Das Politische der Weltgesellschaft – Nir Baram: Weltschatten

Gegenwärtig sind zwei literarische Trends offensichtlich: die Aufarbeitung der politischen Träume des 20. und die Vermessung der globalen Welt des bereits etwas fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts. Nir Barams Weltschatten (2016) führt beide Trends zusammen.

Weltschatten folgt einer Gruppe israelischer Geschäftsleute, einer US-amerikanischen Beratungsfirma (spezialisiert auf Wahlkämpfe und politische Kampagnen) und einigen englischen Anarchist_innen, die sich einem weltweiten Streik verschreiben. Alle drei Milieus agieren global und repräsentieren auf den ersten Blick eine je eigene Welt. Baram unterstützt diesen Eindruck, indem er diese Welten unterschiedlich erzählt: Die ‚israelischen Kapitel‘ nehmen die Beobachterperspektive des klassischen Romans ein; die US-amerikanischen Campaigner begegen aus der Binnenperspektive der Akteure in Form eines Emailromans; die Perspektive der englischen Anarchist_Innen wird durch einen kollektiven Bericht eingefangen. Zusammengehalten werden die Schauplätze durch den wenig kreativen Kniff, dass einerseits Personen in zwei oder drei Welten auftauchen und andererseits Ereignisse in einem Strang Auswirkungen auf andere Stränge haben.

Wohlwollend könnte man meinen: Nir Baram konzipiert die globale Welt als Echoraum und personelles Netzwerk. Oft kommt das freilich etwas gewollt daher. Da vermitteln die israelischen Geschäftsmänner irgendwann einen Waffendeal in den Kongo; der beteiligte kongolesische Politiker erwirbt mit dem Geld aus dem Deal Anteile an der amerikanischen Consultingfirma und spendet für einige ihrer Kampagnen; ein ehemaliger Mitarbeiter der Consultingfirma macht das öffentlich und bringt seinen ehemaligen Arbeitgeber damit zu Fall – während er selbst im Hintergrund die Streikkampagne der Londoner Anarchist_innen berät und seine alten Kollegen die Gegen-PR übernehmen; die Protestaktionen, die von London ihren Ausgang nehmen, werden in Israel aufgegriffen und treffen jemanden, der sich damals am Rande des Waffendeals bewegte …

Globalität lässt sich auf mindestens zweierlei Weise erzählen: Die eine, großartig vorgeführt von Zadie Smith oder Chimamanda Ngozi Adichie, zeichnet eine postkoloniale, migrantische Welt; der andere kreist um den globalen Finanzmarktkapitalismus. Letzteres ist bei Nir Baram der Fall (und war es in Ulrich Peltzers grandiosem Roman Das bessere Leben (2015)). Jeder dieser Entwürfe führt ein typisches Personal und Figurentableau ein.

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Bei Baram begegnet eine globale Elite. Seit die Universitäten nicht mehr „das Reich der Weißen“ sind, findet man „überall auf der Welt Leute, die dich verstehen“, so, als bilde sich

„eine neue Klasse, ein länderübergreifender Stand, dessen Mitglieder relativ junge Menschen aus allen Teilen der Welt waren, die zum einen alle möglichen beruflichen Kontakte miteinander verbanden – Kampagnen, Investmentbanken, Hightechunternehmen, Stiftungen für bessere Bildungschancen von Sozialschwachen“ (S. 230).

Der Gegenpol: „eine Art G8 der Loser, der Abgeschriebenen und Proletarier“, aus Perspektive des Kampagnenmanagers der Regierungen: „ein Haufen von Hipster-Yuppies, eine Mischung aus Straßenkids, Kriminellen, Größenwahnsinnigen und Anarchisten, Geistesgestörten“.

Barams Figuren (und das ist literarisch wenig begeisternd) sind in ihren Handlungen vollständig transparent und konsistent. Jedes Motiv wird von ihnen selbst oder der Erzählstimme restlos und zu Tode erklärt. Vor allem irritiert, dass die Figuren in der Regel vollständig über sich selbst im Bilde sind. Leser_innen werden von Baram einem (auto-)biographischen Overkill ausgesetzt. (Das ist der große Unterschied zu Ulrich Peltzer, dessen Figuren gebrochene Lebensläufe haben und denen ihr eigenes Tun nicht vollständig transparent ist – literarisch ergibt das eine sehr viel spannendere und intelligentere Konstruktion.)

Barams Zugang (und derjenige seiner Figuren) zur Frage politischen Handelns erschließt nichts Anderes als eine endlos variierte Zynismus-Reflektion. Jeder wird irgendwann einmal für zynisch gehalten oder wirft es jemandem vor. Im Grunde wird jeder verdächtigt (oder verdächtigt sich selbst) ein Heuchler zu sein. Muss man sich Ideale leisten konnen? Wie steht es um das Verhältnis von Geld und eigenen Interessen zu den progessiven, liberalen Idealen? Was ist mit Kompromissen? („Alle Mittelwege sind Illusion und Zeitverschwendung, locken heillose Zyniker und Unschuldslämmer an, Gauner, Profiteure und Menschen voller guten Willens“.) Dabei glauben die meisten Figuren tatsächlich an ihre Ideale, sind darauf bedacht, ihre Handlungen damit in Einklang zu bringen, wissen aber auch, dass das nicht immer gelingt. Die Politikberater etwa stehen tatsächlich hinter den Werten, die seit ihrem Engagement in der Bürgerrechtsbewegung Teil ihrer Identität sind. Aber man muss dagegen ankämpfen, dass dieser Idealismus erodiert. So spöttelt ein jüngerer Gesellschafter der Consultingfirma über den alten Gründer:

„Steinbeck macht sich natürlich Sorgen wegen der Reaktion seiner Freunde, diesem Club von McGovern-Jüngern, auf das Interview des Kandidaten [in Bolivien]. Er sagt, wir müssten darüber nachdenken, ob der Mann tatsächlich unsere Ideale vertritt“ (S. 172).

Stilistisch ist Weltschatten enttäuschend. Die Turbulenzen einer globalen Welt werden ästhetisch nicht eingefangen. Baram schreibt trotz aller Variationen wie ein altbackener Historiker, der berichtet, wie es wirklich gewesen. Die Reflektion der Anarchist_innen über ihren eigenen Bericht, der den Roman durchzieht, verrät am Ende vielleicht Barams Poetik:

„Manchmal glauben wir echt noch immer nicht, dass das alles passiert ist. Vielleicht haben wir uns ja deshalb entschlossen, so eine Art Bericht zu schreiben, damit wir wieder daran glauben. […] Die Sache ist die, wir hatten damals nicht das Gefühl, wir wären irgendwie außergewöhnlich entbrannt. Wir gewöhnten uns an den Zustand, hätten das Gefühl auch nicht in Worte fassen können, diese Wärme. Erst hinterher haben wir alles verstanden, als dieses Etwas in uns sich abzukühlen begann und wir plötzlich von Zweifeln, Schrecken und Ungewissheit erfüllt wurden, plötzlich jede Bewegung nutzlos erschien. Und wenn die anfängliche Panik verfliegt, stumpfst du ab, nichts interessiert dich mehr, als hätte dir jemand die Wärmequelle, die dich angetrieben hat, abgedreht, und nach und nach kühlst du aus, bis du am Ende erstarrst. Und genau das ist auch der entscheidende Haken an unserem Bericht: Er ist aus der Erstarrung heraus geschrieben“ (S. 505 u. 509f.).

Insgesamt überschneiden sich in Weltschatten zwei gegenläufige Bewegungen: Der angelegte Spannungsbogen läuft auf den großen Showdown hinaus: Wird der Streik gelingen? Werden alle Verwicklungen und Beziehungen aufgedeckt? Die Lektüre selbst flacht dagegen beständig ab. Es mag paradox erscheinen, aber Weltschatten ist umso spannender und interessanter, je weiter weg der dramaturgische Höhepunkt und je unverbundener die verschiedenen Erzählstränge sind.

Nir Baram: Weltschatten. Roman. Übersetzt aus dem Hebräischen von Markus Lemke, Hanser 2016, 512 Seiten.

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Bookstore Punk – die Autobiographie von Richard Hell

Richard Hell – Miterfinder und Mitbegründer von Punk im New York der 1970er Jahre; zusammen mit Tom Verlaine als Television für eines der einflussreichsten Alben der mittleren Musikgeschichte verantwortlich: Marquee Moon (1977); Stichwortgeber der Blank Generation; Autor einer Autobiographie, die inzwischen auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

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Musiker_innenmemoiren neigen dazu, nur begrenztes Lesevergnügen zu bieten. In der Regel ist es ja auch das anekdotische Interesse an der jeweiligen Person, nicht die Suche nach literarischer Qualität, die in solchen Fällen die Hand beim Griff ins Regel führt. Ich freue mich bei derartigen Lektüren immer, wenn die jeweilige Autobiographie wenigstens die eine oder andere kleine Erkenntnis bringt.

Dank Richard Hells Autobiographie weiß ich nun, dass Punk in Buchhandlungen geboren wurde. Zumindest in New York scheint das der Fall gewesen zu sein (ich erinnere mich an ähnliche Hinweise bei Patti Smith). Hell berichtet von einer Kette kleiner Jobs in dieser oder jener Buchhandlung.

„I worked at Gotham Book Mart in midtown for a while at this time. I learned a lot there. It was the most famous and the best literary book-store in New York, probably in the whole world, in terms of inventory, and perhaps second only to Paris‘ Shakespeare & Company for literary associations.“ (S. 66)

„In 1968 I  held a series of jobs, most rewardingly at the Strand Book Store among a crew of other artistically inclined kids.“ (S. 71)

„By this time, every other job Tom and I got was in a used-book store, and rummaging through them was our main form of recreation as well.“ (S. 88)

„It was in this time, 1971 through 1975, that we settled into the bookstore jobs, the last series of day jobs we would have before becoming professional musicians.“ (S. 94f.)

Hell nimmt sich die Zeit und den Raum, eine dieser Buchhandlungen (Gotham Books Mart), ihre Regale und ihr Inventar auf drei Seiten zu beschreiben und zu würdigen. Dabei zeigt sich, worin die Leistung dieser oder jener Buchhandlung für die Entstehung des New York Punk bestand: als Möglichkeit Geld zu verdienen, also als career opportunity; als Gelegenheit, Literatur kennenzulernen (bei Hell: die modernistische Poesie, T.S. Eliot etc. pp.); schließlich als Begegnungort für Gleichgesinnte – wo ein schräger Vogel für ein paar Dollar Inventartlisten erstellt, kommt bald ein zweiter hinzu, der Regale einsortiert …

Die Blank Generation, das ist vielleicht die Ironie der Geschichte, wurde in einer Umgebung geboren, in der keineswegs unbeschriebene Blätter dominierten. Bisher fehlen die Buchhandlungen in der Geschichte des Punk; und ich bin mir nicht sicher, ob in der Geschichte der Buchhandlungen deren Bedeutung als soziale, kulturelle und ökonomische Infrastruktur für Punk ausreichend gewürdigt wird. Offen bleibt die Frage, ob sich zukünftige Musiker_innen heute als Lagerist_innen bei Amazon oder DHL-Boten_innen verdingen.

Das Buchhandlungsthema soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hells Buch eher wenig überzeugt (besonders gern habe ich es nicht gelesen). Verantwortlich dafür ist ein mentaler Rockismus, der sich vor allem in der Beschreibung von Frauen zeigt: den „chicks“ und sexuell befreiten „fun-loving girls“. Offensichtlich gibt es in Sachen Popkultur eine sehr spezielle Gleichzeitigkeit von Kontinuität und Bruch: musikalisch und ästhetisch bedeuteten Richard Hell, Television, The Voidoids etwas Neues und radikal Anderes; Habitus und Haltung im Privaten (das natürlich politisch ist) scheinen freilich in alten, überholten Posen zu erstarren. Jemand, der auf der Bühne oder auf einem Album weder aussieht noch klingt wie Keith Jagger (und gerade für diese Differenz geschätzt wird), kann trotzdem dessen Altrockstarweltwahrnehmung haben.

Richard Hell: I Dreamed I Was a Very Clean Tramp. An Autobiography, Ecco HarperCollins 2013. [Dt. Ausgabe u.d.T.: Blank Generation. Autobiographie, übers. v. Thomas Atzert, Edition Tiamat 2015]

Geschichte und Gedächtnis in der Türkei – Ece Temelkuran: Euphorie und Wehmut

Die Journalistin und Schriftstellerin Ece Temelkuran schrieb ihren Essay Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst als Reaktion auf die Gezi-Proteste. Es ist der Versuch, die Ereignisse in einen größeren Kontext einzuordnen und so der Einschätzung entgegen zu wirken, es handelte sich um ein singuläres Ereignis aus dem Nichts heraus. Das Buch erschien 2015. Seither ist in und mit der Türkei derart viel passiert, dass man fragen muss, wie ein Buch über die türkische Gesellschaft und Politik, das vor den Ereignissen des letzten Jahres und der letzten Monate geschrieben wurde, denn noch ‚aktuell‘ sein soll. Aber genau diesen Umstand – dass ein Buch über die  Türkei vermeintlich schneller veraltet, als es geschrieben oder gelesen werden kann – macht Temelkuran zu einem ihrer Schlüsselargumente. Ihre Perspektive auf die moderne Türkei zeigt: Es passiert viel, aber es gelingt nicht, die Geschichte zu sehen und zu erinnern. „Auf der Straße bekommen Sie zu hören: ‚Die Türkei hat ein Gedächtnis wie ein Sieb!‘.“ (S. 40)

„Beim Blick auf die politische und soziale Agenda der Türkei geht es uns allen wie den Nebenfiguren in Jackie-Chan-Filmen. Ohrfeigen und Tritte hagelt es dermaßen rasant, dass wir mit dem Zählen gar nicht nachkommen. Noch bevor wir für einen Schlag Rechenschaft fordern können, trifft uns schon der nächste. Ein Grund dafür liegt aber auch darin, dass wir den Film nicht angehalten haben, um Rechenschaft für die erste Ohrfeige zu verlangen.“ (S. 43f.)

Ece Temelkuran hält den Film an. Ihr Essay porträtiert die Türk_innen als „Brückenmenschen“, die seit der Staatsgründung vor einem Dilemma standen, „was die Frage ihrer Identität und der Definition des ‚hier‘ anging. Obwohl sie pausenlos nach Westen schwammen, zog man sie vom östlichen Ende der Brücke ständig zurück.“ (S. 13) Doch geht es im Essay nicht nur um die geographische und identitäre Brücke zwischen Ost und West. Vielmehr zielt sie darauf, eine Brücke in der Zeit zu schlagen: eine Brücke zwischen gestern, heute und morgen. Ihr Ausgangspunkt sind die Probleme, die sich aus dem Versuch ergeben, das Rad der Geschichte auf null zurückzudrehen.

„Die Vergangenheit verschwand. Wir waren die Erben eines gigantischen Reichs, aber dieses Reich war keinen Heller mehr wert! […] Es gab eine Vergangenheit, die uns stolz machte, aber auch anwiderte. Ein Sultanat, das wir begehrten, für das man uns aber auch verunglimpfte. Die Menschen in diesem Brückenland wuchsen heran wie verwirrte Kinder, die den Gang der Geschichte mit eigenen Augen beobachteten, später aber eine völlig andere Darstellung des Geschehenen auswendig lernen mussten.“ (S. 14)

Die moderne Türkei, so könnte man mit Blick auf eines der zentralen Argumente von Ece Temelkuran festhalten, häuft Gegenwart auf Gegenwart. Es gelingt aber weder in der Politik noch in der öffentlichen Debatte, die immer neuen, scheinbar überwältigenden Ereignisse in Geschichte zu verwandeln und sie zu erinnern, das heißt: sie miteinander zu verküpfen, sie in Beziehung zueinander zu setzen und aus Ausdruck einer wie auch immer gearteten und gerichteten Entwicklung zu interpretieren. Diese Abwesenheit von ‚Geschichte‘, während doch immerfort etwas Großes, Beängstigendes, Verstörendes, Unbegreifliches geschieht, erzeugt jenes titelgebende Gefühl von „Euphorie und Wehmut“, das Ece Temelkurans Essay leitmotivisch durchzieht. Falls es zutrifft, dass die politische Kultur der Türkei eine  große „Übung des Vergessen“ ist; dass „Zeit für dieses Land etwas“ ist, „das es zu überwinden gilt“; dass „hier zu leben bedeutet, danach zu streben, unverzüglich ins Morgen zu gelangen“ (S. 39f.) – dann kommt Ece Temelkurans Essay dem guten Rat gleich, den Buffy ihrer kleinen Schwester Dawn in einer Folge mit auf den (Schul-)Weg gab: Wer in Geschichte durchfällt, ist dazu verdammt, sie in den Sommerferien zu wiederholen.

Euphorie und Wehmut ist der Versuch, aus großen, beängstigenden, verstörenden, unbegreiflichen Ereignissen eine Geschichte zu machen und einem Land zu einem Gedächtnis zu verhelfen. Das gelingt ihr mit den Mitteln des literarischen Sachbuchs in wundervoller Sprache und einem Humor, der alle Schattierungen kennt – vom bitteren Galgenhumor bis zur subtilen poetischen Ironie. Das 60seitige Kapitel Das unsortierte Fotoalbum des Herrn Türkei ist darüber hinaus als Bildessay ein wahres Glanzstück erzählender Zeitgeschichtsschreibung. Wer die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Widersprüche und Dynamiken der türkischen Gesellschaft verstehen möchte, findet allein in diesem Kapitel einen Ausgangspunkt, wie er besser kaum sein könnte.

Ece Temelkuran: Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst, aus dem Türkischen übersetzt von Sabine Adatepe und Monika Demirel, Hoffmann und Campe 2015.

CETA, TTIP, Tiptree, oder: Handel in unendlichen Weiten

Wenn etwas kompliziert ist – kompliziert zu verstehen oder kompliziert zu bewerkstelligen -, dann hilft Science Fiction. Das gilt auch für die unendlich komplizierten, weitgehend intransparenten, viel diskutierten und viel kritisierten Freihandelsabkommen CETA und TTIP. Offenkundig gebiert der Freihandel vertragliche Ungeheuer. Es bedarf scheinbar eines ungeheuerlichen Apparats und Vorlaufs, damit Güter und Waren einfach, schnell und leicht über weite Räume gehandelt werden können.

Es könnte natürlich auch einfach sein: Man könnte sich einfach gegenseitig zusichern, alle Waren und Güter der ‚anderen‘ rein zu lassen. Aber nach welchen Regeln? Entweder beharrt man darauf, dass alles, was ‚bei uns‘ eingeführt wird, ‚unseren‘ Regeln und Vorgaben entsprechen muss, oder ‚wir‘ vertrauen ‚ihnen‘ und ‚ihren‘ Regeln. Das Problem ist nur, dass den jeweiligen Regeln unterschiedliche Einschätzungen darüber zugrunde liegen, welche Waren und Güter (un-)gesund, (un-)gefährlich, (un-)schädlich sind. US-Amerikaner_innen finden französischen Rohmilchkäse nicht nur eklig, sondern halten ihn fast schon für eine kulinarische Form bakteriologischer Kriegsführung; Europäer_innen erkennen im Chlorhühnchen den Vorboten eines alten Witzes von Louis de Funès.

Wenn bereits Kanada, die USA und die Europäische Union – die ja immerhin behaupten, einer gemeinsamen (westlichen) Wertegemeinschaft und Konsummoderne anzugehören – feststellen müssen, dass selbst in profanen Waren und Konsumgütern abweichende kulturelle Vorlieben, Abneigungen und Werthaltungen eingeschrieben sind – wie muss es dann erst im extraterrestrischen, interstellaren Handel aussehen?

Die Kurzgeschichte Geburt eines Handlungsreisenden von James Tiptree Jr. aus dem Jahr 1967 – ein wundervolles SciFi-Kleinod – gibt einen Einblick in die unterschiedlichen Strategien im Umgang mit den Problemen eines weiträumigen (Frei-)Handels. Im Mittelpunkt der Geschichte steht T. Benedict, Mitarbeiter einer Handelsorganisation und dort der Verantwortliche in der Abteilung FKGK – „Fremdkulturelle Gestaltklarierungen“.

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Als Einstieg in die Geschichte und Beschreibung von Mr. Benedicts Arbeit dient ein Telefongespräch, dass dieser mit einem Klienten führt. Das ist literarisch fein gearbeitet, und es macht Vergnügen, als Leser die andere Seite des Gesprächs zu imaginieren.

„Eff-ka-ge-ka. … Richtig, Sie brauchen eine Klarierung von uns, wenn Sie Ihr Produkt außerhalb des Planeten versenden wollen … Richtig, das gilt auch für außerplanetare Waren, die hier weiterverarbeitet werden. Sobald man sie irgendwie in die Finger nimmt … Ja, genau, Fremdkulturelle Gestaltklarierungen. Ein scheußlicher Name, ich weiß; war nicht meine Wahl. Wir schicken Ihnen die Formulare zu … Moment, dass wir uns richtig verstehen, der Name ist vielleicht albern, aber unsere Aufgabe nicht. Was wollen Sie versenden? … Lager mit monomolekularer Beschichtung? Wie sind sie verpackt? … Wie sie verpackt sind, will ich wissen. In was für Behältern? In kugelförmigen? Schön, Sie wollen sie also in den Deneb-Sektor verschicken. Das heißt, über den Transferpunkt Deneb-Gamma, richtig? … Na, dann schlagen Sie es mal nach, Sie werden feststellen, dass die Ware darüber laufen muss. Also, in dem Moment, in  dem diese Kugeln von Ihnen da durch den Transfer rollen, wird sich die komplette Belegschaft von Station Gamma auf ihre Opercula hocken und niemand krümmt auch nur einen Tentakel, weil Kugeln auf Gamma nämlich religöse Bildnisse sind, alles klar? Und der Transmitter bleibt auf Ihre Kosten offen, abgerechnet per Mikrosekunde, und Ihr Produkt rührt sich kein Stück, bis ein dortiger atheistischer Rettungstrupp da reingebracht wird – zum dreifachen Satz, auf Ihre Kosten – und den Weiterversand übernimmt, ja? Wenn Sie sich diesen Mist ersparen wollen, müssen Sie uns ein Muster zur Klarierung schicken. Und zwar, bevor die Fracht versiegelt wird! Alles klar? … Ich schick Ihnen die Formulare und Sie sehen zu, dass wir schleunigst die Muster reinbekommen, Wir tun, was wir können.“

Die Geschichte folgt im Wesentlichen dieser Logik und bezieht ihre Komik und Dynamik aus der schieren Unendlichkeit der Variationen von Produkteigenschaften, denen auch mit dem brillantesten fremdkulturellen Gestaltklarierer und einem allumfassend besetzten „Fremdwesen-Beirat“ nicht im Vorhinein beizukommen ist. Bekannte Faktoren lassen sich vorweg ausschalten – etwa die Gefahr, dass ein Paket auf einem bestimmten Planeten angeknabbert wird, weil den dortigen Transportarbeitern das Rot des Paketaufdrucks so gut schmeckt usw. – anderes bleibt aber völlig rätselhaft, und man ist erst im Nachhinein schlauer, wenn überhaupt. Es sollte also niemanden verwundern, dass auch heute amerikanische und europäische CETA- und TTIP-Unterhändler_innen mit ihren Versuchen, alle Unwägbarkeiten vorab vertraglich zu klären, einfach nicht hinterherkommen. Im Grunde – das könnte man aus Tiptrees Geschichte lernen – weiß man nie abschließend, was es überhaupt alles zu regeln gilt, geschweige denn, dass man sich auf das Wie einigen könnte.

Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: einerseits das optimistisch-expertokratische Bürokratiemodell, auf das Tiptree in den 1960er Jahren augenzwinkernd setzte; andererseits das privatrechtliche Vertragsmodell, mit dem sich zwei „Unternehmer“ auf die Bedingungen und Voraussetzungen eines Geschäfts oder einer Reihe von Geschäften einigen. Kanada, die USA und die EU probieren sich am zweiten Modell. Das hat wohl auch etwas mit dem Zeitgeist zu tun. Die Kritik an CETA und TTIP ist aus unterschiedlichen, nicht immer unzutreffenden Gründen erheblich. Sie wäre wahrscheinlich aber noch massiver, wenn jemand eine ressourcenstarke europäische Behörde fordern würde, die von Fall zu Fall und auf Antrag Produkte prüft und „Unbedenklichkeitsbescheinigungen“ ausstellt – oder eben auch nicht. Bereits T. Benedict muss sich in Tiptrees Geschichte mit verärgerten Geschäftsleuten herumschlagen, die sich über die Kosten bestimmter Auflagen beklagen und die Behörde für alles, was schief geht verantwortlich machen. „Wofür zahle ich meine Steuern? Inkompetent! Parasitär! Bah!“

Im progressiven Klima der USA der Sixties konnte man Partei für aufgeklärte öffentliche Angestellte ergreifen – gegen die allzu eindeutigen und durchschaubaren Interessen der Geschäftswelt. Seither hat die Bürokratiekritik erheblich an Bedeutung gewonnen. Diesen Aspekt des Neoliberalismus finden alle gut … Die EU-Kommission hat vielleicht deshalb ein so schweres Standing, weil sie als bürokratische Behörde wahrgenommen wird, die sich wie ein schmierig-gieriger Geschäftsmann aufführt; jedenfalls nicht wie der integere Mr. T.Benedict von der FKGK.

 

Die Geschichte Geburt eines Handlungsreisenden (1967) ist erschienen in: James Tiptree Jr.: DOKTOR AIN. Sämtliche Erzählungen, Band 1 (aus dem Amerikanischen von Elvira Bittner, Andrea Stumpf, Samuel N. D. Wohl, Laura Scheifinger, Frank Böhmert und Margo Jane Warnken). Der Band ist Teil der wunder- und verdienstvollen Werkausgabe, die der Septime Verlag anlässlich des 100jährigen Tiptree-Jubiläums seit 2011 herausgibt. Danke!

P.S. Bei James Tiptree Jr. handelt es sich natürlich um Alice B. Sheldon, deren unter männlichem Pseudonym verfasste Kurzgeschichten zum Kernbestand moderner Science Fiction gehören.

Daimler und die Würste – deutsche Kontinuitäten im 20. Jahrhundert

Zuerst die Süddeutsche Zeitung und dann der Guardian berichten heute über einen Wurststreit auf der Aktionärshauptversammlung bei Daimler. Offenkundig bevorratete sich jemand am Buffet ausgiebig für einen späteren Wursthunger zuhause; jemand anderes störte sich daran; es kam zum Streit; die Polizei schlichtete. 12.500 Würste für 5.500 Aktionäre. Da war der Zwischenfall doch vorprogrammiert! Wer sich ein klein wenig mit der Wurstgeschichte Daimlers auskennt, hätte das auch vorhersehen können.

Wie das Leben manchmal spielt und der Zufall es will: Der erste Aufsatz, den ich jemals in einer geschichtswissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlich habe, widmete sich – genau – einem hässlichen und langwierigen Kantinenstreit bei Daimler (vgl. Die Massengesellschaft auf dem Weg in die Kantine. Fabrikmahlzeit, Selbstbedienung und „Ordnungsdenken“ bei der Daimler-Benz AG 1948-1953, in: Historische Anthropologie 17.1,2009). Auch in diesem alten Kantinenstreit ging es – unter anderem – um die Wurst. So wurde um das wirkliche oder unterstellte „Untergewicht“ einer Wurst gestritten.

„Es darf natürlich nicht sein, daß, wenn zu einem Pärchen Wurst beispielsweise Normalmaß genommen ist und dann das Pärchen in einem Stück gegeben wird, daß dann einer glaubt, es sei das andere Stück zu dem Pärchen nicht mitgegeben worden, also die Länge vielleicht 2 Meter betragen muß.“ (Betriebsversammlung vom 11.3.1952, Protokoll, Daimler Archiv, Bestand Könecke 12, S. 10.)

Die Ansicht, beim Essen übervorteilt zu werden, rechtfertigte in den frühen 1950er Jahren zwar Beschwerden, aber nicht jede Art von Benehmen.

„In der Kantine kommt es immer wieder vor und ich weiß, daß mal eine Portion Wurst vielleicht Untergewicht hat oder an einem Käse mal etwas nicht ganz in Ordnung ist. Kolleginnen und Kollegen, bitte seid so freundlich und kommt, aber bitte schreit die Verkäuferin nicht an […], die kann nämlich nichts dafür, die verkauft nur. Wenn Ihr in einem freundlichen Ton kommt, dann hallt es freundlich zurück. Aber, wenn einer anders kommt, auf einen groben Klotz gehört auch ein grober Keil. Das ist eine ganz klare Sache.“ (ebd., S. 22)

Hunger- und Mangelerfahrung in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, gerade auch unter Arbeiterinnen und Arbeitern, machen derartige Diskussionen verständlich. Die Arbeiter_innen von Daimler würden sich heute in der Kantine wahrscheinlich nicht mehr um das Gewicht einer Wurst streiten. Dass derartiges 2016 auf Aktionärsversammlungen vorkommt, zeigt einerseits, dass die Wurstfrage wohl eine der unterschätzten Kontinuitäten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist. Andererseits zeigt sich darin aber auch der Wandel vom Industrie- zum Finanzmarktkapitalismus. Nicht mehr hungrige Arbeiter streiten sich um die Wurst, sondern gierige Aktionäre. Die Wustfrage ist eine Frage des shareholder value geworden. Oder soll man glauben, dass a) Daimler so schwache Renditen abwirft, dass Aktionäre aus purer Not Würste am Buffet in die Tasche stecken, und b) andere ihre Dividente in Gefahr sehen, wenn jemand zu viele Gratiswürste konsumiert?

Provinz in „Amerika“ – Jörg Magenau: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47

Jörg Magenau hat ein neugieriges und neugierig machendes kleines Buch geschrieben. Es widmet sich einer skurrilen Klassenfahrt: der Reise der Gruppe 47 nach Amerika im Jahr 1966, um in Princeton ihre Jahrestagung abzuhalten. Der Charme dieses Unternehmens, den Magenaus Buch amüsant einfängt, speist sich aus der Spannung der Großen Fahrt auf der einen und der literaturbetrieblichen Routine auf der anderen Seite. Abenteuer trifft auf Alltag. Große Gesten, Erwartungen, Befürchtungen treffen auf: nichts Neues. Denn zuallererst hatte die Gruppe 47- wo immer sie tagte – sich selbst im Gepäck.

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Bereits die Reisevorbereitungen hätten auf US-amerikansiche Literaturstudent_innen in den Sixties wahrscheinlich hilarious gewirkt – eine literarische Sitcom mit clumsy German writers. Ein Großteil der Komik liegt darin, dass die Protagonisten sich bei der Einschätzung der Wichtigkeit nahezu aller Dinge systematisch vergreifen. Die Maßstäbe sind immer etwas zu groß oder etwas zu klein. Die Reisenden zerbrachen sich den Kopf über mögliche Einflussnahmen Washingtons und Bonns oder wollten nicht als offizielle Delegation der Bundesrepublik erscheinen. So mancher ging davon aus, seine Anwesenheit in den USA sei gar nicht anders denn als welthistorisch bedeutsames Geschichtszeichen unter den Bedingungen des Kalten Kriegs zu interpretieren (Looking At You, Günter Grass!). Peter Weiss wollte keine Presse dabei haben und innerhalb der Universität nur mit „denjenigen Kräften“ in Beziehung treten, die sich gegen die US-amerikanische Vietnampolitik richteten. Der junge Peter Handke sorgte sich um die Preise der Flugtickets. Heinrich Böll blieb zu Hause, weil er nicht zum „Exportartikel“ werden wollte.

Und dann erst die Provinz. Princeton hatte zwar durchaus etwas von einer gemütlichen kleinen Welt, stand aber für „Amerika“, für das Große und Raumgreifende – und kollidierte so mit dem programmatischen und faktischen Selbstverständnis der deutschen Literaten, das freilich Mitte der 1960er Jahre langsam bröckelte.

„Das Verharren in der Provinz war gewissermaßen ein deutscher Selbstschutz. Solange man unter sich und auf irgendeinem abgelegenen Gasthof blieb, konnte nichts passieren, und die Großmannssucht erhielt qua Abgeschiedenheit keine Chance.[…] So eine Reise nach Princeton könnte doch auch dazu dienen, die Gruppe aus ihrer selbstgewählten Provinzialität herauszuholen. […] Deshalb waren sie ja hierher gereist, im seltsamen Versuch, die Provinz in die große weite Welt zu verlagern […]. Dass man die Welt dann aber auch einlassen müsste, fiel Richter nicht ein. Dass die deutsche Provinz womöglich eine aussterbende Region war, setzte der Literatur zu.“ (S. 23-25)

In „Amerika“ fremdelten die 47er. Sie ignorierten, was zu ignorieren war. Was sollte man auch an intellektuellen, künstlerischen und popkulturellen Impulsen der mittleren Sixties aufnehmen, wenn man eh schon wusste, dass „Amerika“ Krieg in Vietnam führte und „Amerikaner“ immer nur nach Unterhaltung gierten? Welchen Einflüssen sollte man sich da öffnen? Was war zu holen für das eigene Bemühen um eine andersdeutsche Literatur, die zwar anders, aber eben unbedingt deutsch sein wollte? Bereits ‚zu Hause‘ hatte es ja Tradition, das Schreiben ‚rein‘ zu halten – schon vom „Emigrantendeutsch“, über das Hans Werner Richter noch in den frühen 1950er Jahren ohne Irritation schimpfen konnte. Weltläufigkeit, so schreibt Mark Terkessidis im freitag (11/2016), war eben jenen Teilen der „deutschen Intelligenzija“ verdächtig, „die monolingual und provinziell meinten, der eigene Ort sei der Mittelpunkt des Kosmos“.

Jörg Magenaus Buch ist auch eine konzise Geschichte der Gruppe 47. Ausgehend von der Princeton-Episode beschreibt er zentrale Themen, Konfliktlinien und Dynamiken. Wer, wie ich, nicht sonderlich vertraut ist mit den Details dieser bundesrepublikanischen Institution, liest das mit viel Gewinn und einigem Schmunzeln (Magenaus bevorzugtes Stilmittel ist der süffisant-sympathisierende Kommentar – gern auch in den Bildunterschriften). Allerdings erliegt Magenau selbst ein wenig der Faszination von Provinz und Provinzialität. Auch ihn interessiert nur auf wenigen Seiten, was es mit Princeton auf sich hatte – und es interessiert ihn nur aus der Perspektive der 47er. Das Buch spiegelt die Selbstbezüglichkeit der Gruppe 47, in der die Reisenden stets wichtiger sind als die ‚Bereisten‘. Detailliertere Schilderungen aus der Sicht derjenigen, die die Ankunft dieser schriftstellerischen Missionare des Deutschen organisiert und beobachtet hatten, wären sicher nicht von Nachteil gewesen. Die Andeutungen, die sich im Buch finden, legen zumindest nahe, was mit einer etwas amerikabezogeneren Recherche und Erzählperspektive möglich sein könnte. Vor allem aber ist es etwas enttäuschend (weil erwartbar und Ausdruck unnötiger Selbstprovinzialisierung), wenn ein spannendes und thematisch überraschendes Buch dramaturgisch alles auf die Wutrede Peter Handkes über „läppische, beschreibungsimpotente Prosa“ zulaufen lässt. Die Pointe ist in diesem Fall weit langweiliger als der Weg zu ihr.

Jörg Magenau: Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47. Klett Cotta 2016; 223 Seiten.

Die „Stimme des Volkes“ in Zeiten der ‚Lügenpresse‘. Arlette Farge, das 18. Jahrhundert und wir

Geschichtsbücher, also Bücher über Geschichte, erklären die Gegenwart. Sie erzeugen Verfremdung und Distanzierung und gleichzeitig oft irritierende Wiedererkennungseffekte. Als ich kürzlich ein bestimmtes Geschichtsbuch aus dem Regal nahm (als Historiker tue ich das natürlich hin und wieder), drängte sich eine Aktualität auf, die ich nicht erwartet hatte.

Jedenfalls habe ich Lauffeuer in Paris. Die Stimme des Volkes im 18. Jahrhundert von Arlette Farge nicht gelesen, weil ich etwas über die Lage heutiger Öffentlichkeit und politischer Debattenkultur erfahren wollte. Ich wollte lediglich wieder ein Buch von Arlette Farge lesen, weil sie eine der inspirierendsten und spannendsten Historiker_innen überhaupt ist. Das Buch ist im französischen Original 1992, in deutscher Übersetzung von Grete Osterwald 1993 erschienen und bereits seit einiger Zeit vergriffen.

Es war also nicht zu erwarten, etwas über eine Zeit zu erfahren, in der sich die selbsternannte „Stimme des Volkes“ in ‚Lügenpresse‘-Sprechchören ergeht, in der in sozialen Medien hanebüchene Gerüchte, krude Behauptungen, offensive Faktenresistenz und dummstolze Ignoranz gegen jede Form von ‚Aufklärung‘ dominieren (eine beeindruckende Analyse lieferte jüngst Georg Seeßlen). Dennoch bietet Farge die Möglichkeit, genau darüber nachzudenken: über Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit; über das Verhältnis ‚des Volkes‘ zu den Mächtigen; über den subversiven Charakter einer bestimmten Rede; über Zensur und Überwachung.

Arlette Farge rekonstruiert ein Segment der Öffentlichkeit, das nicht identisch ist mit dem bürgerlichen „Raum der gebildeten Kritik“, also der Welt der aufgeklärten Meinung. Sie trägt eine Fülle zirkulierender Gerüchte, Denunziationen und ‚Nachrichten‘ zusammen, bei denen es nie darum ging, ob sie ‚wahr‘ oder ‚falsch‘, sondern nur darum, ob sie mehr oder weniger wahrscheinlich sind. Die Pointe besteht darin, dass dieser aus unzähligen Absurditäten sich zusammensetzende Redeschwall zu einer politischen Kraft wurde.

Am Beispiel Frankreichs im 18. Jahrhundert rekonstruiert Arlette Farge „politische Formen der Zustimmung oder der Mißbilligung, mit denen das Volk auf die Ereignisse und auf das Schauspiel der Monarchie reagiert“. Sie beschreibt die „Stimme des Volkes“ als etwas, das als gesellschaftliche Praxis allgegenwärtig ist, politisch aber keinen Ort hat – und sich schrittweise einen Ort erobert. Der Skandal bestand – aus Sicht der Obrigkeit, der Zensoren, des polizeilichen Überwachungsapparats – darin, dass ‚das Volk‘ sich überhaupt eine Meinung zu irgendetwas bildete und diese ausdrückte.

„Die Spitzel sind erstaunt. In ihren Berichten äußern sie Verwunderung und Beunruhigung über ein ‚Denken‘, das jederman zugänglich ist, und über bislang ungewohnte Ausdrucksformen. Verwundet sind sie auf doppelte Weise: es erscheint ihnen außerordentlich, zu hören, wie Leute ‚aus dem gemeinen Volk‘ fortwährend und kühn Partei ergreifen; fassungslos sind sie aber auch über die Hartnäckigkeit der bekundeten Überzeugungen und über die Wohlbegründetheit der Argumente. […] Sie sind die ersten, die gemerkt haben, daß die nach alter Gewohnheit politisch disqualifizierte Volksmeinung zu einem Diskurs mit klarem politischen Inhalt wird.“ (S. 43)

Arlette Farge beschreibt eine Umbruchsituation, in der politische Kommunikation und Öffentlichkeit nicht mehr in obrigkeitlicher Verkündigung und Zensur aufgehen.

„Eben das ist neu an der Atmosphäre des achtzehnten Jahrhunderts: daß sich die Legitimität, über etwas nachzudenken, gegen das Denkverbot durchsetzt. Die Überschreitung zahlt sich aus. Unter den kulturellen und politischen Bedingungen der damaligen Zeit erzeugt sie einen Wagemut, eine Selbstsicherheit, die zu den wichtigsten politischen Tatbeständen des Jahrhunderts gehören.“ (S. 63)

AfD-Pegidisten dürften sich gern in dieser Tradition sehen: Wagemutige Männer und Frauen des Volkes, die den Mächtigen eine Meinung sagen, die diese nicht hören wollen und mittels ‚Lügenpresse‘ und ‚Staatsfernsehen‘ unterdrücken. Sie dürften für sich beanspruchen, die ‚wirkliche Meinung des Volkes‘ an die Oberfläche zu bringen. Und sie dürften ihre ‚Gegenöffentlichkeit‘ als Raum der wirklich wahren Wahrheit verstehen. Aber ihre Welt ist nicht die Welt, die Arlette Farge im Sinn hat. Denn einerseits sind die meisten AfD-Pegidisten eben gerade keine „Leute, die ‚begierig sind, das Für und Wider zu kennen‘.“ Und andererseits zeigt Farge, dass das ‚Volk‘ und die ‚Volksmeinung‘ heterogen und zerrissen sind. Die „Stimme des Volkes“ ist kein parolenskandierender Sprechchor. Wer meint, ‚das Volk‘ zu sein oder für ‚das Volk‘ zu sprechen – der lügt und verwechselt die eigene (Des-)Informationsblase mit volkssouveräner Demokratie.

Aktualisierungseffekte, die von Geschichtsbüchern ausgehen, gebieten freilich auch immer eine gewisse Skepsis. Das Gleiche ist nie dasselbe. Eine Figur wie Pierre Dayrivier, der am 26.November 1762 wegen regierungskritischer Rede in einem Café festgenommen wurde, lässt sich nicht einfach in megaphonbewaffnete AfD-Pegidisten übersetzen. Allerdings ist auch nicht auszuschließen, dass eine Wiederbelebung vergangener Haltungen genau dort enden könnte. Über Dayrivier hieß es im Polizeibericht:

„Dieser Mann kümmert sich seit langem um zu viele Dinge, außerdem ist er ein begeisterter Hitzkopf, der glaubt, mehr Einsicht und Räsonnement zu besitzen als andere, die nicht aufgeklärt sind, was ihn offenbar dazu getrieben hat, entweder dem Monarchen oder der Regierung seine Achtung zu versagen.“ (S. 294)

Die Sympathie für Pierre Dayrivier kann unter heutigen Vorzeichen nicht mehr bedingungslos sein; der Respekt allerdings schon, denn dieser Hitzkopf des 18. Jahrhunderts wäre nie auf die Idee gekommen, seine Unzufriedenheit mit der Regierung in Hass auf Minderheiten, Unterprivilegierte und Fremde zu gießen.

Farge, Arlette: Lauffeuer in Paris. Die Stimme des Volkes im 18. Jahrhundert, Klett Cotta: Stuttgart 1993 (aus dem Französischen von Grete Osterwald).