Weil heute sein Geburtstag ist …

Die Feierlichkeiten laufen allerorten. Hier etwa gibt es (immer) noch eine hochkarätige Tagung im Livestream, und hier eine wundervolle Internetpräsenz. Schließlich wird ein Karl Marx nur einmal im Leben 200 Jahre alt! Und dabei haben wir alle doch erst im letzten Jahr 150 Jahre Das Kapital. Erster Band gefeiert.

Ich beteilige mich gern mit zwei kleinen Geschenken: mit einem kleinen Essay für Karl, in dem ich erkunde, ob das „Kapital“ vor dem „Schatz“ zittern muss; und mit einer wohlgemeinten Warnung für alle Interessierten, welche der umfangreichen Marx-Biographien man vielleicht eher NICHT lesen sollte.

In diesem Sinne:  Happy Birthday!

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Die Wiederentdeckung der „zweiten Linken“

Die Gesellschaftskritik der alternativ-linken Bewegungen der ‚langen siebziger Jahre‘ – die Diagnosen und Utopien der Post-68er – scheinen für das 21. Jahrhundert, noch oder wieder, eine gewisse Strahlkraft zu haben. Ökologische Krise, Konsumismus, entgrenztes Wachstum, flexibler Kapitalismus – die seit ’68‘ geprägten Schlagworte wirken weiterhin und scheinen wie gemacht für eine Kritik heutiger Verhältnisse. Ähnlich verhält es sich mit den Reformvorschlägen und Zukunftsperspektiven: Nullwachstum, Nachhaltigkeit, immaterielle Arbeit, Wissenskommunismus, Grundeinkommen – allesamt Ideen und Konzepte, deren zaghafte Formulierung in die sechziger und siebziger Jahre zurückverfolgt werden kann.

Folgerichtig lädt ein schöner kleiner Band aus dem Wagenbach-Verlag dazu ein, André Gorz – „einen fast vergessenen Denker“ – neu zu entdecken. Gorz’ philosophisch-soziologische Analysen seit den späten 1950er-Jahren oder seine Reportagen im „Nouvel Observateur“, den er 1964 mitbegründete – der vorliegende Band versammelt vor allem eher journalistische Texte der Jahre 1976 bis 2005, oft in deutscher Erstübersetzung –, lassen sich als laufender Kommentar zum Strukturwandel westlicher Gesellschaften lesen; ein Strukturwandel der nicht abgeschlossen ist.

97838031278531

 

Neben einigen spannenden Texten von Gorz enthält der Band „kritische Würdigungen von Constanze Kurz, Otto Kallscheuer, Claus Leggewie, Petra Gehring, Sarah Speck, Karena Kalmbach, Wolfgang Stenke und Stephan Lessenich, deren eigenes Denken und Handeln stark von ihm beeinflusst sind oder die sich neuerlich von ihm inspirieren lassen.“ Diese Texte geben einigen Aufschluss über die Befindlichkeiten der heutigen Gesellschaftskritik. Sie zwingen Leser_innen dazu, sich mit der Frage zu beschäftigen, was sich aus früheren kritischen und utopischen Entwürfen für eine linke, progressive Politik heute lernen lässt. Aber auch: ob Gegenwart und Zukunft einer solchen Politik tatsächlich in einer Neuauflage der Diagnosen und Utopien der alternativ-linken Post-68er liegen können. Ich wäre hier skeptischer als einige der Beiträger_innen in diesem Band.

Leggewie, Claus; Stenke, Wolfgang (Hrsg.): André Gorz und die zweite Linke. Die Aktualität eines fast vergessenen Denkers. Mit Übersetzungen aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Wagenbach: Berlin  2017. 176 Seiten. 13,90 EUR.

[Eine längere Besprechung, die stärker die Bedeutung der Texte von Gorz als Quelle für die Geschichtswissenschaft diskutiert, habe ich auf H-Soz-u-Kult veröffentlicht.]

In Flanders Fields. Wonder Woman vs. General Ludendorff

Während ihr erster Auftritt im Comic (1941) die Heldin in den Zweiten Weltkrieg führte, betritt Wonder Woman in ihrem ersten großen Kinofilm die Welt der gewöhnlichen Menschen während des Ersten Weltkriegs. Was soll diese Verlagerung des Schauplatzes nun bedeuten – from a historian’s point of view?

Erstens unterstreicht der neue Schauplatz, dass es sich bei der Amazonenprinzessin um einen eigenständigen Charakter handelt. Hellboy, Captain America und Co. haben den Zweiten Weltkrieg und alle damit verbundenen Storylines in den letzten Jahren derart intensiv beackert, dass hier inzwischen wohl wenig Spielraum für eine originelle Geschichte bestehen dürfte, die Wonder Woman nicht als bloßen Neuaufguss ihrer Kollegen erscheinen ließe. Superheldinnen haben ein Recht auf ihren eigenen Krieg.

Zweitens bietet der Erste Weltkrieg Bilder, die der Zweite Weltkrieg nicht bieten könnte, jedenfalls wären das dann nicht die Bilder, die im kollektiven Gedächtnis für diesen Krieg stehen. Vor dem Hintergrund eines Stellungskriegs lässt sich Wonder Woman bildlich einfach viel besser als dynamische und dynamisierende Kraft inszenieren. Etwa in jener Schlüsselszene, in der sie auf den Schlachfeldern Flanderns den zur Tarnung über ihrem Amazonenkostüm getragenen Wollmantel abwirft und das tut, was den Soldaten um sie herum als schlichte Unmöglichkeit erscheint: auf die Leiter steigen, den Schützengraben verlassen und das Niemandsland überwinden. Paradigmatischere Bilder als in dieser Szene dürften sich kaum finden lassen, um auch dem letzten Zweifler zu zeigen, dass Wonder Woman die Welt in Bewegung versetzt – dass sie tut, was andere noch nicht einmal mehr für denkbar halten.

Drittens ändert sich mit der Verschiebung vom Zweiten in den Ersten Weltkrieg die grundsätzliche Jobbeschreibung US-amerikanischer Comic-Held_innen nicht wirklich. Das Böse aus den Deutschen herausprügeln kann man in beiden Weltkriegen, denn böse waren sie ja nicht erst, als sie damit anfingen, Naziuniformen zu tragen – siehe General Ludendorff, der zusammen mit der bösen Chemikerin Dr. Maru perfide Giftgasexperimente durchführt und aus guten Gründen eines Pakts mit dem dämonischen Bösen verdächtigt wird.

Viertens sind trotz des bösen Ludendorffs die Rollen im Ersten Weltkrieg weniger eindeutig  verteilt. Zumindest gibt es etwas Spielraum für eine Erzählperspektive, die mit den Gemeinsamkeiten aller Kriegsparteien spielt: Auf beiden Seiten gibt es Menschen, die für kriegstreiberische Einflüsterungen empfänglich sind; die wollen, dass der Krieg immer und immer weiter geht – und sei es nur, weil der Krieg ab einem bestimmten Zeitpunkt vertraut ist, während Frieden zum unentdeckten Land wird, das zu betreten man fürchtet. Mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg käme eine solche Perspektive nicht unmittelbar in den Sinn.

Fünftens könnte man in der verfilmten Geschichte von Wonder Woman eine mögliche Deutung des Ersten Weltkriegs sehen, die aktuellen geschichtswissenschaftlichen Deutungsmustern gar nicht so unähnlich ist. Wo in Christopher Clarks Bestseller den Akteuren auf allen Kriegsseiten ein schlafwandelndes Taumeln in und durch den Krieg bescheinigt wurde (im Grunde also niemand so richtig schuld ist und es eigentlich keiner so gemeint hat), ist es im Film der zurückgekehrte Kriegsgott Ares, der allen Beteiligten Ideen einflüstert, freilich aber auch darauf besteht, dass er niemanden zwinge, Krieg zu führen. In beiden Fällen treten politische und ökonomische Interessen, die die verschiedenen Länder in ganz unterschiedlicher Weise in den Krieg führten, in den Hintergrund. Aus Kriegsparteien werden Schlafwandler, denen vielleicht der Kriegsgott ihre Träume einflüstert – bis Wonder Woman sie wachrüttelt.

Jenseits geschichtswissenschaftlicher Thesen ist Wonder Woman übrigens ein guter Film.

Wandelnde Leichen – die Koffeinsucht junger Fabrikarbeiterinnen (1893)

Minna Wettstein-Adelt (1869-1908) veröffentichte 1893 den Bericht 3 1/2 Monate Fabrik-Arbeiterin, in dem sie – eine der Vorkämpferinnen der bürgerlichen Frauenbewegung – sich dem Elend der ‚Schwestern‘ in den Fabriken widmete. Zu diesem Zweck verbrachte sie einige Zeit im Undercovereinsatz in einigen Chemnitzer Textilfabriken. Derartige Expeditionen in das fabrikgesellschaftliche Herz der Finsternis waren im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert durchaus in Mode.

Minna Wettstein-Adelt schildert alle möglichen Facetten der Lebens- und Arbeitswelt junger Fabrikarbeiterinnen und zeigt sich permanent erschüttert und schockiert darüber, wie anders, wie roh, wie schamlos, wie unzivilisiert und wie bestialisch (alles ihre eigenen Etiketten) diese Welt im Vergleich zur Berliner Bürgerwelt ist. Am Ende ihrer gut hundert Seiten starken Schrift findet sich ein Kapitel, dass mit „Verschiedenes“ überschrieben ist – und in diesem Kapitel findet sich ein Kommentar zum größten Laster der (jungen) Fabrikarbeiterinnen: dem  Essen von Kaffeebohnen.

„Es giebt [sic] Mädchen unter den Arbeiterinnen, von denen man erschrickt, die den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit weißer Gesichtsfarbe und tiefliegenden Augen, wie wandelnde Leichen, die sich ruinieren und elend machen um elender Kaffeebohnen willen. Solche Koffeinsüchtigen verbrauchen ihren halben Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils einen ruinierten Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine meiner Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte [sic] frischgebrannter Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte sich nach ’neuen‘. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen retten kann, denn sie sind jeder Selbstbeherrschung und Energie bar, sie sind weit schwerer zu kurieren, denn Cocainsüchtige.“ (S. 103)

Eine wundervolle Passage; aufschlussreich in vielerlei Hinsicht.

Die weiße Gesichtsfarbe und tiefliegenden Augen der wandelnden Leichen erinnern daran, wie verbreitet es im neunzehnten Jahrhundert war, die Fabriken (und den Kapitalismus) als moderne Verkörperung des Vampirismus zu beschreiben. „Das muß man gesehen haben“, hieß es etwa 1913 in Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen (dem Publikationsorgan der proletarischen Frauenbewegung um Clara Zetkin), „um den Leiber und Geister auspressenden Kapitalismus ganz zu begreifen. Und immer mehr solcher geduldiger Lämmer, immer mehr solcher Frauen, Mädchen und Männer schleppt der Vampyr ins Land.“ Die Existenz tatsächlicher Vampire trieb mit deren literarischer Kodifizierung in der gothic novel inzwischen niemanden mehr um, die Metaphoriken des Vampirismus allerdings schon – wenn es um die armen, elenden Fabrikmädchen ging. Vor allem die Arbeiterinnen der Textilindustrie, das hat die Historikerin Eva Pietsch in einer schönen Studie (Gewerkschaft, Betrieb und Milieu in der Bekleidungsindustrie, Essen 2004) herausgearbeitet, schienen dieses Bild zu bestätigten: „Bleiche Lippen und hektische Wangen, flache Brust und blasse Haut.“

Die Brücke von der Koffein- zur Kokainsucht bekräftigt dagegen eine Binsenweisheit in der Geschichte stimulierender Substanzen: Drogen nehmen immer nur die Anderen und am Gefährlichsten ist immer das, was die unteren Schichten nehmen (denen es, natürlich, in noch größerem Maß an Selbstbeherrschung mangelt, als es bei bürgerlichen Süchtigen der Fall sein mag). Als Minna Wettstein-Adelt ihre Passage schrieb, war es noch gar nicht so lange her, dass Kokain als medizinisch-pharmazeutische Wunderwaffe verwendet wurde, unter anderem um Morphinsucht zu behandeln … Immerhin schlug Wettstein-Adelt nicht vor, dem Essen von Kaffeebohnen damit auf den Leib zu rücken. Mich hat sie allerdings daran erinnert, wieder einmal schokoladenüberzogene Espressobohnen zu kaufen (ich höre wieder auf, falls irgendwann der halbe Lohn dafür draufgehen sollte).

Daimler und die Würste – deutsche Kontinuitäten im 20. Jahrhundert

Zuerst die Süddeutsche Zeitung und dann der Guardian berichten heute über einen Wurststreit auf der Aktionärshauptversammlung bei Daimler. Offenkundig bevorratete sich jemand am Buffet ausgiebig für einen späteren Wursthunger zuhause; jemand anderes störte sich daran; es kam zum Streit; die Polizei schlichtete. 12.500 Würste für 5.500 Aktionäre. Da war der Zwischenfall doch vorprogrammiert! Wer sich ein klein wenig mit der Wurstgeschichte Daimlers auskennt, hätte das auch vorhersehen können.

Wie das Leben manchmal spielt und der Zufall es will: Der erste Aufsatz, den ich jemals in einer geschichtswissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlich habe, widmete sich – genau – einem hässlichen und langwierigen Kantinenstreit bei Daimler (vgl. Die Massengesellschaft auf dem Weg in die Kantine. Fabrikmahlzeit, Selbstbedienung und „Ordnungsdenken“ bei der Daimler-Benz AG 1948-1953, in: Historische Anthropologie 17.1,2009). Auch in diesem alten Kantinenstreit ging es – unter anderem – um die Wurst. So wurde um das wirkliche oder unterstellte „Untergewicht“ einer Wurst gestritten.

„Es darf natürlich nicht sein, daß, wenn zu einem Pärchen Wurst beispielsweise Normalmaß genommen ist und dann das Pärchen in einem Stück gegeben wird, daß dann einer glaubt, es sei das andere Stück zu dem Pärchen nicht mitgegeben worden, also die Länge vielleicht 2 Meter betragen muß.“ (Betriebsversammlung vom 11.3.1952, Protokoll, Daimler Archiv, Bestand Könecke 12, S. 10.)

Die Ansicht, beim Essen übervorteilt zu werden, rechtfertigte in den frühen 1950er Jahren zwar Beschwerden, aber nicht jede Art von Benehmen.

„In der Kantine kommt es immer wieder vor und ich weiß, daß mal eine Portion Wurst vielleicht Untergewicht hat oder an einem Käse mal etwas nicht ganz in Ordnung ist. Kolleginnen und Kollegen, bitte seid so freundlich und kommt, aber bitte schreit die Verkäuferin nicht an […], die kann nämlich nichts dafür, die verkauft nur. Wenn Ihr in einem freundlichen Ton kommt, dann hallt es freundlich zurück. Aber, wenn einer anders kommt, auf einen groben Klotz gehört auch ein grober Keil. Das ist eine ganz klare Sache.“ (ebd., S. 22)

Hunger- und Mangelerfahrung in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, gerade auch unter Arbeiterinnen und Arbeitern, machen derartige Diskussionen verständlich. Die Arbeiter_innen von Daimler würden sich heute in der Kantine wahrscheinlich nicht mehr um das Gewicht einer Wurst streiten. Dass derartiges 2016 auf Aktionärsversammlungen vorkommt, zeigt einerseits, dass die Wurstfrage wohl eine der unterschätzten Kontinuitäten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist. Andererseits zeigt sich darin aber auch der Wandel vom Industrie- zum Finanzmarktkapitalismus. Nicht mehr hungrige Arbeiter streiten sich um die Wurst, sondern gierige Aktionäre. Die Wustfrage ist eine Frage des shareholder value geworden. Oder soll man glauben, dass a) Daimler so schwache Renditen abwirft, dass Aktionäre aus purer Not Würste am Buffet in die Tasche stecken, und b) andere ihre Dividente in Gefahr sehen, wenn jemand zu viele Gratiswürste konsumiert?

Provinz in „Amerika“ – Jörg Magenau: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47

Jörg Magenau hat ein neugieriges und neugierig machendes kleines Buch geschrieben. Es widmet sich einer skurrilen Klassenfahrt: der Reise der Gruppe 47 nach Amerika im Jahr 1966, um in Princeton ihre Jahrestagung abzuhalten. Der Charme dieses Unternehmens, den Magenaus Buch amüsant einfängt, speist sich aus der Spannung der Großen Fahrt auf der einen und der literaturbetrieblichen Routine auf der anderen Seite. Abenteuer trifft auf Alltag. Große Gesten, Erwartungen, Befürchtungen treffen auf: nichts Neues. Denn zuallererst hatte die Gruppe 47- wo immer sie tagte – sich selbst im Gepäck.

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Bereits die Reisevorbereitungen hätten auf US-amerikansiche Literaturstudent_innen in den Sixties wahrscheinlich hilarious gewirkt – eine literarische Sitcom mit clumsy German writers. Ein Großteil der Komik liegt darin, dass die Protagonisten sich bei der Einschätzung der Wichtigkeit nahezu aller Dinge systematisch vergreifen. Die Maßstäbe sind immer etwas zu groß oder etwas zu klein. Die Reisenden zerbrachen sich den Kopf über mögliche Einflussnahmen Washingtons und Bonns oder wollten nicht als offizielle Delegation der Bundesrepublik erscheinen. So mancher ging davon aus, seine Anwesenheit in den USA sei gar nicht anders denn als welthistorisch bedeutsames Geschichtszeichen unter den Bedingungen des Kalten Kriegs zu interpretieren (Looking At You, Günter Grass!). Peter Weiss wollte keine Presse dabei haben und innerhalb der Universität nur mit „denjenigen Kräften“ in Beziehung treten, die sich gegen die US-amerikanische Vietnampolitik richteten. Der junge Peter Handke sorgte sich um die Preise der Flugtickets. Heinrich Böll blieb zu Hause, weil er nicht zum „Exportartikel“ werden wollte.

Und dann erst die Provinz. Princeton hatte zwar durchaus etwas von einer gemütlichen kleinen Welt, stand aber für „Amerika“, für das Große und Raumgreifende – und kollidierte so mit dem programmatischen und faktischen Selbstverständnis der deutschen Literaten, das freilich Mitte der 1960er Jahre langsam bröckelte.

„Das Verharren in der Provinz war gewissermaßen ein deutscher Selbstschutz. Solange man unter sich und auf irgendeinem abgelegenen Gasthof blieb, konnte nichts passieren, und die Großmannssucht erhielt qua Abgeschiedenheit keine Chance.[…] So eine Reise nach Princeton könnte doch auch dazu dienen, die Gruppe aus ihrer selbstgewählten Provinzialität herauszuholen. […] Deshalb waren sie ja hierher gereist, im seltsamen Versuch, die Provinz in die große weite Welt zu verlagern […]. Dass man die Welt dann aber auch einlassen müsste, fiel Richter nicht ein. Dass die deutsche Provinz womöglich eine aussterbende Region war, setzte der Literatur zu.“ (S. 23-25)

In „Amerika“ fremdelten die 47er. Sie ignorierten, was zu ignorieren war. Was sollte man auch an intellektuellen, künstlerischen und popkulturellen Impulsen der mittleren Sixties aufnehmen, wenn man eh schon wusste, dass „Amerika“ Krieg in Vietnam führte und „Amerikaner“ immer nur nach Unterhaltung gierten? Welchen Einflüssen sollte man sich da öffnen? Was war zu holen für das eigene Bemühen um eine andersdeutsche Literatur, die zwar anders, aber eben unbedingt deutsch sein wollte? Bereits ‚zu Hause‘ hatte es ja Tradition, das Schreiben ‚rein‘ zu halten – schon vom „Emigrantendeutsch“, über das Hans Werner Richter noch in den frühen 1950er Jahren ohne Irritation schimpfen konnte. Weltläufigkeit, so schreibt Mark Terkessidis im freitag (11/2016), war eben jenen Teilen der „deutschen Intelligenzija“ verdächtig, „die monolingual und provinziell meinten, der eigene Ort sei der Mittelpunkt des Kosmos“.

Jörg Magenaus Buch ist auch eine konzise Geschichte der Gruppe 47. Ausgehend von der Princeton-Episode beschreibt er zentrale Themen, Konfliktlinien und Dynamiken. Wer, wie ich, nicht sonderlich vertraut ist mit den Details dieser bundesrepublikanischen Institution, liest das mit viel Gewinn und einigem Schmunzeln (Magenaus bevorzugtes Stilmittel ist der süffisant-sympathisierende Kommentar – gern auch in den Bildunterschriften). Allerdings erliegt Magenau selbst ein wenig der Faszination von Provinz und Provinzialität. Auch ihn interessiert nur auf wenigen Seiten, was es mit Princeton auf sich hatte – und es interessiert ihn nur aus der Perspektive der 47er. Das Buch spiegelt die Selbstbezüglichkeit der Gruppe 47, in der die Reisenden stets wichtiger sind als die ‚Bereisten‘. Detailliertere Schilderungen aus der Sicht derjenigen, die die Ankunft dieser schriftstellerischen Missionare des Deutschen organisiert und beobachtet hatten, wären sicher nicht von Nachteil gewesen. Die Andeutungen, die sich im Buch finden, legen zumindest nahe, was mit einer etwas amerikabezogeneren Recherche und Erzählperspektive möglich sein könnte. Vor allem aber ist es etwas enttäuschend (weil erwartbar und Ausdruck unnötiger Selbstprovinzialisierung), wenn ein spannendes und thematisch überraschendes Buch dramaturgisch alles auf die Wutrede Peter Handkes über „läppische, beschreibungsimpotente Prosa“ zulaufen lässt. Die Pointe ist in diesem Fall weit langweiliger als der Weg zu ihr.

Jörg Magenau: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47. Klett Cotta 2016; 223 Seiten.

Die „Stimme des Volkes“ in Zeiten der ‚Lügenpresse‘. Arlette Farge, das 18. Jahrhundert und wir

Geschichtsbücher, also Bücher über Geschichte, erklären die Gegenwart. Sie erzeugen Verfremdung und Distanzierung und gleichzeitig oft irritierende Wiedererkennungseffekte. Als ich kürzlich ein bestimmtes Geschichtsbuch aus dem Regal nahm (als Historiker tue ich das natürlich hin und wieder), drängte sich eine Aktualität auf, die ich nicht erwartet hatte.

Jedenfalls habe ich Lauffeuer in Paris. Die Stimme des Volkes im 18. Jahrhundert von Arlette Farge nicht gelesen, weil ich etwas über die Lage heutiger Öffentlichkeit und politischer Debattenkultur erfahren wollte. Ich wollte lediglich wieder ein Buch von Arlette Farge lesen, weil sie eine der inspirierendsten und spannendsten Historiker_innen überhaupt ist. Das Buch ist im französischen Original 1992, in deutscher Übersetzung von Grete Osterwald 1993 erschienen und bereits seit einiger Zeit vergriffen.

Es war also nicht zu erwarten, etwas über eine Zeit zu erfahren, in der sich die selbsternannte „Stimme des Volkes“ in ‚Lügenpresse‘-Sprechchören ergeht, in der in sozialen Medien hanebüchene Gerüchte, krude Behauptungen, offensive Faktenresistenz und dummstolze Ignoranz gegen jede Form von ‚Aufklärung‘ dominieren (eine beeindruckende Analyse lieferte jüngst Georg Seeßlen). Dennoch bietet Farge die Möglichkeit, genau darüber nachzudenken: über Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit; über das Verhältnis ‚des Volkes‘ zu den Mächtigen; über den subversiven Charakter einer bestimmten Rede; über Zensur und Überwachung.

Arlette Farge rekonstruiert ein Segment der Öffentlichkeit, das nicht identisch ist mit dem bürgerlichen „Raum der gebildeten Kritik“, also der Welt der aufgeklärten Meinung. Sie trägt eine Fülle zirkulierender Gerüchte, Denunziationen und ‚Nachrichten‘ zusammen, bei denen es nie darum ging, ob sie ‚wahr‘ oder ‚falsch‘, sondern nur darum, ob sie mehr oder weniger wahrscheinlich sind. Die Pointe besteht darin, dass dieser aus unzähligen Absurditäten sich zusammensetzende Redeschwall zu einer politischen Kraft wurde.

Am Beispiel Frankreichs im 18. Jahrhundert rekonstruiert Arlette Farge „politische Formen der Zustimmung oder der Mißbilligung, mit denen das Volk auf die Ereignisse und auf das Schauspiel der Monarchie reagiert“. Sie beschreibt die „Stimme des Volkes“ als etwas, das als gesellschaftliche Praxis allgegenwärtig ist, politisch aber keinen Ort hat – und sich schrittweise einen Ort erobert. Der Skandal bestand – aus Sicht der Obrigkeit, der Zensoren, des polizeilichen Überwachungsapparats – darin, dass ‚das Volk‘ sich überhaupt eine Meinung zu irgendetwas bildete und diese ausdrückte.

„Die Spitzel sind erstaunt. In ihren Berichten äußern sie Verwunderung und Beunruhigung über ein ‚Denken‘, das jederman zugänglich ist, und über bislang ungewohnte Ausdrucksformen. Verwundet sind sie auf doppelte Weise: es erscheint ihnen außerordentlich, zu hören, wie Leute ‚aus dem gemeinen Volk‘ fortwährend und kühn Partei ergreifen; fassungslos sind sie aber auch über die Hartnäckigkeit der bekundeten Überzeugungen und über die Wohlbegründetheit der Argumente. […] Sie sind die ersten, die gemerkt haben, daß die nach alter Gewohnheit politisch disqualifizierte Volksmeinung zu einem Diskurs mit klarem politischen Inhalt wird.“ (S. 43)

Arlette Farge beschreibt eine Umbruchsituation, in der politische Kommunikation und Öffentlichkeit nicht mehr in obrigkeitlicher Verkündigung und Zensur aufgehen.

„Eben das ist neu an der Atmosphäre des achtzehnten Jahrhunderts: daß sich die Legitimität, über etwas nachzudenken, gegen das Denkverbot durchsetzt. Die Überschreitung zahlt sich aus. Unter den kulturellen und politischen Bedingungen der damaligen Zeit erzeugt sie einen Wagemut, eine Selbstsicherheit, die zu den wichtigsten politischen Tatbeständen des Jahrhunderts gehören.“ (S. 63)

AfD-Pegidisten dürften sich gern in dieser Tradition sehen: Wagemutige Männer und Frauen des Volkes, die den Mächtigen eine Meinung sagen, die diese nicht hören wollen und mittels ‚Lügenpresse‘ und ‚Staatsfernsehen‘ unterdrücken. Sie dürften für sich beanspruchen, die ‚wirkliche Meinung des Volkes‘ an die Oberfläche zu bringen. Und sie dürften ihre ‚Gegenöffentlichkeit‘ als Raum der wirklich wahren Wahrheit verstehen. Aber ihre Welt ist nicht die Welt, die Arlette Farge im Sinn hat. Denn einerseits sind die meisten AfD-Pegidisten eben gerade keine „Leute, die ‚begierig sind, das Für und Wider zu kennen‘.“ Und andererseits zeigt Farge, dass das ‚Volk‘ und die ‚Volksmeinung‘ heterogen und zerrissen sind. Die „Stimme des Volkes“ ist kein parolenskandierender Sprechchor. Wer meint, ‚das Volk‘ zu sein oder für ‚das Volk‘ zu sprechen – der lügt und verwechselt die eigene (Des-)Informationsblase mit volkssouveräner Demokratie.

Aktualisierungseffekte, die von Geschichtsbüchern ausgehen, gebieten freilich auch immer eine gewisse Skepsis. Das Gleiche ist nie dasselbe. Eine Figur wie Pierre Dayrivier, der am 26.November 1762 wegen regierungskritischer Rede in einem Café festgenommen wurde, lässt sich nicht einfach in megaphonbewaffnete AfD-Pegidisten übersetzen. Allerdings ist auch nicht auszuschließen, dass eine Wiederbelebung vergangener Haltungen genau dort enden könnte. Über Dayrivier hieß es im Polizeibericht:

„Dieser Mann kümmert sich seit langem um zu viele Dinge, außerdem ist er ein begeisterter Hitzkopf, der glaubt, mehr Einsicht und Räsonnement zu besitzen als andere, die nicht aufgeklärt sind, was ihn offenbar dazu getrieben hat, entweder dem Monarchen oder der Regierung seine Achtung zu versagen.“ (S. 294)

Die Sympathie für Pierre Dayrivier kann unter heutigen Vorzeichen nicht mehr bedingungslos sein; der Respekt allerdings schon, denn dieser Hitzkopf des 18. Jahrhunderts wäre nie auf die Idee gekommen, seine Unzufriedenheit mit der Regierung in Hass auf Minderheiten, Unterprivilegierte und Fremde zu gießen.

Farge, Arlette: Lauffeuer in Paris. Die Stimme des Volkes im 18. Jahrhundert, Klett Cotta: Stuttgart 1993 (aus dem Französischen von Grete Osterwald).