Snow White & the Huntsman – arme Kristen Stewart

Hier noch eben schnell ein kleiner Blitzblog, fast just in time. Gerade geht ein schöner Kinoabend zu Ende. Dass der Abend schön war, lag an Popcorn und Cola (Suchtbefriedigung macht immer ein wenig glücklich) und der amüsanten Begleitung. Am Film – Snow White & the Huntsman – lag es nur bedingt. Ein Meisterwerk hatte niemand erwartet, zu schlecht (einhellig und überzeugend) waren die Kritiken. Der Film hatte zwar hier und da seine (kurzen) Momente, vieles davon war aber eher unfreiwillig komisch.

Völlig daneben ist allerdings der Tenor der meisten Kritiken, die ich vorab gelesen habe. Immer wieder heißt es da, Kristen Stewart falle durch miese Schauspielerei auf, sie habe nur einen Gesichtsausdruck anzubieten, würde den immergleichen Twilight-Blick zum Besten geben. Bla bla bla. Fakt ist, wenn man ernsthaft hinsieht, kann man sehen, dass Kristen Stewart eine ernsthaft gute Schauspielerin ist. Hätte Sie Twilight nicht gemacht, käme niemand auf die Idee, das, was sie auf der Leinwand anbietet, derart zu verunglimpfen.

Selbst in Snow White & the Huntsman gibt es reihenweise Großaufnahmen, die zeigen, wozu Kristen Stewart im Stande ist. Sie zwingt einen, genau hinzusehen; sie macht es einem unmöglich, den Blick abzuwenden; sie zwingt einen, sich ständig zu fragen, was sie da eigentlich macht. Es sind ‚Kleinigkeiten‘ in ihrer Mimik, die diesen Effekt erzeugen (unfassbar, zum Beispiel, ihre Augenlider). Diese Mischung aus sehr zurückhaltender Mimik mit immer wieder gesetzten, irritierenden Akzenten hat etwas Mysteriöses – man hat immer den Eindruck, als sei da noch etwas, das man (noch) nicht erfasst.

Wenn das dann als ‚die immergleiche Twilight-Chose‘ abgetan wird, dann ist das eben nicht Kristen Stewarts Problem. Es ist das Problem von Regisseuren, Drehbuchautoren und Kameraleuten, die offenbar der Meinung sind, einen bestimmten filmästhetischen Quark um Kristen Stewart herumbauen zu müssen, wenn man sie schon einmal in einem Film hat. Kristen Stewart spielt eben nicht immer wie in Twilight, sondern sie wird immer wie in Twilight in Szene gesetzt. Das ist ein Unterschied.

Dass Kristen Stewarts Spiel in Snow White & the Huntsman mitunter daneben wirkt, liegt an den Bildern und der Geschichte um sie herum. Jede Faszination, die von ihrer Mimik ausgeht, verschwindet sofort, wenn man nicht mehr nur sie, sondern den Film wahrnimmt. Immer dann, wenn man kurz davor ist, den Bewunderungsmodus gegenüber einer guten Schauspielerin einzuschalten, reißt der Film einen sofort wieder heraus.

Bleibt zu hoffen, dass Regisseure, Drehbuchautoren und Kameraleute sich irgendwann von ihren Pawlow’schen Twilight-Reflexen lösen. Bis dahin muss The Runaways (2010, Regie: Floria Sigismondi) einfach die Stellung halten.

ps. Trotz alledem, danke für die Wiederauferstehung von Milla „Jeanne d’Arc“ Jovovich im letzten Viertel von Snow White & the Huntsman!

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Familienmonotonie und die Poesie der Stille: The Walking Dead (season 1)

Zombiefilme gibt es viele, Zomiefernsehserien eher nicht. Diese Lücke schließt seit 2010 und für noch nicht absehbare Zeit The Walking Dead. Dadurch dürfen nun endlich zwei zwischen Mainstream und Nerdtum pendelnde Szenen zueinanderfinden: die altehrwürdigen, ruhmreichen Horrorfreaks (oder geeks?) und die noch junge Spezies der Serienjunkies, die mit und nach den Sopranos das Licht der Welt erblickte und seither Folge für Folge, Staffel für Staffel die Hegemonie im Populärkulturfeuilleton erringt.

Diese oder jene neue US-amerikanische Fernsehserie zu bejubeln, ist seit 1999/2000 popintellektuell-kulturalistischer Volkssport. Jetzt mache ich mit (ich weiß, zu spät, um hip zu sein). Es geht um The Walking Dead.

So sieht das Ganze aus:

In guten Zombiefilmen geht es nur bedingt um Zombies. George A. Romero hat das mit seinem Meisterwerk Night of the Living Dead (1968) stilbildend und genreprägend vorgemacht. Romero gelang es, die Charaktere und Beziehungen der belagerten Überlebenden zum eigentlichen Schauplatz des Horrors zu machen. The Walking Dead könnte ein punktuell ebenso großartiges Gegenstück, oder besser: eine Ergänzung zu Romero gelungen sein (ganz sicher bin ich mir da noch nicht).

Wo Romero meisterlich die Atmophäre im Innern einer Gruppe im Angesicht einer Zombiebedrohung nachzeichnete, da gelingt The Walking Dead eine fulminante Gestaltung der äußeren Atmosphäre. Die Serie zeichnet die Welt um die Protagonist_innen herum in einer nie dagewesenen Weise. Die Serie zeigt, wie es nach (nicht: während!) einer Zombieapokalypse aussieht und wie diese Welt klingt. Wenn sich die wenigen Überlebenden außerhalb der großen Städte verstecken und die Zombies halb verhungert einfach irgendwo in Gruppen herumstehen, dann ist die Welt eben: still.

Menschen schweigen oder flüstern, Zombies reden eh nicht. Verkehrslärm existiert ebenso wenig wie Fahrstuhl- und Supermarktmusik, kein Radio und keine Kiddies mit Kopfhörern, die ihren Zweck verfehlen. The Walking Dead setzt nur selten auf ‚Action‘-Szenen. Hektik und Panik werden – in Bild und Klang – nur sparsam eingesetzt; umso bedrohlicher wirkt es dann, wenn wirklich einmal jemand rennt oder schreit, sich losreisst oder zuschlägt. Die poetische Stille könnte der bleibende Beitrag der Serie zur Horrorfilmgeschichte sein. Allerdings, es könne – neben dem Umstand, dass hier Zombies in die Welt der Fernsehserien eingeführt werden – der einzige bleiben.

The Walking Dead brilliert ausschließlich mit seiner audio-visuellen Atmosphäre. Daneben bietet die Serie äußerst schwache, dröge, ärgerliche Charaktere und Figurenkonstellationen. In Schlichtheit und Eindimensionalität ist das stellenweise kaum zu ertragen.

Entweder haben die Macher das einfach nicht gemerkt oder es war ihnen im Vergleich zum Stil nicht so wichtig; oder sie wollten die seit Romero geltenden Konventionen anspruchsvollen (das heißt eben auch: soziologisch reflektierten) Horrors brechen; oder sie wollten die daran gewöhnten Horrorfilmliebhaber_innen provozieren; oder sie verfolgen schlichtweg eine reaktionäre Familienideologie samt ebensolcher Geschlechterrollenbilder (die es Fox leicht gemacht haben dürfte, The Walking Dead für den internationalen Vertrieb zu adoptieren).

Was auch immer die Motive und Gründe waren, das Ergebnis ist bitter – und das umso mehr angesichts des Umstands, dass Bilder und Klang so unfassbar gut sind.

Die Kernbesetzung der Serie ist überschaubar. Im Zentrum des Geschehens tummeln sich kaum 15 Personen. Dieser kleine Cast setzt sich aus sehr, sehr wenigen Charaktertypen zusammen. Verschiedene Personen verkörpern ein und denselben Typus, handeln auf diesselbe Weise und aus denselben Motiven.

Es gibt gleich einige Männer, die durch die Zombieplage zu Witwern geworden sind. Ein weiterer – die Hauptfigur Rick Grimes – ist auf der Suche nach Frau und Kind und muss zumindest immer die Entdeckung fürchten, auch Witwer zu sein. Klar, bei einer Zombieapokalypse sterben Menschen in hoher Stückzahl, auch solche, die verheiratet sind – und es spricht natürlich nichts dagegen, Figuren einzufügen, die mit diesem Verlust kämpfen, ihn meistern oder an ihm verzweifeln.

Nur: Muss dieses sehr spezifische (aber nichtsdestoweniger: stereotype) Trauermotiv gleich ein Viertel aller Figuren beherrschen und bei einigen sogar das einzige Handlungsmotiv und der einzige Charakterzug sein? Ganz davon abgesehen, dass es merkwürdigerweise keine Frau gibt, die ihren Ehemann verloren hat und sich nun allein durchschlagen muss. (Lori Grimes, die ihren Ehemann Rick tot glaubt und unter dieser Prämisse handelt, lernen wir erst kennen, als sie schon einen Ersatzmann und Ersatzvater für ihren Sohn hat, Shane, den besten Freund ihres totgeglaubten Ehemanns – Drama mit Ansage.)

Alle Sozialbeziehungen sind irgendwie Familienbeziehungen. Vater-Mutter-Kind, Bruder-Bruder, Schwester-Schwester, Quasi-Adoptivpapa-Adoptivtöchter. Das wars. Die Männer sind die einzig wirklich aktiven Figuren (gäbe es nicht Andrea, die ganz kurz als eigenständige Persönlichkeit aufblitzen darf). Sie begründen stereotyp nahezu jedes Handeln, jede ihrer Entscheidungen und Aktionen damit, dass sie nun einmal tun müssten, was das Beste für ihre Familie sei. Der Gipfel ist dann jene Szene, in der Rick und Shane im Wald darüber streiten, wem die Familie (Lori samt Sohn) eigentlich gehört, wer sich wann und wie mehr gekümmert und deshalb welche Ansprüche auch immer erheben könne. Gruselig.

Ich vermisse den guten alten „family horror“ (Tony Williams), der in den siebziger Jahren dazu beitrug, dem Genre neuen Schwung zu geben. Horror, das haben wir da lernen können, bricht nicht immer nur von außen in die heile Familienwelt ein, sondern entsteht – zumindest manchmal – im Innern der Familie selbst. Diese Perspektive, die gar nicht viel über reales Familien(un)glück sagt, hat soziale Beziehungen in einer überbordenden Fülle und Vielfalt erzählbar gemacht. The Walking Dead hat nichts davon. Was ist nur aus Karen Cooper geworden, die in Night of the Living Dead auf so wundervoll-unnachahmliche Weise zuerst ihren Vater verspeist und danach – mit der legendären Maurerkelle – ihre Mutter in mundgerechte Stücke zerlegt?

Man sollte diesen Einwand nicht als politisch überkorrektes Genörgel oder pseudofeministische Alibikritik abtun, denn es geht hier um ein ohne Not gemindertes Sehvergnügen. The Walking Dead hätte bereits mit der ersten Staffel ein überragendes, bahnbrechendes und stilbildendes Ereignis werden können. Dass es – vorerst – ’nur‘ zu einer sehr guten, zumindest audio-visuell aufregenden Serie reicht, hat in erster Linie mit den eindimensionalen Charakteren, dem holzschnittartigen Figurenensemble und der Monotonie der gezeigten sozialen Beziehungen zu tun. Und das sollte sich doch beheben lassen.

Das Finale der zweiten Staffel wurde in den USA gerade ausgestrahlt. Ich bin gespannt.

[to be continued …]

Großes Kino in der Oberpfalz. Die Schwandorfer Dokumentarfilmtage 2012

In der letzten Woche, vom 7. bis 11. März, fanden im hiesigen Union Kino die ersten „Schwandorfer Dokumentarfilmtage“ statt.

Schon dieser harmlose kleine Satz beinhaltet gleich eine ganze Reihe irritierender Informationen: Schwandorf – eine „Große Kreisstadt“ mit deutlich unter 30.000 Einwohnern, tief in der Oberpfalz – hat ein Kino? Dabei handelt es sich nicht um ein Multiplex fürs Umland, sondern um ein kleines Kino mit gerade einmal zwei Sälen und zusammen 182 Plätzen? Dort gibt es nicht ausschließlich eine Grundversorgung der Landbevölkerung mit den Highlights des kulturindustriellen Blockbustertums, sondern programmatisch ambitionierte Filmtage? Und dann auch noch Dokumentarfilme? Indeed.

Im Programm der Schwandorfer Dokumentarfilmtage standen zehn Filme aus den Jahren 2006 bis 2011 (mit einer Ausnahme). Das klug und vielfältig zusammengestellte Programm spiegelte ziemlich genau die Variantionsbreite innerhalb der Dokumentarfilmlandschaft.

Da sind zunächst die Blockbusterdokumentationen, die in der Folge der Michael Moore’schen Erfolge immer wieder an den Kinokassen durchbrechen. In Schwandorf gab es aus dieser Kategorie Plastic Planet (2009, Regie: Werner Boote) und Taste the Waste (2010, Regie: Valentin Turn) zu sehen. Etwas reißerisch, immer auf diesen „Oh, das habe ich ja gar nicht gewusst, das schockiert mich jetzt aber …“-Effekt setzend, während spektakulär Neues gar nicht verhandelt wird. Im Prinzip sind Filme dieser Art wenig mehr als ein journalistisches Dossier und dokumentarfilmgewordener Noam-Chomskyismus.

Dann die glänzenden Celebrity-Dokumentationen, die stilsicher einer schillernden Persönlichkeit folgen. Im Schwandorfer Programm wurde dieses Subgenre mit Lagerfeld Confidential (2007, Regie: Rodolphe Marconi) und The big Eden (2011, Regie: Peter Dörfler) bedient. Wo Boulevard, Gossip und exzessive (so oder so) Lebensentwürfe aufeinander treffen, kann man schon Spaß haben.

Schließlich jene Dokumentationen, die quasi ethnologisch diese oder jene lokale Schrulligkeit erkunden und mit dem entsprechenden Kolorit das Publikum vor Ort direkt ansprechen. In Schwandorf in der Oberpfalz (das ist Bayern, falls es nicht jedeR weiß) gab es aus dieser Abteilung Frei:gespielt – Mehmet Scholl: Über das Spiel hinaus (2007, Regie: Eduard Augustin/Ferdinand Neumayr) – damit wäre dann auch die Brücke von den Celebrities zum Lokalkolorit geschlagen -, Gernstls Reisen (2005, Regie: Franz Xaver Gernstl) und WAAhnrock (1987, Regie: Helge Cramer).

Insgesamt also ein rundes Programm, das nicht am Publikum vorbei gemacht wurde, aber dennoch nicht nur auf Hits setzte. Entdeckungen waren immer möglich. Drei habe ich auf diese oder jene Weise gemacht.

I.

Freitagnacht Exit Through the Gift Shop (2010, Regie: Banksy) zu sehen, war eine gute Idee.

Über den Film ist schon genug geschrieben wurden und die meisten dürften ihn schon gesehen haben. Da ich Exit … damals im Kino verpasst habe, bin ich froh, das nun nachholen gekonnt zu haben. Eine schreiend komische Dokumentation über das Dokumentieren, in der der wahrste Satz wohl gegen Ende von Banksys Sprecher irritiert-nachdenklich ins Nirgendwo gesprochen wird: Am Ende geht der Witz vielleicht auf …, ähm, ich weiß gar nicht auf wessen Kosten, also vielleicht war es nicht einmal ein Witz.

Die absurde Befürchtung, in tiefer Nacht in einer kleinen Stadt ein leeres Kino anzutreffen, verflüchtigte sich schneller als Thierry „Mr. Brainwash“ Guetta filmen kann. Aber wer konnte schon ahnen, dass Schwandorf über ein so großes Reservoir an süßen und hippen Teens und Twens verfügt, die dann auch wirklich mal ins Kino gehen? Jedenfalls: Ein voller, kleiner, nicht klimatisierter Kinosaal mit der entsprechenden Geräuschkulisse erzeugt genau die Atmosphäre, für die sich ein Kinobesuch immer lohnt.

II.

Dass 1986 120.000 Menschen bei einem Musikfestival in Burglengenfeld zusammenkamen – wer mag, darf an ein Woodstock in der Oberpfalz denken -, um gegen die geplante Errichtung einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage (WAA) zu protestieren, habe ich erst durch WAAhnrock (1987, Regie: Helge Cramer) gelernt. Hier hat eine Dokumentation einmal mehr den klassischen Effekt einer Geschichtsstunde gehabt – auch wenn der Film eher Quelle und Teil des Geschehens als abgeklärte Analyse ist.

In filmischer Hinsicht ist WAAhnrock allerdings eher schwach. Der Film bietet zwar ab und an witzige Kommentierungen des Geschehens und es gelingt ihm hin und wieder, die eine oder andere Absurdität gut ins Bild zu setzen. Solche Momente sind aber selten und sie funktionieren zumeist nur innerhalb eines nostalgischen Protest- und Lokalpatrotismus. Der Film wirkt, als sei er von Anfang an als Erinnerungsstück gedacht gewesen, das die Beteiligten später mal ihrem Nachwuchs zeigen können sollten. Bavaria nostalgica. Entsprechend war dann auch das Publikum im rappelvollen großen Saal. Alles lebte von Wiedererkennungseffekten: Na, warst Du auch da?

Sowohl der Film selbst als auch die Reaktionen im Publikum machen deutlich, dass man es hier mit einer sehr speziellen Protest- und Widerstandskultur zu tun hat. Diese besteht im Wesentlichen darin, alle Mittel der bajuwarischen Folklore gegen die ‚Großkopferten in Minga‘ zu mobilisieren. Das zeigt sich unter anderem daran, dass das heimattümliche Polit-Musik-Kabarett der Biermösl Blosn beim damaligen Festival- wie auch dem heutigen Kinopublikum zustimmende Lacher hervorlockt. Die jungen Toten Hosen dagegen erzeugten – als sie ihren Smashhit „F*ck*n, B*ms*n, Bl*s*n“ auf der Festivalbühne zum Besten gaben – ein unmittelbar hörbares, konsterniertes Schweigen im Kinosaal. Auf die CSU kann man ruhig auch mal schimpfen, aber versauter Punk? Tztztz.

III.

Und natürlich: Prinzessinnenbad (2007, Regie: Bettina Blümner)

Drei fünfzehnjährige Mädchen, in deren Leben nicht alles rund läuft, die es schwer haben, denen nicht alles zufliegt (ganz im Gegenteil), die mit sich, ihren Familien, ihren Freunden, ihrem Stadtteil und der Welt um sie herum kämpfen (und in jeder Sekunde gewinnen, auch wenn ‚gewinnen‘ hier nicht immer eine sinnvolle Kategorie ist) – das ist genau die Erzählung, für die ich immer und überall empfänglich bin.

Der Film erzählt eine tolle Geschichte. Und er erzählt sie gut. Prinzessinnenbad besticht durch eine unglaubliche Kameraarbeit. Die Protagonistinnen werden nicht begafft oder zur Schau gestellt. Die Kamera fängt die ungebrochene, zerbrechliche Stärke von Tanutscha, Klara und Mina kraftvoll, emotional und poetisch ein – auch wenn diese Stärke manchmal ’nur‘ darin besteht, mit der Traurigkeit des Alltags und der widerspenstigen Umgebung zurecht zu kommen. Eigentlich hätte Prinzessinnenbad in der letzten Woche, am Weltfrauentag, überall laufen sollen.

Soweit.

Die Schwandorfer Dokumentarfilmtage haben Spaß gemacht. Vielleicht ist diese Art von Filmevent ein ideales Format für kleine Kinos in kleinen Städte. Die programmatisch gerahmten Filme stützen sich gegenseitig und leihen sich Aufmerksamkeit. Filme Schlag auf Schlag und Tür an Tür, andauernd hoher Publikumsverkehr und der Umstand, dass viele Zuschauer_innen sicher mehr als einen Film gesehen haben dürften, man sich also immer mal wieder über den Weg lief und sich cineastisch anlächelte – all das macht ein Kino zu einem wundervollen sozialen Ort.

Bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass das Union Kino an diesem Format festhält und irgendwann mal wieder Filmtage veranstaltet. Es können ja auch, wenn die Dokumentarfilme ausgehen, Horrorfilmtage sein.

durch frankreich radeln – moderner horror

Remakes haben, selbst wenn ihnen sonst nichts gelingt, zumindest den Effekt, dass wieder etwas Aufmerksamkeit auf das ‚Original‘ gelenkt wird. So auch im Fall von And Soon the Darkness.

Wühlt man sich durch das Horrorsubgenre ‚Terror-auf-dem-platten-Land‘, wird man wohl, wie Nils Bothmann in seiner Rezension betont, auf And Soon the Darkness als dessen Nullpunkt stoßen. (Das gilt sicher auch für das noch nicht weiterverfolgte Genre ‚Fahrradurlaub-in-Frankreich‘.)

Nachdem 2011 das amerikanisch-argentinische Remake (Regie: Marcos Efron) in den Kinos lief, wurde der britische Horrorklassiker aus dem Jahr 1970 als DVD nachgeschoben („Erstmals auf DVD – das britische Original“, Kinowelt). Tausend Dank dafür, denn der britische 1970er And Soon the Darkness ist ein grandioser Film. Remake und Original unterscheiden sich visuell erheblich.

And Soon the Darkness (1970) zeigt eindrucksvoll die Klasse des Regisseurs Robert Fuest, der innerhalb der britischen Horrorfilmschule etwas abseits steht – weil er offensichtlich das Genre nicht wie alle anderen interpretierte.

Der britische Horrorfilm der fünfziger bis siebziger Jahre ist untrennbar mit den Hammer Filmstudios verbunden. Die Filme aus dieser Schule – darunter Meisterwerke wie die Karnstein Trilogie oder die berühmten Frankenstein- und Dracula-Neuinterpretationen mit Peter Cushing und Christopher Lee – besplattern durch grelle Farben und explizit-graphische Gewaltdarstellung, die immer ein Hauch Slapstick umweht. Und natürlich bleibt keine auch nur entfernt mögliche Sexszene ungedreht.

Dagegen nun ganz anders Robert Fuest und sein And Soon the Darkness. Fuest präsentiert einen Horrorfilm, der einerseits Anschluss findet an den dokumentarisch-realistischen Stil seiner nordamerikanischen Regiekollegen (George A. Romero, Wes Craven, Tobe Hooper, David Cronenberg und John Carpenter), die zwischen 1968 und 1978 das Genre revolutionierten. Andererseits führt And Soon the Darkness einen reduzierten, transparenten und klaren stijl vor. In bester modernistischer Tradition.

And Soon the Darkness splattert nicht. Im gesamten Film gibt es lediglich zwei explizite Gewaltszenen, lediglich eine davon ist blutig. Spannung und Terror entstehen ausschließlich über die eigentümliche Atmosphäre und das Figurenensemble.

And Soon the Darkness wirkt passagenweise eher photographiert als gefilmt, machmal eher Stillleben als bewegtes Bild. Es dominieren Geradlinigkeit, (Recht-)Winkeligkeit und Flächigkeit. Der Film ist ein starkes Argument dafür, dass visuelle Klarheit und Transparenz einen Terror erzeugen können, der demjenigen visuell verschwurbelter, undurchdringlicher gothic-Gruften und dämonischer Wälder nicht nachsteht. Die Atmosphäre, aus der der Film seinen Schrecken bezieht, ist nicht düster. Immer und überall scheint die Sonne. Den Figuren ist nie und nirgends die Sicht verstellt. Sie halten sich nicht in Kellern, Gewölben oder vorzeitlichen Wäldern auf, sondern bewegen sich auf kurvenlosen Landstraßen, umgeben von überschaubaren Feldern. Selbst der Wald ist eher eine Lichtung, die nur mühsam als Versteck genutzt werden kann.

Uneingeschränkte Sichtbarkeit, besser: Durchsichtigkeit allein sind aber nichts wert, wenn das Gesagte nicht oder nur rudimentär verstanden wird. Der Schrecken des Films speist sich aus der Vestehensunfähigkeit und Sprachverwirrung der Protagonistin: Jane, eine junge Engländerin, die im ländlichen Frankreich Urlaub macht. Ihre Angst und ihre Panik entstehen, weil sie nicht versteht, was die anderen Figuren ihr mitteilen, weil sie auf die Interpretation des Augenscheins angewiesen ist – und dieser sie, natürlich, immer und systematisch trügt, obwohl alles glasklar vor ihren Augen liegt. Jane hat regelmäßig Angst vor den/dem Falschen. Kein Wunder, denn, so schreibt Nils Bothmann sehr präzise in seiner Rezension, die große Stärke des Films beruht auf seinem „hübsch skurrilen Figureninventar“:

„Zwar haben die Charaktere teilweise noch nicht einmal Namen, werden im Abspann nur als Gendarm oder Schulvorsteherin geführt, doch gerade in Verbindung mit der Verschrobenheit der durch den Film geisternden Gestalten verdeutlicht dies die Verwirrung, welche Protagonistin Jane empfindet. Dementsprechend sind die französischsprachigen Passagen nicht untertitelt, damit der Zuschauer sich in die Hauptfigur hineinversetzen kann, welche die Sprache nur mangelhaft beherrscht. Effektiv bebildert And Soon the Darkness das Alleinsein in der Fremde, die Unsicherheit Janes, ob ihre Freundin noch lebt und wem sie überhaupt trauen kann, denn sie hat keinerlei Hinweise auf Identität und Motiv des Entführers.“

hören/sehen/lesen 2011 – meine top 9

Kurz vor Weihnachten und gegen Jahresende haben Listen Konjunktur. Die Top 9, die ich hier vorstelle, sind keine Wunschliste. Auf der Liste sind nur Dinge, die ich schon habe, mir also nicht mehr zu wünschen brauche.

Damit ist schon das erste, zwar willkürliche, aber stabile Auswahlkriterium benannt: der vollzogene Kaufakt. Dadurch komme ich immerhin nicht in die Verlegenheit, implizite Wertigkeiten für alle potentiell verfügbaren CDs, DVDs, Bücher und Magazine des Jahres zu behaupten. Vielmehr kann offen bleiben, ob es nicht unzählige bessere gab, die lediglich nicht Opfer meines randomisierten Kaufverhaltens geworden sind. Zudem umfasst die Liste (zweites Auswahlkriterium) etwas altmodisch nur diejenigen Dinge, die ich seit dem Kauf physisch in Händen halten kann – und auch wirklich schon gehört/gesehen/gelesen habe.

9) Jan Ole Arps: Frühschicht. Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren (Assoziation A)

Ein kluges Buch. Das Thema mag etwas esoterisch und schrullig anmuten, vielleicht auch etwas aus der Zeit gefallen. Jan Ole Arps zeigt aber, dass es in dieser Geschichte nicht nur um einige linksintellektuelle Irrlichter gehen muss, die glaubten, Flugblattaktionen in Fabriken brächten die Revolution voran. Vielmehr lässt sich lernen, welche Dimensionen der inzwischen viel beschworene gesellschaftliche Umbruch der siebziger Jahre eigentlich aufwies – wie z.B. neue Aktionsformen und innovative Analysen der Industrie- und Arbeitsgesellschaft zusammenhingen und welche Horizonte das öffnete.

8 ) Nathanael West: Eine glatte Million. Oder: Die Demontage des Lemuel Pitkin (Manesse)

Der Roman aus dem Jahr 1934 wurde neu aufgelegt. Zum Glück und sicher absichtlich vor dem Hintergrund weltweiter Finanz-, Wirtschafts-, sozialer und politischer Krisen. Nathanael West erzählt eine Geschichte, in der das Glücksversprechen des US-amerikanischen Kapitalismus in Zynismus zu sich selbst kommt; eine Geschichte, in der die USA mit der Gefahr eines Faschismus im eigenen Lande konfrontiert werden. Das ist böse, düster und in einer halsabschnürenden, erstickenden Weise komisch.

7) Machete. Regie: Robert Rodriguez (Sony Pictures)

Dieses Gemetzel und diese SchauspielerInnenparade muss ich einfach lieben. Dazu dieses Revolutions- und Protestpathos, das so überdreht ist, dass man es schon wieder ernst nehmen kann. Matthias Dell hat im freitag – unter dem poetischen Titel „Widerstandswirtschaft“ – schöne Worte dafür gefunden, die ich gern zitiere:

„Man kann in Machete mehr kennen lernen als avancierte Tötungsmethoden. Der politischste Moment ist dabei ein sehr stiller: als wieder einmal Machete vorbeischaut, beschließen die Bodyguards des Politikberaters zu fliehen, statt ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen für jemanden, der ihnen ferner ist als das Gegenüber. So fangen Revolutionen an.“

Der eigentliche Grund, Machete auf der 7 zu platzieren, ist natürlich LiLo, die im Nonnenkostüm Tod und Frieden bringt.

6) David Foster Wallace:  Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich (Mare)

Diese Kreuzfahrtreportage ist die spannendste Beantwortung der Frage, wie ‚realistisches Schreiben‘ unter den Bedingungen der Postmoderne eigentlich noch funktionieren kann. Wie beschreibt man das echte, wirklich wahre Leben, wenn es zwischen den Dingen und den Worten keine Verbindung gibt, wenn man – wie DFW –  zu jeder Be-Schreibung auch gleich noch ihr Gegenteil liefern könnte? Diese Kreuzfahrtreportage ist trotzdem oder gerade deshalb schreiend komisch, von überbordender sprachlicher Kreativität und analytischer Präzision. Schrecklich amüsant usw. kitzelt an Stellen im Gehirn, deren Existenz bisher nur vom Hörensagen her bekannt war.

5) Poly Styrene: Generation Indigo (Future Noise Music/Rough Trade)

Die Lebensfreude, die dieses letzte Album der wundervollen (Du wirst vermisst!) Poly Styrene versprüht, rührt zu Tränen. Songs, aus denen es schallend lacht und Songs, die verschmitzt kichern. Also: Die Röntgenbrille aufsetzen und sehen, wie hibbelig und wuselig die Welt ist. Und das Lächeln nicht vergessen. Poly Styrene hat (Post-)Punk am Ende dorthin geführt, wo er sich wieder gut anfühlt.

4) bitch. feminist response to pop culture (Bitchmedia)

Andere Magazine versprechen eine Kiste Wein und einen Biobäckergutschein, wenn man ein Abo abschließt. bitch fragt nur hinterlistig, ob man denn wolle, dass ein unabhängiges, feministisches Magazin verschwinde … Das wolle man doch nicht wirklich, oder? Natürlich nicht. Also genieße ich nun Artikel wie diesen hier von Gabrielle Moss: Party Out Of Bounds. Booze, The Pleasure Principle, and Party-Girl Pop (bitch51/2011). Und ja, ich verlängere mein Abo.

3) Human League: Credo (Wall of Sound/Rough Trade)

Dort, wo die kalte, klare Vernunft gegen den Impuls, sich Plüschtierkostüme überzuwerfen, triumphiert; dort, wo es statt Bildern von Wäldern, Wiesen und hüpfenden Kindern Graphiken reiner Formen gibt; abstrakt, klar und reduziert, schwarz und weiß – dort regiert die Human League. Zerlegung und Neuzusammensetzung, Differenz und Wiederholung machen die Stärke von Credo aus. Trotziger Stolz spricht aus diesem Album und eine Haltung, die sich weigert, in Kategorien wie Jugend und Alter zu denken. Kein Wunder, dass ich das mag.

2) Martin Büsser: Music Is My Boyfriend. Texte 1990-2010 (Ventil)

Die ausgewählten Texte dokumentieren, dass Martin Büsser Pop ernst nahm, dass Pop es ihm wert war, darüber nachzudenken. Ein Adornit, ein linker Pop(musik)kritiker, der nicht von der Idee lassen wollte, dass Jugend- und Subkulturen etwas bedeuten und verändern können. Die Texte beeindrucken auch und gerade durch ihre Weigerung, intellektuellen Anspruch aufzugeben. Sie beeindrucken durch ein feines Gespür für Machtverhältnisse. Und: Sie können polemisch präzise sein, vor allem dann, wenn Martin Büsser popkulturelle Deutschtümeleien erblickt. Da werden z.B. Wir Sind Helden zum „als Pop weiter wuchernden Geschwür des rot-grünen Kuschel-Nationalismus“. … „Als Zarah Leander des Turbokapitalismus weiß Judith Holofernes, womit sich die Massen noch mobilisieren lassen.“ Nehmt, das Ihr Teutopopper!

1) Lady GaGa x Terry Richardson (Goldmann)

Wow, mother monster!

Im Übrigen gilt natürlich, was Emily Nussbaum, Fernsehkritikerin des New Yorker, im Allgemeinen und Besonderen über Listen geschrieben hat.

Achja – Euch allen schöne Weihnachten usw.

das prinzip deacon frost

Deacon Frost – der von Stephen Dorff gespielte Vampir – ist der eigentliche Held in Blade (1998). Frost ist der paradigmatische Vampir der Postmoderne: in der Postmoderne und für die Postmoderne. Frost verkörpert in dreifacher Hinsicht ein Gegenmodell zum vormodernen wie auch modernen Vampir und bietet sich selbst als role model für zukünftiges Vampirleben an. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass er bei Strafe der eigenen Vernichtung scheitert – das ist schließlich das Schicksal jeder Avantgarde. Mit Deacon Frost wird der Vampir zum Zeremonienmeister einer vampirischen „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord), zum postmodernen Unternehmer seiner selbst und zum bricoleur der Geschichte.

1) Deacon Frost in der Blutdisco: Die grandiose und berühmte Eröffnungsszene von Blade führt in einen undergroundigen Vampirclub, mitten in eine Party, die – bezeichnender Weise und laut Werbebanner  – Blood Bath heißt. Der Club befindet sich unter einem Schlachthof. Augenfälliger lassen sich moderne Industriegesellschaft und postmoderne Gesellschaft des Spektakels kaum in Beziehung setzen. Blut fließt hier wie dort; einmal jedoch im Kontext industriell betriebener Massenschlachtung und Fleischverarbeitung, das andere Mal als fast schon kultisches Menschenopfer im Kontext eines entgrenzten Spektakels. In den Schlachthöfen Chicagos wurde um 1900 die Fließbandproduktion geboren. Die Blutsdisco führt um 2000 vor, was postmodern entertainment heißt. Dazu passt, dass Deacon Frost selbst nicht nur als kapitalistischer Investor im Hintergrund agiert, sondern in die in seinen Clubs feiernde Menge eintaucht. Sein Lebensentwurf ist zugleich sein Geschäftsmodell.

2) Deacon Frost und der Rat der Vampire: Bruchlinien und Konflikte stellt Blade auch innerhalb der Gesellschaft der Vampire zur Schau. Deacon Frost kämpft und gewinnt gegen den altehrwürdigen, gesetzen und gesättigten Rat der Vampire. Dieser Rat begegnet dem postmodernen Helden nicht nur mit vampirrassistischen Vorurteilen, sondern verdammt ebenso entschieden Frosts Lebensentwurf und Geschäftsmodell. Der Rat der Vampire – eine Ansammlung mittelalter, weißer Herren im Anzug  – verkörpert in Haltung und Auftreten einen vampirischen corporate capitalism, der gerade in der Gegenüberstellung mit Frost antiquiert wirkt. Dieser Vorstand und Aufsichtsrat der Vampire, Inc. sorgt sich eher um internationale Finanzgeschäfte und Verträge mit den Menschen (man hat ein spiegelbildliches, politisch-ökonomisches Geheimgremium, mit dem der Rat der Vampire seine Absprachen trifft, formlich vor Augen) als dass es um eine Erneuerung vampirischer Selbstentwüürfe geht.

3) Deacon Frost im Archiv: In einer HighTech-Bibliothek bastelt Deacon Frost mit der Geschichte. Ein gigantischer Serverraum bietet die Infrastruktur, derer es bedarf, um die Prophezeiungen der ‚Vampirbibel‘ aus längst verblichener Vorzeit zu entschlüsseln und sie in die Gegenwart zu holen. Im Gegensatz zu den altehrwürdigen Ratsmitgliedern, die derartiges längst als Aberglaube abgetan haben, ist  Frost geschichtsbesessen; aber nicht, weil er sich selbst als Teil irgendeines historischen Überlieferungszusammenhangs sieht, als Wahrer oder Vollender irgendeiner Tradition usw. Sein Umgang mit Geschichte ist postmodern: Frost zitiert, Frost de- und rekontextualisiert. Ihm geht es nicht um die Geschichte als solche, sondern darum, was sich aus der Geschichte rausbrechen lässt, um in der Gegenwart die Zukunft zu evozieren. Frost, der Archivar, behandelt Geschichte als Anhäufung von Fragmenten, die unterschiedlich nützlich und ‚wahr‘ sind.

Deacon Frost bringt den Vampir auf die Höhe der Zeit anno 1998. Frost bewirkt eine signifikante Neuausrichtung der Vampirökonomie und ihrer Subjekte. Dadurch gelingt es ihm, den Anschluss an jenen „Strukturwandel von revolutionärer Qualität“ (Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael) herzustellen, den die menschlichen Gesellschaften seit dem Ende der 1970er jahre bereits durchlaufen hatten. Die soziale und ökonomische, noch mehr freilich die diskursive Struktur der neuen Ordnung bedeutete ein Ende der Industriegesellschaft. Sie kündete vom Aufstieg der postindustriellen Gesellschaft, der Dienstleistungs-, Wissens- und Informationsgesellschaft. Vielerorts verloren sich die Spuren des korporativen Industriekapitalismus. An den Schnittpunkten dieser Entwicklungen stieg das neoliberale Projekt-Selbst empor.

Angesichts dieser Entwicklung wirken sowohl die alten feudal-aristokratischen als auch die neueren korporativ-kapitalistischen Vampire eigentümlich aus der Zeit gefallen. Erst Deacon Frost macht den Vampir – durchaus auch unter Reaktivierung der einen oder anderen, irgendwie verschütteten Vampirtugend – fit für ein Leben unter den Bedingungen der Postmoderne. Das beinhaltet die Verachtung jedweder produktivistischer Ideologie, die Wiederentdeckung eines hedonistischen Konsumindividualismus, aber auch ein Neuaufleben der vampirischen Kunst der Verführung.

Jedenfalls: Der „neue Geist des Kapitalismus“ (Luc Boltanski/Ève Chiapello) bietet Anschlüsse und Möglichkeiten für einen Vampir neuen Typs. Die Zukunft sollte frostig werden.

milla’s sisterhood

Endlich geschafft, mich auf den aktuellen Stand zu bringen. Endlich geschafft, Resident Evil: Afterlife zu sehen. Bereits die Auftakszenen erfreuen das Herz, denn man kann Alice (Milla Jovovich) dabei zusehen, wie sie zusammen mit ihren Klon-Schwestern die Zentrale der Umbrella Corp. stürmt. Das geht im ersten Anlauf zwar schief, greift aber immerhin den schönsten Topos der Filmreihe auf: Milla’s sisterhood.

Ich mag Resident Evil, obwohl die Filme keine Meisterwerke sind. Sie sind aber auch nicht so schlecht, als dass sie von Milla Jovovich nicht doch auf ein sehbares Niveau gehoben werden könnten. Das Risiko, dass einem ein subversiver Subtext entgeht, scheint freilich gering. Alles spielt sich mit großem Knall in einem Vordergrund ab, der keinen Hintergrund kennt. Und genau deshalb misstraue ich diesem merkwürdigen Impuls, der mich überkommt, wenn ich Milla auf ihrer Mission beobachte. Der Impuls, immer wieder diese eine Frage zu stellen:

Kann es sein, dass Resident Evil unter all den Explosionen und all dem Martial Arts-Feuerwerk eine – noch dazu spannende – feministische Geschichte erzählt?

Eine (körperlich) starke, kämpfende Heldin, die gleichzeitig witzig, cool und sexy ist – so sah schon immer die Feminismusinterpretation des Actionkinos aus. So weit, so unspektakulär. Die Grundkonstellation von Resident Evil und die Art, wie diese ausbuchstabiert wird, bringen allerdings eine sehr viel interessantere Problematisierung von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen hervor. Im Spannungsfeld von Kapitalismus- und Wissenschaftskritik.

Die konsenskapitalismuskritischen Angriffe auf die Umbrella Corp. aktualisieren klassische, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts etablierte Topoi des corporate capitalism-Diskurses. Die böse Umbrella Corp. ist klassisch männlich konnotiert. Sie repräsentiert keinen kreativen, innovativen, philanthropischen compassionate capitalism, sondern einen brutalen, rücksichtslosen, kalten, vergewaltigenden Testosteronkapitalismus, getrieben von Profit um wirklich jeden Preis.

In eine ähnliche Richtung weist auch die Thematisierung von Wissenschaft und Forschung in Resident Evil. Life sciences und corporate capitalism gehen einen verheerenden Pakt ein. Dabei aktualisieren die Filme jene mad scientist-Tradition, der Andrew Tudor vor einigen Jahren ein kluges Buch gewidmet hat. Der Wissenschaftler stellt sich hier nicht nur bedingungslos in den Dienst eines vollkommen entgrenzten kapitalistischen Profitstrebens, sondern er ist auch und vor allem ein männlicher Wissenschaftler. Sein „assaultive gaze“ (Carol Clover) verweist auf ein obsessives, exzessives, er- und bemächtigendes Wissenwollen, in dem Wissenschaft und Männlichkeit korrelieren.

Innerhalb dieses wissenschaftlich-industriellen Komplexes und gegen ihn agiert Alice. Sie ist gleichzeitig Powerfrau, Actionheldin und High-Tech-Produkt. Ergebnis, Objekt und Herausforderung des „assaultive gaze“. Die Schlussszene des dritten Teils – Resident Evil: Extinction – vollzieht nun jedoch einen Schritt zum kollektiven Handeln, der dem üblichen Actionkinofeminismus eine andere Facette hinzufügt. Nach dem großen Kampf mit dem zum Übermutanten gewordenen Leiter der Umbrellaforschungsabteilung entdeckt Alice eine schier unfassbare Anzahl weiterer Alice-Exemplare, die sie weniger als Klone, denn als Schwestern begreift. Per Videoübertragung schaltet sie sich in eine Vorstandsitzung von Umbrella und kündigt ihr Kommen und damit das Ende der Umtriebe der Corporation an. Allerdings, nicht ihr alleiniges Kommen: „I am coming for you … and I am bringing a few of my friends!“

Die Schwesternschaft, in die Alice sich begibt, ist in diesem Fall sowohl biologisch-familiär konnotiert, als auch ein Verweis auf Massenproduktion und Produktfamilien. Hinzu kommt jedoch, gerade durch die Gegenüberstellung mit den Herren, die Umbrella leiten und für deren Forschungsprogramm verantwortlich sind, ein Hauch feministisch-kollektiven Handelns. Dadurch bricht der Film aus dem bis dahin durchaus angelegten lone ranger-Narrativ aus. Alice ist von nun an mehr als die weibliche Adaption des so typischen männlichen Actionhelden, des Einzelkämpfers auf dem Rachefeldzug.

Resident Evil entgeht darüber hinaus jener Falle, in die der große George Romero 1985 getappt ist, als er in Day of the Dead den Versuch unternahm, Antimilitarismus und Wissenschaftskritik mit einer feministischen Perspektive zu verbinden. Romero bewerkstelligte das nämlich, indem er zwei Modi des Wissen(wollen)s einander gegenüberstellte: ein grenzenloses Strebens nach Gestaltung des Lebens, das zunehmend mit den Insignien des Wahnsinns ausgestattet wird, auf der einen, die hellsichtige Forderung einer Konzentration auf das Wesentliche auf der anderen Seite. Genau hier lag aber das Problem. Romeros Kritik der totalitären Vernunft des Wissenschaftlers resultiert aus der Festlegung der Wissenschaftlerin auf eine emotional-menschliche und zudem praktische (fast möchte ich sagen: „häusliche“) Vernunft. Die Idee eines kollektiven, widerständigen Handelns spielt dabei keine Rolle, und schon gar nicht ist sie etwas, das mit Weiblichkeit assoziiert wird – anders als in Resident Evil.

Die kämpfende sisterhood ist in letzter Instanz vielleicht doch etwas spannender als die Konstituierung einer „weiblichen Vernunft“ – auch wenn George A. Romeros Filme als Filme immer und überall besser sind als es Resident Evil je für sich beanspruchen würde.