Strike a Pose! Gal Gadot, Cara Delevingne, oder: Hilfe, die Models schauspielern?

10/08/2017 § 2 Kommentare

Models, die schauspielern. Die Filmkritik jubelt, denn das heißt: Es lässt sich eines der liebsten Klischees auspacken – und dafür noch selbstbestätigungsgesättigtes Kopfnicken bei Leser_innen hervorrufen. Gal Gadot und Cara Delevingne sind zwar Models und sie seh’n gut aus, Schauspieltalent als Wonder Woman oder Laureline (in Valerian – Die Stadt der tausend Planeten) will man ihnen dann aber doch lieber nicht zugestehen. Die haben ja nur einen Gesichtsausdruck, schreit der Chor. Irgendetwas zwischen naiv-dümmlich und sexy-lasziv. Models halt.

Ich bin zwar gerade nicht in der Stimmung, Links herauszusuchen, habe derartige Bemerkungen aber sicher einige Male gelesen, auch wenn es mitunter freundlicher fomuliert wird; etwa von Vivien Kristin Buchhorn in ihrer Kritik an Valerian im Freitag (29/2017):

„Das Spiel der Protagonisten ist dabei genauso ausdruckslos wie ihre Sprache. Cara Delevingne wirkt, als würde sie die Kamera mit einem Spiegel verwechseln, in dem sie ihren Modefoto-Look trainiert. Dane DeHaans glatte Mimik wird zu einem zweiten Schutzanzug, und selbst die Kraft eines Clive Owen (als Commander Arun Filitt) wird von der Montage in kurze Wutausbruch-Sequenzen verbannt, wo sie unbeachtet verkümmert. Nahaufnahmen werden so nicht zu einem Vergrößerungsglas für Ausdruck und Gefühl, sondern zu Maskenbildern.“ [meine Hervorhebung, TL]

Was auch sonst? Schauspielkunst muss natürlich immer und ausschließlich bedeuten, ‚Tiefgründigkeit‘ und ‚Charakter‘ mit virtuoser Gesichtsakrobatik ‚zum Ausdruck‘ zu bringen. Wer das nicht tut, schauspielert nicht anders, sondern schlecht. Mich überzeugt das nicht. Die Neigung, emo-expressive Mimik nicht als eine bestimmte Schauspielästhetik, sondern als Schauspiel schlechthin zu behandeln ist nichts anderes als Faulheit der Kritik. Faul, weil sie sich nicht die Mühe macht, die Möglichkeit verschiedener Stile auszuloten; faul auch, weil sie die Ästhetik eines Films auf den ‚Gesichtsausdruck‘ der Schauspieler_innen reduziert.

Was wäre, wenn man – nur für einen Moment – unterstellt, dass Gal Gadot, Cara Delevingne, ihre Directors und Directors of Photography wissen, was sie tun und das auch können (was nicht heißt, dass es gefallen muss). Einige der Szenen in Wonder Woman und Valerian, die als Beleg der Mimikinkompetenz von Gadot und Delevingne herhalten müssen, wirken tatsächlich doch wohl eher so, als handele es sich um den Versuch, eine Ästhetik zu entwickeln, die den Film (im Kino auf der großen Leinwand) absichtlich möglichst weit weg von der Theatralik des Theaters und möglichst nah heran an die Oberflächlichkeit der Fotografie führt. Man mag das zeitkritisch als Zugeständnis an die Fotoisierung der Weltwahrnehmung in digitalen Zeiten, oder einen Kommentar zu dieser Ästhetik, interpretieren (in Teju Coles aktueller Essaysammlung Vertraute Dinge, fremde Dinge, HanserBerlin 2016, übersetzt von Uda Strätling, finden sich kluge Bemerkungen zu diesem Thema).

In Wonder Woman und Valerian gibt es zahlreiche Momente, in denen die Kamera absichtsvoll Blicke als Blicke einfängt, in denen das Bewegtbild des Films zur stillgestellten Pose des Fotos wird: Posen, die als Posen konzipiert, durchgeführt und als solche zu erkennen gegeben werden. Das sollte man nicht mit schauspielerischem Unvermögen verwechseln, auch wenn einem die posenhafte Ästhetik des selfie im Kino nicht zusagt.

Gal Gadot und Cara Delevingne – die Models, die gut ausseh’n – schauspielern im Dienst einer fotografischen Filmästhetik in einer Weise, die das komplette Gegenteil dessen ist, was Heidi Klum ihren ‚Mädchen‘ immer als Zusatzqualifikation eines Models aufdrängt. Heidis Models sollen Laienschauspielerinnen sein, die mit Expressivität und Theatralik ein erfundenes Inneres ‚zum Ausdruck‘ bringen. Das will dann wirklich niemand in einem Film sehen. Gadot und Delevingne – oder besser: die Art und Weise, wie die Kamera sie einfängt und inszeniert – bedienen jedenfalls nicht dieses merkwürdige Klischee, Charakter, Persönlichkeit und tiefste Gefühle müssten auf der Leinwand vom Gesicht abzulesen sein. Das reflexhafte Bashing schauspielernder Models mag daran liegen, dass die Art ihres Spiels ein gewisses Unbehagen bei den Zuschauer_innen hervorruft, signalisiert sie doch stets: Ich weiß, dass Du mich auf der Leinwand beobachtest. Jeder Gesichtsausdruck existiert nur, weil Du mich beobachtest. Ich offenbare damit nicht meine Gefühle, sondern posiere für die Kamera.

Was ich eigentlich sagen wollte: Ich halte die Klischees des schauspielernden Models und des reflexhaften hat nur einen Gesichtsausdruck (mit dem ja auch nicht-modelnde Schauspielerinnen wie Kristen Stewart gern überzogen werden) für eine Sackgasse der Filmkritik – und Valerian ist ein durchaus unterhaltsamer Film, der Schwächen hat, aber auch Stärken.

In Flanders Fields. Wonder Woman vs. General Ludendorff

04/07/2017 § Ein Kommentar

Während ihr erster Auftritt im Comic (1941) die Heldin in den Zweiten Weltkrieg führte, betritt Wonder Woman in ihrem ersten großen Kinofilm die Welt der gewöhnlichen Menschen während des Ersten Weltkriegs. Was soll diese Verlagerung des Schauplatzes nun bedeuten – from a historian’s point of view?

Erstens unterstreicht der neue Schauplatz, dass es sich bei der Amazonenprinzessin um einen eigenständigen Charakter handelt. Hellboy, Captain America und Co. haben den Zweiten Weltkrieg und alle damit verbundenen Storylines in den letzten Jahren derart intensiv beackert, dass hier inzwischen wohl wenig Spielraum für eine originelle Geschichte bestehen dürfte, die Wonder Woman nicht als bloßen Neuaufguss ihrer Kollegen erscheinen ließe. Superheldinnen haben ein Recht auf ihren eigenen Krieg.

Zweitens bietet der Erste Weltkrieg Bilder, die der Zweite Weltkrieg nicht bieten könnte, jedenfalls wären das dann nicht die Bilder, die im kollektiven Gedächtnis für diesen Krieg stehen. Vor dem Hintergrund eines Stellungskriegs lässt sich Wonder Woman bildlich einfach viel besser als dynamische und dynamisierende Kraft inszenieren. Etwa in jener Schlüsselszene, in der sie auf den Schlachfeldern Flanderns den zur Tarnung über ihrem Amazonenkostüm getragenen Wollmantel abwirft und das tut, was den Soldaten um sie herum als schlichte Unmöglichkeit erscheint: auf die Leiter steigen, den Schützengraben verlassen und das Niemandsland überwinden. Paradigmatischere Bilder als in dieser Szene dürften sich kaum finden lassen, um auch dem letzten Zweifler zu zeigen, dass Wonder Woman die Welt in Bewegung versetzt – dass sie tut, was andere noch nicht einmal mehr für denkbar halten.

Drittens ändert sich mit der Verschiebung vom Zweiten in den Ersten Weltkrieg die grundsätzliche Jobbeschreibung US-amerikanischer Comic-Held_innen nicht wirklich. Das Böse aus den Deutschen herausprügeln kann man in beiden Weltkriegen, denn böse waren sie ja nicht erst, als sie damit anfingen, Naziuniformen zu tragen – siehe General Ludendorff, der zusammen mit der bösen Chemikerin Dr. Maru perfide Giftgasexperimente durchführt und aus guten Gründen eines Pakts mit dem dämonischen Bösen verdächtigt wird.

Viertens sind trotz des bösen Ludendorffs die Rollen im Ersten Weltkrieg weniger eindeutig  verteilt. Zumindest gibt es etwas Spielraum für eine Erzählperspektive, die mit den Gemeinsamkeiten aller Kriegsparteien spielt: Auf beiden Seiten gibt es Menschen, die für kriegstreiberische Einflüsterungen empfänglich sind; die wollen, dass der Krieg immer und immer weiter geht – und sei es nur, weil der Krieg ab einem bestimmten Zeitpunkt vertraut ist, während Frieden zum unentdeckten Land wird, das zu betreten man fürchtet. Mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg käme eine solche Perspektive nicht unmittelbar in den Sinn.

Fünftens könnte man in der verfilmten Geschichte von Wonder Woman eine mögliche Deutung des Ersten Weltkriegs sehen, die aktuellen geschichtswissenschaftlichen Deutungsmustern gar nicht so unähnlich ist. Wo in Christopher Clarks Bestseller den Akteuren auf allen Kriegsseiten ein schlafwandelndes Taumeln in und durch den Krieg bescheinigt wurde (im Grunde also niemand so richtig schuld ist und es eigentlich keiner so gemeint hat), ist es im Film der zurückgekehrte Kriegsgott Ares, der allen Beteiligten Ideen einflüstert, freilich aber auch darauf besteht, dass er niemanden zwinge, Krieg zu führen. In beiden Fällen treten politische und ökonomische Interessen, die die verschiedenen Länder in ganz unterschiedlicher Weise in den Krieg führten, in den Hintergrund. Aus Kriegsparteien werden Schlafwandler, denen vielleicht der Kriegsgott ihre Träume einflüstert – bis Wonder Woman sie wachrüttelt.

Jenseits geschichtswissenschaftlicher Thesen ist Wonder Woman übrigens ein guter Film.

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