hören/sehen/lesen 2013 – meine top 9

09/12/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Wie schon 2011 und 2012, meine Jahresabschlussbestenliste:

Es handelt sich um die Top 9 derjenigen kulturindustriellen Produkte, die ich gekauft und auch (schon) gehört/gesehen/gelesen habe. Es ist weder eine Wunschliste, noch eine Aussage über die besten Dinge ‚überhaupt‘. Irgendwie fehlen wieder Filme auf der Liste (was aber an meiner retromanen DVD-Kaufpolitik liegen dürfte …) Außerdem begrüße ich zwei neue Genres auf der Liste: eine ‚akademische‘ Studie sowie einen Zeitschriftenaufsatz!

9) Girls (Season 1)

Die erste Staffel der Fernsehserie Girls ist eigentlich sooo 2012, in deutscher DVD-Veröffentlichung aber eben 2013 – und daher auf dieser Jahresliste. Über Lena Dunhams Serie ist viel geschrieben worden; in der Regel pendelte das zwischen Lob und Begeisterung. Einerseits bietet die Serie grandiose Komik, die einem das Lachen immer wieder einmal auch im Halse stecken bleiben lässt. Andererseits finden sich nicht unspannende Interpretationslinien eines ganz bestimmten (generationellen) Milieus. Allerdings, ein sehr begrenztes Milieu: die eliteuniversitär gebildeten girls (and boys) der gehobensten Mittelschicht und unteren Oberschicht, deren Prekarität darin besteht, ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr den kompletten (und auch keinesfalls unterschichtigen) Lebensunterhalt von ihren Eltern überwiesen zu bekommen. Soziales Elend bedeutet hier, dass man es sich nicht mehr leisten kann, unbezahlt bei einem hippen Verlag herumzuwerkeln oder, dass man sich das Zimmer im hippen Teil Brooklyns nun halt von der Mitbewohnerin finanzieren lassen muss. Weder Umzug noch ordinäre Lohnarbeit werden dabei als Lösung auch nur in Betracht gezogen …

8) Adult -The Way Things Fall

Wenn – Achtung, Floskel! – Legenden zurückkehren, dann werd sogar ich zum Elektropunk, imaginiere Tanzflächen herbei und frage mich: Will we, will we live like this forever? Dieses Album ist vielleicht das beste Tanzalbum seit Soft Cell: Non Stop Erotic Cabaret – – –

7) David E. Nye – America’s Assembly Line

Hier nun der akademische Titel. Ich bin nun einmal Historiker mit Interesse an Industriegeschichte – und da freut es mich halt, das tolle Buch eines amerikanischen Kollegen zu lesen, in dem das Fließband als Signatur des amerikanischen 20. Jahrhunderts diskutiert wird; das Fließband als technisches, soziales und kulturelles Konstrukt, das in Fabrikhallen ebenso zu Hause ist wie im Kino oder zahlreichen Romanen. Hut ab, David Nye. Klasse Buch.

6) Enrique Vila-Matas – Dublinesk

Ein alternder spanischer Verleger und der Bloomsday der Dubliner und weltweiten James Joyce-Gemeinde sind die Helden von Enrique Vila-Matas‘ Roman „Dublinesk“, der 2013 in der Anderen Bibliothek erschienen ist, in deutscher Erstübersetzung von Petra Strien. Literatur ist eben doch das Leben. Vila-Matas kannte ich bisher nicht, bin nun aber von seiner feinen Sprache und dem subtilen Humor beeindruckt. Danke, C.W., für das Geschenk!

5) Bruce Robbins – Balibarism!

Bruce Robbins‘ als ‚Rezension‘ einiger neuer Schriften Etienne Balibars getarnter, monumentaler Essay, erschienen in n+1 (issue 16), ist und war mir zum Lektürezeitpunkt – wie man so schön sagt – ‚aus der Seele geschrieben‘. Robbins liefert eine grandiose Polemik gegen den radikal-schicken, quasi-religiös eifernden Mystizismus der hippen Neo-Kommunismustheoretiker um Alain Badiou, Jacques Ranciere oder Slavoj Zizek – und feiert, mit beeindruckender argumentativer Schärfe, den radikalen Reformismus von Etienne Balibar. Wer sich für politische Theorie interessiert, muss diesen Aufsatz lesen. Wirklich.

4) Colin MacInnes – Absolute Beginners

1959 erschien in London DER literarische Gründungstext der neuen teenage pop generation: Colin MacInnes‘ „Absolute Beginners“, irgendwann verfilmt und, natürlich wichtiger, vertont von Peter Weller’s Band The Jam, später auch von David Bowie. Der Roman führt die Selbsterfindung des „Teenagers“ zwischen Konsum, Musik und Politik vor, ein so wütendes wie berührendes und lustiges Bemühen um Eigenständigkeit. Im ziemlich neuen und ziemlich guten Metrolit Verlag ist 2013 endlich, endlich eine Neuübersetzung erschienen. Die Übersetzer_innen Maria und Christian Seidl fangen den unruhigen, jugendlich arroganten Stil ein, den sprachlichen Jazz, der das Buch ebenso ausmacht wie die ‚Story‘. „Willkommen in London! Grüße aus England! Darf ich Euch mit Eurem ersten Teenager bekannt machen!“

3) Savages – Silence Yourself

Dass das Debütalbum von Savages nicht in meiner Reihe „es könnte goth sein“ auftaucht, liegt daran, dass „Silence Yourself“ schlicht goth ist und nicht nur sein könnte. Musikalisch hat Jenni Zylka das Album im Rolling Stone schick auf den Punkt gebracht: „What the heck! Es ist kein Verbrechen, wie Siouxsie And The Banshees zu klingen.“ Hinzuzufügen bleibt: Es ist auch kein Verbrechen, dabei wie Ian Curtis auszusehen.

2) Georg Klein – Die Zukunft des Mars

Mit Georg Kleins aktuellem Roman habe ich mich an anderer Stelle schon etwas detaillierter beschäftigt, daher soll hier der Hinweis genügen: ein wirklicher Lektüregenuss – nicht nur für Science Fiction Liebhaber_innen! Sprache und Komposition und Geschichte greifen hier so wunderbar ineinander, dass man gar nicht weiß, wovon man sich zuerst begeistern und beeindrucken lassen soll. Die Gestaltung des Buchs – der Rowohlt-Verlag hat eine wahre Schönheit hervorgezaubert – schreit danach, es flächendeckend zu verschenken.

1) Colleen Green – Sock It To Me

Sonnenbrille und eine Gitarre, die auch ein Gewehr sein könnte, ein Gesang, der zumindest mir keine Fluchtmöglichkeit lässt und mich Song für Song an sich kettet. Colleen Green’s Album „Sock It To Me“ ist definitiv der musikalische Höhepunkt des Jahres (Sorry, Kanye West). Das hätte viel mehr diskutiert und gefeiert werden sollen und müssen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass ich das vielleicht gar nicht mitbekommen hätte …

alice in her party dress: resident evil 5

01/10/2012 § 8 Kommentare

Mein Name ist Alice. Ich habe für die Umbrella Corporation gearbeitet. Ich war Sicherheitschefin eines unterirdischen Laborkomplexes namens The Hive. Ich bin dafür verantwortlich, dass Dr. Luks seinen ersten 3D-Film im Kino gesehen hat, dass er ein halbes Dutzend Herzstillstände hatte und nun davon überzeugt ist, dass diese 3D-Technik wohl nicht mehr aus dem Kino verschwinden wird.

Dass ich Resident Evil liebe, habe ich schon wiederholt gestanden. Daher kann und will ich hier auch keine Filmkritik von Resident Evil: Retribution (Regie: Paul W.S. Anderson) schreiben – schließlich besteht eine wichtige Kritiker_innenregel darin, kein Fan des Besprochenen sein zu sollen. Natürlich ist Resident Evil: Retribution ein genauso grandioses Spektakel wie immer. Alice prügelt und begnügt sich mit wenigen kürzestmöglichen Sätzen. Wie immer sind manche Choreographien von poetischer Schönheit.

Die Prozeduren des Ein- und Umkleidens in Resident Evil wären eine eigene kleine Studie wert, die ich sofort in Angriff nehmen würde, wenn ich ein Experte in kulturwissenschaftlichen fashion studies wäre. Die Filme, vor allem der aktuelle Teil, spielen permanent mit Outfits und ritualisierten, symbolisch aufgeladenen Outfitwechseln. Die Filme verhandeln das wundervoll komplexe Verhältnis von Kleidung, Identität und Realität immer wieder neu. Sie spielen damit, dass bestimmte Outfits als Verkleidung (ein hübsches Vorstadthausfrauenkleidchen zum Beispiel) sichtbar werden und damit anzeigen, dass irgendetwas mit Alice und der Welt nicht stimmt, dass man sich auf einer Traum- oder Simulationsebene befindet. Alice‘ Changieren zwischen virtuos geschneiderter Krankenhaus- und Quasi-Gefängniskleidung auf der einen und ebenso experimentell designten Kampfmonturen auf der anderen Seite sind Legion. Alice in her party dress …

Resident Evil: Retribution bietet nicht nur Fashion(study)nistas einiges. Freund_innen virtueller Realitäten kommen auf ihre Kosten, weil der Film mit mehr als einem Augenzwinkern die vorangegangen Teile als Trainings- und Demonstrationslevel simuliert. Freund_innen düsteren Bombastsounds werden ebenfalls bedient. Der Soundtrack – beigesteuert vom transmedialen Komponistenduo tomandandy – klingt mitunter, als hätten Dead Can Dance den Sound von Winnetou mit atombetriebenen Synthesizern neu eingespielt. Das filmische 3D-Spektakel bekommt so eine beeindruckende weitere Dimension.

Nicht zuletzt bietet Resident Evil nun schon zum zweiten Mal die großartige Gelegenheit, die beiden ikonischen Actionstars unserer Zeit – Milla Jovovich und Michelle Rodriguez – in einem Film zu bewundern. Es ist schön zu sehen, dass der Typus Actionstar nicht mehr (allein) durch diesen Seniorentanztee um Sly Stallone definiert wird …

resident evil lieben lernen

02/09/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Endlich versteht mich jemand. Das kommt nicht oft vor, zumal dann nicht, wenn es um meine Liebe zu Resident Evil (den Filmen!) geht, der ich immerhin den allerersten Beitrag zur Eröffnung dieses Blogs gewidmet habe.

Nun ist es aber doch passiert.

Daniel Sander hat im aktuellen KulturSPIEGEL (9/2012) in einem hinreißenden Artikel mit dem Titel Ein Herz für Untote seine Liebe erklärt. Zu Unrecht, so Sander zu Recht, werden die Filme gering geschätzt, verspottet usw. Niemand ließ sich bisher dazu herab, die Hitchcock-Verbeugungen und die Lewis Carroll-Anspielungen, den Witz, die Phantasie und den innovativen Charakter der Actionszenen zu würdigen.

Es sind aber nicht diese Hinweise, die mich zu einer kleinen Lobeshymne auf den Artikel von Daniel Sander verleiten, sondern seine Ausführungen zu Alice/Milla Jovovich. Was er dazu schreibt, trifft den Kern der Filmreihe und macht deutlich, warum man Resident Evil lieben (lernen) sollte.

„Wenn Milla Jovovich jemandem den Kopf verdreht, dann nur, um ihm das Genick zu brechen. Sie ist nicht die Sorte Frau, die in Zeiten der Apokalypse in der Ecke steht und darauf wartet, dass ein Ritter vorbeikommt und ihr den Weg zum Happy End freischießt. Sie schießt selbst. Oder tritt und schlägt und hackt. Sie tut, was getan werden muss, im Dienste der Menschheit. Milla Jovovich ist meine Heldin.“

Daniel Sander kommt in seinem Artikel auf hier und da den Filmen gegenüber vorgebrachte Sexismusvorwürfe zu sprechen, die im Wesentlichen darin gründen, dass Alice in der Regel in den knappestmöglichen Outfits unterwegs ist und auch mal in Strapsen kämpft. Sander rückt diesen Vorwurf ein wenig zurecht, wenn er schreibt:

„Doch keiner der männlichen Co-Charaktere würde es je wagen, dazu einen anzüglichen Kommentar abzugeben oder auch nur einen lüsternen Blick zu riskieren. Weil er weiß, dass er dann sehr bald tot wäre. Alice kokettiert mit ihrer Sexualität, ist aber nie Sexobjekt. Sie ist die Ikone all jener, die seit vergangenem Jahr auf den weltweiten ‚Slutwalks‘ dafür demonstrieren, dass wenig Kleidung keine Einladung zur Vergewaltigung ist.“

Mir ist diese Facette völlig entgangen, als ich vor einiger Zeit versucht habe, die feministischen Potentiale von Resident Evil auszuleuchten. Um so schöner, dass Daniel Sander das nun nachgeholt hat.

Zwei Sexszenen: Roeg/Christie/Sutherland vs. Annaud/Vargas/Slater

03/07/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenige Dinge geben deutlicher Auskunft über die Qualität eines Films – vor allem Regie, Kamera und Schauspiel – als Sexszenen. Sexszenen sind eben nicht nur Sexszenen, nicht nur Abbildung und Darstellung sexueller Handlungen im Medium des Films. Vielmehr transportieren sie filmästhetische, kulturelle und (geschlechter-)politische Vorstellungen.

Zwei Beispiele; bei  beiden handelt es sich um sehr berühmte, viel diskutierte und beeindruckend gefilmte Szenen, die dennoch ganz unterschiedlich funktionieren.

1) Julie Christie und Donald Sutherland in Wenn die Gondeln Trauer tragen (OT: Don’t Look Now) aus dem Jahr 1973 (Regie: Nicolas Roeg)

http://www.metacafe.com/watch/2276677/julie_christie_from_movie_dont_look_now/

Das ist sie, die wohl kontroverseste Sexszene (Hatten die beiden wirklich Sex? – bis heute kann man abwechselnd mit der einen oder anderen Antwort Schlagzeilen machen) im unbestritten besten britischen Film aller Zeiten (so jedenfalls immer wieder die entsprechenden Umfragen und Hitlisten).

Eine derart intensive bzw. intensiv gefilmte Sexszene wäre in jedem anderen Film als etwas Solitäres dargestellt worden, etwas Einzigartiges – life changing, wie das dann immer so schön heißt. Nicht so bei Nicolas Roeg. Beeindruckend ist hier die Parallelmontage von Sex und schrittweisem Ankleiden beider nach dem Sex. Sex ist ein Teil eines Lebens, zu dem ganz selbstverständlich auch andere Teile gehören. Das Besondere an dieser Sexszene ist, dass Sex (und mag er noch so besonders sein) auch nichts Besondereres ist als der anstehende Restaurantbesuch.

Der Sex zwischen Julie Christie und Donald Sutherland ist weiter als nur irgend möglich von quasi-natürlicher, instinktiver Sexualität entfernt. Hier kommunizieren zwei Körper – sophisticated. Es ist Kommunikation unter Gleichen. Dieser Körpersprache ist es egal, ob ein männlicher oder weiblicher Körper sie spricht. Helligkeit und Eleganz im Filmischen wie auch der Ausstattung der Szenerie sagen zudem klar und deutlich: This is the Modern Life. Hier wird nicht mythisiert oder bei Schummerlicht in neckischer Kleidung verklärt.

2) Valentina Vargas und Christian Slater in Der Name der Rose aus dem Jahr 1986 (Regie: Jean-Jacques Annaud)

Die Szene zwischen Valentina Vargas und Christian Slater in dieser Bestsellerbestsellerverfilmung funktioniert ganz anders. Annaud verwendet die Sexszene, um das große Thema Natur/Zivilisation zu verhandeln.

‚Das Mädchen‘ – sie hat keinen Namen und redet im ganzen Film kein Wort – ist das dunkle, erdige, ursprüngliche und urmenschliche Leben; animalische Natur und sonst nichts. Sie ergreift die Initiative, ohne dass man sagen könnte: Sie ist die Veführerin. Sie verführt eben nicht. Verführung ist ein viel zu zivilisiert-verspieltes Konzept, als dass es einen Platz im rein instinkthaften Handeln ‚des Mädchens‘ haben könnte. ‚Das Mädchen‘ ist nicht nur aller Kleider, sondern auch aller Zivilisation entkleidet. Dagegen der Mönch Adso von Melk. Hochkultiviert, als Adelssohn und Novize der Höhepunkt der Zivilisation des frühen vierzehnten Jahrhunderts.

Jean-Jacques Annaud erzählt in dieser Szene eine Geschichte, die nicht das Hohelied von Kultur und Zivilisation singt. Es ist keine Geschichte vom Zivilisationsprozess oder von einer Zivilisierung der ‚Barbaren‘ und ‚Wilden‘ im Inneren und außerhalb der zivilisierten Welt. Annaud erzählt die Geschichte einer (vermeintlich) ‚falschen‘ und in die Irre geleiteten Zivilisation. Adso von Melk könnte als sadistischer, fanatischer, ideologischer, scheinheiliger, gieriger Kleriker enden (wie all die anderen Exemplare, die der Film fratzenhaft vorführt). Dass er es nicht tut, liegt an ‚dem Mädchen‘. Sie ist es, die ihn mit ihrem instinktiven, sexuellen Begehren ‚erdet‘. Durch sie hält er die Verbindung zu einer ur-menschlichen Natur, die bei allen anderen durch die Zivilisation korrumpiert wurde. In der Konfrontation mit der naturgewaltigen Sexualität ‚des Mädchens‘ muss Adso feststellen, dass seine verfeinerten Kulturtechniken nicht funktionieren – sie sind schlichtweg nutzlos im Umgang mit einer Natur, zu deren Kultivierung sie erst erfunden worden waren.

Das ist die Geschichte, die die Sexszene in Der Name der Rose erzählt. Es ist eine Geschichte, die ihre ganz eigenen Probleme mit sich bringt. Sie transportiert einen heiklen Exotismus voller Geschlecherstereotypen. In anderen Kontexten hat man derartiges auch schon Rassismus (hier vielleicht besser: ‚Klassismus‘, weil Annaud eben keine fremden Ethnien, sondern eine soziale Schicht exotisiert) und Sexismus nennen dürfen. Das namenlose Bauernmädchen ist die ‚edle Wilde‘ voller ’natürlicher‘, instinkhafter Sexualität. Annauds Sexszene berichtet von wenig mehr als der Natürlichkeitssehnsucht und den erotischen Phantasien des gebildeten Mannes. An ihrer filmästhetischen Qualität ändert das aber nichts.

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Also, eine Sexszene ist einfach nur eine Sexszene?

Snow White & the Huntsman – arme Kristen Stewart

13/06/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Hier noch eben schnell ein kleiner Blitzblog, fast just in time. Gerade geht ein schöner Kinoabend zu Ende. Dass der Abend schön war, lag an Popcorn und Cola (Suchtbefriedigung macht immer ein wenig glücklich) und der amüsanten Begleitung. Am Film – Snow White & the Huntsman – lag es nur bedingt. Ein Meisterwerk hatte niemand erwartet, zu schlecht (einhellig und überzeugend) waren die Kritiken. Der Film hatte zwar hier und da seine (kurzen) Momente, vieles davon war aber eher unfreiwillig komisch.

Völlig daneben ist allerdings der Tenor der meisten Kritiken, die ich vorab gelesen habe. Immer wieder heißt es da, Kristen Stewart falle durch miese Schauspielerei auf, sie habe nur einen Gesichtsausdruck anzubieten, würde den immergleichen Twilight-Blick zum Besten geben. Bla bla bla. Fakt ist, wenn man ernsthaft hinsieht, kann man sehen, dass Kristen Stewart eine ernsthaft gute Schauspielerin ist. Hätte Sie Twilight nicht gemacht, käme niemand auf die Idee, das, was sie auf der Leinwand anbietet, derart zu verunglimpfen.

Selbst in Snow White & the Huntsman gibt es reihenweise Großaufnahmen, die zeigen, wozu Kristen Stewart im Stande ist. Sie zwingt einen, genau hinzusehen; sie macht es einem unmöglich, den Blick abzuwenden; sie zwingt einen, sich ständig zu fragen, was sie da eigentlich macht. Es sind ‚Kleinigkeiten‘ in ihrer Mimik, die diesen Effekt erzeugen (unfassbar, zum Beispiel, ihre Augenlider). Diese Mischung aus sehr zurückhaltender Mimik mit immer wieder gesetzten, irritierenden Akzenten hat etwas Mysteriöses – man hat immer den Eindruck, als sei da noch etwas, das man (noch) nicht erfasst.

Wenn das dann als ‚die immergleiche Twilight-Chose‘ abgetan wird, dann ist das eben nicht Kristen Stewarts Problem. Es ist das Problem von Regisseuren, Drehbuchautoren und Kameraleuten, die offenbar der Meinung sind, einen bestimmten filmästhetischen Quark um Kristen Stewart herumbauen zu müssen, wenn man sie schon einmal in einem Film hat. Kristen Stewart spielt eben nicht immer wie in Twilight, sondern sie wird immer wie in Twilight in Szene gesetzt. Das ist ein Unterschied.

Dass Kristen Stewarts Spiel in Snow White & the Huntsman mitunter daneben wirkt, liegt an den Bildern und der Geschichte um sie herum. Jede Faszination, die von ihrer Mimik ausgeht, verschwindet sofort, wenn man nicht mehr nur sie, sondern den Film wahrnimmt. Immer dann, wenn man kurz davor ist, den Bewunderungsmodus gegenüber einer guten Schauspielerin einzuschalten, reißt der Film einen sofort wieder heraus.

Bleibt zu hoffen, dass Regisseure, Drehbuchautoren und Kameraleute sich irgendwann von ihren Pawlow’schen Twilight-Reflexen lösen. Bis dahin muss The Runaways (2010, Regie: Floria Sigismondi) einfach die Stellung halten.

ps. Trotz alledem, danke für die Wiederauferstehung von Milla „Jeanne d’Arc“ Jovovich im letzten Viertel von Snow White & the Huntsman!

Großes Kino in der Oberpfalz. Die Schwandorfer Dokumentarfilmtage 2012

13/03/2012 § 4 Kommentare

In der letzten Woche, vom 7. bis 11. März, fanden im hiesigen Union Kino die ersten „Schwandorfer Dokumentarfilmtage“ statt.

Schon dieser harmlose kleine Satz beinhaltet gleich eine ganze Reihe irritierender Informationen: Schwandorf – eine „Große Kreisstadt“ mit deutlich unter 30.000 Einwohnern, tief in der Oberpfalz – hat ein Kino? Dabei handelt es sich nicht um ein Multiplex fürs Umland, sondern um ein kleines Kino mit gerade einmal zwei Sälen und zusammen 182 Plätzen? Dort gibt es nicht ausschließlich eine Grundversorgung der Landbevölkerung mit den Highlights des kulturindustriellen Blockbustertums, sondern programmatisch ambitionierte Filmtage? Und dann auch noch Dokumentarfilme? Indeed.

Im Programm der Schwandorfer Dokumentarfilmtage standen zehn Filme aus den Jahren 2006 bis 2011 (mit einer Ausnahme). Das klug und vielfältig zusammengestellte Programm spiegelte ziemlich genau die Variantionsbreite innerhalb der Dokumentarfilmlandschaft.

Da sind zunächst die Blockbusterdokumentationen, die in der Folge der Michael Moore’schen Erfolge immer wieder an den Kinokassen durchbrechen. In Schwandorf gab es aus dieser Kategorie Plastic Planet (2009, Regie: Werner Boote) und Taste the Waste (2010, Regie: Valentin Turn) zu sehen. Etwas reißerisch, immer auf diesen „Oh, das habe ich ja gar nicht gewusst, das schockiert mich jetzt aber …“-Effekt setzend, während spektakulär Neues gar nicht verhandelt wird. Im Prinzip sind Filme dieser Art wenig mehr als ein journalistisches Dossier und dokumentarfilmgewordener Noam-Chomskyismus.

Dann die glänzenden Celebrity-Dokumentationen, die stilsicher einer schillernden Persönlichkeit folgen. Im Schwandorfer Programm wurde dieses Subgenre mit Lagerfeld Confidential (2007, Regie: Rodolphe Marconi) und The big Eden (2011, Regie: Peter Dörfler) bedient. Wo Boulevard, Gossip und exzessive (so oder so) Lebensentwürfe aufeinander treffen, kann man schon Spaß haben.

Schließlich jene Dokumentationen, die quasi ethnologisch diese oder jene lokale Schrulligkeit erkunden und mit dem entsprechenden Kolorit das Publikum vor Ort direkt ansprechen. In Schwandorf in der Oberpfalz (das ist Bayern, falls es nicht jedeR weiß) gab es aus dieser Abteilung Frei:gespielt – Mehmet Scholl: Über das Spiel hinaus (2007, Regie: Eduard Augustin/Ferdinand Neumayr) – damit wäre dann auch die Brücke von den Celebrities zum Lokalkolorit geschlagen -, Gernstls Reisen (2005, Regie: Franz Xaver Gernstl) und WAAhnrock (1987, Regie: Helge Cramer).

Insgesamt also ein rundes Programm, das nicht am Publikum vorbei gemacht wurde, aber dennoch nicht nur auf Hits setzte. Entdeckungen waren immer möglich. Drei habe ich auf diese oder jene Weise gemacht.

I.

Freitagnacht Exit Through the Gift Shop (2010, Regie: Banksy) zu sehen, war eine gute Idee.

Über den Film ist schon genug geschrieben wurden und die meisten dürften ihn schon gesehen haben. Da ich Exit … damals im Kino verpasst habe, bin ich froh, das nun nachholen gekonnt zu haben. Eine schreiend komische Dokumentation über das Dokumentieren, in der der wahrste Satz wohl gegen Ende von Banksys Sprecher irritiert-nachdenklich ins Nirgendwo gesprochen wird: Am Ende geht der Witz vielleicht auf …, ähm, ich weiß gar nicht auf wessen Kosten, also vielleicht war es nicht einmal ein Witz.

Die absurde Befürchtung, in tiefer Nacht in einer kleinen Stadt ein leeres Kino anzutreffen, verflüchtigte sich schneller als Thierry „Mr. Brainwash“ Guetta filmen kann. Aber wer konnte schon ahnen, dass Schwandorf über ein so großes Reservoir an süßen und hippen Teens und Twens verfügt, die dann auch wirklich mal ins Kino gehen? Jedenfalls: Ein voller, kleiner, nicht klimatisierter Kinosaal mit der entsprechenden Geräuschkulisse erzeugt genau die Atmosphäre, für die sich ein Kinobesuch immer lohnt.

II.

Dass 1986 120.000 Menschen bei einem Musikfestival in Burglengenfeld zusammenkamen – wer mag, darf an ein Woodstock in der Oberpfalz denken -, um gegen die geplante Errichtung einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage (WAA) zu protestieren, habe ich erst durch WAAhnrock (1987, Regie: Helge Cramer) gelernt. Hier hat eine Dokumentation einmal mehr den klassischen Effekt einer Geschichtsstunde gehabt – auch wenn der Film eher Quelle und Teil des Geschehens als abgeklärte Analyse ist.

In filmischer Hinsicht ist WAAhnrock allerdings eher schwach. Der Film bietet zwar ab und an witzige Kommentierungen des Geschehens und es gelingt ihm hin und wieder, die eine oder andere Absurdität gut ins Bild zu setzen. Solche Momente sind aber selten und sie funktionieren zumeist nur innerhalb eines nostalgischen Protest- und Lokalpatrotismus. Der Film wirkt, als sei er von Anfang an als Erinnerungsstück gedacht gewesen, das die Beteiligten später mal ihrem Nachwuchs zeigen können sollten. Bavaria nostalgica. Entsprechend war dann auch das Publikum im rappelvollen großen Saal. Alles lebte von Wiedererkennungseffekten: Na, warst Du auch da?

Sowohl der Film selbst als auch die Reaktionen im Publikum machen deutlich, dass man es hier mit einer sehr speziellen Protest- und Widerstandskultur zu tun hat. Diese besteht im Wesentlichen darin, alle Mittel der bajuwarischen Folklore gegen die ‚Großkopferten in Minga‘ zu mobilisieren. Das zeigt sich unter anderem daran, dass das heimattümliche Polit-Musik-Kabarett der Biermösl Blosn beim damaligen Festival- wie auch dem heutigen Kinopublikum zustimmende Lacher hervorlockt. Die jungen Toten Hosen dagegen erzeugten – als sie ihren Smashhit „F*ck*n, B*ms*n, Bl*s*n“ auf der Festivalbühne zum Besten gaben – ein unmittelbar hörbares, konsterniertes Schweigen im Kinosaal. Auf die CSU kann man ruhig auch mal schimpfen, aber versauter Punk? Tztztz.

III.

Und natürlich: Prinzessinnenbad (2007, Regie: Bettina Blümner)

Drei fünfzehnjährige Mädchen, in deren Leben nicht alles rund läuft, die es schwer haben, denen nicht alles zufliegt (ganz im Gegenteil), die mit sich, ihren Familien, ihren Freunden, ihrem Stadtteil und der Welt um sie herum kämpfen (und in jeder Sekunde gewinnen, auch wenn ‚gewinnen‘ hier nicht immer eine sinnvolle Kategorie ist) – das ist genau die Erzählung, für die ich immer und überall empfänglich bin.

Der Film erzählt eine tolle Geschichte. Und er erzählt sie gut. Prinzessinnenbad besticht durch eine unglaubliche Kameraarbeit. Die Protagonistinnen werden nicht begafft oder zur Schau gestellt. Die Kamera fängt die ungebrochene, zerbrechliche Stärke von Tanutscha, Klara und Mina kraftvoll, emotional und poetisch ein – auch wenn diese Stärke manchmal ’nur‘ darin besteht, mit der Traurigkeit des Alltags und der widerspenstigen Umgebung zurecht zu kommen. Eigentlich hätte Prinzessinnenbad in der letzten Woche, am Weltfrauentag, überall laufen sollen.

Soweit.

Die Schwandorfer Dokumentarfilmtage haben Spaß gemacht. Vielleicht ist diese Art von Filmevent ein ideales Format für kleine Kinos in kleinen Städte. Die programmatisch gerahmten Filme stützen sich gegenseitig und leihen sich Aufmerksamkeit. Filme Schlag auf Schlag und Tür an Tür, andauernd hoher Publikumsverkehr und der Umstand, dass viele Zuschauer_innen sicher mehr als einen Film gesehen haben dürften, man sich also immer mal wieder über den Weg lief und sich cineastisch anlächelte – all das macht ein Kino zu einem wundervollen sozialen Ort.

Bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass das Union Kino an diesem Format festhält und irgendwann mal wieder Filmtage veranstaltet. Es können ja auch, wenn die Dokumentarfilme ausgehen, Horrorfilmtage sein.

durch frankreich radeln – moderner horror

13/01/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Remakes haben, selbst wenn ihnen sonst nichts gelingt, zumindest den Effekt, dass wieder etwas Aufmerksamkeit auf das ‚Original‘ gelenkt wird. So auch im Fall von And Soon the Darkness.

Wühlt man sich durch das Horrorsubgenre ‚Terror-auf-dem-platten-Land‘, wird man wohl, wie Nils Bothmann in seiner Rezension betont, auf And Soon the Darkness als dessen Nullpunkt stoßen. (Das gilt sicher auch für das noch nicht weiterverfolgte Genre ‚Fahrradurlaub-in-Frankreich‘.)

Nachdem 2011 das amerikanisch-argentinische Remake (Regie: Marcos Efron) in den Kinos lief, wurde der britische Horrorklassiker aus dem Jahr 1970 als DVD nachgeschoben („Erstmals auf DVD – das britische Original“, Kinowelt). Tausend Dank dafür, denn der britische 1970er And Soon the Darkness ist ein grandioser Film. Remake und Original unterscheiden sich visuell erheblich.

And Soon the Darkness (1970) zeigt eindrucksvoll die Klasse des Regisseurs Robert Fuest, der innerhalb der britischen Horrorfilmschule etwas abseits steht – weil er offensichtlich das Genre nicht wie alle anderen interpretierte.

Der britische Horrorfilm der fünfziger bis siebziger Jahre ist untrennbar mit den Hammer Filmstudios verbunden. Die Filme aus dieser Schule – darunter Meisterwerke wie die Karnstein Trilogie oder die berühmten Frankenstein- und Dracula-Neuinterpretationen mit Peter Cushing und Christopher Lee – besplattern durch grelle Farben und explizit-graphische Gewaltdarstellung, die immer ein Hauch Slapstick umweht. Und natürlich bleibt keine auch nur entfernt mögliche Sexszene ungedreht.

Dagegen nun ganz anders Robert Fuest und sein And Soon the Darkness. Fuest präsentiert einen Horrorfilm, der einerseits Anschluss findet an den dokumentarisch-realistischen Stil seiner nordamerikanischen Regiekollegen (George A. Romero, Wes Craven, Tobe Hooper, David Cronenberg und John Carpenter), die zwischen 1968 und 1978 das Genre revolutionierten. Andererseits führt And Soon the Darkness einen reduzierten, transparenten und klaren stijl vor. In bester modernistischer Tradition.

And Soon the Darkness splattert nicht. Im gesamten Film gibt es lediglich zwei explizite Gewaltszenen, lediglich eine davon ist blutig. Spannung und Terror entstehen ausschließlich über die eigentümliche Atmosphäre und das Figurenensemble.

And Soon the Darkness wirkt passagenweise eher photographiert als gefilmt, machmal eher Stillleben als bewegtes Bild. Es dominieren Geradlinigkeit, (Recht-)Winkeligkeit und Flächigkeit. Der Film ist ein starkes Argument dafür, dass visuelle Klarheit und Transparenz einen Terror erzeugen können, der demjenigen visuell verschwurbelter, undurchdringlicher gothic-Gruften und dämonischer Wälder nicht nachsteht. Die Atmosphäre, aus der der Film seinen Schrecken bezieht, ist nicht düster. Immer und überall scheint die Sonne. Den Figuren ist nie und nirgends die Sicht verstellt. Sie halten sich nicht in Kellern, Gewölben oder vorzeitlichen Wäldern auf, sondern bewegen sich auf kurvenlosen Landstraßen, umgeben von überschaubaren Feldern. Selbst der Wald ist eher eine Lichtung, die nur mühsam als Versteck genutzt werden kann.

Uneingeschränkte Sichtbarkeit, besser: Durchsichtigkeit allein sind aber nichts wert, wenn das Gesagte nicht oder nur rudimentär verstanden wird. Der Schrecken des Films speist sich aus der Vestehensunfähigkeit und Sprachverwirrung der Protagonistin: Jane, eine junge Engländerin, die im ländlichen Frankreich Urlaub macht. Ihre Angst und ihre Panik entstehen, weil sie nicht versteht, was die anderen Figuren ihr mitteilen, weil sie auf die Interpretation des Augenscheins angewiesen ist – und dieser sie, natürlich, immer und systematisch trügt, obwohl alles glasklar vor ihren Augen liegt. Jane hat regelmäßig Angst vor den/dem Falschen. Kein Wunder, denn, so schreibt Nils Bothmann sehr präzise in seiner Rezension, die große Stärke des Films beruht auf seinem „hübsch skurrilen Figureninventar“:

„Zwar haben die Charaktere teilweise noch nicht einmal Namen, werden im Abspann nur als Gendarm oder Schulvorsteherin geführt, doch gerade in Verbindung mit der Verschrobenheit der durch den Film geisternden Gestalten verdeutlicht dies die Verwirrung, welche Protagonistin Jane empfindet. Dementsprechend sind die französischsprachigen Passagen nicht untertitelt, damit der Zuschauer sich in die Hauptfigur hineinversetzen kann, welche die Sprache nur mangelhaft beherrscht. Effektiv bebildert And Soon the Darkness das Alleinsein in der Fremde, die Unsicherheit Janes, ob ihre Freundin noch lebt und wem sie überhaupt trauen kann, denn sie hat keinerlei Hinweise auf Identität und Motiv des Entführers.“

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