„Who Killed Adorno And His Lonely Heart?“ Das neue Album von Phillip Boa And The Voodooclub

Diesmal klingen sie anders. Wirklich. Natürlich, Phillip Boa And the Voodooclub klingen (immer) noch wie sie selbst. Und wie sollte das auch anders sein, solange Phillip Boa, Pia Lund, David Vella und Oliver Klemm den Takt vorgeben? Auf dem neuen Album Loyalty klingen sie aber doch auch anders, weil diesmal jemand dabei ist, der es sonst nicht ist: der Percussionmagier Brian Viglione (zur Erinnerung: Dresden Dolls).

Viglione fügt dem Sound des Voodooclub einige irritierend andere Klangelemente hinzu. Auf Loyalty scheppert es anders als sonst. Der so Boatypische straighte Indieschlagzeugbeat fehlt zwar nicht – er treibt die Songs weiterhin nach vorn – Viglione trommelt aber auf Dingen herum, tut dies auf eine Weise und erzeugt damit Klänge, die auffallen. Verspielter, klangverliebter, polyphoner. Loyalty ist ein Album für Kopfhörer. Die lyrische Ansage dieses Sounds bietet der schöne Song Want:

„Everything turned red / like a beating heart / and I hear the drums, the drums …“

Boaesk, Lundesk und doch mit einem Dreh:

In einer Reihe von Songs hat man den Eindruck, als sollte offensiv Platz geschaffen werden für die percussionistischen Kleinode. Auf dem Album wird insgesamt weniger gesungen, sowohl von Boa als auch von Lund und es geht instrumentaler zu. Die Gesangsparts von Pia Lund sind besonders auffällig reduziert – nach wie vor sind sie aber das verbindene Element, der doppelte Boden für Boas legendären Nicht-Gesang und die neuen Klangexperimente. Sunny When It Rains bringt das vielleicht ganz gut ins Ohr.

Boas Lyrics pendeln, das konnte er schon immer, zwischen prägnanten Einzeilern und unzähligen Anspielungen in die Welt der Literatur und Musik hinein. Boas Texte sind kurz und knapp, immer glasklar und kryptisch zugleich – „I dreamt about You so shamelessly …“. Wenn ausgerechnet in einem Song namens Planet Cherry die schillernde Figur des Kim Fowley auftaucht, wer summt dann nicht das Ch-ch-ch-ch-cherry Bomb der Runaways vor sich hin? Obwohl, der Gedanke an Planet Claire der B-52s könnte ja auch kommen … Ein klein wenig eitel ist das immer auch, wie gehabt. In gleich zwei Songs gibt es „the man who never came“ und so warten wir auf Boadot. Bis dahin kann man einige Male dieses wirklich schön Album hören und sich der Frage widmen, wer denn nun Adorno und sein einsames Herz auf dem Gewissen hat. Dass Boas „Adorno“ wie „I dunno“ klingt, macht es nur reizvoller.

PS. Das Booklet zieren wundervolle, großartige Photos von Olaf Bredenförder und David Vella, die auf eine bisher selten gesehene Art eine Poesie des Nicht-mehr-jung-seins in Szene setzen.

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