Der „Historikerfreak“ und Karl Schmidt

Als Historiker trifft man in der Welt von Pop und Literatur ja eher selten auf BerufskollegInnen; wenn doch, dann freut man sich und ist verwundert, wo man sie antrifft: Zum Beispiel in Sven Regeners neuem Roman Magical Mystery, oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt (Galiani Berlin 2013).

Karl Schmidt, der heimliche Held aus Herr Lehmann, der am Vorabend des Mauerfalls in der „Klapse“ endete, taucht hier, Mitte der Neunziger, in einer Hamburger Drogenentzugs-WG wieder auf. Seinen Urlaub verbringt er als Fahrer und Mann für Alles „auf Tour“ mit verstrahlten Techno-DJs, Party-Ravern und Labelchefs. Als er beim Stop in München den sturzbetrunkenen Basti – die eine Hälfte des Techno-Acts Hosti Bros – zurück ins Hotel transportiert, kommt es an der Rezeption des Fluxi Maxx Munich 2 zu einer wundersamen Begegnung.

„Moment, Moment …“ Es war ein junger Typ, er sah ein bisschen wie ein Student aus, er hatte auch ein Buch in der Hand und als er es aufgeklappt hinlegte, um in seinen Computer hineinzutippen, konnte ich den Titel erkennen, es war Golo Manns „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“, eindeutig ein Sonderling, der Fluxi-Mann, wahrscheinlich Geschichtsstudent, […] [D]er Mann kramte und kramte in seinem Computer herum und währenddessen rutschte Basti mir langsam zu Boden, was würde Golo Mann dazu sagen? […]

Der Historikerfreak guckte über seinen Tresen hinweg auf Basti und sagte: „Aber der ist jetzt nicht krank oder sowas?“ […] „Nein, der ist bloß blau“, sagte ich. […]

„Sebstian mit Vornamen oder mit Nachnamen?“

„Vornamen, nehme ich an, es ist Basti von den Hosti Bros!“

„Echt?“ Er beugte sich wieder über den Tresen und schaute sich Basti an. „So sieht der also aus.“

Sie kennen die Hosti Bros?“, sagte ich.

„Natürlich, die haben doch gerade einen Hit, Hosti Brosti, aber die sind natürlich jetzt nicht so direkt gesichtsbekannt, würde ich mal sagen, eher so faceless-techno-mäßig unterwegs.“

Nicht zu fassen. Ein Raver.

(Sven Regener, Magical Mystery, S. 325-327)

Jedenfalls ein sehr amüsantes Buch – und eine charmante Mikrostudie über die Ravekultur der Neunziger. Meine Studierenden sind natülcih keine „Historikerfreaks“, schließlich liest da niemand Golo Mann …

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3 Gedanken zu “Der „Historikerfreak“ und Karl Schmidt

  1. „Wer ist Golo Mann?“ Das wäre dann eher die Frage, die ich von meinen Studierenden erwarten würde.
    Danke für den Tipp, das Buch steht auch schon auf meiner Liste.

      1. Nene, das 19. Jahrhundert kennen die schon. Sie verwechseln es nur manchmal mit dem 20. Und das ist ja auch verzwickt mit dieser komischen Zählung.

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