„Überflutet vom Glanz meines Traums und Kaffee trinkend“. Patti Smith – M Train

Die Puzzleteile fügen sich. Nach der Entdeckung, dass der New Yorker Punk ohne Aushilfsjobs in Buchhandlungen nicht entstanden wäre, nun der Kaffee. Patti Smith, die Protagonistin in Patti Smiths‘ Erinnerungsroman M Train, trinkt Kaffee – immer und überall und in jeder Form („vierzehn Tassen, ohne dass es meinen Schlaf beeinträchtigte“). Sie träumt den „Traum von einem eigenen Café“.

„Wahrscheinlich fing es an, als ich über das Kaffeehausleben der Beats, Surrealisten und französischen Symbolisten las. Wo ich aufwuchs, gab es keine Cafés, aber sie existierten in meinen Büchern und blühten in meinen Tagträumen.“ (S. 14)

Unspannend und unspektakulär wäre es, wenn es bei diesem Verweis bliebe. Jenseits der Verbeugung vor einem bestimmten soziokulturellen Milieu kreisen Patti Smith‘ Erinnerungen immer wieder um den tatsächlichen, tatsächlich getrunkenen Kaffee. Sie scheint, frei nach Friedrich Engels, zu wissen, dass die Menschen vor allen Dingen zuerst Kaffee trinken müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können.

„Eine Mahlzeit konnte ich mir nicht leisten, deshalb trank ich nur Kaffee, aber das störte keinen.“ (S. 15)

Patti ist eine demokratische Kaffeetrinkerin, überzeugt von der prinzipiellen Gleichheit jeden Kaffees (auch wenn es faktisch natürlich Unterschiede gibt). Weder zeigt sie Verachtung für den to go im Pappbecher oder den schnell aufgegossenen ‚löslichen‘ noch Bewunderung für ökoesoterisches Bohnenwissen und raketenwissenschaftlich anmutende Zubereitungsmethoden.

Kaffeemaschinen beanspruchen dennoch einen legitimen Platz in der Ordnung der Dinge und bekommen die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt.

„Ich schlendere an meiner Kaffeemaschine vorbei, die wie ein zusammengekauerter Mönch auf einem kleinen Metallschrank mit meinen Porzellantassen steht. Während ich ihr über den Kopf streiche und dabei Augenkontakt mit Schreibmaschine und Fernbedienung vermeide, überlege ich, warum manche leblose Objekte so viel schöner sind als andere.“ (S. 49f.)

Defekte oder fehlende Kaffeemaschinen beunruhigen. Etwa in Pattis Stammcafé:

„An der Kaffeemaschine klebte ein handgeschriebener Zettel: Defekt. Ein kleiner Rückschlag, aber ich blieb trotzdem.“ (S. 128f,)

Oder unterwegs in Japan:

„Ich beschloss, das Hotel und seine diversen Restaurants zu erkunden, konnte jedoch keinen Kaffee ausfindig machen, was mich beunruhigte. […] Wir fuhren umher und suchten nach Kaffee. Ich war so froh, als wir endlich fündig wurden, dass Ace mit eine Thermoskanne für später abfüllen ließ.“ (S.226, 236)

Muss man mehr wissen, um Patti zu lieben?

Patti Smith: M Train. Aus dem amerikanischen Englisch übers. v. Brigitte Jakobeit, Kiepenheuer & Witsch 2016, 336 Seiten.

This article was powered by two mugs of damn fine coffee and Patti Smiths‘ Banga (2012).

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Bookstore Punk – die Autobiographie von Richard Hell

Richard Hell – Miterfinder und Mitbegründer von Punk im New York der 1970er Jahre; zusammen mit Tom Verlaine als Television für eines der einflussreichsten Alben der mittleren Musikgeschichte verantwortlich: Marquee Moon (1977); Stichwortgeber der Blank Generation; Autor einer Autobiographie, die inzwischen auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

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Musiker_innenmemoiren neigen dazu, nur begrenztes Lesevergnügen zu bieten. In der Regel ist es ja auch das anekdotische Interesse an der jeweiligen Person, nicht die Suche nach literarischer Qualität, die in solchen Fällen die Hand beim Griff ins Regel führt. Ich freue mich bei derartigen Lektüren immer, wenn die jeweilige Autobiographie wenigstens die eine oder andere kleine Erkenntnis bringt.

Dank Richard Hells Autobiographie weiß ich nun, dass Punk in Buchhandlungen geboren wurde. Zumindest in New York scheint das der Fall gewesen zu sein (ich erinnere mich an ähnliche Hinweise bei Patti Smith). Hell berichtet von einer Kette kleiner Jobs in dieser oder jener Buchhandlung.

„I worked at Gotham Book Mart in midtown for a while at this time. I learned a lot there. It was the most famous and the best literary book-store in New York, probably in the whole world, in terms of inventory, and perhaps second only to Paris‘ Shakespeare & Company for literary associations.“ (S. 66)

„In 1968 I  held a series of jobs, most rewardingly at the Strand Book Store among a crew of other artistically inclined kids.“ (S. 71)

„By this time, every other job Tom and I got was in a used-book store, and rummaging through them was our main form of recreation as well.“ (S. 88)

„It was in this time, 1971 through 1975, that we settled into the bookstore jobs, the last series of day jobs we would have before becoming professional musicians.“ (S. 94f.)

Hell nimmt sich die Zeit und den Raum, eine dieser Buchhandlungen (Gotham Books Mart), ihre Regale und ihr Inventar auf drei Seiten zu beschreiben und zu würdigen. Dabei zeigt sich, worin die Leistung dieser oder jener Buchhandlung für die Entstehung des New York Punk bestand: als Möglichkeit Geld zu verdienen, also als career opportunity; als Gelegenheit, Literatur kennenzulernen (bei Hell: die modernistische Poesie, T.S. Eliot etc. pp.); schließlich als Begegnungort für Gleichgesinnte – wo ein schräger Vogel für ein paar Dollar Inventartlisten erstellt, kommt bald ein zweiter hinzu, der Regale einsortiert …

Die Blank Generation, das ist vielleicht die Ironie der Geschichte, wurde in einer Umgebung geboren, in der keineswegs unbeschriebene Blätter dominierten. Bisher fehlen die Buchhandlungen in der Geschichte des Punk; und ich bin mir nicht sicher, ob in der Geschichte der Buchhandlungen deren Bedeutung als soziale, kulturelle und ökonomische Infrastruktur für Punk ausreichend gewürdigt wird. Offen bleibt die Frage, ob sich zukünftige Musiker_innen heute als Lagerist_innen bei Amazon oder DHL-Boten_innen verdingen.

Das Buchhandlungsthema soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hells Buch eher wenig überzeugt (besonders gern habe ich es nicht gelesen). Verantwortlich dafür ist ein mentaler Rockismus, der sich vor allem in der Beschreibung von Frauen zeigt: den „chicks“ und sexuell befreiten „fun-loving girls“. Offensichtlich gibt es in Sachen Popkultur eine sehr spezielle Gleichzeitigkeit von Kontinuität und Bruch: musikalisch und ästhetisch bedeuteten Richard Hell, Television, The Voidoids etwas Neues und radikal Anderes; Habitus und Haltung im Privaten (das natürlich politisch ist) scheinen freilich in alten, überholten Posen zu erstarren. Jemand, der auf der Bühne oder auf einem Album weder aussieht noch klingt wie Keith Jagger (und gerade für diese Differenz geschätzt wird), kann trotzdem dessen Altrockstarweltwahrnehmung haben.

Richard Hell: I Dreamed I Was a Very Clean Tramp. An Autobiography, Ecco HarperCollins 2013. [Dt. Ausgabe u.d.T.: Blank Generation. Autobiographie, übers. v. Thomas Atzert, Edition Tiamat 2015]

Like The Deserts Miss the Rain – die Autobiographie von Tracey Thorn

In einem gewissen Alter kann man dieses „And I miss youuuuu …“, das Tracey Thorn, die eine Hälfte von Everything But The Girl, 1994 aus allen Radios sang, automatisch ergänzen. Eben. Like The Deserts miss the Rain.

Everything But the Girl – Missing

Ich habe das Bloggen vermisst, ohne es anfangs zu merken. Der letzte Beitrag ist lange her, der blog langsam ein- und fast entschlafen. Mit dem Bloggen fehlte mir auch die schreibende Beschäftigung mit Pop/musik. Das soll sich ändern. Vor allem mag ich regelmäßig über Dinge schreiben, die es zu lesen und zu hören (und manchmal auch zu sehen gibt). Bücher über Pop waren hier schon früher Thema (etwa die Autobiographien von Neil Young oder Alice Bag); und so soll es auch wieder werden.

Gute Bücher über Pop gibt es in England. Jeder Ausflug (wie etwa der Urlaub im September) endet mit einem volleren Koffer und einem Stapel neuer Bücher. Tracey Thorns Autobiographie Bedsit Disco Queen: How I Grew Up and Tried to be a Pop Star (2014) kannte ich nicht und hätte sie also nie gekauft – gäbe es nicht in Bath einen der sicherlich schönsten Buchläden Englands (und darüber hinaus): Mr B’s Emporium of Reading Delights

isbn9781844088683

Es ist ein wundervolles Erlebnis für Pop- und Bookgeeks, wenn eine Buchhändlerin beim Abkassieren den Bücherstapel mustert und daraus blitzschnell folgert, dass ein weiteres Buch einem sehr gut gefallen könnte … und so landete Bedsit Disco Queen dann eben auch auf meinem Stapel.

Bedsit Disco Queen gehört zu den guten, gelungenen Musiker_innenautobiographien. Es ist ein Buch, das seine Berechtigung nicht ausschließlich aus dem fame des Namens auf dem Cover zieht. Tracey Thorn hat einen wundervollen Humor und einen feinen literarischen Stil; nicht diese anbiedernde, kumpelige, ‚mündliche‘ Sprache, diesen langweilig-nervigen Plauderton vieler anderer Autobiographien.

Popkulturell ist es außerordentlich spannend, weil es (neben klugen feministischen Positionen und Reflektionen) eine Wegscheide markiert. Thorn beschreibt den Weg – ihren Weg und den Weg von Everything But The Girl – aus dem (Post-)Punk in den (Mainstream-)Pop. Sie reflektiert über die Schwierigkeit, einen Sound und Stil mit Popappeal zu entwerfen und das in Einklang mit einer Indiehaltung und -herkunft (Thorn gehörte davor zu den legendären Marine Girls) zu verbinden. Mit den chartstürmenden Erfolgen von Everything But The Girl fand sich Thorn in einer merkwürdigen Situation: Alle Weggefährt_innen der alten Postpunk/DIY-Zeit waren irritiert über den neuen Sound und Erfolg, wussten aber weiter die dahinter stehende Haltung zu schätzen; die erfolgreichen Chartacts, denen man nun immer wieder begegnete, liebten und schätzten die Musik von Everything But The Girl, konnten aber mit dem Indiekontext der Band nichts anfangen. Thorns Schilderungen und Reflektionen zu diesem Thema sind popgeschichtlich aufschlussreich und ein Lektüre- und Erkenntnisgewinn für alle, die wissen möchten, was mit Postpunk passiert ist.

Das Buch bietet noch viel mehr, meine neue Politik lautet aber: kürzere Beiträge, dafür häufiger bloggen. Für alles weitere: Bedsit Disco Queen lesen …

Marine Girls – On My Mind

hören/sehen/lesen 2013 – meine top 9

Wie schon 2011 und 2012, meine Jahresabschlussbestenliste:

Es handelt sich um die Top 9 derjenigen kulturindustriellen Produkte, die ich gekauft und auch (schon) gehört/gesehen/gelesen habe. Es ist weder eine Wunschliste, noch eine Aussage über die besten Dinge ‚überhaupt‘. Irgendwie fehlen wieder Filme auf der Liste (was aber an meiner retromanen DVD-Kaufpolitik liegen dürfte …) Außerdem begrüße ich zwei neue Genres auf der Liste: eine ‚akademische‘ Studie sowie einen Zeitschriftenaufsatz!

9) Girls (Season 1)

Die erste Staffel der Fernsehserie Girls ist eigentlich sooo 2012, in deutscher DVD-Veröffentlichung aber eben 2013 – und daher auf dieser Jahresliste. Über Lena Dunhams Serie ist viel geschrieben worden; in der Regel pendelte das zwischen Lob und Begeisterung. Einerseits bietet die Serie grandiose Komik, die einem das Lachen immer wieder einmal auch im Halse stecken bleiben lässt. Andererseits finden sich nicht unspannende Interpretationslinien eines ganz bestimmten (generationellen) Milieus. Allerdings, ein sehr begrenztes Milieu: die eliteuniversitär gebildeten girls (and boys) der gehobensten Mittelschicht und unteren Oberschicht, deren Prekarität darin besteht, ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr den kompletten (und auch keinesfalls unterschichtigen) Lebensunterhalt von ihren Eltern überwiesen zu bekommen. Soziales Elend bedeutet hier, dass man es sich nicht mehr leisten kann, unbezahlt bei einem hippen Verlag herumzuwerkeln oder, dass man sich das Zimmer im hippen Teil Brooklyns nun halt von der Mitbewohnerin finanzieren lassen muss. Weder Umzug noch ordinäre Lohnarbeit werden dabei als Lösung auch nur in Betracht gezogen …

8) Adult -The Way Things Fall

Wenn – Achtung, Floskel! – Legenden zurückkehren, dann werd sogar ich zum Elektropunk, imaginiere Tanzflächen herbei und frage mich: Will we, will we live like this forever? Dieses Album ist vielleicht das beste Tanzalbum seit Soft Cell: Non Stop Erotic Cabaret – – –

7) David E. Nye – America’s Assembly Line

Hier nun der akademische Titel. Ich bin nun einmal Historiker mit Interesse an Industriegeschichte – und da freut es mich halt, das tolle Buch eines amerikanischen Kollegen zu lesen, in dem das Fließband als Signatur des amerikanischen 20. Jahrhunderts diskutiert wird; das Fließband als technisches, soziales und kulturelles Konstrukt, das in Fabrikhallen ebenso zu Hause ist wie im Kino oder zahlreichen Romanen. Hut ab, David Nye. Klasse Buch.

6) Enrique Vila-Matas – Dublinesk

Ein alternder spanischer Verleger und der Bloomsday der Dubliner und weltweiten James Joyce-Gemeinde sind die Helden von Enrique Vila-Matas‘ Roman „Dublinesk“, der 2013 in der Anderen Bibliothek erschienen ist, in deutscher Erstübersetzung von Petra Strien. Literatur ist eben doch das Leben. Vila-Matas kannte ich bisher nicht, bin nun aber von seiner feinen Sprache und dem subtilen Humor beeindruckt. Danke, C.W., für das Geschenk!

5) Bruce Robbins – Balibarism!

Bruce Robbins‘ als ‚Rezension‘ einiger neuer Schriften Etienne Balibars getarnter, monumentaler Essay, erschienen in n+1 (issue 16), ist und war mir zum Lektürezeitpunkt – wie man so schön sagt – ‚aus der Seele geschrieben‘. Robbins liefert eine grandiose Polemik gegen den radikal-schicken, quasi-religiös eifernden Mystizismus der hippen Neo-Kommunismustheoretiker um Alain Badiou, Jacques Ranciere oder Slavoj Zizek – und feiert, mit beeindruckender argumentativer Schärfe, den radikalen Reformismus von Etienne Balibar. Wer sich für politische Theorie interessiert, muss diesen Aufsatz lesen. Wirklich.

4) Colin MacInnes – Absolute Beginners

1959 erschien in London DER literarische Gründungstext der neuen teenage pop generation: Colin MacInnes‘ „Absolute Beginners“, irgendwann verfilmt und, natürlich wichtiger, vertont von Peter Weller’s Band The Jam, später auch von David Bowie. Der Roman führt die Selbsterfindung des „Teenagers“ zwischen Konsum, Musik und Politik vor, ein so wütendes wie berührendes und lustiges Bemühen um Eigenständigkeit. Im ziemlich neuen und ziemlich guten Metrolit Verlag ist 2013 endlich, endlich eine Neuübersetzung erschienen. Die Übersetzer_innen Maria und Christian Seidl fangen den unruhigen, jugendlich arroganten Stil ein, den sprachlichen Jazz, der das Buch ebenso ausmacht wie die ‚Story‘. „Willkommen in London! Grüße aus England! Darf ich Euch mit Eurem ersten Teenager bekannt machen!“

3) Savages – Silence Yourself

Dass das Debütalbum von Savages nicht in meiner Reihe „es könnte goth sein“ auftaucht, liegt daran, dass „Silence Yourself“ schlicht goth ist und nicht nur sein könnte. Musikalisch hat Jenni Zylka das Album im Rolling Stone schick auf den Punkt gebracht: „What the heck! Es ist kein Verbrechen, wie Siouxsie And The Banshees zu klingen.“ Hinzuzufügen bleibt: Es ist auch kein Verbrechen, dabei wie Ian Curtis auszusehen.

2) Georg Klein – Die Zukunft des Mars

Mit Georg Kleins aktuellem Roman habe ich mich an anderer Stelle schon etwas detaillierter beschäftigt, daher soll hier der Hinweis genügen: ein wirklicher Lektüregenuss – nicht nur für Science Fiction Liebhaber_innen! Sprache und Komposition und Geschichte greifen hier so wunderbar ineinander, dass man gar nicht weiß, wovon man sich zuerst begeistern und beeindrucken lassen soll. Die Gestaltung des Buchs – der Rowohlt-Verlag hat eine wahre Schönheit hervorgezaubert – schreit danach, es flächendeckend zu verschenken.

1) Colleen Green – Sock It To Me

Sonnenbrille und eine Gitarre, die auch ein Gewehr sein könnte, ein Gesang, der zumindest mir keine Fluchtmöglichkeit lässt und mich Song für Song an sich kettet. Colleen Green’s Album „Sock It To Me“ ist definitiv der musikalische Höhepunkt des Jahres (Sorry, Kanye West). Das hätte viel mehr diskutiert und gefeiert werden sollen und müssen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass ich das vielleicht gar nicht mitbekommen hätte …

weder grau noch beige: das neue album von Visage

Der Kontext macht den Beat; und so macht es einen Unterschied, wo eine Band während langer Abwesenheit überwintert. Visage fanden in den letzten 29 Jahren vor allem an zwei Orten statt: auf diversen Ü-Whatever-Eighties-Partys und auf düsteren Tanzflächen. Es sagt viel über Anschlussfähigkeiten und Kategorisierungen aus, wenn eine Band sich in musikalischer Nachbarschaft sowohl zu Bryan Adams als auch The Normal wiederfindet – und das beide Male mit demselben Song. Im ersten Fall wird ein Song zu einem Nostalgietrigger, im zweiten Fall – so löblich es ist, dass der eine oder die andere Dark Wave-DJ Visage zumindest mit diesem einen Platzhaltersong auf den Tanzflächen präsent hält – wird ein spektakulärer Popact zu Goth-Minimalismus.

Das neue, vierte Album von Visage („Hearts and Knives“, Blitz Club 2013) rückt das nun wieder etwas zurecht (so, wie es das Hören jedes früheren Albums auch tun würde). Die stilisierte Künstlich- und ästhetische Oberflächlichkeit zeigen die Linie an: David Bowie, Siouxsie Sioux, Marc Almond, Lady GaGa. Das ist das Gegenprogramm zu jenem seit Mitte der Neunziger „ungeschriebenen Gesetz, dass Popstars normale Typen zu sein hatten“ (Owen Hatherley). Es ist das Gegengift zum Beige Pop.

Das Album ist gelungen. Über weite Strecken lässt es sich genauso gut hören wie tanzen (jedenfalls fühlt es sich so an). Jan Kühnemund hat auf zeit.de die ersten beiden Songs vom musikalischen Lob für das Album ausgenommen. Der Opener, „Never Enough“, hätte auch mir fast das Album verleidet. Wäre ich nicht ein so geduldiger Mensch, hätte ich danach möglicherweise gar nicht weitergehört. „Never Enough“ ist mit seinem Synthie-Rockismus eine denkbar schlechte Wahl, um das Album zu eröffnen. Danach gewinnt das Album aber sofort an Fahrt und Qualität.

„Shameless Fashion“ mag vielleicht ein klein wenig retroman sein, funktioniert aber als eigentlicher, programmatischer Opener hervorragend. Useless, defective, this junks‘ retrospective, stuck between lives we’ve stitched ourselves in vein / I can’t see why, but … bruised and wounded we don’t care what ghosts they find / Early 80’s make up, fashion, once seen, soon to be in vogue (fashion) / Old fascinations, new sensations, I haven’t got the patience (shameless fashion).

Die meisten Songs, die folgen, haben einen Beat, der eher auf Tanzflächen als auf Radios schielt. Synthiesound ohne übertriebene Opulenz, aber doch auch zu spielerisch, um Minimal zu sein. „Diaries of a Madman“ ist dann ein spektakulärer Abschluss. Gesanglich ist das definitiv der Höhepunkt des Albums. Steve Stranges Stimme – unterstützt von der beeindruckenden Lauren Duvall – verfolgt einen hier förmlich und zeigt, wie spooky Repetition und künstliche Elektro-Präzision sein kann.

„Who Killed Adorno And His Lonely Heart?“ Das neue Album von Phillip Boa And The Voodooclub

Diesmal klingen sie anders. Wirklich. Natürlich, Phillip Boa And the Voodooclub klingen (immer) noch wie sie selbst. Und wie sollte das auch anders sein, solange Phillip Boa, Pia Lund, David Vella und Oliver Klemm den Takt vorgeben? Auf dem neuen Album Loyalty klingen sie aber doch auch anders, weil diesmal jemand dabei ist, der es sonst nicht ist: der Percussionmagier Brian Viglione (zur Erinnerung: Dresden Dolls).

Viglione fügt dem Sound des Voodooclub einige irritierend andere Klangelemente hinzu. Auf Loyalty scheppert es anders als sonst. Der so Boatypische straighte Indieschlagzeugbeat fehlt zwar nicht – er treibt die Songs weiterhin nach vorn – Viglione trommelt aber auf Dingen herum, tut dies auf eine Weise und erzeugt damit Klänge, die auffallen. Verspielter, klangverliebter, polyphoner. Loyalty ist ein Album für Kopfhörer. Die lyrische Ansage dieses Sounds bietet der schöne Song Want:

„Everything turned red / like a beating heart / and I hear the drums, the drums …“

Boaesk, Lundesk und doch mit einem Dreh:

In einer Reihe von Songs hat man den Eindruck, als sollte offensiv Platz geschaffen werden für die percussionistischen Kleinode. Auf dem Album wird insgesamt weniger gesungen, sowohl von Boa als auch von Lund und es geht instrumentaler zu. Die Gesangsparts von Pia Lund sind besonders auffällig reduziert – nach wie vor sind sie aber das verbindene Element, der doppelte Boden für Boas legendären Nicht-Gesang und die neuen Klangexperimente. Sunny When It Rains bringt das vielleicht ganz gut ins Ohr.

Boas Lyrics pendeln, das konnte er schon immer, zwischen prägnanten Einzeilern und unzähligen Anspielungen in die Welt der Literatur und Musik hinein. Boas Texte sind kurz und knapp, immer glasklar und kryptisch zugleich – „I dreamt about You so shamelessly …“. Wenn ausgerechnet in einem Song namens Planet Cherry die schillernde Figur des Kim Fowley auftaucht, wer summt dann nicht das Ch-ch-ch-ch-cherry Bomb der Runaways vor sich hin? Obwohl, der Gedanke an Planet Claire der B-52s könnte ja auch kommen … Ein klein wenig eitel ist das immer auch, wie gehabt. In gleich zwei Songs gibt es „the man who never came“ und so warten wir auf Boadot. Bis dahin kann man einige Male dieses wirklich schön Album hören und sich der Frage widmen, wer denn nun Adorno und sein einsames Herz auf dem Gewissen hat. Dass Boas „Adorno“ wie „I dunno“ klingt, macht es nur reizvoller.

PS. Das Booklet zieren wundervolle, großartige Photos von Olaf Bredenförder und David Vella, die auf eine bisher selten gesehene Art eine Poesie des Nicht-mehr-jung-seins in Szene setzen.

hören/sehen/lesen 2012 – meine top 9

Wieder kurz vor Weihnachten, wieder kurz vor Jahresende. Wie im letzten Jahr versuche ich mich an einer kleinen Liste. Auch diesmal ist es keine Wunschliste. Auch diesmal sind auf der Liste nur Dinge, die ich schon habe, mir also nicht mehr zu wünschen brauche.

Wie im letzten Jahr ist damit schon das erste Auswahlkriterium benannt: der vollzogene Kaufakt. Dadurch komme ich auch diesmal nicht in die Verlegenheit, implizite Wertigkeiten für alle potentiell verfügbaren CDs, DVDs und Bücher des Jahres zu behaupten. Vielmehr kann offen bleiben, ob es nicht unzählige bessere gab, die lediglich nicht Opfer meines randomisierten Kaufverhaltens geworden sind. Zudem umfasst die Liste (zweites Auswahlkriterium) etwas altmodisch nur diejenigen Dinge, die ich seit dem Kauf physisch in Händen halten kann – und auch wirklich schon gehört/gesehen/gelesen habe.

Mit Blick auf die Liste beschleicht mich der Verdacht, dass 2012 eher ein Roman- als ein Filmjahr war, ob insgesamt oder nur für mich und meine Kulturindustrieproduktekonsumgewohnheiten, das weiß ich nicht.

9) The Ward. Regie: John Carpenter

Wenn der große John Carpenter nach langer Zeit doch wieder einmal als Regisseur eines Kinofilms in Erscheinung tritt, dann muss ich natürlich die DVD kaufen und diese dann auch hier listen. The Ward ist ein klassischer Horrorfilm, ein klassischer John Carpenter: ein Gemisch aus düsterer Atmosphäre (im Irrenhaus, wie man im Horrorfilmjargon so sagt), Wahnvorstellungen, terror und suspense. Nur, man darf die Pointe nicht verraten. Wer den Film sehen möchte, sollte tunlichst nicht vorab in Erfahrung bringen, wie das ganze ausgeht.

8) Melancholia. Regie: Lars von Trier

Hach, was hat er uns alle aufgescheucht, dieser verrückte Däne, mit seiner Nazisympathisantenparodie.

Zum Glück wurde der unfassbar gut besetzte Film, der der Aufhänger für all die Aufregung war, nicht verschüttet. Melancholia – „eine Komödie“, so LvT – fesselt den Blick. Es ist die düster-poetische Bildsprache, nicht die Nacktszene von Kirsten Dunst, die es ummöglich macht, die Augen abzuwenden. Eine Zusammenfassung von story und plot erübrigt sich. Wovon der Film auch immer handelt: Es ist egal! Anfangs mag man sich vielleicht noch fragen, was da eigentlich passiert. Ziemlich rasch interessiert aber nur noch die Frage, wie der Film das, was er vielleicht zeigen will, zeigt. Attraction im vollsten Wortsinn.

7) Penelope Houston: On Market Street

Irgendwann Ende April habe ich mich verliebt. Ich habe mich verliebt in Penelope Houston, beim Konzert, hier in Chemnitz. Der unglaublichen Intensität ihrer Songs, den düster-tragischen Texten und dieser Stimme kann ich mich nicht entziehen. On Market Street ist ein wundervolles Album, das irgendwie so gar nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die es verdient.

6) Harry Belafonte: My Song. Die Autobiographie

Diesem Buch, den lieben Lesenden und mir schulde ich noch einen Blogbeitrag. Die Besprechung von My Song wird kommen, irgendwann. Dieses Buch sticht gegenüber vielen Promiautobiographien nicht nur dadurch hervor, dass Harry Belafonte eben eine ganz besondere Figur ist, der es in unvergleichbarer Weise gelang und gelingt, Politik und Entertainment zu verbinden. Vielmehr glänzt und glitzert und schimmert My Song durch eine ausgeprägt literarische Sprache, die durch die Übersetzung von Kristian Lutze, Silvia Morawetz und Werner Schmitz auch in der deutschen Ausgabe grandios zum Vorschein gebracht wird. Für die Akademiker_innen unter uns gibt es mit Belafontes Buch gleichzeitig eine wundervolle Studie zur Frage: Wie funktioniert Rassifizierung? Simone de Beauvoirs große Einsicht, dass man nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht werde: Harry Belafontes Autobiographie zeigt eindringlich, dass das für ‚Schwarzsein‘ ebenso gilt.

5) 2:54 – 2:54

Dass das Debütalbum von 2:54 goth sein könnte, warum das gut so ist und warum mir das gefällt, gibt es hier zu lesen.

4) Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt

Jennifer Egans Buch, die amerikanische Originalausgabe wurde 2011 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, hat mich Anfang des Jahres enorm begeistert. Der größere Teil der Welt widersetzt sich damit dem (all-)gemeinen Trend, dass Jahrescharts in der Regel von Dingen aus der zweiten Jahreshälfte dominiert werden. Das Buch ist die Geschichte einiger Gestalten, die sich irgendwie in den Musikszenen San Franciscos und New Yorks bewegen und seit den Siebzigern durch die Zeit trudeln. Warum das Buch – jenseits des über 50seitigen Kapitels in Form eines PowerPoint-Folien-Tagebuchs – großartig ist, lässt sich in der klugen Rezension von Dirk Knipphals in der taz nachlesen („Jennifer Egan kann schreiben, dass es einen schier umpustet“). Jennifer Egan lehnt jedes Kapital gekonnt an ein anderes literarisches Genre an und, so etwas beeindruckt mich immer, kombiniert virtuos verschiedene Zeitebenen. Angewandte postmoderne Geschichtsschreibung.

3) Stephan Thome: Fliehkräfte

Welche Chance hat man, ein Buch nicht zu kaufen, wenn der Buchhändler des Vertrauens in der Stamm- und Lieblingsbuchhandlung aus dem Stand ein mehrminütiges Loblieb anstimmt? Ich bin jedenfalls froh, dass ich dieser Empfehlung gefolgt bin und mich mit dem Philosophieprofessor Hartmut Hainbach jenen Fliehkräften aussetzte, die einen durch das Leben kreiseln lassen. Stephan Thome führt in diesem Roman eindrücklich vor, dass das eigentliche Ereignnis in einem Buch die Sprache ist, dass also gar nicht so viel „passieren“ muss, um die Lesenden zu bannen. Mit der Einschätzung, dass Fliehkräfte zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und im Prinzip einer der Favoriten war, stand und steht man in diesem Jahr jedenfalls nicht allein.

2) Public Image Limited – This is PiL

Das, nunja, „Comebackalbum“ von PiL ist mein musikalischer Höhepunkt des Jahres. Unfassbar, dieser Groove. This is PiL verwandelt mit einem Fingerschnipp jeden Ort in eine potentielle Tanzfläche. Muss ich betonen, dass die Texte diesen Groove natürlich ebenso tragen, wie der Sound? Muss ich nicht: We come from chaos, you cannot change us / Cannot explain us and that’s what makes us / We are the ageless, we are teenagers / We are the focused out of the hopeless / We are the last chance, we are the last dance …

1) Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Es gibt Romane, die einen körperlich berühren, die einem beim Lesen eine merkwürdige Aufregung bescheren. Vielen Dank für das Leben ist so ein Roman. „Fesselnd“ ist schlicht das falsche Wort für das, was dieses Buch während der Lektüre mit einem macht. Vielmehr ist es im Wortsinn atemberaubend, es erzeugt eine Resonanz, bringt etwas in einem zum Schwingen. Sibylle Bergs Sprache entwickelt einen so unwiderstehlichen Sog, dass Leser, Buch und Welt förmlich ineinander übergehen. Vielen Dank für das Leben ist der mit Abstand beste Roman, den ich seit Ulrich Peltzers Teil der Lösung (2007) oder gar Juli Zehs Spieltrieb (2004) gelesen habe. Achja, darum geht es (sagt der Verlag):

„Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung – das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris.“