Und noch ein Buch

Etwas peinlich, aber nun ist im Wochentakt ein weiteres Buch von mir erschienen. Das passiert in einer Wissenschaftslandschaft, in der sich Projekte und befristete Beschäftigungen ablösen und teilweise überlagern. Die Schiffbrüchigen des Lebens brauchten etwas länger als gedacht, weil am Ende schon das Die Ökonomie der Anderen in den Startlöchern stand – und nun in Buchform erschienen ist.

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Details gibt es hier.

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Der Verlag, der Paketbote und die Belegexemplare

Mein neues Buch ist erschienen! Wäre ich etwas jünger, hätte ich gleich ein unboxing-Video gemacht. Stattdessen freue ich mich einfach so über das Paket mit Belegexemplaren.

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Es handelt sich um meine – ziemlich – überarbeitete Habilitationsschrift, also ein bisschen Wissenschaft. Die Details gibt es hier!

Ich bin nun erstmal beschäftigt …

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Enttäuschung (keine Überraschung). Félix Guattari über den „planetarischen Kapitalismus“

Keine kulturpessimistische Klage über die nie endende Ausschlachtung großer Namen nach dem Ableben ihrer Träger, auch wenn die Textfledderei mitunter nervt und immer irgendwann einen toten Punkt erreicht.

Die gerade bei Merve erschienene kleine Sammlung mit Texten von Félix Guattari (1930-1992), auf die ich durchaus neugierig war, hinterlässt nun leider aber genau einen einzigen Leseeindruck, genauer: eine Fragenserie: Warum nochmal wollte ich das lesen, warum habe ich es gelesen, wer soll das lesen und warum wurde es jetzt veröffentlicht?

Die Hoffnung war, etwas über die Herausbildung des Kapitalismus in seiner globalisierten, digitalen und finanzmarktgetriebenen Gestalt zu erfahren. Und da Guattaris Texte, die Merve unter dem Titel „Planetarischer Kapitalismus“ versammelt, aus den Jahren 1979-1983 stammen – aus jener Zeit also , in der dieser neue, uns heute vertraute Kapitalismus entstand -, hatte ich auf die eine oder andere Idee oder spannende Interpretation einer gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Umbruchsituation gehofft. Nichts davon bieten die eher lieblosen und uninspirierten Gelegenheitstexte Guattaris.

Da wird etwa geraunt über das Kapital als „semiotischen Operator“, etwas Globalisierungstheorie geboten (der neue Kapitalismus betriebe gleichzeitig eine De- und Reterritorialisierung von Macht), etwas die marx’sche Mehrwerttheorie variiert (Profit werde nicht nur durch menschliche Arbeitskraft, sondern auch durch Maschinen erzeugt) und etwas über einen zunehmenden Kontrollverlust der bürgerlich-kapitalistischen Mächte prophezeit. Vieles von dem ist wenig spektalulär und erhält eine eigene Note lediglich durch Guattaris sprachliche und begriffliche Färbung: Da wirken „molekulare Mächte“, das Kapitel ist eine semiotische Kategorie und im Klassenkampf begegnen „revolutionäre Kriegsmaschinen“ und „Agencements des Begehrens“.

Im Wesentlichen ist das – zumindest in diesen Texten – Zeitkolorit. Analytischer Mehrwert entweder für das Verständnis des globalen Kapitalismus um 1980 oder gar für die Entwicklungen seither bietet das kaum.

Warum – und für wen – diese Texte dann 2018 zusammengetragen, übersetzt und veröffentlicht werden? Vielleicht hat das etwas mit einer nostalgischen Wende populärer Gesellschaftskritik zu tun; mit der Wiederbelebung einer heterodoxen Gesellschafts- und vor allem auch Kapitalismuskritik aus dem Umfeld des Alternativmilieus post-68. Autoren wie Guattari – aber auch, beispielsweise, André Gorz – entwickeln dann vielleicht ihren Reiz als Chronisten der beginnenden Gegenwart.

Félix Guattari: Planetarischer Kapitalismus. Übersetzt von Ronald Voullié und Frieder O. Wolf., 136 Seiten, Merve Verlag: Berlin 2018.

Weil heute sein Geburtstag ist …

Die Feierlichkeiten laufen allerorten. Hier etwa gibt es (immer) noch eine hochkarätige Tagung im Livestream, und hier eine wundervolle Internetpräsenz. Schließlich wird ein Karl Marx nur einmal im Leben 200 Jahre alt! Und dabei haben wir alle doch erst im letzten Jahr 150 Jahre Das Kapital. Erster Band gefeiert.

Ich beteilige mich gern mit zwei kleinen Geschenken: mit einem kleinen Essay für Karl, in dem ich erkunde, ob das „Kapital“ vor dem „Schatz“ zittern muss; und mit einer wohlgemeinten Warnung für alle Interessierten, welche der umfangreichen Marx-Biographien man vielleicht eher NICHT lesen sollte.

In diesem Sinne:  Happy Birthday!

Die Wiederentdeckung der „zweiten Linken“

Die Gesellschaftskritik der alternativ-linken Bewegungen der ‚langen siebziger Jahre‘ – die Diagnosen und Utopien der Post-68er – scheinen für das 21. Jahrhundert, noch oder wieder, eine gewisse Strahlkraft zu haben. Ökologische Krise, Konsumismus, entgrenztes Wachstum, flexibler Kapitalismus – die seit ’68‘ geprägten Schlagworte wirken weiterhin und scheinen wie gemacht für eine Kritik heutiger Verhältnisse. Ähnlich verhält es sich mit den Reformvorschlägen und Zukunftsperspektiven: Nullwachstum, Nachhaltigkeit, immaterielle Arbeit, Wissenskommunismus, Grundeinkommen – allesamt Ideen und Konzepte, deren zaghafte Formulierung in die sechziger und siebziger Jahre zurückverfolgt werden kann.

Folgerichtig lädt ein schöner kleiner Band aus dem Wagenbach-Verlag dazu ein, André Gorz – „einen fast vergessenen Denker“ – neu zu entdecken. Gorz’ philosophisch-soziologische Analysen seit den späten 1950er-Jahren oder seine Reportagen im „Nouvel Observateur“, den er 1964 mitbegründete – der vorliegende Band versammelt vor allem eher journalistische Texte der Jahre 1976 bis 2005, oft in deutscher Erstübersetzung –, lassen sich als laufender Kommentar zum Strukturwandel westlicher Gesellschaften lesen; ein Strukturwandel der nicht abgeschlossen ist.

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Neben einigen spannenden Texten von Gorz enthält der Band „kritische Würdigungen von Constanze Kurz, Otto Kallscheuer, Claus Leggewie, Petra Gehring, Sarah Speck, Karena Kalmbach, Wolfgang Stenke und Stephan Lessenich, deren eigenes Denken und Handeln stark von ihm beeinflusst sind oder die sich neuerlich von ihm inspirieren lassen.“ Diese Texte geben einigen Aufschluss über die Befindlichkeiten der heutigen Gesellschaftskritik. Sie zwingen Leser_innen dazu, sich mit der Frage zu beschäftigen, was sich aus früheren kritischen und utopischen Entwürfen für eine linke, progressive Politik heute lernen lässt. Aber auch: ob Gegenwart und Zukunft einer solchen Politik tatsächlich in einer Neuauflage der Diagnosen und Utopien der alternativ-linken Post-68er liegen können. Ich wäre hier skeptischer als einige der Beiträger_innen in diesem Band.

Leggewie, Claus; Stenke, Wolfgang (Hrsg.): André Gorz und die zweite Linke. Die Aktualität eines fast vergessenen Denkers. Mit Übersetzungen aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Wagenbach: Berlin  2017. 176 Seiten. 13,90 EUR.

[Eine längere Besprechung, die stärker die Bedeutung der Texte von Gorz als Quelle für die Geschichtswissenschaft diskutiert, habe ich auf H-Soz-u-Kult veröffentlicht.]

Tanz der Intersektionalität. Zadie Smith, Swing Time und die traurigen Gothic-Kids

Swing Time, der aktuelle Roman von Zadie Smith (in diesem Herbst in deutscher Übersetzung von Tanja Handels erschienen) erzählt die Geschichte einer Freundschaft und mehrfach gekreuzter Lebensläufe. Diese Geschichte beginnt nicht damit, dass die namenlose Ich-Erzählerin und Tracey zufällig in der gleichen Londoner Sozialbausiedlung aufwachsen – auch wenn dieser Umstand und das, wofür er politisch, sozial, ökonomisch und kulturell steht, wichtig sind -, sondern mit einer Entdeckung der beiden Mädchen: „Our shade of brown was exactly the same […] and our freckles gathered in the same areas.“ (S. 9)

Hinter der gleichen Sozialbausiedlung und dem gleichen Hautton verbergen sich Unterschiede: auf der einen Seite die Tochter einer jamaikanischen Mutter, deren intellektuelle und politische Ambitionen durch ein erzwungenes Hausfrauendasein nicht „gezähmt“ werden können, und eines Vaters aus der englischen Arbeiterklasse; auf der anderen Seite die Tochter eines meistens abwesenden, jamaikanischen Kleinganoven und Posers und einer englischen Mutter, die im durch Klassenvorurteile geprägten Diskurs der Dämonisierung der Arbeiterklasse, den Owen Jones 2011 in einem klugen Buch rekonstruiert hat, wohl chav genannt werden würde.

Zadie Smith erzählt die Geschichte einer Freundschaft, die sich in geteilter Leidenschaft für das Tanzen auslebt. Die beiden Mädchen profitieren davon, dass die alten Hollywood-Tanzfilme auf VHS verramscht werden und die Kirche im Gemeindehaus einen Tanzkurs auflegt. Die Geschichte folgt der Tanzkarriere von Tracey und dem Weg der Erzählerin – als Personal Assistant – in die Welt der globalen Popstars. Dabei verhandelt Smith die britisch-jamaikanische Migration, die Mobilisierung der karibischen Geschichte im Diskurs (post-)kolonialer Politik und die Bedeutung von ‚Afrika‘ als politischem Imaginationsraum und Projektionsfläche einer globalen Charity-Elite.

Wie die Romane von Zadie Smith überhaupt, so kreist auch Swing Time um Fragen, die seit einiger Zeit unter dem Etikett der Intersektionalität verhandelt werden. Gemeint sind damit die Zusammenhänge von Geschlecht, Klassen- und ethnischer Zugehörigkeit (oder besser: Zuschreibung) und deren Rolle bei der Produktion gesellschaftlicher Ein- bzw. Ausschlüsse und Machtverhältnisse. Swing Time tanzt durch die Kategorien. Die theoretisch reflektierte und sprachlich herausragende Literatur von Zadie Smith reproduziert nicht den wahlweise abwertenden oder mitleidigen Blick der (oberen) Mittelschicht auf „die da unten“, der sich in zeitgenössischen Romanen gern als „sozialkritisch“ oder „engagiert“ tarnt. Swing Time ist ein Roman der Differenzen: nicht in erster Linie der simplen Differenz von „schwarz“ und „weiß“ oder von Mittel- und Unterschicht (wobei ein differenziertes Portrait oft ersterer vorbehalten bleibt). Smith sieht dagegen Abgrenzungsbemühungen, Eifersucht, konkurrierende und unvereinbare Ambitionen, aber auch Solidarität und zeitweilige oder dauerhafte Allianzen und Verbundenheiten, die das Leben in der scheinbar so homogenen Welt der „sozial Schwachen“ von Grund auf strukturieren. Der Traum von stardom und der harte Weg in die Londoner Musicaltheater sind etwas anderes als lokalpolitisches Engagement, das als Labour-MP endet oder der erste Schritt an eine Universität:

„But for the rest of us, who were only ever one remove, or occasionally two, distant from father machinists and mother cleaners, from grandmother orderlies and grandfather bus drivers, we still felt we had done the miraculous thing, that we were ‚the first in our line to go‘, and this in itself was enough.“ (S. 286)

Irgendwann begegnen in dieser Welt die „sad young goths hanging their feet over the bridge, bunking off school, shadows of myself from a decade before“ (S. 87). Die Ich-Erzählerin, zu diesem Zeitpunkt, den mittleren Neunzigern, mit wenig zu tun, aber allen Möglichkeiten einer verschwenderischen Zeit als Künstler_innen-Betreuerin eines Musiksenders („an extended period of playtime, in which we were forever expecting the arrical of adults, who never arrived … we had nothing but time“, S. 86f.) – war zehn Jahre zuvor also ein sad young goth! In Cool Britannia, unter all den „rebooted Mods“ (S. 88), löst das ein nostalgisches Lächeln aus.

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Gothic wird erinnert als – melodramatisch überspitzt – „last exit for the lost“ (Fields of the Nephilim) und als perfekter „ersatz tribe“ (Zadie Smith).

„I, meanwhile, was caught completely unawares by adolescence […] as the friedship rings began to form and harden around me, defined by colour, class, money, postcode, nation, music, drugs, politics, sport, aspirations, languages, sexualities … In that huge game of musical chairs I turned round one day and found I had no place to sit. At a loss, I became Goth – it was where people who had nowhere to go ended up. Goths were already a minority, and I joined the oddest chapter, a small group of only five kids. One was from Romania and had a club foot, another was Japanese. Black Goths were rare but not unprecedented: I’d seen a few of them hanging around Camden and now copied them as best I could, dusting my face ghost-white and painting my lips blood red, letting my hair half-dread and spraying some parts of it purple. I bought a pair of Dr Martens and covered them in Tipp-Exed anarchy symbols. I was fourteen: the world was pain. […] I hated the music, and there was no dancing allowed – just pogoing up and down, or else swaying drunkenly into each other – but I liked that the political apathy disgusted my mother and that the brutality of my new look brought out the keenly maternal side of my father, who now worried about me endlessly and tried to feed me up as I gothically lost weight.“ (S. 215f.)

Die ganze Komplexität der Zugehörigkeit und Ausdrucksformen wird deutlich, als die Erzählerin auf dem Nachhauseweg aus einem Indieclub am Jazz Café vorbeigeht.

„[I] was struck by what a different crowd was gathered at its doors, not on their way out but on the way in, and not all drunk, as these were people who loved dancing, who did not need to be drunk to convince their bodies to move. Nothing they wore was torn, or shredded or defaced with Tipp-Ex, everything was flash as flash could be, the women shone and dazzled, and no one sat on the ground, on the contrary all effort had been made to separate the clientele from the ground: the men’s trainers had two inches of air built into them, and the women’s shoes had double that in heels. I wondered what they were queuing for. Maybe a brown girl with a flower in her hair was going to sing for them.“ (S. 231f.)

Das Tanzen, das andere Aufreten, die andere Haltung und die andere (imaginierte) Rolle des „brown girl“ – hier ließe sich, ausgehend von Swing Time, aber das eigentliche Thema des Romans auch verlassend, noch einmal die Frage nach den (neu-)rechten Tendenzen in der Gothic und Darkwave-Szene diskutieren, die Martin Büsser mit dem Bemühen einiger Künstler um „musikalische Reinheit“ in Zusammenhang bachte – eine Musik, die „explizit Anti-Pop sein will, sich also vor allem gegen US-und afroamerikanische Tendenzen wendet“ (Wie klingt die neue Mitte? Rechte und reaktionäre Tendenzen in der Popmusik, Ventil Verlag 2001, S. 91). Dem nachzugehen bedeutete freilich einen Rollenwechsel: Ich schriebe dann nicht mehr als glühender Zadie Smith-Leser, sondern als Old School Goth.

Zadie Smith: Swing Time, 464 Seiten, Hamish Hamilton/Penguin 2016.

Strike a Pose! Gal Gadot, Cara Delevingne, oder: Hilfe, die Models schauspielern?

Models, die schauspielern. Die Filmkritik jubelt, denn das heißt: Es lässt sich eines der liebsten Klischees auspacken – und dafür noch selbstbestätigungsgesättigtes Kopfnicken bei Leser_innen hervorrufen. Gal Gadot und Cara Delevingne sind zwar Models und sie seh’n gut aus, Schauspieltalent als Wonder Woman oder Laureline (in Valerian – Die Stadt der tausend Planeten) will man ihnen dann aber doch lieber nicht zugestehen. Die haben ja nur einen Gesichtsausdruck, schreit der Chor. Irgendetwas zwischen naiv-dümmlich und sexy-lasziv. Models halt.

Ich bin zwar gerade nicht in der Stimmung, Links herauszusuchen, habe derartige Bemerkungen aber sicher einige Male gelesen, auch wenn es mitunter freundlicher fomuliert wird; etwa von Vivien Kristin Buchhorn in ihrer Kritik an Valerian im Freitag (29/2017):

„Das Spiel der Protagonisten ist dabei genauso ausdruckslos wie ihre Sprache. Cara Delevingne wirkt, als würde sie die Kamera mit einem Spiegel verwechseln, in dem sie ihren Modefoto-Look trainiert. Dane DeHaans glatte Mimik wird zu einem zweiten Schutzanzug, und selbst die Kraft eines Clive Owen (als Commander Arun Filitt) wird von der Montage in kurze Wutausbruch-Sequenzen verbannt, wo sie unbeachtet verkümmert. Nahaufnahmen werden so nicht zu einem Vergrößerungsglas für Ausdruck und Gefühl, sondern zu Maskenbildern.“ [meine Hervorhebung, TL]

Was auch sonst? Schauspielkunst muss natürlich immer und ausschließlich bedeuten, ‚Tiefgründigkeit‘ und ‚Charakter‘ mit virtuoser Gesichtsakrobatik ‚zum Ausdruck‘ zu bringen. Wer das nicht tut, schauspielert nicht anders, sondern schlecht. Mich überzeugt das nicht. Die Neigung, emo-expressive Mimik nicht als eine bestimmte Schauspielästhetik, sondern als Schauspiel schlechthin zu behandeln ist nichts anderes als Faulheit der Kritik. Faul, weil sie sich nicht die Mühe macht, die Möglichkeit verschiedener Stile auszuloten; faul auch, weil sie die Ästhetik eines Films auf den ‚Gesichtsausdruck‘ der Schauspieler_innen reduziert.

Was wäre, wenn man – nur für einen Moment – unterstellt, dass Gal Gadot, Cara Delevingne, ihre Directors und Directors of Photography wissen, was sie tun und das auch können (was nicht heißt, dass es gefallen muss). Einige der Szenen in Wonder Woman und Valerian, die als Beleg der Mimikinkompetenz von Gadot und Delevingne herhalten müssen, wirken tatsächlich doch wohl eher so, als handele es sich um den Versuch, eine Ästhetik zu entwickeln, die den Film (im Kino auf der großen Leinwand) absichtlich möglichst weit weg von der Theatralik des Theaters und möglichst nah heran an die Oberflächlichkeit der Fotografie führt. Man mag das zeitkritisch als Zugeständnis an die Fotoisierung der Weltwahrnehmung in digitalen Zeiten, oder einen Kommentar zu dieser Ästhetik, interpretieren (in Teju Coles aktueller Essaysammlung Vertraute Dinge, fremde Dinge, HanserBerlin 2016, übersetzt von Uda Strätling, finden sich kluge Bemerkungen zu diesem Thema).

In Wonder Woman und Valerian gibt es zahlreiche Momente, in denen die Kamera absichtsvoll Blicke als Blicke einfängt, in denen das Bewegtbild des Films zur stillgestellten Pose des Fotos wird: Posen, die als Posen konzipiert, durchgeführt und als solche zu erkennen gegeben werden. Das sollte man nicht mit schauspielerischem Unvermögen verwechseln, auch wenn einem die posenhafte Ästhetik des selfie im Kino nicht zusagt.

Gal Gadot und Cara Delevingne – die Models, die gut ausseh’n – schauspielern im Dienst einer fotografischen Filmästhetik in einer Weise, die das komplette Gegenteil dessen ist, was Heidi Klum ihren ‚Mädchen‘ immer als Zusatzqualifikation eines Models aufdrängt. Heidis Models sollen Laienschauspielerinnen sein, die mit Expressivität und Theatralik ein erfundenes Inneres ‚zum Ausdruck‘ bringen. Das will dann wirklich niemand in einem Film sehen. Gadot und Delevingne – oder besser: die Art und Weise, wie die Kamera sie einfängt und inszeniert – bedienen jedenfalls nicht dieses merkwürdige Klischee, Charakter, Persönlichkeit und tiefste Gefühle müssten auf der Leinwand vom Gesicht abzulesen sein. Das reflexhafte Bashing schauspielernder Models mag daran liegen, dass die Art ihres Spiels ein gewisses Unbehagen bei den Zuschauer_innen hervorruft, signalisiert sie doch stets: Ich weiß, dass Du mich auf der Leinwand beobachtest. Jeder Gesichtsausdruck existiert nur, weil Du mich beobachtest. Ich offenbare damit nicht meine Gefühle, sondern posiere für die Kamera.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich halte die Klischees des schauspielernden Models und des reflexhaften hat nur einen Gesichtsausdruck (mit dem ja auch nicht-modelnde Schauspielerinnen wie Kristen Stewart gern überzogen werden) für eine Sackgasse der Filmkritik – und Valerian ist ein durchaus unterhaltsamer Film, der Schwächen hat, aber auch Stärken.