hören/sehen/lesen 2013 – meine top 9

09/12/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Wie schon 2011 und 2012, meine Jahresabschlussbestenliste:

Es handelt sich um die Top 9 derjenigen kulturindustriellen Produkte, die ich gekauft und auch (schon) gehört/gesehen/gelesen habe. Es ist weder eine Wunschliste, noch eine Aussage über die besten Dinge ‚überhaupt‘. Irgendwie fehlen wieder Filme auf der Liste (was aber an meiner retromanen DVD-Kaufpolitik liegen dürfte …) Außerdem begrüße ich zwei neue Genres auf der Liste: eine ‚akademische‘ Studie sowie einen Zeitschriftenaufsatz!

9) Girls (Season 1)

Die erste Staffel der Fernsehserie Girls ist eigentlich sooo 2012, in deutscher DVD-Veröffentlichung aber eben 2013 – und daher auf dieser Jahresliste. Über Lena Dunhams Serie ist viel geschrieben worden; in der Regel pendelte das zwischen Lob und Begeisterung. Einerseits bietet die Serie grandiose Komik, die einem das Lachen immer wieder einmal auch im Halse stecken bleiben lässt. Andererseits finden sich nicht unspannende Interpretationslinien eines ganz bestimmten (generationellen) Milieus. Allerdings, ein sehr begrenztes Milieu: die eliteuniversitär gebildeten girls (and boys) der gehobensten Mittelschicht und unteren Oberschicht, deren Prekarität darin besteht, ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr den kompletten (und auch keinesfalls unterschichtigen) Lebensunterhalt von ihren Eltern überwiesen zu bekommen. Soziales Elend bedeutet hier, dass man es sich nicht mehr leisten kann, unbezahlt bei einem hippen Verlag herumzuwerkeln oder, dass man sich das Zimmer im hippen Teil Brooklyns nun halt von der Mitbewohnerin finanzieren lassen muss. Weder Umzug noch ordinäre Lohnarbeit werden dabei als Lösung auch nur in Betracht gezogen …

8) Adult -The Way Things Fall

Wenn – Achtung, Floskel! – Legenden zurückkehren, dann werd sogar ich zum Elektropunk, imaginiere Tanzflächen herbei und frage mich: Will we, will we live like this forever? Dieses Album ist vielleicht das beste Tanzalbum seit Soft Cell: Non Stop Erotic Cabaret – – –

7) David E. Nye – America’s Assembly Line

Hier nun der akademische Titel. Ich bin nun einmal Historiker mit Interesse an Industriegeschichte – und da freut es mich halt, das tolle Buch eines amerikanischen Kollegen zu lesen, in dem das Fließband als Signatur des amerikanischen 20. Jahrhunderts diskutiert wird; das Fließband als technisches, soziales und kulturelles Konstrukt, das in Fabrikhallen ebenso zu Hause ist wie im Kino oder zahlreichen Romanen. Hut ab, David Nye. Klasse Buch.

6) Enrique Vila-Matas – Dublinesk

Ein alternder spanischer Verleger und der Bloomsday der Dubliner und weltweiten James Joyce-Gemeinde sind die Helden von Enrique Vila-Matas‘ Roman „Dublinesk“, der 2013 in der Anderen Bibliothek erschienen ist, in deutscher Erstübersetzung von Petra Strien. Literatur ist eben doch das Leben. Vila-Matas kannte ich bisher nicht, bin nun aber von seiner feinen Sprache und dem subtilen Humor beeindruckt. Danke, C.W., für das Geschenk!

5) Bruce Robbins – Balibarism!

Bruce Robbins‘ als ‚Rezension‘ einiger neuer Schriften Etienne Balibars getarnter, monumentaler Essay, erschienen in n+1 (issue 16), ist und war mir zum Lektürezeitpunkt – wie man so schön sagt – ‚aus der Seele geschrieben‘. Robbins liefert eine grandiose Polemik gegen den radikal-schicken, quasi-religiös eifernden Mystizismus der hippen Neo-Kommunismustheoretiker um Alain Badiou, Jacques Ranciere oder Slavoj Zizek – und feiert, mit beeindruckender argumentativer Schärfe, den radikalen Reformismus von Etienne Balibar. Wer sich für politische Theorie interessiert, muss diesen Aufsatz lesen. Wirklich.

4) Colin MacInnes – Absolute Beginners

1959 erschien in London DER literarische Gründungstext der neuen teenage pop generation: Colin MacInnes‘ „Absolute Beginners“, irgendwann verfilmt und, natürlich wichtiger, vertont von Peter Weller’s Band The Jam, später auch von David Bowie. Der Roman führt die Selbsterfindung des „Teenagers“ zwischen Konsum, Musik und Politik vor, ein so wütendes wie berührendes und lustiges Bemühen um Eigenständigkeit. Im ziemlich neuen und ziemlich guten Metrolit Verlag ist 2013 endlich, endlich eine Neuübersetzung erschienen. Die Übersetzer_innen Maria und Christian Seidl fangen den unruhigen, jugendlich arroganten Stil ein, den sprachlichen Jazz, der das Buch ebenso ausmacht wie die ‚Story‘. „Willkommen in London! Grüße aus England! Darf ich Euch mit Eurem ersten Teenager bekannt machen!“

3) Savages – Silence Yourself

Dass das Debütalbum von Savages nicht in meiner Reihe „es könnte goth sein“ auftaucht, liegt daran, dass „Silence Yourself“ schlicht goth ist und nicht nur sein könnte. Musikalisch hat Jenni Zylka das Album im Rolling Stone schick auf den Punkt gebracht: „What the heck! Es ist kein Verbrechen, wie Siouxsie And The Banshees zu klingen.“ Hinzuzufügen bleibt: Es ist auch kein Verbrechen, dabei wie Ian Curtis auszusehen.

2) Georg Klein – Die Zukunft des Mars

Mit Georg Kleins aktuellem Roman habe ich mich an anderer Stelle schon etwas detaillierter beschäftigt, daher soll hier der Hinweis genügen: ein wirklicher Lektüregenuss – nicht nur für Science Fiction Liebhaber_innen! Sprache und Komposition und Geschichte greifen hier so wunderbar ineinander, dass man gar nicht weiß, wovon man sich zuerst begeistern und beeindrucken lassen soll. Die Gestaltung des Buchs – der Rowohlt-Verlag hat eine wahre Schönheit hervorgezaubert – schreit danach, es flächendeckend zu verschenken.

1) Colleen Green – Sock It To Me

Sonnenbrille und eine Gitarre, die auch ein Gewehr sein könnte, ein Gesang, der zumindest mir keine Fluchtmöglichkeit lässt und mich Song für Song an sich kettet. Colleen Green’s Album „Sock It To Me“ ist definitiv der musikalische Höhepunkt des Jahres (Sorry, Kanye West). Das hätte viel mehr diskutiert und gefeiert werden sollen und müssen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass ich das vielleicht gar nicht mitbekommen hätte …

Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Mars? Der neue Roman von Georg Klein

01/11/2013 § 3 Kommentare

Lektüre und Rezension eines Buchs sind voraussetzungsvoll, schließlich muss man zuallererst auf ein Buch aufmerksam werden und es kaufen oder ausleihen, um es dann lesen und besprechen zu können. Dass ich mich hier dem neuen Roman von Georg Klein („Die Zukunft des Mars“) widme, wurde durch zwei Dinge möglich gemacht.

Erstens meine Buchhandlung. In der Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. führte kürzlich mein etwas verschämtes Geständnis, heimlich Science Fiction zu mögen, zu einer spontanen Lobrede auf Georg Kleins neuen Roman, der mit „Zukunft“ und „Mars“ zwei eindeutige Schlüsselworte in Sachen SciFi bereits im Titel trägt.

Zweitens die Buchgestaltung. „Die Zukunft des Mars“ ist ein schönes Buch – beautiful. Rowohlt-Verlag und Gestalterin Lisa Neuhalfen haben einen Sinn für die Verführungskraft des Materiellen. Ein strahlend orangener Leinenbuchrücken, ein blutrotes Lesebändchen, die düster-tröstliche Coverzeichnung von Anke Feuchtenberger, das Orange der Schnittkanten.

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Die gestalterische Schönheit begleitet die Leserin und den Leser auch im Innern des Buchs. Das Layout des Covers wiederholt sich in den Zwischentiteln, das strahlende Orange – vielleicht die eigentliche signature color des ‚roten Planeten‘ Mars? – kehrt wieder und wieder. Die Typographie: einnehmend-elegant.

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Wenn sich Buchhandel und Buchgestaltung begeistert-begeisternd verbünden, kann ich nicht widerstehen. Zum Glück. Das Genre des Science Fiction-Romans wird von Georg Klein als Aufforderung interpretiert, nicht nur eine irgendwie eigentümliche Geschichte zu komponieren (das tut er auch; und es gelingt ihm), sondern zugleich eine Sprache zu entwicklen, die etwas Zukünftig-Fremdes hat. Die Sprache leistet und verstärkt hier jenen Effekt, der für gute Science Fiction absolut notwendig ist: die Ent-Fremdung der Leserinnen und Leser von Geschichten, Schauplätzen und Figuren. Schlechte Science Fiction behauptet Fremdheit meistens nur, liest sich dann aber wie eine Geschichte über eine halbglückliche Familie in einer halbbekannten Provinzstadt, die sich um den Abwasch und den HJ-Opa streiten oder sich mit dem Leben in der DDR arrangieren.

Der erste Teil des Romans entführt in die merkwürdige Welt der Marskolonisten, ihre sozialen Beziehungen, die Organisation ihres Wirtschafts-, Arbeits- und Familienlebens, Nahrungs- und Versorgungsgewohnheiten wie auch -probleme. Die Welt der Kolonisten auf dem Mars bestätigt, wovon die Einstürzenden Neubauten schon vor einiger Zeit sangen: „Life on other planets is difficult!“ Der zweite Teil nimmt die Leser_innen auf die Erde mit, auf der allerdings auch nichts (mehr) sein wird, wie es heute ist. Beide Teile funktionieren mehr oder weniger parallel. Man fragt sich die ganze Zeit, was beide Roman-Teil-Welten miteinander zu tun haben – und erfährt es nicht. So gehört sich das für SciFi: nix verraten, nix erklären, dafür aber die spekulative Vernunft befeuern. Die Teile drei und vier knüpfen dann allerdings doch zarte Fäden zwischen Erde und Mars; einmal aus Marsperspektive, das andere Mal aus Erdenperspektive. Es bleibt aber alles ausreichend kryptisch.

Georg Klein beherrscht und kultiviert die Kunst der Aussageverweigerung in den entscheidenden Passagen. Im Rahmen der Lesung in der Lessing und Kompanie-Buchhandlung vor einigen Tagen nannte er dieses Verfahren: „den inneren Thomas Mann überwinden“. Sprachlich und kompositorisch ist es mitunter schlicht überragend, wie Klein Erklärungen skizziert, die letztlich nur erklären, dass nichts erklärt werden kann oder – er einfach nichts sagt. Erde und Mars, so viel vielleicht, befinden sich beide in post-apokalyptischem Zustand. In beiden Fällen ist die Apokalypse in den Kopfen der Figuren noch präsent, aber irgendwie nur noch als verwaschene Erinnerung. Die nur diffus, metaphorisch und poetisch benannten Katastrophen liegen jeweils schon lange zurück; zu lange, um noch genau zu wissen und darüber zu berichten, was eigentlich passiert ist.

Vor allem der erste Teil des Roman ist brillant. Klein gelingt hier ein gradioser Kniff in Sachen Erzählperspektive („die Richtung des ‚libidinösen Pfeils‘ umkehren“, GK). Er lässt einen Marskolonisten ein (Selbst-)Rechtfertigungsschreiben an seine, ihm unbekannten erdbürgerlichen Zeitgenossen verfassen. Der Marskolonist erklärt sich und seine Welt, er teilt den Erdlingen mit, was er über sie und ihre Welt zu wissen glaubt; und er vergleicht beide Welten miteinander. Er wirbt für Verständnis und begründet Differenzen. Diese Erzählperspektive ist schon spannend genug, wird aber noch einmal weitergetrieben. In der Marskolonie hat man nämlich irgendwann die Erdenmuttersprache teilweise verlernt, teilweise erheblich verändert. Vor allem ging die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens verloren – durchaus aus pragmatischen, nachvollziehbaren Gründen. Die wenigen Erdenbücher, die mit der ersten Kolonisierung auf den Mars kamen, werden als Reliquien betrachtet, aber nicht gelesen. Der Chronist des ersten Teils ist ein „Heimlichleser“ und „Heimlichdenker“. Im Verborgenen hat er gelernt, die Bücher von der Erde zu lesen. Er hat sich aus diesen insgesamt nur 56 Bänden sein Bild der Erde und ihrer Bewohner zusammengereimt, und beginnt nun zu schreiben.

„Kein Kolonist hat Kenntnis von meiner Lektüre. Niemand bei uns ahnt, dass ich die Mutter unserer kargen Sprache, jenen prächtigen Singsang, in dem die Heiligen Bücher verfasst sind, nicht bloß ablesen und verstehen, sondern auch in eigene Sätze gießen und Wort für Wort, Buchstabe an Buchstabe, Strich an Bogen niederschreiben kann. Der Umfang unserer Büchersammlung muss Euch kümmerlich, ja lachhaft erscheinen. Haltet mir zugute, dass es sechsundfünfzig sehr große und recht dicke Bücher sind. […] Bei uns ist es Brauch, Blatt um Blatt andächtig langsam zu wenden. Keiner meiner Mitweltler würde wagen, an der heiligen Unlesbarkeit des Niedergeschriebenen zu zweifeln.“ (S. 11f.)

„Ich verstehe nicht, was Geld ist. Erneut habe ich darüber nachgegrübelt, aber ich begreife sein Wesen nicht, obwohl sich in den Heiligen Büchern reichlich Beispiele für seinen Gebrauch finden. […] Allenfalls dämmert mir ein Verdacht. Geld ist offenbar in besonderer Weise beweglich, wie auf vielen emsigen Füßchen unaufhörlich vorwärtsstrebend. Obwohl Ihr Euch diese tippelige Zukunftsflucht auf mannigfaltige Weise zunutze macht, seid Ihr zugleich auf sorgend ängstliche Weise um den Bestand des Geldes, fast um seinen Stillstand bemüht. Auf widersprüchlich sinnige Weise scheint es Schwundgeld und Bleibgeld in einem zu sein.“ (S. 61f.)

Der Marskolonist sieht sich mit Schwierigkeiten konfrontiert, die Historiker_innen, Anthropolog_innen oder Ethnolog_innen immer wieder zu bewältigen haben. Er ist ein Forscher, der sich Quellen in einer ihm nicht unmittelbar zugänglichen Sprache nähern muss. Er muss sich Bedeutungen erschließen. Er imaginiert sich seinen Untersuchungsgegenstand. Entscheidend und für die Erzählperspektive außerordentlich spannend ist hier nun aber, dass unser Marskolonist nicht nur über seinen Forschungsgegenstand spricht, sondern zu ihm; dass er sich seinem Forschungsgegenstand gegenüber erklärt und rechtfertigt. Er erlernt mit Lesen und Schreiben eine ihm fremde, dem Gegenstand seiner Neugier aber vertraute Kulturtechnik – gerade deshalb, weil er die ihm fremde, unbekannte Kultur verstehen will. Er lotet Differenzen aus, (be-)schreibt sich aber selbt in eine(r) untergeordneten, ‚primitiven‘ Position. Wo ansonsten der westliche Ethnologe an den Amazonas reist und dann über die dortigen Stämme schreibt, ist die Perspektive hier umgekehrt: Das „wilde Denken“ schreibt zurück. Der ‚Wilde‘ lernt die Sprache des ‚Zivilisierten‘ und eignet sich punktuell dessen Rolle an.

Wie übrigens die Dame des Hauses der Lessing und Kompanie-Buchhandlung treffend anmerkte: „Die Zukunft des Mars“ sollte verfilmt werden, am Besten unter der Regie von Terry Gilliam, in der Tradition von „Brazil“ und „12 Monkeys“.

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