Stellvertretende und vorweggenommene Lektüre – Texte über ungelesene Bücher

Kürzlich habe ich, zufällig, zwei Essays gelesen, die sich mit ein und demselben Romanklassiker beschäftigen: George Eliots Middlemarch (1871). Beide Essays habe ich nicht wegen ihres Themas gelesen (obwohl Middlemarch zu den Romanen gehört, die nie wirklich von meiner imaginären Leseliste verschwinden), sondern weil ich Zadie Smith als Schriftstellerin und Carolyn Steedman als Historikerin außerordentlich schätze. Ich wollte Essays von Smith bzw. Steedman lesen – egal worüber.

In der zufälligen Middlemarch-Überlagerung drängte sich aber eine Frage auf, die wir alle kennen: Was bedeuten und bewirken Texte über Bücher, die man nicht gelesen hat? Das hängt natürlich von der Art der Texte ab.

Verlagsankündigungen oder Kurzrezensionen haben ihren Zweck bereits dann erfüllt, wenn sie mir sagen, dass es ein Buch gibt. Das klappt in der Regel dann gut, wenn ich die Autorin oder den Autor kenne, und auf dem Laufenden bleiben will, ob es etwas Neues gibt.

Anders ist es mit den zahllosen Einführungen zu dieser Autorin oder jenem Autor, die vor allem in der Lehre an Universitäten kursieren. Diese Texte sollen nicht über die bloße Existenz bestimmter Autor_innen oder Bücher informieren, sondern sie versprechen (allerdings niemals offen ausgesprochen), dass man selbst sich die Lektüre sparen kann, weil jemand anderes sie stellvertretend bereits unternommen hat – und man nun einfach auf dessen Lesefrüchte zugreifen könne. (Außerhalb universitärer Seminare dürften Biographien diese Funktion erfüllen.)

Wieder anders ist es mit Essays wie denjenigen von Zadie Smith oder Carolyn Steedman. Darin wird keine stellvertretende Lektüre angeboten. Stattdessen handelt es sich um eine Form vorweggenommener Lektüre. Smith und Steedman greifen meiner eigenen Lektüre vor. Sie skizzieren, was mich erwarten könnte, falls ich Middlemarch lesen würde. Sie machen ein Angebot, wie ich Middlemarch lesen, worauf ich dabei achten könnte. Essays wie diese ersetzen keine Lektüre. Smith und Steedman sind keiner Leserinnen an meiner Stelle. Ihre Essays sind ein Vorgriff auf ein noch zu lesendes Buch – und sie legen nahe, dass das Verständnis der Thesen ihrer Essays erst nach der eigenen Lektüre von Middlemarch abgeschlossen sein wird.

Folge ich Zadie Smith, erwartet mich ein Buch, das die Grenzen des klassischen englischen Romans ausreizt. Mich erwartet eine Prise Spinoza und vor allem „the famous Eliot effect, the narrative equivalent of surround sound“ – eine Interpretation des Genres Roman, die bewusst ohne Hauptfigur auskommt und stattdessen eine Vielfalt gleichrangiger Charaktere vorstellt. Die Frage nach dem Hauptcharakter ist so immer eine Frage der Perspektive.

  • „The novel is a riot of subjectivity. To Mary Garth, Fred Vincy is the central character in Middlemarch. To Ladislaw, it is Dorothea. To Lydgate, it is Rosamund Vincy. To Rosamund, it is herself. And authorial attention is certainly diffuse.“

Folge ich Carolyn Steedman, erwartet mich ein Buch, das durch seine zeitliche Dissonanz strukturiert ist – Middlemarch wurde 1871 veröffentlicht, spielt aber in den Jahren 1829-32. Mich erwartet ein Buch, das Teil einer nostalgischen Bewegung im englischen Bürgertum der 1860er Jahre war. Mich erwartet ein Buch, das eine Rückprojektion des Moralismus der 1860er Jahre auf die sozialen Brüche und politischen Konflikte der 1830er vornimmt, statt sich ‚aus dem Archiv‘ zu bedienen.

  • „Eliot reads class, class concflict, political struggle and questions of political agency through the filter of ‚culture‘. […] Did she know about her own role of diminution and occlusion? – About a political story told in terms of something else?“

Vielleicht erwartet mich aber auch etwas ganz anderes. Vielleicht erwartet mich die Chance, Zadie Smith und Carolyn Steedman anders zu lesen. Vorweggenommene Lektüre ist Vorfreude – und damit die schönste Freude; gerade kurz vor Weihnachten, wenn auf den einen oder die andere vielleicht ein Buch wartet, über das man bereits etwas gelesen hat.

 

Literatur:

George Eliot: Middlemarch, London 2012 [1871].

Zadie Smith: Middlemarch and Everybody, in: dies., Changing My Mind. Occasional Essays, London 2009, S. 28-40 [dt.: Sinneswechsel: Gelegenheitsessays, KiWi 2015, übersetzt von Tanja Handels].

Carolyn Steedman: To Middlemarch: without benefit of archive, in: dies., Dust, Manchester 2001, S. 89-111.

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