weder grau noch beige: das neue album von Visage

Der Kontext macht den Beat; und so macht es einen Unterschied, wo eine Band während langer Abwesenheit überwintert. Visage fanden in den letzten 29 Jahren vor allem an zwei Orten statt: auf diversen Ü-Whatever-Eighties-Partys und auf düsteren Tanzflächen. Es sagt viel über Anschlussfähigkeiten und Kategorisierungen aus, wenn eine Band sich in musikalischer Nachbarschaft sowohl zu Bryan Adams als auch The Normal wiederfindet – und das beide Male mit demselben Song. Im ersten Fall wird ein Song zu einem Nostalgietrigger, im zweiten Fall – so löblich es ist, dass der eine oder die andere Dark Wave-DJ Visage zumindest mit diesem einen Platzhaltersong auf den Tanzflächen präsent hält – wird ein spektakulärer Popact zu Goth-Minimalismus.

Das neue, vierte Album von Visage („Hearts and Knives“, Blitz Club 2013) rückt das nun wieder etwas zurecht (so, wie es das Hören jedes früheren Albums auch tun würde). Die stilisierte Künstlich- und ästhetische Oberflächlichkeit zeigen die Linie an: David Bowie, Siouxsie Sioux, Marc Almond, Lady GaGa. Das ist das Gegenprogramm zu jenem seit Mitte der Neunziger „ungeschriebenen Gesetz, dass Popstars normale Typen zu sein hatten“ (Owen Hatherley). Es ist das Gegengift zum Beige Pop.

Das Album ist gelungen. Über weite Strecken lässt es sich genauso gut hören wie tanzen (jedenfalls fühlt es sich so an). Jan Kühnemund hat auf zeit.de die ersten beiden Songs vom musikalischen Lob für das Album ausgenommen. Der Opener, „Never Enough“, hätte auch mir fast das Album verleidet. Wäre ich nicht ein so geduldiger Mensch, hätte ich danach möglicherweise gar nicht weitergehört. „Never Enough“ ist mit seinem Synthie-Rockismus eine denkbar schlechte Wahl, um das Album zu eröffnen. Danach gewinnt das Album aber sofort an Fahrt und Qualität.

„Shameless Fashion“ mag vielleicht ein klein wenig retroman sein, funktioniert aber als eigentlicher, programmatischer Opener hervorragend. Useless, defective, this junks‘ retrospective, stuck between lives we’ve stitched ourselves in vein / I can’t see why, but … bruised and wounded we don’t care what ghosts they find / Early 80’s make up, fashion, once seen, soon to be in vogue (fashion) / Old fascinations, new sensations, I haven’t got the patience (shameless fashion).

Die meisten Songs, die folgen, haben einen Beat, der eher auf Tanzflächen als auf Radios schielt. Synthiesound ohne übertriebene Opulenz, aber doch auch zu spielerisch, um Minimal zu sein. „Diaries of a Madman“ ist dann ein spektakulärer Abschluss. Gesanglich ist das definitiv der Höhepunkt des Albums. Steve Stranges Stimme – unterstützt von der beeindruckenden Lauren Duvall – verfolgt einen hier förmlich und zeigt, wie spooky Repetition und künstliche Elektro-Präzision sein kann.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s