Fanclub-Treffen. Theorie, Bücher und Chris Kraus‘ „I Love Dick“

23/04/2017 § 2 Kommentare

Dieser Text könnte erneut eine Kaffeereflektion werden. Auch in Chris Kraus‘ I Love Dick (siehe auch Jana Volkmanns sehr schöne Besprechung dieses postmodern-feministischen Kultbuchs, das sich auf dem Weg zum Klassiker befindet, im Freitag) gibt der Kaffee den Beat vor und treibt die Gedanken voran: etwa in einer wundervollen kleinen Szene, in der Chris und Sylvère morgendlich im Ehebett beim ersten Kaffee … zweiten Kaffee …. Kaffee nummer drei sich mit zuschlagendem Koffein immer abstrakteren Diskussionen hingeben und den Plan aushecken, der dann zum Buch wird: gemeinsame Liebesbriefe an Dick, in den Chris sich so sehr verliebt hat.

Heute aber einmal kein Kaffee; stattdessen eine kleine Anmerkung zu Büchern und  Universitäten. I Love Dick ist ein literarisches Theoriebuch, performative Literatur- und Kulturtheorie. Chris Kraus versucht sich an der Frage, was das heißt: Theoretikerin unter Theoretikern (dem Literaturtheoretiker, Herausgeber und Verleger der semiotext(e) Sylvère Lotringer, Ehemann von Chris Kraus, und dem Kulturtheoretiker Dick Hebdige, den Chris titelgebend liebt) zu werden.

Die Frage entscheidet sich im Verhältnis zu Büchern, in der Art des Lesens und Forschens und der Verankerung in der Welt der Universitäten.

„Laura und ich trafen uns am Samstagvormittag in Pasadena auf einen Kaffee, saßen in einem Hinterhof an der Colorado Avenue und taten so, als seien wir in Mexico oder auf Ibiza, führten ein Gespräch fort, das wir Monate zuvor begonnen hatten, in dem es um Mystizismus, Liebe, Obsessionen ging. Unsere Unterhaltungen drehten sich weniger um die Theorien der Liebe & des Begehrens als um deren Manifestationen in unseren Lieblingsbüchern & -gedichten. Forschen als Fanclub-Treffen – nur so geht’s.“ (S. 145)

Interessant sind also nicht die Themen, sondern ihre Manifestation im und als Buch. (Ich wünschte es gäbe, gerade in der Welt der Sachbücher und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, mehr Rezensent_innen, die als Fan über ein Buch und nicht als Bescheidwisser_innen über das im Buch verhandelte Thema schrieben.)

Chris Kraus unterläuft den common sense, wonach die Universität das natürliche Habitat der Theorie-Buch-Verliebten ist (weiß nicht jede_r, dass ‚die an der Uni nur Theorie lernen‘?). Kraus‘ Fangirls und Fanboys sitzen dagegen nicht lernend oder lehrend in Seminaren bzw., wenn sie es tun, mag sie das nicht so richtig glauben. In I love Dick muss sich die Akademie rechtfertigen gegenüber der scheinbar so kontraintuitiven Annahme, Theorie-Buch-Liebe und Universität schlössen einander aus.

„Als ich dich fragte, ob du studiert hattest, reagiertest du, als hätte ich gefragt, ob du noch immer gerne Schweine ficktest. ‚Natürlich habe ich studiert.‘ Immerhin hänge davon dein aktueller Job ab. Doch an den vielen Fußnoten in allem, was du geschrieben hattest, konnte ich sehen, dass das nicht stimmte. Du magst Bücher viel zu sehr, und du hältst Bücher für deine Freunde. Das eine Buch führt dich zum nächsten wie serielle Monogamie. Lieber Dick, ich habe nie studiert, doch jedes Mal, wenn ich in eine Bibliothek gehe, kriege ich einen Rausch wie beim Sex oder wie während der ersten Minuten auf Acid, wenn man gerade beginnt abzuheben. Mein Gehirn wird ganz cremig vor lauter assoziativen Gedanken.“ (S. 245)

Eine Universität, von der man sich nicht vorstellen kann, dass sie ein Ort der Freundschaft zwischen Forschenden und Büchern ist, kann nicht mehr sein als eine Fabrik zur Produktion von Bildungszertifikaten. Es kann nur eine Universität sein, die Forschung honoriert, die zwar exzellent sein mag, einem aber nicht das Gehirn ganz cremig werden lässt vor lauter assoziativen Gedanken.

Chris Kraus: I Love Dick. Aus dem Amerikanischen von Kevin Vennemann, 296 Seiten, Matthes & Seitz 2017.

Esst keine Blumen! Mark von Schlegell: Venusia

20/11/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Mark von Schlegells Debütroman Venusia ist literarische Postmoderne im frühen 2000er style. Nun in schöner deutscher Übersetzung von Simon Elson bei Matthes & Seitz erschienen, erstveröffentlicht 2005 bei Semiotext(e) – und damit in einem Programm, in dem sich seit 1974 literarische Experimente, kultureller Underground und poststrukturalistische Theorie (french theory) treffen.

Venusia ist natürlich Science Fiction: Der Roman spielt Ende des 23. Jahrhunderts (für Science Fiction-Freund_innen das ikonische Jahrhundert, in dem die Enterprise unter Cpt. Kirk ihre five year mission unternimmt). Schauplatz ist eine kleine Venuskolonie. Die Erde ist längst zersört, Rückkehr also ausgeschlossen. Selbstredend bringt ein Leben auf der Venus im 23. Jahrhundert technische und soziale Besonderheiten mit sich, die Schlegell phantasie- und humorvoll ausbuchstabiert. Klassische Science Fiction, soweit.

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Was den Roman zu einem Exponenten der literarischen Postmoderne der frühen 2000er macht, ist der Fokus auf Bewusstseinsströme und Bewusstseinsebene. Venusia ist eine Reise durch das Raum-Zeit-Kontinuum; durch ein Multiversum, in dem Denken und Wahrnehmung die Form einer technisch gestalteten und gestaltbaren Neuro-Scape bzw. N-Scape annehmen. Mark von Schlegell blendet gekonnt die psychedelischen Träume der Sixties mit ihrer Suche nach Bewusstseinserweiterung und dem Wunsch, die Pforten der Wahrnehmung aufzustoßen, mit den Cyberspace-Variationen dieses Themas um 2000 ineinander.

Aus den Blumenkindern der sechziger Jahre werden in Venusia die „Blumies“ des 23. Jahrhunderts, die sich ausschließlich von psychoaktiven Blumen ernähren, auch wenn mit der industriellen Massenfertigung der Blumen das „Futter hässlich und zügellos geworden“ war.

„Jeden T-Morgen wurden hochrangigen Angestellten der Crittendon-Regierung bündelweise Blumen zum häuslichen Verzehr geschickt. […] Beim normalen Futter, für das sich die einfachen Leute draußen auf dem Strand balgten und nach ihrem Anteil schrieen, erzeugten die Blumen sofortigen und tiefen Sinn, der die allgemeine Bedeutungslosigkeit des Lebens überwand. Sie aber so mühelos geliefert zu bekommen, ohne jegliche Anstrengung, bedeutete, mit der Leere konfrontiert zu werden, die die Blumen verdeckten.“ (S. 8f.)

Wer die Aufnahme der blumigen Nahrung verweigert, gilt als Süchtiger (Halluzinationen als Entzugserscheinung: Echsen! Überall sprechende Echsen!) und potentieller Widerständler (der einem „Neustart“ unterzogen werden muss).

Die Blumen geben den Takt vor.

„Wie der in ein Stück Treibholz geritzte Kalender des Schiffbrüchigen, war die Fütterung gemeinschaftliches Zeit-tot-schlagen. Das Futter verwirklichte das seltsame Zeitschema. Das Futter strukturierte den Tag. Das Futter wuchs immer weiter und überwucherte dabei alle anderen öffentlichen Rituale. […] Nimm Blumen, Bruder.“ (S. 15)

Die Blumen selbst, so klärt Dr. Sylvia Yang, Neurowissenschaftlerin und eine der Protagonist_innen des Romans, auf, seien nicht narkotisch, leisteten aber drogenähnliche Dienste:

„Sie entspannen uns. Sie geben unserem anormalen Leben eine sinnliche Konstante, durch die wir Gefühlsabläufe organisieren. Ohne die Blumen fallen wir einfach auseinander. Die Blumen verbinden unsere Erfahrungen miteinander, sie weben eine Gemeinschaft. Wenn diese Konstante aus dem individuellen Leben verschwindet, Herr C., wenn Sie meinen, mit uns anderen keine Blumen mehr nehmen zu müssen, dann kollabiert unsere Welt.“ (S. 34f.)

Blumenkonsum und Blumenentzug revolutionieren beide auf je eigene Art die Wahrnehmung und das Bewusstsein. Mit dem Enzug kommen die Visionen. Aber diese Visionen

„waren nicht mit der üblichen Unterscheidung von Halluzinationen und Realität zu erklären. Die durch mentale Projektion erzeugten Echsen, die Präzision ihres Aussehens und ihr selbstverständliches Auftreten nahmen die Raumzeit derart in Beschlag, als wollten sie die Realität zu einem Hologramm machen.“ (S. 66)

Und darin liegt dann auch die Pointe: Es ist der Verzicht auf die Blumen, der die Pforten öffnet, während die Wirkung der Blumen darin besteht, das Hereinbrechen der zahllosen anderen Wirklichkeiten, des kollektiven Gedächtnisses und des Unbewussten zu verhindern. Schritt für Schritt erliest man im Roman den Grund dafür: die eigentlichen Bewohner der Venus! Fühlende Pflanzen, die im menschlichen Bewusstsein über die Zeitalter hinweg den Eindruck erweckten, die Venus sei der unwirtlichste und für eine Besiedlung denkbar ungeeigneteste Planet (während sie den Einblick in die schönen Parallelversionen der Venus blockieren). Im Gegensatz zu den Menschen sind die fühlenden Pflanzen in der Lage, sich zwischen parallelen Wirklichkeiten und ineinander fließenden Raum- und Zeitebenen zu bewegen, ohne verrückt zu werden. Irgendwann setzten sich freilich die neoliberalen gegen die konservativen Pflanzen durch – und erlauben eine menschliche Kolonie (mit dem wunderschönen Argument, Menschen seien talentierte Gärtner, die helfen könnten, die Bedürfnisse und Potentiale der Blumen zu entwickeln). Damit die Menschen, denen man Einfluss in das alternative Venusiversum gewährt, psychisch stabil bleiben und nicht durch die unzähligen Welten taumeln, müssen sie eben Psychoblumen essen. Der Blumenkonsum verhindert, dass man sich in der Neuro-Scape verliert.

Venusia ist nicht ausschließlich ein Blumenroman und nicht nur eine psychedelische Matrix-Version, sondern auch ein Roman über Bücher, oder besser: eine Welt, in der Bücher zu Raritäten geworden sind, denen nur wenige nachspüren, etwa der schrullige Antiquitätenhändler Rogers Collectibles (ein weiterer Protagonist, der mit grandios witziger Verbissenheit sein aus der Zeit gefallenes Dasein als „Kleinunternehmer“ reflektiert). Wo es kaum Bücher gibt, wird auch nicht gelesen und und Schrift-Sprache ändert ihre Bedeutung. Mark von Schlegell lässt es sich nicht nehmen, dieses Lieblingsthema der french theory ironisch zu kommentieren. Jorx Crittendon, der Princeps von Venusia, so erfahren wir da, war früher nämlich Historiker und Theoretiker. Rogers Collectibles, der vielleicht letzte Bücherjäger der Kolonie, schätzt Crittendons Arbeiten (vor allem natürlich, wie es sich gehört, „die frühen Schriften“), auch wenn er ihn als Politiker nicht mag. In einer dieser Arbeiten finden sich die denkwürdigen Zeilen, in denen das Theorieprogramm umrissen wird:

„Wir trennen die Namen von den Dingen, um den Dingen freie Veränderung zu erlauben. Unzivilisierte Alphabetisierung ist überflussig. Das reine Wort wird verbannt. Wir erschaffen eine Welt aus unmittelbarer Präsenz.“ (S. 57)

Bis dahin gilt: Esst keine Blumen und träumt nicht (oder doch) die „Träume eines Blumensüchtigen“.

Mark von Schlegell: Venusia. Aus dem amerikanischen Englisch übers. v. Simon Elson: Matthes & Seitz 2016. 238 Seiten.

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09/12/2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Deacon Frost – der von Stephen Dorff gespielte Vampir – ist der eigentliche Held in Blade (1998). Frost ist der paradigmatische Vampir der Postmoderne: in der Postmoderne und für die Postmoderne. Frost verkörpert in dreifacher Hinsicht ein Gegenmodell zum vormodernen wie auch modernen Vampir und bietet sich selbst als role model für zukünftiges Vampirleben an. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass er bei Strafe der eigenen Vernichtung scheitert – das ist schließlich das Schicksal jeder Avantgarde. Mit Deacon Frost wird der Vampir zum Zeremonienmeister einer vampirischen „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord), zum postmodernen Unternehmer seiner selbst und zum bricoleur der Geschichte.

1) Deacon Frost in der Blutdisco: Die grandiose und berühmte Eröffnungsszene von Blade führt in einen undergroundigen Vampirclub, mitten in eine Party, die – bezeichnender Weise und laut Werbebanner  – Blood Bath heißt. Der Club befindet sich unter einem Schlachthof. Augenfälliger lassen sich moderne Industriegesellschaft und postmoderne Gesellschaft des Spektakels kaum in Beziehung setzen. Blut fließt hier wie dort; einmal jedoch im Kontext industriell betriebener Massenschlachtung und Fleischverarbeitung, das andere Mal als fast schon kultisches Menschenopfer im Kontext eines entgrenzten Spektakels. In den Schlachthöfen Chicagos wurde um 1900 die Fließbandproduktion geboren. Die Blutsdisco führt um 2000 vor, was postmodern entertainment heißt. Dazu passt, dass Deacon Frost selbst nicht nur als kapitalistischer Investor im Hintergrund agiert, sondern in die in seinen Clubs feiernde Menge eintaucht. Sein Lebensentwurf ist zugleich sein Geschäftsmodell.

2) Deacon Frost und der Rat der Vampire: Bruchlinien und Konflikte stellt Blade auch innerhalb der Gesellschaft der Vampire zur Schau. Deacon Frost kämpft und gewinnt gegen den altehrwürdigen, gesetzen und gesättigten Rat der Vampire. Dieser Rat begegnet dem postmodernen Helden nicht nur mit vampirrassistischen Vorurteilen, sondern verdammt ebenso entschieden Frosts Lebensentwurf und Geschäftsmodell. Der Rat der Vampire – eine Ansammlung mittelalter, weißer Herren im Anzug  – verkörpert in Haltung und Auftreten einen vampirischen corporate capitalism, der gerade in der Gegenüberstellung mit Frost antiquiert wirkt. Dieser Vorstand und Aufsichtsrat der Vampire, Inc. sorgt sich eher um internationale Finanzgeschäfte und Verträge mit den Menschen (man hat ein spiegelbildliches, politisch-ökonomisches Geheimgremium, mit dem der Rat der Vampire seine Absprachen trifft, formlich vor Augen) als dass es um eine Erneuerung vampirischer Selbstentwüürfe geht.

3) Deacon Frost im Archiv: In einer HighTech-Bibliothek bastelt Deacon Frost mit der Geschichte. Ein gigantischer Serverraum bietet die Infrastruktur, derer es bedarf, um die Prophezeiungen der ‚Vampirbibel‘ aus längst verblichener Vorzeit zu entschlüsseln und sie in die Gegenwart zu holen. Im Gegensatz zu den altehrwürdigen Ratsmitgliedern, die derartiges längst als Aberglaube abgetan haben, ist  Frost geschichtsbesessen; aber nicht, weil er sich selbst als Teil irgendeines historischen Überlieferungszusammenhangs sieht, als Wahrer oder Vollender irgendeiner Tradition usw. Sein Umgang mit Geschichte ist postmodern: Frost zitiert, Frost de- und rekontextualisiert. Ihm geht es nicht um die Geschichte als solche, sondern darum, was sich aus der Geschichte rausbrechen lässt, um in der Gegenwart die Zukunft zu evozieren. Frost, der Archivar, behandelt Geschichte als Anhäufung von Fragmenten, die unterschiedlich nützlich und ‚wahr‘ sind.

Deacon Frost bringt den Vampir auf die Höhe der Zeit anno 1998. Frost bewirkt eine signifikante Neuausrichtung der Vampirökonomie und ihrer Subjekte. Dadurch gelingt es ihm, den Anschluss an jenen „Strukturwandel von revolutionärer Qualität“ (Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael) herzustellen, den die menschlichen Gesellschaften seit dem Ende der 1970er jahre bereits durchlaufen hatten. Die soziale und ökonomische, noch mehr freilich die diskursive Struktur der neuen Ordnung bedeutete ein Ende der Industriegesellschaft. Sie kündete vom Aufstieg der postindustriellen Gesellschaft, der Dienstleistungs-, Wissens- und Informationsgesellschaft. Vielerorts verloren sich die Spuren des korporativen Industriekapitalismus. An den Schnittpunkten dieser Entwicklungen stieg das neoliberale Projekt-Selbst empor.

Angesichts dieser Entwicklung wirken sowohl die alten feudal-aristokratischen als auch die neueren korporativ-kapitalistischen Vampire eigentümlich aus der Zeit gefallen. Erst Deacon Frost macht den Vampir – durchaus auch unter Reaktivierung der einen oder anderen, irgendwie verschütteten Vampirtugend – fit für ein Leben unter den Bedingungen der Postmoderne. Das beinhaltet die Verachtung jedweder produktivistischer Ideologie, die Wiederentdeckung eines hedonistischen Konsumindividualismus, aber auch ein Neuaufleben der vampirischen Kunst der Verführung.

Jedenfalls: Der „neue Geist des Kapitalismus“ (Luc Boltanski/Ève Chiapello) bietet Anschlüsse und Möglichkeiten für einen Vampir neuen Typs. Die Zukunft sollte frostig werden.

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