Strike a Pose! Gal Gadot, Cara Delevingne, oder: Hilfe, die Models schauspielern?

Models, die schauspielern. Die Filmkritik jubelt, denn das heißt: Es lässt sich eines der liebsten Klischees auspacken – und dafür noch selbstbestätigungsgesättigtes Kopfnicken bei Leser_innen hervorrufen. Gal Gadot und Cara Delevingne sind zwar Models und sie seh’n gut aus, Schauspieltalent als Wonder Woman oder Laureline (in Valerian – Die Stadt der tausend Planeten) will man ihnen dann aber doch lieber nicht zugestehen. Die haben ja nur einen Gesichtsausdruck, schreit der Chor. Irgendetwas zwischen naiv-dümmlich und sexy-lasziv. Models halt.

Ich bin zwar gerade nicht in der Stimmung, Links herauszusuchen, habe derartige Bemerkungen aber sicher einige Male gelesen, auch wenn es mitunter freundlicher fomuliert wird; etwa von Vivien Kristin Buchhorn in ihrer Kritik an Valerian im Freitag (29/2017):

„Das Spiel der Protagonisten ist dabei genauso ausdruckslos wie ihre Sprache. Cara Delevingne wirkt, als würde sie die Kamera mit einem Spiegel verwechseln, in dem sie ihren Modefoto-Look trainiert. Dane DeHaans glatte Mimik wird zu einem zweiten Schutzanzug, und selbst die Kraft eines Clive Owen (als Commander Arun Filitt) wird von der Montage in kurze Wutausbruch-Sequenzen verbannt, wo sie unbeachtet verkümmert. Nahaufnahmen werden so nicht zu einem Vergrößerungsglas für Ausdruck und Gefühl, sondern zu Maskenbildern.“ [meine Hervorhebung, TL]

Was auch sonst? Schauspielkunst muss natürlich immer und ausschließlich bedeuten, ‚Tiefgründigkeit‘ und ‚Charakter‘ mit virtuoser Gesichtsakrobatik ‚zum Ausdruck‘ zu bringen. Wer das nicht tut, schauspielert nicht anders, sondern schlecht. Mich überzeugt das nicht. Die Neigung, emo-expressive Mimik nicht als eine bestimmte Schauspielästhetik, sondern als Schauspiel schlechthin zu behandeln ist nichts anderes als Faulheit der Kritik. Faul, weil sie sich nicht die Mühe macht, die Möglichkeit verschiedener Stile auszuloten; faul auch, weil sie die Ästhetik eines Films auf den ‚Gesichtsausdruck‘ der Schauspieler_innen reduziert.

Was wäre, wenn man – nur für einen Moment – unterstellt, dass Gal Gadot, Cara Delevingne, ihre Directors und Directors of Photography wissen, was sie tun und das auch können (was nicht heißt, dass es gefallen muss). Einige der Szenen in Wonder Woman und Valerian, die als Beleg der Mimikinkompetenz von Gadot und Delevingne herhalten müssen, wirken tatsächlich doch wohl eher so, als handele es sich um den Versuch, eine Ästhetik zu entwickeln, die den Film (im Kino auf der großen Leinwand) absichtlich möglichst weit weg von der Theatralik des Theaters und möglichst nah heran an die Oberflächlichkeit der Fotografie führt. Man mag das zeitkritisch als Zugeständnis an die Fotoisierung der Weltwahrnehmung in digitalen Zeiten, oder einen Kommentar zu dieser Ästhetik, interpretieren (in Teju Coles aktueller Essaysammlung Vertraute Dinge, fremde Dinge, HanserBerlin 2016, übersetzt von Uda Strätling, finden sich kluge Bemerkungen zu diesem Thema).

In Wonder Woman und Valerian gibt es zahlreiche Momente, in denen die Kamera absichtsvoll Blicke als Blicke einfängt, in denen das Bewegtbild des Films zur stillgestellten Pose des Fotos wird: Posen, die als Posen konzipiert, durchgeführt und als solche zu erkennen gegeben werden. Das sollte man nicht mit schauspielerischem Unvermögen verwechseln, auch wenn einem die posenhafte Ästhetik des selfie im Kino nicht zusagt.

Gal Gadot und Cara Delevingne – die Models, die gut ausseh’n – schauspielern im Dienst einer fotografischen Filmästhetik in einer Weise, die das komplette Gegenteil dessen ist, was Heidi Klum ihren ‚Mädchen‘ immer als Zusatzqualifikation eines Models aufdrängt. Heidis Models sollen Laienschauspielerinnen sein, die mit Expressivität und Theatralik ein erfundenes Inneres ‚zum Ausdruck‘ bringen. Das will dann wirklich niemand in einem Film sehen. Gadot und Delevingne – oder besser: die Art und Weise, wie die Kamera sie einfängt und inszeniert – bedienen jedenfalls nicht dieses merkwürdige Klischee, Charakter, Persönlichkeit und tiefste Gefühle müssten auf der Leinwand vom Gesicht abzulesen sein. Das reflexhafte Bashing schauspielernder Models mag daran liegen, dass die Art ihres Spiels ein gewisses Unbehagen bei den Zuschauer_innen hervorruft, signalisiert sie doch stets: Ich weiß, dass Du mich auf der Leinwand beobachtest. Jeder Gesichtsausdruck existiert nur, weil Du mich beobachtest. Ich offenbare damit nicht meine Gefühle, sondern posiere für die Kamera.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich halte die Klischees des schauspielernden Models und des reflexhaften hat nur einen Gesichtsausdruck (mit dem ja auch nicht-modelnde Schauspielerinnen wie Kristen Stewart gern überzogen werden) für eine Sackgasse der Filmkritik – und Valerian ist ein durchaus unterhaltsamer Film, der Schwächen hat, aber auch Stärken.

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In Flanders Fields. Wonder Woman vs. General Ludendorff

Während ihr erster Auftritt im Comic (1941) die Heldin in den Zweiten Weltkrieg führte, betritt Wonder Woman in ihrem ersten großen Kinofilm die Welt der gewöhnlichen Menschen während des Ersten Weltkriegs. Was soll diese Verlagerung des Schauplatzes nun bedeuten – from a historian’s point of view?

Erstens unterstreicht der neue Schauplatz, dass es sich bei der Amazonenprinzessin um einen eigenständigen Charakter handelt. Hellboy, Captain America und Co. haben den Zweiten Weltkrieg und alle damit verbundenen Storylines in den letzten Jahren derart intensiv beackert, dass hier inzwischen wohl wenig Spielraum für eine originelle Geschichte bestehen dürfte, die Wonder Woman nicht als bloßen Neuaufguss ihrer Kollegen erscheinen ließe. Superheldinnen haben ein Recht auf ihren eigenen Krieg.

Zweitens bietet der Erste Weltkrieg Bilder, die der Zweite Weltkrieg nicht bieten könnte, jedenfalls wären das dann nicht die Bilder, die im kollektiven Gedächtnis für diesen Krieg stehen. Vor dem Hintergrund eines Stellungskriegs lässt sich Wonder Woman bildlich einfach viel besser als dynamische und dynamisierende Kraft inszenieren. Etwa in jener Schlüsselszene, in der sie auf den Schlachfeldern Flanderns den zur Tarnung über ihrem Amazonenkostüm getragenen Wollmantel abwirft und das tut, was den Soldaten um sie herum als schlichte Unmöglichkeit erscheint: auf die Leiter steigen, den Schützengraben verlassen und das Niemandsland überwinden. Paradigmatischere Bilder als in dieser Szene dürften sich kaum finden lassen, um auch dem letzten Zweifler zu zeigen, dass Wonder Woman die Welt in Bewegung versetzt – dass sie tut, was andere noch nicht einmal mehr für denkbar halten.

Drittens ändert sich mit der Verschiebung vom Zweiten in den Ersten Weltkrieg die grundsätzliche Jobbeschreibung US-amerikanischer Comic-Held_innen nicht wirklich. Das Böse aus den Deutschen herausprügeln kann man in beiden Weltkriegen, denn böse waren sie ja nicht erst, als sie damit anfingen, Naziuniformen zu tragen – siehe General Ludendorff, der zusammen mit der bösen Chemikerin Dr. Maru perfide Giftgasexperimente durchführt und aus guten Gründen eines Pakts mit dem dämonischen Bösen verdächtigt wird.

Viertens sind trotz des bösen Ludendorffs die Rollen im Ersten Weltkrieg weniger eindeutig  verteilt. Zumindest gibt es etwas Spielraum für eine Erzählperspektive, die mit den Gemeinsamkeiten aller Kriegsparteien spielt: Auf beiden Seiten gibt es Menschen, die für kriegstreiberische Einflüsterungen empfänglich sind; die wollen, dass der Krieg immer und immer weiter geht – und sei es nur, weil der Krieg ab einem bestimmten Zeitpunkt vertraut ist, während Frieden zum unentdeckten Land wird, das zu betreten man fürchtet. Mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg käme eine solche Perspektive nicht unmittelbar in den Sinn.

Fünftens könnte man in der verfilmten Geschichte von Wonder Woman eine mögliche Deutung des Ersten Weltkriegs sehen, die aktuellen geschichtswissenschaftlichen Deutungsmustern gar nicht so unähnlich ist. Wo in Christopher Clarks Bestseller den Akteuren auf allen Kriegsseiten ein schlafwandelndes Taumeln in und durch den Krieg bescheinigt wurde (im Grunde also niemand so richtig schuld ist und es eigentlich keiner so gemeint hat), ist es im Film der zurückgekehrte Kriegsgott Ares, der allen Beteiligten Ideen einflüstert, freilich aber auch darauf besteht, dass er niemanden zwinge, Krieg zu führen. In beiden Fällen treten politische und ökonomische Interessen, die die verschiedenen Länder in ganz unterschiedlicher Weise in den Krieg führten, in den Hintergrund. Aus Kriegsparteien werden Schlafwandler, denen vielleicht der Kriegsgott ihre Träume einflüstert – bis Wonder Woman sie wachrüttelt.

Jenseits geschichtswissenschaftlicher Thesen ist Wonder Woman übrigens ein guter Film.

hören/sehen/lesen 2013 – meine top 9

Wie schon 2011 und 2012, meine Jahresabschlussbestenliste:

Es handelt sich um die Top 9 derjenigen kulturindustriellen Produkte, die ich gekauft und auch (schon) gehört/gesehen/gelesen habe. Es ist weder eine Wunschliste, noch eine Aussage über die besten Dinge ‚überhaupt‘. Irgendwie fehlen wieder Filme auf der Liste (was aber an meiner retromanen DVD-Kaufpolitik liegen dürfte …) Außerdem begrüße ich zwei neue Genres auf der Liste: eine ‚akademische‘ Studie sowie einen Zeitschriftenaufsatz!

9) Girls (Season 1)

Die erste Staffel der Fernsehserie Girls ist eigentlich sooo 2012, in deutscher DVD-Veröffentlichung aber eben 2013 – und daher auf dieser Jahresliste. Über Lena Dunhams Serie ist viel geschrieben worden; in der Regel pendelte das zwischen Lob und Begeisterung. Einerseits bietet die Serie grandiose Komik, die einem das Lachen immer wieder einmal auch im Halse stecken bleiben lässt. Andererseits finden sich nicht unspannende Interpretationslinien eines ganz bestimmten (generationellen) Milieus. Allerdings, ein sehr begrenztes Milieu: die eliteuniversitär gebildeten girls (and boys) der gehobensten Mittelschicht und unteren Oberschicht, deren Prekarität darin besteht, ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr den kompletten (und auch keinesfalls unterschichtigen) Lebensunterhalt von ihren Eltern überwiesen zu bekommen. Soziales Elend bedeutet hier, dass man es sich nicht mehr leisten kann, unbezahlt bei einem hippen Verlag herumzuwerkeln oder, dass man sich das Zimmer im hippen Teil Brooklyns nun halt von der Mitbewohnerin finanzieren lassen muss. Weder Umzug noch ordinäre Lohnarbeit werden dabei als Lösung auch nur in Betracht gezogen …

8) Adult -The Way Things Fall

Wenn – Achtung, Floskel! – Legenden zurückkehren, dann werd sogar ich zum Elektropunk, imaginiere Tanzflächen herbei und frage mich: Will we, will we live like this forever? Dieses Album ist vielleicht das beste Tanzalbum seit Soft Cell: Non Stop Erotic Cabaret – – –

7) David E. Nye – America’s Assembly Line

Hier nun der akademische Titel. Ich bin nun einmal Historiker mit Interesse an Industriegeschichte – und da freut es mich halt, das tolle Buch eines amerikanischen Kollegen zu lesen, in dem das Fließband als Signatur des amerikanischen 20. Jahrhunderts diskutiert wird; das Fließband als technisches, soziales und kulturelles Konstrukt, das in Fabrikhallen ebenso zu Hause ist wie im Kino oder zahlreichen Romanen. Hut ab, David Nye. Klasse Buch.

6) Enrique Vila-Matas – Dublinesk

Ein alternder spanischer Verleger und der Bloomsday der Dubliner und weltweiten James Joyce-Gemeinde sind die Helden von Enrique Vila-Matas‘ Roman „Dublinesk“, der 2013 in der Anderen Bibliothek erschienen ist, in deutscher Erstübersetzung von Petra Strien. Literatur ist eben doch das Leben. Vila-Matas kannte ich bisher nicht, bin nun aber von seiner feinen Sprache und dem subtilen Humor beeindruckt. Danke, C.W., für das Geschenk!

5) Bruce Robbins – Balibarism!

Bruce Robbins‘ als ‚Rezension‘ einiger neuer Schriften Etienne Balibars getarnter, monumentaler Essay, erschienen in n+1 (issue 16), ist und war mir zum Lektürezeitpunkt – wie man so schön sagt – ‚aus der Seele geschrieben‘. Robbins liefert eine grandiose Polemik gegen den radikal-schicken, quasi-religiös eifernden Mystizismus der hippen Neo-Kommunismustheoretiker um Alain Badiou, Jacques Ranciere oder Slavoj Zizek – und feiert, mit beeindruckender argumentativer Schärfe, den radikalen Reformismus von Etienne Balibar. Wer sich für politische Theorie interessiert, muss diesen Aufsatz lesen. Wirklich.

4) Colin MacInnes – Absolute Beginners

1959 erschien in London DER literarische Gründungstext der neuen teenage pop generation: Colin MacInnes‘ „Absolute Beginners“, irgendwann verfilmt und, natürlich wichtiger, vertont von Peter Weller’s Band The Jam, später auch von David Bowie. Der Roman führt die Selbsterfindung des „Teenagers“ zwischen Konsum, Musik und Politik vor, ein so wütendes wie berührendes und lustiges Bemühen um Eigenständigkeit. Im ziemlich neuen und ziemlich guten Metrolit Verlag ist 2013 endlich, endlich eine Neuübersetzung erschienen. Die Übersetzer_innen Maria und Christian Seidl fangen den unruhigen, jugendlich arroganten Stil ein, den sprachlichen Jazz, der das Buch ebenso ausmacht wie die ‚Story‘. „Willkommen in London! Grüße aus England! Darf ich Euch mit Eurem ersten Teenager bekannt machen!“

3) Savages – Silence Yourself

Dass das Debütalbum von Savages nicht in meiner Reihe „es könnte goth sein“ auftaucht, liegt daran, dass „Silence Yourself“ schlicht goth ist und nicht nur sein könnte. Musikalisch hat Jenni Zylka das Album im Rolling Stone schick auf den Punkt gebracht: „What the heck! Es ist kein Verbrechen, wie Siouxsie And The Banshees zu klingen.“ Hinzuzufügen bleibt: Es ist auch kein Verbrechen, dabei wie Ian Curtis auszusehen.

2) Georg Klein – Die Zukunft des Mars

Mit Georg Kleins aktuellem Roman habe ich mich an anderer Stelle schon etwas detaillierter beschäftigt, daher soll hier der Hinweis genügen: ein wirklicher Lektüregenuss – nicht nur für Science Fiction Liebhaber_innen! Sprache und Komposition und Geschichte greifen hier so wunderbar ineinander, dass man gar nicht weiß, wovon man sich zuerst begeistern und beeindrucken lassen soll. Die Gestaltung des Buchs – der Rowohlt-Verlag hat eine wahre Schönheit hervorgezaubert – schreit danach, es flächendeckend zu verschenken.

1) Colleen Green – Sock It To Me

Sonnenbrille und eine Gitarre, die auch ein Gewehr sein könnte, ein Gesang, der zumindest mir keine Fluchtmöglichkeit lässt und mich Song für Song an sich kettet. Colleen Green’s Album „Sock It To Me“ ist definitiv der musikalische Höhepunkt des Jahres (Sorry, Kanye West). Das hätte viel mehr diskutiert und gefeiert werden sollen und müssen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass ich das vielleicht gar nicht mitbekommen hätte …

alice in her party dress: resident evil 5

Mein Name ist Alice. Ich habe für die Umbrella Corporation gearbeitet. Ich war Sicherheitschefin eines unterirdischen Laborkomplexes namens The Hive. Ich bin dafür verantwortlich, dass Dr. Luks seinen ersten 3D-Film im Kino gesehen hat, dass er ein halbes Dutzend Herzstillstände hatte und nun davon überzeugt ist, dass diese 3D-Technik wohl nicht mehr aus dem Kino verschwinden wird.

Dass ich Resident Evil liebe, habe ich schon wiederholt gestanden. Daher kann und will ich hier auch keine Filmkritik von Resident Evil: Retribution (Regie: Paul W.S. Anderson) schreiben – schließlich besteht eine wichtige Kritiker_innenregel darin, kein Fan des Besprochenen sein zu sollen. Natürlich ist Resident Evil: Retribution ein genauso grandioses Spektakel wie immer. Alice prügelt und begnügt sich mit wenigen kürzestmöglichen Sätzen. Wie immer sind manche Choreographien von poetischer Schönheit.

Die Prozeduren des Ein- und Umkleidens in Resident Evil wären eine eigene kleine Studie wert, die ich sofort in Angriff nehmen würde, wenn ich ein Experte in kulturwissenschaftlichen fashion studies wäre. Die Filme, vor allem der aktuelle Teil, spielen permanent mit Outfits und ritualisierten, symbolisch aufgeladenen Outfitwechseln. Die Filme verhandeln das wundervoll komplexe Verhältnis von Kleidung, Identität und Realität immer wieder neu. Sie spielen damit, dass bestimmte Outfits als Verkleidung (ein hübsches Vorstadthausfrauenkleidchen zum Beispiel) sichtbar werden und damit anzeigen, dass irgendetwas mit Alice und der Welt nicht stimmt, dass man sich auf einer Traum- oder Simulationsebene befindet. Alice‘ Changieren zwischen virtuos geschneiderter Krankenhaus- und Quasi-Gefängniskleidung auf der einen und ebenso experimentell designten Kampfmonturen auf der anderen Seite sind Legion. Alice in her party dress …

Resident Evil: Retribution bietet nicht nur Fashion(study)nistas einiges. Freund_innen virtueller Realitäten kommen auf ihre Kosten, weil der Film mit mehr als einem Augenzwinkern die vorangegangen Teile als Trainings- und Demonstrationslevel simuliert. Freund_innen düsteren Bombastsounds werden ebenfalls bedient. Der Soundtrack – beigesteuert vom transmedialen Komponistenduo tomandandy – klingt mitunter, als hätten Dead Can Dance den Sound von Winnetou mit atombetriebenen Synthesizern neu eingespielt. Das filmische 3D-Spektakel bekommt so eine beeindruckende weitere Dimension.

Nicht zuletzt bietet Resident Evil nun schon zum zweiten Mal die großartige Gelegenheit, die beiden ikonischen Actionstars unserer Zeit – Milla Jovovich und Michelle Rodriguez – in einem Film zu bewundern. Es ist schön zu sehen, dass der Typus Actionstar nicht mehr (allein) durch diesen Seniorentanztee um Sly Stallone definiert wird …

resident evil lieben lernen

Endlich versteht mich jemand. Das kommt nicht oft vor, zumal dann nicht, wenn es um meine Liebe zu Resident Evil (den Filmen!) geht, der ich immerhin den allerersten Beitrag zur Eröffnung dieses Blogs gewidmet habe.

Nun ist es aber doch passiert.

Daniel Sander hat im aktuellen KulturSPIEGEL (9/2012) in einem hinreißenden Artikel mit dem Titel Ein Herz für Untote seine Liebe erklärt. Zu Unrecht, so Sander zu Recht, werden die Filme gering geschätzt, verspottet usw. Niemand ließ sich bisher dazu herab, die Hitchcock-Verbeugungen und die Lewis Carroll-Anspielungen, den Witz, die Phantasie und den innovativen Charakter der Actionszenen zu würdigen.

Es sind aber nicht diese Hinweise, die mich zu einer kleinen Lobeshymne auf den Artikel von Daniel Sander verleiten, sondern seine Ausführungen zu Alice/Milla Jovovich. Was er dazu schreibt, trifft den Kern der Filmreihe und macht deutlich, warum man Resident Evil lieben (lernen) sollte.

„Wenn Milla Jovovich jemandem den Kopf verdreht, dann nur, um ihm das Genick zu brechen. Sie ist nicht die Sorte Frau, die in Zeiten der Apokalypse in der Ecke steht und darauf wartet, dass ein Ritter vorbeikommt und ihr den Weg zum Happy End freischießt. Sie schießt selbst. Oder tritt und schlägt und hackt. Sie tut, was getan werden muss, im Dienste der Menschheit. Milla Jovovich ist meine Heldin.“

Daniel Sander kommt in seinem Artikel auf hier und da den Filmen gegenüber vorgebrachte Sexismusvorwürfe zu sprechen, die im Wesentlichen darin gründen, dass Alice in der Regel in den knappestmöglichen Outfits unterwegs ist und auch mal in Strapsen kämpft. Sander rückt diesen Vorwurf ein wenig zurecht, wenn er schreibt:

„Doch keiner der männlichen Co-Charaktere würde es je wagen, dazu einen anzüglichen Kommentar abzugeben oder auch nur einen lüsternen Blick zu riskieren. Weil er weiß, dass er dann sehr bald tot wäre. Alice kokettiert mit ihrer Sexualität, ist aber nie Sexobjekt. Sie ist die Ikone all jener, die seit vergangenem Jahr auf den weltweiten ‚Slutwalks‘ dafür demonstrieren, dass wenig Kleidung keine Einladung zur Vergewaltigung ist.“

Mir ist diese Facette völlig entgangen, als ich vor einiger Zeit versucht habe, die feministischen Potentiale von Resident Evil auszuleuchten. Um so schöner, dass Daniel Sander das nun nachgeholt hat.

Zwei Sexszenen: Roeg/Christie/Sutherland vs. Annaud/Vargas/Slater

Wenige Dinge geben deutlicher Auskunft über die Qualität eines Films – vor allem Regie, Kamera und Schauspiel – als Sexszenen. Sexszenen sind eben nicht nur Sexszenen, nicht nur Abbildung und Darstellung sexueller Handlungen im Medium des Films. Vielmehr transportieren sie filmästhetische, kulturelle und (geschlechter-)politische Vorstellungen.

Zwei Beispiele; bei  beiden handelt es sich um sehr berühmte, viel diskutierte und beeindruckend gefilmte Szenen, die dennoch ganz unterschiedlich funktionieren.

1) Julie Christie und Donald Sutherland in Wenn die Gondeln Trauer tragen (OT: Don’t Look Now) aus dem Jahr 1973 (Regie: Nicolas Roeg)

http://www.metacafe.com/watch/2276677/julie_christie_from_movie_dont_look_now/

Das ist sie, die wohl kontroverseste Sexszene (Hatten die beiden wirklich Sex? – bis heute kann man abwechselnd mit der einen oder anderen Antwort Schlagzeilen machen) im unbestritten besten britischen Film aller Zeiten (so jedenfalls immer wieder die entsprechenden Umfragen und Hitlisten).

Eine derart intensive bzw. intensiv gefilmte Sexszene wäre in jedem anderen Film als etwas Solitäres dargestellt worden, etwas Einzigartiges – life changing, wie das dann immer so schön heißt. Nicht so bei Nicolas Roeg. Beeindruckend ist hier die Parallelmontage von Sex und schrittweisem Ankleiden beider nach dem Sex. Sex ist ein Teil eines Lebens, zu dem ganz selbstverständlich auch andere Teile gehören. Das Besondere an dieser Sexszene ist, dass Sex (und mag er noch so besonders sein) auch nichts Besondereres ist als der anstehende Restaurantbesuch.

Der Sex zwischen Julie Christie und Donald Sutherland ist weiter als nur irgend möglich von quasi-natürlicher, instinktiver Sexualität entfernt. Hier kommunizieren zwei Körper – sophisticated. Es ist Kommunikation unter Gleichen. Dieser Körpersprache ist es egal, ob ein männlicher oder weiblicher Körper sie spricht. Helligkeit und Eleganz im Filmischen wie auch der Ausstattung der Szenerie sagen zudem klar und deutlich: This is the Modern Life. Hier wird nicht mythisiert oder bei Schummerlicht in neckischer Kleidung verklärt.

2) Valentina Vargas und Christian Slater in Der Name der Rose aus dem Jahr 1986 (Regie: Jean-Jacques Annaud)

Die Szene zwischen Valentina Vargas und Christian Slater in dieser Bestsellerbestsellerverfilmung funktioniert ganz anders. Annaud verwendet die Sexszene, um das große Thema Natur/Zivilisation zu verhandeln.

‚Das Mädchen‘ – sie hat keinen Namen und redet im ganzen Film kein Wort – ist das dunkle, erdige, ursprüngliche und urmenschliche Leben; animalische Natur und sonst nichts. Sie ergreift die Initiative, ohne dass man sagen könnte: Sie ist die Veführerin. Sie verführt eben nicht. Verführung ist ein viel zu zivilisiert-verspieltes Konzept, als dass es einen Platz im rein instinkthaften Handeln ‚des Mädchens‘ haben könnte. ‚Das Mädchen‘ ist nicht nur aller Kleider, sondern auch aller Zivilisation entkleidet. Dagegen der Mönch Adso von Melk. Hochkultiviert, als Adelssohn und Novize der Höhepunkt der Zivilisation des frühen vierzehnten Jahrhunderts.

Jean-Jacques Annaud erzählt in dieser Szene eine Geschichte, die nicht das Hohelied von Kultur und Zivilisation singt. Es ist keine Geschichte vom Zivilisationsprozess oder von einer Zivilisierung der ‚Barbaren‘ und ‚Wilden‘ im Inneren und außerhalb der zivilisierten Welt. Annaud erzählt die Geschichte einer (vermeintlich) ‚falschen‘ und in die Irre geleiteten Zivilisation. Adso von Melk könnte als sadistischer, fanatischer, ideologischer, scheinheiliger, gieriger Kleriker enden (wie all die anderen Exemplare, die der Film fratzenhaft vorführt). Dass er es nicht tut, liegt an ‚dem Mädchen‘. Sie ist es, die ihn mit ihrem instinktiven, sexuellen Begehren ‚erdet‘. Durch sie hält er die Verbindung zu einer ur-menschlichen Natur, die bei allen anderen durch die Zivilisation korrumpiert wurde. In der Konfrontation mit der naturgewaltigen Sexualität ‚des Mädchens‘ muss Adso feststellen, dass seine verfeinerten Kulturtechniken nicht funktionieren – sie sind schlichtweg nutzlos im Umgang mit einer Natur, zu deren Kultivierung sie erst erfunden worden waren.

Das ist die Geschichte, die die Sexszene in Der Name der Rose erzählt. Es ist eine Geschichte, die ihre ganz eigenen Probleme mit sich bringt. Sie transportiert einen heiklen Exotismus voller Geschlecherstereotypen. In anderen Kontexten hat man derartiges auch schon Rassismus (hier vielleicht besser: ‚Klassismus‘, weil Annaud eben keine fremden Ethnien, sondern eine soziale Schicht exotisiert) und Sexismus nennen dürfen. Das namenlose Bauernmädchen ist die ‚edle Wilde‘ voller ’natürlicher‘, instinkhafter Sexualität. Annauds Sexszene berichtet von wenig mehr als der Natürlichkeitssehnsucht und den erotischen Phantasien des gebildeten Mannes. An ihrer filmästhetischen Qualität ändert das aber nichts.

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Also, eine Sexszene ist einfach nur eine Sexszene?

Snow White & the Huntsman – arme Kristen Stewart

Hier noch eben schnell ein kleiner Blitzblog, fast just in time. Gerade geht ein schöner Kinoabend zu Ende. Dass der Abend schön war, lag an Popcorn und Cola (Suchtbefriedigung macht immer ein wenig glücklich) und der amüsanten Begleitung. Am Film – Snow White & the Huntsman – lag es nur bedingt. Ein Meisterwerk hatte niemand erwartet, zu schlecht (einhellig und überzeugend) waren die Kritiken. Der Film hatte zwar hier und da seine (kurzen) Momente, vieles davon war aber eher unfreiwillig komisch.

Völlig daneben ist allerdings der Tenor der meisten Kritiken, die ich vorab gelesen habe. Immer wieder heißt es da, Kristen Stewart falle durch miese Schauspielerei auf, sie habe nur einen Gesichtsausdruck anzubieten, würde den immergleichen Twilight-Blick zum Besten geben. Bla bla bla. Fakt ist, wenn man ernsthaft hinsieht, kann man sehen, dass Kristen Stewart eine ernsthaft gute Schauspielerin ist. Hätte Sie Twilight nicht gemacht, käme niemand auf die Idee, das, was sie auf der Leinwand anbietet, derart zu verunglimpfen.

Selbst in Snow White & the Huntsman gibt es reihenweise Großaufnahmen, die zeigen, wozu Kristen Stewart im Stande ist. Sie zwingt einen, genau hinzusehen; sie macht es einem unmöglich, den Blick abzuwenden; sie zwingt einen, sich ständig zu fragen, was sie da eigentlich macht. Es sind ‚Kleinigkeiten‘ in ihrer Mimik, die diesen Effekt erzeugen (unfassbar, zum Beispiel, ihre Augenlider). Diese Mischung aus sehr zurückhaltender Mimik mit immer wieder gesetzten, irritierenden Akzenten hat etwas Mysteriöses – man hat immer den Eindruck, als sei da noch etwas, das man (noch) nicht erfasst.

Wenn das dann als ‚die immergleiche Twilight-Chose‘ abgetan wird, dann ist das eben nicht Kristen Stewarts Problem. Es ist das Problem von Regisseuren, Drehbuchautoren und Kameraleuten, die offenbar der Meinung sind, einen bestimmten filmästhetischen Quark um Kristen Stewart herumbauen zu müssen, wenn man sie schon einmal in einem Film hat. Kristen Stewart spielt eben nicht immer wie in Twilight, sondern sie wird immer wie in Twilight in Szene gesetzt. Das ist ein Unterschied.

Dass Kristen Stewarts Spiel in Snow White & the Huntsman mitunter daneben wirkt, liegt an den Bildern und der Geschichte um sie herum. Jede Faszination, die von ihrer Mimik ausgeht, verschwindet sofort, wenn man nicht mehr nur sie, sondern den Film wahrnimmt. Immer dann, wenn man kurz davor ist, den Bewunderungsmodus gegenüber einer guten Schauspielerin einzuschalten, reißt der Film einen sofort wieder heraus.

Bleibt zu hoffen, dass Regisseure, Drehbuchautoren und Kameraleute sich irgendwann von ihren Pawlow’schen Twilight-Reflexen lösen. Bis dahin muss The Runaways (2010, Regie: Floria Sigismondi) einfach die Stellung halten.

ps. Trotz alledem, danke für die Wiederauferstehung von Milla „Jeanne d’Arc“ Jovovich im letzten Viertel von Snow White & the Huntsman!