Die Journalistin und Schriftstellerin Ece Temelkuran schrieb ihren Essay Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst als Reaktion auf die Gezi-Proteste. Es ist der Versuch, die Ereignisse in einen größeren Kontext einzuordnen und so der Einschätzung entgegen zu wirken, es handelte sich um ein singuläres Ereignis aus dem Nichts heraus. Das Buch erschien 2015. Seither ist in und mit der Türkei derart viel passiert, dass man fragen muss, wie ein Buch über die türkische Gesellschaft und Politik, das vor den Ereignissen des letzten Jahres und der letzten Monate geschrieben wurde, denn noch ‚aktuell‘ sein soll. Aber genau diesen Umstand – dass ein Buch über die  Türkei vermeintlich schneller veraltet, als es geschrieben oder gelesen werden kann – macht Temelkuran zu einem ihrer Schlüsselargumente. Ihre Perspektive auf die moderne Türkei zeigt: Es passiert viel, aber es gelingt nicht, die Geschichte zu sehen und zu erinnern. „Auf der Straße bekommen Sie zu hören: ‚Die Türkei hat ein Gedächtnis wie ein Sieb!‘.“ (S. 40)

„Beim Blick auf die politische und soziale Agenda der Türkei geht es uns allen wie den Nebenfiguren in Jackie-Chan-Filmen. Ohrfeigen und Tritte hagelt es dermaßen rasant, dass wir mit dem Zählen gar nicht nachkommen. Noch bevor wir für einen Schlag Rechenschaft fordern können, trifft uns schon der nächste. Ein Grund dafür liegt aber auch darin, dass wir den Film nicht angehalten haben, um Rechenschaft für die erste Ohrfeige zu verlangen.“ (S. 43f.)

Ece Temelkuran hält den Film an. Ihr Essay porträtiert die Türk_innen als „Brückenmenschen“, die seit der Staatsgründung vor einem Dilemma standen, „was die Frage ihrer Identität und der Definition des ‚hier‘ anging. Obwohl sie pausenlos nach Westen schwammen, zog man sie vom östlichen Ende der Brücke ständig zurück.“ (S. 13) Doch geht es im Essay nicht nur um die geographische und identitäre Brücke zwischen Ost und West. Vielmehr zielt sie darauf, eine Brücke in der Zeit zu schlagen: eine Brücke zwischen gestern, heute und morgen. Ihr Ausgangspunkt sind die Probleme, die sich aus dem Versuch ergeben, das Rad der Geschichte auf null zurückzudrehen.

„Die Vergangenheit verschwand. Wir waren die Erben eines gigantischen Reichs, aber dieses Reich war keinen Heller mehr wert! […] Es gab eine Vergangenheit, die uns stolz machte, aber auch anwiderte. Ein Sultanat, das wir begehrten, für das man uns aber auch verunglimpfte. Die Menschen in diesem Brückenland wuchsen heran wie verwirrte Kinder, die den Gang der Geschichte mit eigenen Augen beobachteten, später aber eine völlig andere Darstellung des Geschehenen auswendig lernen mussten.“ (S. 14)

Die moderne Türkei, so könnte man mit Blick auf eines der zentralen Argumente von Ece Temelkuran festhalten, häuft Gegenwart auf Gegenwart. Es gelingt aber weder in der Politik noch in der öffentlichen Debatte, die immer neuen, scheinbar überwältigenden Ereignisse in Geschichte zu verwandeln und sie zu erinnern, das heißt: sie miteinander zu verküpfen, sie in Beziehung zueinander zu setzen und aus Ausdruck einer wie auch immer gearteten und gerichteten Entwicklung zu interpretieren. Diese Abwesenheit von ‚Geschichte‘, während doch immerfort etwas Großes, Beängstigendes, Verstörendes, Unbegreifliches geschieht, erzeugt jenes titelgebende Gefühl von „Euphorie und Wehmut“, das Ece Temelkurans Essay leitmotivisch durchzieht. Falls es zutrifft, dass die politische Kultur der Türkei eine  große „Übung des Vergessen“ ist; dass „Zeit für dieses Land etwas“ ist, „das es zu überwinden gilt“; dass „hier zu leben bedeutet, danach zu streben, unverzüglich ins Morgen zu gelangen“ (S. 39f.) – dann kommt Ece Temelkurans Essay dem guten Rat gleich, den Buffy ihrer kleinen Schwester Dawn in einer Folge mit auf den (Schul-)Weg gab: Wer in Geschichte durchfällt, ist dazu verdammt, sie in den Sommerferien zu wiederholen.

Euphorie und Wehmut ist der Versuch, aus großen, beängstigenden, verstörenden, unbegreiflichen Ereignissen eine Geschichte zu machen und einem Land zu einem Gedächtnis zu verhelfen. Das gelingt ihr mit den Mitteln des literarischen Sachbuchs in wundervoller Sprache und einem Humor, der alle Schattierungen kennt – vom bitteren Galgenhumor bis zur subtilen poetischen Ironie. Das 60seitige Kapitel Das unsortierte Fotoalbum des Herrn Türkei ist darüber hinaus als Bildessay ein wahres Glanzstück erzählender Zeitgeschichtsschreibung. Wer die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Widersprüche und Dynamiken der türkischen Gesellschaft verstehen möchte, findet allein in diesem Kapitel einen Ausgangspunkt, wie er besser kaum sein könnte.

Ece Temelkuran: Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst, aus dem Türkischen übersetzt von Sabine Adatepe und Monika Demirel, Hoffmann und Campe 2015.

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