Daimler und die Würste – deutsche Kontinuitäten im 20. Jahrhundert

07/04/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Zuerst die Süddeutsche Zeitung und dann der Guardian berichten heute über einen Wurststreit auf der Aktionärshauptversammlung bei Daimler. Offenkundig bevorratete sich jemand am Buffet ausgiebig für einen späteren Wursthunger zuhause; jemand anderes störte sich daran; es kam zum Streit; die Polizei schlichtete. 12.500 Würste für 5.500 Aktionäre. Da war der Zwischenfall doch vorprogrammiert! Wer sich ein klein wenig mit der Wurstgeschichte Daimlers auskennt, hätte das auch vorhersehen können.

Wie das Leben manchmal spielt und der Zufall es will: Der erste Aufsatz, den ich jemals in einer geschichtswissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlich habe, widmete sich – genau – einem hässlichen und langwierigen Kantinenstreit bei Daimler (vgl. Die Massengesellschaft auf dem Weg in die Kantine. Fabrikmahlzeit, Selbstbedienung und „Ordnungsdenken“ bei der Daimler-Benz AG 1948-1953, in: Historische Anthropologie 17.1,2009). Auch in diesem alten Kantinenstreit ging es – unter anderem – um die Wurst. So wurde um das wirkliche oder unterstellte „Untergewicht“ einer Wurst gestritten.

„Es darf natürlich nicht sein, daß, wenn zu einem Pärchen Wurst beispielsweise Normalmaß genommen ist und dann das Pärchen in einem Stück gegeben wird, daß dann einer glaubt, es sei das andere Stück zu dem Pärchen nicht mitgegeben worden, also die Länge vielleicht 2 Meter betragen muß.“ (Betriebsversammlung vom 11.3.1952, Protokoll, Daimler Archiv, Bestand Könecke 12, S. 10.)

Die Ansicht, beim Essen übervorteilt zu werden, rechtfertigte in den frühen 1950er Jahren zwar Beschwerden, aber nicht jede Art von Benehmen.

„In der Kantine kommt es immer wieder vor und ich weiß, daß mal eine Portion Wurst vielleicht Untergewicht hat oder an einem Käse mal etwas nicht ganz in Ordnung ist. Kolleginnen und Kollegen, bitte seid so freundlich und kommt, aber bitte schreit die Verkäuferin nicht an […], die kann nämlich nichts dafür, die verkauft nur. Wenn Ihr in einem freundlichen Ton kommt, dann hallt es freundlich zurück. Aber, wenn einer anders kommt, auf einen groben Klotz gehört auch ein grober Keil. Das ist eine ganz klare Sache.“ (ebd., S. 22)

Hunger- und Mangelerfahrung in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, gerade auch unter Arbeiterinnen und Arbeitern, machen derartige Diskussionen verständlich. Die Arbeiter_innen von Daimler würden sich heute in der Kantine wahrscheinlich nicht mehr um das Gewicht einer Wurst streiten. Dass derartiges 2016 auf Aktionärsversammlungen vorkommt, zeigt einerseits, dass die Wurstfrage wohl eine der unterschätzten Kontinuitäten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist. Andererseits zeigt sich darin aber auch der Wandel vom Industrie- zum Finanzmarktkapitalismus. Nicht mehr hungrige Arbeiter streiten sich um die Wurst, sondern gierige Aktionäre. Die Wustfrage ist eine Frage des shareholder value geworden. Oder soll man glauben, dass a) Daimler so schwache Renditen abwirft, dass Aktionäre aus purer Not Würste am Buffet in die Tasche stecken, und b) andere ihre Dividente in Gefahr sehen, wenn jemand zu viele Gratiswürste konsumiert?

Eruption und Gärung – Jürgen Goldstein: Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt

07/02/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Vor wenigen Tagen wurden die Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse bekanntgegeben (eine Zusammenstellung gibt es z.B. hier). Nun kann die Diskussion losgehen: Wer kennt welchen Titel? Welcher Titel steht ‚zurecht‘ auf der Liste und welcher Titel fehlt?

Ein kleines Puzzlestück möchte ich auch beitragen:

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Nominiert in der Kategorie Sachbuch ist Jürgen GoldsteinGeorg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt (Matthes & Seitz Berlin). Ob Goldsteins Buch es mehr als andere verdient, auf der Buchpreisliste zu landen, weiß ich nicht. Allerdings ist es, unabhängig von der potentiellen Qualität nicht nominierter Bücher, ganz für sich genommen ein spannendes, kluges und elegantes Buch. Der schlanke, 230 Textseiten umfassende Essay über den Weltumsegler, Naturforscher, Schriftsteller, Übersetzer und Revolutionär Georg Forster (1754-1794) bietet einiges.

Zunächst handelt es sich um eine Biographie Forsters. Zwischen 1772 und 1775 nahm Forster an James Cooks zweiter Weltumsegelung teil (sein Vater war bei diesem Abenteuer für die wissenschaftlichen Untersuchungen verantwortlich). Nach seiner Rückkehr verfasst Forster seine berühmte Reise um die Welt und wird zur Berühmtheit. Er arbeitet als Übersetzer, verlässt England, wird Professor in Wilna und dann Bibliothekar der Universität Mainz. Schließlich wird er glühender Jakobiner und unterstützt die Mainzer Republik, geht nach Paris, ist schockiert vom einsetzenden Terror und stirbt als Geächteter. Ausgehend von diesen biographischen Wegmarken entwickelt Jürgen Goldstein eine hoch spannende Erfahrungs- und Ideengeschichte.

Jürgen Goldstein schildert die Geschichte der Naturerfahrung im achtzehnten Jahrhundert – mit Forster als Kronzeugen für eine Haltung, die den Vorrang der Empfindung vor bloßem Räsonieren betont. Forsters Ideal ist der „unbefangene Zuschauer“. Das spiegelt sich in seiner späteren Reisebeschreibung, die vom stilistischen Willen geprägt ist, „im Leser jene Empfindungen zu wecken, welche die Betrachtung der Natur in ihm selbst angeregt hat.“ Und das heißt auch: Ereignisse, die eine heftige Empfindung zu erregen im Stande sind, dürfen nicht nüchtern berichtet, sondern müssen dramatisiert werden. Forster interessiert sich für die Erfassung fremder Kulturen und entdeckt die Gleichheit aller Menschen: Überall teilen Menschen die gleichen Leidenschaften. Die ‚edlen Wilden‘ sind weder edel noch wild. Sie sind Menschen wie alle anderen auch. Allerdings bricht er mit einem naiven Anthropozentrismus: Die Welt, so erkennt er auf Reisen, ist keineswegs für den Menschen da. Die Natur ist übermächtig und die Schutzräume, die sich der Mensch schafft, sind zerbrechlich.

Jürgen Goldstein zeigt, wie sich ausgehend von einer bestimmten Idee der Natur und Naturerfahrung eine neue Perspektive auf die politische Ideengeschichte gewinnen lässt: ein neuer Blick auf die Genealogie von ‚Freiheit‘ und ‚Gleichheit‘. Dabei entsteht eine Ansicht der Aufklärung, die mit Forster die „Fremdbestimmung der Vernunft durch natürliche Kräfte“ ins Zentrum rückt. Goldstein nennt das die „verdunkelte Schattenseite“ der Aufklärung (so ‚dunkel‘ scheint mir das aber nicht zu sein).

Die Pointe des Essays liegt in der Verbindung beider Themenstränge. „Forster“, so schreibt Goldstein, „hat nach dem Gesetz gesucht, welches das Natürliche mit der politischen Freiheit verbinden soll.“ In seinen Schriften „berühren sich die beiden Schlüsselbegriffe jener Zeit auf spektakuläre Weise: ‚Natur‘ und ‚Revolution‘.“ Goldstein weigert sich – und weist im Verlauf seiner Argumention nach, dass diese Weigerung plausibel ist – Forsters Biographie zweizuteilen. Vielmehr setzt er das Leben des Naturforschers zum Leben des Revolutionärs in Beziehung. „Die Revolution vollzieht sich für Forster als Naturgewalt, die sich unaufhaltsam Bahn bricht: Die Natur ist – bis in das politische Geschehen hinein – das über uns verhängte Schicksal.“ Und an anderer Stelle:

„Eine Revolution ist für Forster ein Geschichtsereignis, das man nicht initiiert, sondern vielmehr beobachtet, begleitet und gegebenenfalls fördert. Zwar hat man sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen, aber an dem Gewirr der vielfältigen Revolutionskräfte hat jeder einzelne nur seinen kleinen Anteil. […] Die Revolution gibt die Richtung vor, nicht der Revolutionär. Ein Revolutionär reitet lediglich auf dem Rücken des Tigers.“ (S. 148f.)

Umstürze und Umbrüche sind für Forster nicht das Werk des Menschen, sondern „Folgen einer Natur, die auch den Menschen bestimmt“. Revolutionen sind Naturereignisse: Sie sind Erdbeben und Vulkanausbrüche in der Welt des Politischen. Kein bewusster Plan, sondern Eruption und Gärung – einmal in Gang gekommen, sind sie weder aufzuhalten noch zu lenken. Angesichts des einsetzenden Terrors der Revolution, der ihn während seines Parisaufenthalts anwidert, erkennt Forster, dass der Weg und die Richtung einer einmal entfesselten Bewegung nicht vorherzusehen sind. In der Revolution sind die Revolutionäre der Revolution ausgeliefert – vom „kalten Fieber“ ergriffen und „in Unruhe versetzt“. Wer glaube, die Ereignisse kontrollieren zu können, der irre. Selbst der Terror wird aus dieser Sicht „zu einem natürlichen Phänomen jenseits von Gut und Böse“.

Eine neue Französische Revolution steht gegenwärtig ebensowenig an wie neue Entdeckungsreisen. Dennoch bietet Jürgen Goldsteins Buch die Gelegenheit, einen vielleicht erschreckenden Blick auf unsere heutige Welt politischer Umbrüche zu werfen. Durch Forsters Brille sähe man Flüchtlingsströme, die über alle Ufer treten. Man sähe Provinzministerpräsidenten, die tatsächlich glauben, Fluten eindämmen und kanalisieren zu können. Man sähe das kalte Fieber und die Unruhe Demonstrierender, die meinen, die globalen Beben und Eruptionen nähmen ein Ende, wenn sie es nur laut genug forderten. Durch Forsters Brille sähe man auch, dass das kalte Fieber heute nicht mehr von der Idee der natürlichen Gleichheit und Freiheit aller Menschen ausgeht, dass sich heute politisch etwas anderes Bahn bricht als, so nannte es Forster, „das Gefühl der gekränkten Rechte der Menschheit“. Ein Blick durch Forsters Brille mag fatalistisch stimmen, er schafft aber auch Raum für ein neues Nachdenken, eine Suche nach neuen Lösungen. Man kann fordern, Obergrenzen festzulegen, Grenzen zu schließen, schneller abzuschieben und die Welt zu einem sicheren Herkunftsgebiet erklären. Ganz sicher nährt das aber nichts außer der Illusion – das würde Forster vielleicht so sagen  -, politische Naturgewalten seien beherrschbar.

Jungsspielzeuge statt feministischer Utopie – Alexander Krützfeldt: Wir sind Cyborgs (2015)

05/12/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Cyborgs haben immer mal Konjunktur. Gerade ist es wohl wieder soweit. Jedenfalls hat Alexander Krützfeldt unter dem Titel Wir sind Cyborgs (Blumenbar) gerade eine Reportage aus der Welt der Cyborgs veröffentlicht.

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Der Stil des Buchs – übrigens sehr schön gestaltet, vor allem mit tollen Illustrationen von Annelie Kretzschmar – erinnert ein wenig an Bücher oder Dokumentationen a la ‚Expeditionen ins Tierreich‘ oder ‚Durchs wilde Kurdistan‘. Es handelt sich also um eine Art Entdeckungsreisebericht. Krützfeldt schildert seine Begegnungen mit ‚Cyborgs‘ an unterschiedlichen Orten. Das Buch will den interessierten Laien, also uns als Leser_innen, eine unbekannte Spezies in ihrem natürlichen Habitat vorstellen. Krützfeldt setzt einerseits auf den Effekt des Exotischen. Viele Passagen wollen offenkundig schmunzelnd-verblüfftes Kopfschütteln, ungläubiges Staunen usw. provozieren. Das klappt mal besser, mal schlechter. Andererseits spielt das Buch mit den Erwartungen und Assoziationen zum Thema. Krützfeld spekuliert darauf, dass alle sofort an Science Fiction, an Robocop, Terminator, die Borg, denken – und kontrastiert das mit der sehr viel unspektakuläreren Welt derjenigen, die sich Chips unter die Haut pflanzen, um ihre Körpertemperatur zu messen, Hightechprothesen oder besondere Hörgeräte tragen.

In vielen Punkten ist das spannend, zumindest interessant – nice to know, aber nicht viel mehr. Es lohnt immer dann, wenn ein Nachdenken über die Grenzen des Menschen in Gang kommt. Und es ist plausibel, die Schwelle zum Cyborg etwas niedriger anzusetzen; nicht erst bei Robocop oder dem Terminator, sondern eher bei Geordi La Forge. Allerdings verliert die Cyborgologie dadurch auch viel von ihrem Reiz. Die Protagonisten des Buchs (Protagonistinnen gibt es nur wenige) neigen zwar dazu, sich als Außenseiter oder Avantgarde zu inszenieren, ihre Ideen verlassen den Rahmen der gegenwärtigen Fitness-, Gesundheits- und Selbstoptimierungsideologie aber nur selten. Die Mehrheit der Cyborgs, die im Buch begegnen, ist dann vielleicht eine Avantgarde, aber eben nur die Avantgarde des allgegenwärtigen Neoliberalismus. Macht Euch fit für den Wettbewerb! Überwindet Eure Handicaps!

Selbst die Cyborgs haben inzwischen, diesen Eindruck vermittelt Krützfeldts Buch, den Sinn für das Emanzipatorische verloren und leben in einer Welt, die eher unspektakuläre Ideen produziert. Über Tim Cannon, einen der us-amerikansichen Cyborgpioniere heißt es: „Hört man ihn und seine Jungs reden, klingt neben dem Interesse an der Wissenschaft auch eine ordentliche Dosis Technik-Religiosität durch. Einschließlich lose eingestreuter Erlösungsmetaphern.“ Eher nicht so reizvoll, oder? Dabei muss man noch nicht einmal auf die krypto-eugenischen Denkstränge in dieser Ideensuppe eingehen, auf die Krützfeld auch hinweist. Und auch nicht darauf, dass einige der Cyborgs auf Kritik (etwa den Einwand, dass ein gewisser medizinischer Sachverstand für die Durchführung von Operationen am eigenen oder fremden Körper eine gute Idee sein könnte) reagieren wie die Aluhutträger: mit Beschimpfungen der „Mainstream-Wissenschaft“.

Alexander Krützfeldts Reportage legt nahe, dass sich das Koordinatensystem des Cyborgismus in den letzten knapp fünfzig Jahren erheblich verschoben hat. Nicht nur ist das utopische Moment zugunsten einer pragmatischen Langweiligkeit verschwunden (oder zumindest dabei zu verschwinden). Darüber hinaus scheinen sich die Cyborgs auch zu maskulinisieren. Jedenfalls zeigen Krützfeldts Expeditionen ins Cyborgreich eine männliche Welt (jung bis mittelalt). Die real existierenden Cyborgs anno 2015 gehören nicht jener Spezies an, die Feministinnen wie Shulamith Firestone oder Donna Haraway in den 1970er und 80er Jahren herbeiträumten. Den von Krützfeldt portraitierten Cyborgs kommt eine potentielle Überschreitung der Grenzen von Geschlecht und Geschlechtlichkeit nicht mehr in den Sinn. Ihnen reicht es aus, an ihren Gadgets und Implantaten zu schrauben, zu löten und zu programmieren; fitter, gesünder und leistungsfähiger zu sein. Wenn Cyborgisierung aber nicht mehr auf eine Überschreitung von Grenzen und eine fundamentale Verunsicherung etablierter Kategorien verweist, sondern sich mit einer Erweiterung bestehender Fähigkeiten begnügt – worin soll dann die Verheißung bestehen?

What’s all the fuzz about „about“?

20/09/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Die About-Seite.

bloggers of the world unite?

10/01/2013 § 2 Kommentare

Dass sich die Art der Internetnutzung und damit der Onlinekommunikation immer wieder ändert, wissen wir alle. Mal gefällt einem das, mal nicht. Die massive Verlagerung von Aufmerksamkeiten und Aktivitäten in soziale Netzwerke und Netzwerkdienste hinein ist der unverkennbare Trend der letzten Jahre schlechthin.

In Reaktion darauf finden sich Debattenfragmente, die inzwischen – seit heute – unter der Überschrift „Die Krise der Blogger“ zusammengefasst werden (können). Den Ton gibt ein Beitrag von Johnny Haeusler vor, in dem die Rückeroberung des Netzes durch die Blogger gefordert wird. Darin stehen viele bedenkenswerte Dinge.

Einige der vorgeschlagenen neuen Wege für eine Belebung der Blog-Kultur – wieder mehr Blogs verlinken und auf Blogs kommentieren, zwecks Erhöhung der Sichtbarkeit, zum Beispiel – helfen sicher, sind aber auch gar keine so neuen Forderungen mehr (that girl there oder buzzaldrin haben auf Ähnliches vor einiger Zeit hingewiesen).

Andere Vorschläge von Johnny Haeusler sind vielleicht aber doch eher kontraproduktiv. Die Forderung, mehr zu bloggen, „auch wenn es sich nur um einen kleinen Link handelt, den man postet“, wird der Blog-Kultur sicher nicht helfen. Welchen Mehrwert hat ein Blog, in dem mehrheitlich und massenhaft youtube- oder myvideo-Clips gepostet werden und die dazugehörigen ‚Artikel‘ aus einem „Cooler Song! Cooles Video!“ bestehen? Diese Art der Kommunikation kann man dann doch auf anderen Wegen besser abwickeln. Die Mimesis der Kommunikationsformen sozialer Netzwerke ist doch keine Lösung, Bloggers!

Auch die vorgeschlagenen ‚technischen‘ Lösungen – „Tools, welche die Vernetzung unter Blogs weiter verbessern; Werkzeuge zum Abonnieren von Blogs, die keine Auseinandersetzung mit RSS-Readern brauchen (Mail-Abos z.B. dürften für die meisten Nutzer einfacher sein); vielleicht sogar Rating- oder “Like”-Systeme, die Blog-System-übergreifend funktionieren“ – irritieren zumindest teilweise ein wenig. Will da jemand, um den Blogs gegenüber Facebook wieder mehr Geltung zu verschaffen, etwa Facebook neu erfinden – nur eben mit besser recherchierbaren und archivierbaren Blogs statt Pinnwand und Chronik?

Trotz alledem: Gebloggt wird weiter, und es entstehen auch weiterhin neue Blogs – nicht zuletzt deshalb, weil unser ehemaliger Mann in New York sich nun dem Frustball widmet. Im Übrigen behalten die Pet Shop Boys recht: „To much of everything is never enough“!

hören/sehen/lesen 2012 – meine top 9

09/12/2012 § 7 Kommentare

Wieder kurz vor Weihnachten, wieder kurz vor Jahresende. Wie im letzten Jahr versuche ich mich an einer kleinen Liste. Auch diesmal ist es keine Wunschliste. Auch diesmal sind auf der Liste nur Dinge, die ich schon habe, mir also nicht mehr zu wünschen brauche.

Wie im letzten Jahr ist damit schon das erste Auswahlkriterium benannt: der vollzogene Kaufakt. Dadurch komme ich auch diesmal nicht in die Verlegenheit, implizite Wertigkeiten für alle potentiell verfügbaren CDs, DVDs und Bücher des Jahres zu behaupten. Vielmehr kann offen bleiben, ob es nicht unzählige bessere gab, die lediglich nicht Opfer meines randomisierten Kaufverhaltens geworden sind. Zudem umfasst die Liste (zweites Auswahlkriterium) etwas altmodisch nur diejenigen Dinge, die ich seit dem Kauf physisch in Händen halten kann – und auch wirklich schon gehört/gesehen/gelesen habe.

Mit Blick auf die Liste beschleicht mich der Verdacht, dass 2012 eher ein Roman- als ein Filmjahr war, ob insgesamt oder nur für mich und meine Kulturindustrieproduktekonsumgewohnheiten, das weiß ich nicht.

9) The Ward. Regie: John Carpenter

Wenn der große John Carpenter nach langer Zeit doch wieder einmal als Regisseur eines Kinofilms in Erscheinung tritt, dann muss ich natürlich die DVD kaufen und diese dann auch hier listen. The Ward ist ein klassischer Horrorfilm, ein klassischer John Carpenter: ein Gemisch aus düsterer Atmosphäre (im Irrenhaus, wie man im Horrorfilmjargon so sagt), Wahnvorstellungen, terror und suspense. Nur, man darf die Pointe nicht verraten. Wer den Film sehen möchte, sollte tunlichst nicht vorab in Erfahrung bringen, wie das ganze ausgeht.

8) Melancholia. Regie: Lars von Trier

Hach, was hat er uns alle aufgescheucht, dieser verrückte Däne, mit seiner Nazisympathisantenparodie.

Zum Glück wurde der unfassbar gut besetzte Film, der der Aufhänger für all die Aufregung war, nicht verschüttet. Melancholia – „eine Komödie“, so LvT – fesselt den Blick. Es ist die düster-poetische Bildsprache, nicht die Nacktszene von Kirsten Dunst, die es ummöglich macht, die Augen abzuwenden. Eine Zusammenfassung von story und plot erübrigt sich. Wovon der Film auch immer handelt: Es ist egal! Anfangs mag man sich vielleicht noch fragen, was da eigentlich passiert. Ziemlich rasch interessiert aber nur noch die Frage, wie der Film das, was er vielleicht zeigen will, zeigt. Attraction im vollsten Wortsinn.

7) Penelope Houston: On Market Street

Irgendwann Ende April habe ich mich verliebt. Ich habe mich verliebt in Penelope Houston, beim Konzert, hier in Chemnitz. Der unglaublichen Intensität ihrer Songs, den düster-tragischen Texten und dieser Stimme kann ich mich nicht entziehen. On Market Street ist ein wundervolles Album, das irgendwie so gar nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die es verdient.

6) Harry Belafonte: My Song. Die Autobiographie

Diesem Buch, den lieben Lesenden und mir schulde ich noch einen Blogbeitrag. Die Besprechung von My Song wird kommen, irgendwann. Dieses Buch sticht gegenüber vielen Promiautobiographien nicht nur dadurch hervor, dass Harry Belafonte eben eine ganz besondere Figur ist, der es in unvergleichbarer Weise gelang und gelingt, Politik und Entertainment zu verbinden. Vielmehr glänzt und glitzert und schimmert My Song durch eine ausgeprägt literarische Sprache, die durch die Übersetzung von Kristian Lutze, Silvia Morawetz und Werner Schmitz auch in der deutschen Ausgabe grandios zum Vorschein gebracht wird. Für die Akademiker_innen unter uns gibt es mit Belafontes Buch gleichzeitig eine wundervolle Studie zur Frage: Wie funktioniert Rassifizierung? Simone de Beauvoirs große Einsicht, dass man nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht werde: Harry Belafontes Autobiographie zeigt eindringlich, dass das für ‚Schwarzsein‘ ebenso gilt.

5) 2:54 – 2:54

Dass das Debütalbum von 2:54 goth sein könnte, warum das gut so ist und warum mir das gefällt, gibt es hier zu lesen.

4) Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt

Jennifer Egans Buch, die amerikanische Originalausgabe wurde 2011 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, hat mich Anfang des Jahres enorm begeistert. Der größere Teil der Welt widersetzt sich damit dem (all-)gemeinen Trend, dass Jahrescharts in der Regel von Dingen aus der zweiten Jahreshälfte dominiert werden. Das Buch ist die Geschichte einiger Gestalten, die sich irgendwie in den Musikszenen San Franciscos und New Yorks bewegen und seit den Siebzigern durch die Zeit trudeln. Warum das Buch – jenseits des über 50seitigen Kapitels in Form eines PowerPoint-Folien-Tagebuchs – großartig ist, lässt sich in der klugen Rezension von Dirk Knipphals in der taz nachlesen („Jennifer Egan kann schreiben, dass es einen schier umpustet“). Jennifer Egan lehnt jedes Kapital gekonnt an ein anderes literarisches Genre an und, so etwas beeindruckt mich immer, kombiniert virtuos verschiedene Zeitebenen. Angewandte postmoderne Geschichtsschreibung.

3) Stephan Thome: Fliehkräfte

Welche Chance hat man, ein Buch nicht zu kaufen, wenn der Buchhändler des Vertrauens in der Stamm- und Lieblingsbuchhandlung aus dem Stand ein mehrminütiges Loblieb anstimmt? Ich bin jedenfalls froh, dass ich dieser Empfehlung gefolgt bin und mich mit dem Philosophieprofessor Hartmut Hainbach jenen Fliehkräften aussetzte, die einen durch das Leben kreiseln lassen. Stephan Thome führt in diesem Roman eindrücklich vor, dass das eigentliche Ereignnis in einem Buch die Sprache ist, dass also gar nicht so viel „passieren“ muss, um die Lesenden zu bannen. Mit der Einschätzung, dass Fliehkräfte zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und im Prinzip einer der Favoriten war, stand und steht man in diesem Jahr jedenfalls nicht allein.

2) Public Image Limited – This is PiL

Das, nunja, „Comebackalbum“ von PiL ist mein musikalischer Höhepunkt des Jahres. Unfassbar, dieser Groove. This is PiL verwandelt mit einem Fingerschnipp jeden Ort in eine potentielle Tanzfläche. Muss ich betonen, dass die Texte diesen Groove natürlich ebenso tragen, wie der Sound? Muss ich nicht: We come from chaos, you cannot change us / Cannot explain us and that’s what makes us / We are the ageless, we are teenagers / We are the focused out of the hopeless / We are the last chance, we are the last dance …

1) Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Es gibt Romane, die einen körperlich berühren, die einem beim Lesen eine merkwürdige Aufregung bescheren. Vielen Dank für das Leben ist so ein Roman. „Fesselnd“ ist schlicht das falsche Wort für das, was dieses Buch während der Lektüre mit einem macht. Vielmehr ist es im Wortsinn atemberaubend, es erzeugt eine Resonanz, bringt etwas in einem zum Schwingen. Sibylle Bergs Sprache entwickelt einen so unwiderstehlichen Sog, dass Leser, Buch und Welt förmlich ineinander übergehen. Vielen Dank für das Leben ist der mit Abstand beste Roman, den ich seit Ulrich Peltzers Teil der Lösung (2007) oder gar Juli Zehs Spieltrieb (2004) gelesen habe. Achja, darum geht es (sagt der Verlag):

„Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung – das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris.“

großartiger text über den „paten“ rassistischer paranoia

23/06/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

großartiger text über den „paten“ rassistischer paranoia und seine anhaltende wirkung seit den sechziger jahren – und über rassismus, der partout nicht so genannt werden will (dazu dann auch nochmal: https://timoluks.wordpress.com/2012/06/19/protestsong-der-woche-vi-the-specials-racist-friend/)

33revolutionsperminute's Blog

 

On Saturday morning, in an item on Radio 4’s Today programme to mark the centenary of Enoch Powell’s birth, presenter Justin Webb asked Daily Mail writer Simon Heffer, “Was Enoch Powell racist?” Heffer paused for a moment while he pretended to weigh the question up and then replied, inevitably, “No, not at all.”

We live in a time where nobody will admit to being racist, even people who say and write the kind of things that a racist might well say or write. In 2012, if a Grand Wizard of the Ku Klux Klan were caught mid-cross-burning, he would swiftly explain that of course he isn’t racist and he has a black friend and he was just drunk and he’s very sorry for any offence caused and obviously racism is a terrible thing. But surely the man famous for the most notorious speech in the history of British…

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