Protestsong der Woche IV: Geier Sturzflug – Besuchen Sie Europa!

29/05/2012 § 2 Kommentare

In den nächsten zwei Monaten werde ich an dieser Stelle eine kleine Sammlung von Protestsongs seit den sechziger Jahren anlegen. Vielleicht ergeben sich daraus ja eine Typologie und eine Geschichte des Protestsongs, die irgendwie Sinn machen.

Diese Woche:

Auf dem Höhepunkt der bundesrepublikanischen Friedensbewegung der achtziger Jahre gewann nicht nur Nicole mit Ein bisschen Frieden den Grand Prix Eurovision de la Chanson (1982). Unzählige weitere Künstlerinnen und Künstler reihten sich mit Stellungnahmen, Auftritten und Songs ebenso in die Phalanx der Friedensbewegten ein. Geier Sturzflug, die NDW-Ska-Truppe aus dem Ruhrpott, hat mit Besuchen Sie Europa! vielleicht den schönsten Beitrag geliefert. Zumindest stechen der bitterböse Humor, der augenzwinkernde Zynismus und der Tanzflächenappeal des Songs markant aus der Welt der Protestschlager, Liedermacherei und Stadionrockposen hervor.

Geier Sturzflug spielen mit zentralen Topoi der bundesrepublikanischen Friedensbewegung. So ist im Rückblick kaum zu übersehen, dass Anti-Amerikanismus eine derjenigen Klammern war, die die heterogenen Friedensintiativen und Friedensgruppen überhaupt zusammenhielt. In der Friedensbewegung wurden die USA als Bedrohung der (bundes-)deutschen und darüber hinaus: europäischen Gemeinschaft imaginiert. (Nachzulesen ist das in dem wunderschönen Lesebuch: Frieden und Friedensbewegungen in Deutschland 1892-1992).

Es ist doch schon etwas überraschend, wenn in einem Song, der sich mitten im Kalten Krieg mit der Möglichkeit einer atomaren Apokalypse in Europa befasst, nur eine der am Konflikt beteiligten Seiten vorkommt. Bei Geier Sturzflug heißt es kurz und knackig:

Wenn aus der Haute Cuisine ein Hexenkessel wird,

Wo sich der Koch aus Übersee seine alte Welt flambiert,

Da wird gelacht und applaudiert, denn selbst der Kellner kriegt ’n Tritt,

Was bleibt uns außer der Kultur? Wir wünschen guten Appetit!

Der Song steht damit im Zeichen einer Friedensbewegung, die sich um NATO-Doppelbeschluss und amerikanische Pershing II-Raketen herum konsolidiert hatte und in deren Welt es nur die USA, nicht aber Sowjetunion und Warschauer Pakt gab. Die Bedrohung geht hier offenkundig nur von einer Seite aus.

Und dann dieses Europa, von dem Geier Sturzflug da singen. Es gibt keinen Song, der mehr über die mental map der bundesrepublikanischen Friedensbewegung dieser Zeit aussagt. Natürlich, Europa! Die ’nationale‘ Verengung der Perspektive wollte man in einer postfaschistischen und Nachkriegsgesellschaft um jeden Preis vermeiden. Deshalb sprach man immer und gern von Europa (oder gleich der Welt/Erde, wie Nicole das getan hatte). Auf diese Weise konnte die Friedensbewegung das nicht mehr zeitgemäße Erbe ihrer Vorgänger in der Weimarer Republik (den nicht nur heimlichen Nationalismus des Pazifismus früherer Tage) abschütteln und dadurch recht eigentlich erst massenwirksam werden. Bezeichnend hieß es im berühmten Krefelder Appell vom 16.11.1980, der eine Art Minimalkonsens der Friedensbewegung darstellte, die Bundesregierung solle „im Bündnis [d.i. NATO] künftig eine Haltung einnehmen, die unser Land nicht länger dem Verdacht aussetzt, Wegbereiter eines neuen, vor allem die Europäer gefährdenden nuklearen Wettrüstens sein zu wollen.

Um Europa geht es auch bei Geier Sturzflug.

Wenn im Canale Grande U-Boote vor Anker gehn,

und auf dem Petersplatz in Rom Raketenabschußrampen stehn,

überm Basar von Ankara ein Bombenteppich schwebt,

und aus den Hügeln des Olymp sich eine Pershing II erhebt.

Dann ist alles längst zu spät,

dann ist, wenn schon nichts mehr geht,

besuchen Sie Europa,

solange es noch steht.

Vor dem alten Kölner Dom steigt ein Atompilz in die Luft,

und er Himmel ist erfüllt von Neutronenwaffelduft,

wenn in Paris der Eiffelturm zum letzten Gruß sich westwärts neigt,

und in der Nähe von Big Ben sich zartes Alpenglühen zeigt.

Nur, was ist dass für ein Europa? Eigentlich sind es zwei: Da ist erstens das kulturell wertvolle Europa als bloße Anhäufung touristischer Sehenswürdigkeiten, die man besser noch schnell besucht, bevor das alles nicht mehr ist. Zweitens aber ist es ein Europa ohne Osten. Genau genommen ist es nicht Westeuropa, sondern NATO-Europa. Europa ist – über den Daumen – da und dort, wo der NATO-Doppelbeschluss es den USA erlaubt, ihre Raketen zu stationieren. So, wie die Bedrohung einseitig konzipiert wurde, sieht es nun auch mit dem Bedrohtsein aus. Vom Ostblock geht in dieser Weltsicht vielleicht keine besondere Gefahr aus, im Gegensatz zu London, Paris, Rom, Köln usw. werden Warschau, Prag, Budapest usw. im Falle eines Atomkriegs in diesem ‚Europa‘ aber auch nicht vernichtet.

Protestsong der Woche III: Country Joe & the Fish – I-Feel-Like-I’m-Fixin’-to-Die Rag

22/05/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

In den nächsten zwei Monaten werde ich an dieser Stelle eine kleine Sammlung von Protestsongs seit den sechziger Jahren anlegen. Vielleicht ergeben sich daraus ja eine Typologie und eine Geschichte des Protestsongs, die irgendwie Sinn machen.

Diese Woche:

Country Joe & the Fish’s I-Feel-Like-I’m-Fixin’-to-Die Rag steht wie kein anderer Song für die Synthese von Woodstock Nation und Antivietnamkriegsbewegung. Die Spontanperformance zu Beginn des Woodstock Festivals (um eine Lücke im Lineup zu überbrücken) erlangte schnell ikonischen Status. Es verwundert daher nicht, dass eine der markanten Textzeilen des Songs namensgebend für eine jüngst erschienene, unfassbar gut recherchierte Compilation aus dem Hause Bear Family Records wurde: Next Stop Is Vietnam.

Die Prominenz von I-Feel-Like-I’m-Fixin’-to-Die erzeugt im Nachhinein allerdings den etwas irreführenden Eindruck, als sei die gesamte Rockmusik der Zeit permanent und untrennbar in die Antikriegsbewegung eingebunden gewesen. Das war sie nicht. Entsprechende Stellungnahmen – und erst recht: Songs – gab es zunächst eher punktuell. Es waren wenige, immer wieder dieselben Künstler_innen, die sich auf und neben ihren Bühnen gegen den Krieg aussprachen (Joan Baez, natürlich und in erster Linie). Erst zögerlich nahm das Fahrt auf, und die Woodstock Nation wurde zum Sinnbild für Anti-Vietnamkriegsproteste.

In sarkastischem Tonfall erzählt Country Joe den Krieg passagenweise aus der Perspektive eines beteiligten Soldaten, dann wieder aus der Perspektive eines Kriegsbefürworters, dann wieder in den Worten eines zynisch coolen Kriegserklärers. Country Joes böser Humor kennt kein schlechtes Gewissen, kein kritisches Hinterfragen von irgendwelchen Floskeln. Der Song parodiert eine Es-ist-halt-so-wie-es-ist-machen-wir-das-beste-daraus-Haltung. Whoopee! Wenn man so tut, als machten die hohlen Phrasen, die man allerorten in Bezug auf den Krieg vernehmen konnte, Sinn, dann kann der Krieg sogar Spaß machen:

Come on all of you big strong men
Uncle Sam needs your help again
he’s got himself in a terrible jam
way down yonder in Viet Nam so
put down your books and pick up a gun we’re
gonna have a whole lotta fun

(CHORUS)
And it’s one, two, three, what are we fighting for
don’t ask me I don’t give a damn, next stop is Viet Nam
And it’s five, six, seven, open up the pearly gates
ain’t no time to wonder why, whoopee we’re all gonna die

Ein wiederkehrendes Motiv des Songs ist das Ad-Absurdum-Führen jedweder Diskussion, die sich um Sinn und Zweck des Kriegs dreht. Country Joe trifft damit einen sensiblen Punkt: In Regierungskreisen hatte sich nämlich um 1967 die Ansicht festgesetzt, dass die eskalierenden Proteste etwas damit zu tun hätten, dass die Menschen nicht so recht wussten, wofür man eigentlich kämpfe. Entsprechend bemühte sich die Johnson-Administration darum, dem etwas entgegen zu setzen. Ziel und Zweck des Kriegs ließen sich so einfach dann aber doch niemandem erklären, weshalb eine andere PR-Strategie in den Vordergrund rückte: „By making Vietnam ever more a test of will, both the president and his opposition had set the stage for confrontation in 1968. More than will, purpose was at stake, although that fact would be abscured for another half dozen years“ (Charles DeBenedetti).

Der Song greift scheinbar beiläufig einige zentrale Topoi seiner Zeit auf. Das verschafft(e) ihm Resonanz und lässt ihn zu einer spannenden Quelle werden, die preisgibt, welche Themen, Ängste und Überzeugungen in der Antikriegsbeewegung zusammenkamen, aus welchen Quellen sich die Bewegung speiste. Da ist die Angst der Studenten vor der Einberufung – „put down your books and pick up a gun we’re gonna have a whole lotta fun“ -, aber es ist auch der Verweis auf eine sich verselbständigende Generalslogik und einen simpel gestrickten Antikommunismus im Kalten Krieg.

Come on generals, let’s move fast
your big chance has come at last
now you can go out and get those reds
cos the only good commie is the one that’s dead and
you know that peace can only be won when we’ve
blown ‚em all to kingdom come

Dass Joseph „Country Joe“ McDonald selbst aus einer kommunistischen Familie stammte und – dem Vernehmen nach – nach „Uncle Joe“ Stalin benannt wurde, gibt dieser Strophe ihre Brisanz. Der schlichte Antikommunismus, den Country Joe hier parodiert, tobte sich schließlich nicht nur in diesem oder jenem crazy asian war aus, sondern auch zuhause. Gerade in Wahrnehmung und Umgang des Weißen Hauses mit den Gegnern des Vietnamkriegs zeigte sich dieser paranoide Antikommunismus immer wieder. Eine wesentliche Strategie bestand darin, die Antikriegsbewegung in die Nähe von Kommunismus zu rücken, permanent eine kommunistische Unterwanderung zu behaupten – und das, obwohl es selbst der CIA bei bestem Willen nicht gelang, irgendetwas derartiges festzustellen. Gerade Präsident Lyndon B. Johnson fiel es sichtlich schwer anzuerkennen, so Charles DeBenedetti, dass Protest in erster Linie etwas mit dem Krieg selbst zu tun hatte, nicht mit anderen Faktoren, Gründen und Ursachen.

Vielleicht noch eine kleine Bemerkung zum Sound. In der Studioversion ist der Song ein instrumental überladenes, verspieltes Zirkusspektakel, ein klamaukhafter Ragtime, der auch als Soundtrack für einen Slapstickfilm funktionieren würde. Es ist der perfekte Sound, um die Absurdität des Kriegs und aller Sinngebungversuche hörbar zu machen. Die viel berühmtere Live-Version dagegen ist musikalisch drastisch reduziert. Live wird der Song zu einem Lagerfeuermitsingchor: ein wenig Gitarre, ein wenig Mitklatschen usw. Der Song wird ein Gassenhauer, der ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugt – und jeder und jedem der Mitsingenden das Gefühl gibt, nicht allein zu sein. Mitsingen selbst wird zu einem politischen Akt. Es markiert nicht nur Protest gegen den Krieg, sondern den bewussten Eintritt in die Woodstock Nation.

Hier dann noch die Studioversion:

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