mich nicht, dass Sibylle Bergs Neuerscheinung so weit oben auf deiner Liste landete! Meine Mitbloggerin Katja und ich haben uns auf unserem Blog ja auch ziemlich ausführlich darüber unterhalten 🙂
    Und du erinnerst mich auch wieder daran, dass ich endlich Jennifer Egans Roman lesen will. Wir waren vor der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung auf einer Lesung von ihr, und seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen… LG aus Berlin, laura

    • Timo Luks sagt:

      Euer gespräch über S.Berg hab gesehen, aber noch nicht gelesen – aber ich hole das nach! Ich fand „Vielen Dank für das Leben“ extrem beeindruckend.

      Jennifer Egans roman kann ich ebenfalls nur sehr, sehr nachdrücklich empfehlen. Ich kannte die vorher überhaupt nicht (was mir inzwischen etwas peinlich ist). „Der größere Teil der Welt“ ist ein richtig kluges und gutes Buch. Das sollte auf den „sofort-lesen-stapel“ 😉
      LG, timo

      • laura sagt:

        Okay, das ist ein Deal: Du liest „Gegen die Welt“ und ich „Der größere Teil der Welt“ 😉 Dann sind wir beide um mindestens eine Welt schlauer.

      • Timo Luks sagt:

        Der deal gefällt mir – das ist dann wohl eine klassische win-win-situation 😉

    • Timo Luks sagt:

      Freut mich sehr! Ich hab mir Deine Rezension gleich erst einmal als Lesezeichen gesetzt und werde sie unbedingt rasch lesen. Ich bin gespannt!

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