„Überflutet vom Glanz meines Traums und Kaffee trinkend“. Patti Smith – M Train

15/01/2017 § 2 Kommentare

Die Puzzleteile fügen sich. Nach der Entdeckung, dass der New Yorker Punk ohne Aushilfsjobs in Buchhandlungen nicht entstanden wäre, nun der Kaffee. Patti Smith, die Protagonistin in Patti Smiths‘ Erinnerungsroman M Train, trinkt Kaffee – immer und überall und in jeder Form („vierzehn Tassen, ohne dass es meinen Schlaf beeinträchtigte“). Sie träumt den „Traum von einem eigenen Café“.

„Wahrscheinlich fing es an, als ich über das Kaffeehausleben der Beats, Surrealisten und französischen Symbolisten las. Wo ich aufwuchs, gab es keine Cafés, aber sie existierten in meinen Büchern und blühten in meinen Tagträumen.“ (S. 14)

Unspannend und unspektakulär wäre es, wenn es bei diesem Verweis bliebe. Jenseits der Verbeugung vor einem bestimmten soziokulturellen Milieu kreisen Patti Smith‘ Erinnerungen immer wieder um den tatsächlichen, tatsächlich getrunkenen Kaffee. Sie scheint, frei nach Friedrich Engels, zu wissen, dass die Menschen vor allen Dingen zuerst Kaffee trinken müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw. treiben können.

„Eine Mahlzeit konnte ich mir nicht leisten, deshalb trank ich nur Kaffee, aber das störte keinen.“ (S. 15)

Patti ist eine demokratische Kaffeetrinkerin, überzeugt von der prinzipiellen Gleichheit jeden Kaffees (auch wenn es faktisch natürlich Unterschiede gibt). Weder zeigt sie Verachtung für den to go im Pappbecher oder den schnell aufgegossenen ‚löslichen‘ noch Bewunderung für ökoesoterisches Bohnenwissen und raketenwissenschaftlich anmutende Zubereitungsmethoden.

Kaffeemaschinen beanspruchen dennoch einen legitimen Platz in der Ordnung der Dinge und bekommen die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt.

„Ich schlendere an meiner Kaffeemaschine vorbei, die wie ein zusammengekauerter Mönch auf einem kleinen Metallschrank mit meinen Porzellantassen steht. Während ich ihr über den Kopf streiche und dabei Augenkontakt mit Schreibmaschine und Fernbedienung vermeide, überlege ich, warum manche leblose Objekte so viel schöner sind als andere.“ (S. 49f.)

Defekte oder fehlende Kaffeemaschinen beunruhigen. Etwa in Pattis Stammcafé:

„An der Kaffeemaschine klebte ein handgeschriebener Zettel: Defekt. Ein kleiner Rückschlag, aber ich blieb trotzdem.“ (S. 128f,)

Oder unterwegs in Japan:

„Ich beschloss, das Hotel und seine diversen Restaurants zu erkunden, konnte jedoch keinen Kaffee ausfindig machen, was mich beunruhigte. […] Wir fuhren umher und suchten nach Kaffee. Ich war so froh, als wir endlich fündig wurden, dass Ace mit eine Thermoskanne für später abfüllen ließ.“ (S.226, 236)

Muss man mehr wissen, um Patti zu lieben?

Patti Smith: M Train. Aus dem amerikanischen Englisch übers. v. Brigitte Jakobeit, Kiepenheuer & Witsch 2016, 336 Seiten.

This article was powered by two mugs of damn fine coffee and Patti Smiths‘ Banga (2012).

Bookstore Punk – die Autobiographie von Richard Hell

19/09/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Richard Hell – Miterfinder und Mitbegründer von Punk im New York der 1970er Jahre; zusammen mit Tom Verlaine als Television für eines der einflussreichsten Alben der mittleren Musikgeschichte verantwortlich: Marquee Moon (1977); Stichwortgeber der Blank Generation; Autor einer Autobiographie, die inzwischen auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

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Musiker_innenmemoiren neigen dazu, nur begrenztes Lesevergnügen zu bieten. In der Regel ist es ja auch das anekdotische Interesse an der jeweiligen Person, nicht die Suche nach literarischer Qualität, die in solchen Fällen die Hand beim Griff ins Regel führt. Ich freue mich bei derartigen Lektüren immer, wenn die jeweilige Autobiographie wenigstens die eine oder andere kleine Erkenntnis bringt.

Dank Richard Hells Autobiographie weiß ich nun, dass Punk in Buchhandlungen geboren wurde. Zumindest in New York scheint das der Fall gewesen zu sein (ich erinnere mich an ähnliche Hinweise bei Patti Smith). Hell berichtet von einer Kette kleiner Jobs in dieser oder jener Buchhandlung.

„I worked at Gotham Book Mart in midtown for a while at this time. I learned a lot there. It was the most famous and the best literary book-store in New York, probably in the whole world, in terms of inventory, and perhaps second only to Paris‘ Shakespeare & Company for literary associations.“ (S. 66)

„In 1968 I  held a series of jobs, most rewardingly at the Strand Book Store among a crew of other artistically inclined kids.“ (S. 71)

„By this time, every other job Tom and I got was in a used-book store, and rummaging through them was our main form of recreation as well.“ (S. 88)

„It was in this time, 1971 through 1975, that we settled into the bookstore jobs, the last series of day jobs we would have before becoming professional musicians.“ (S. 94f.)

Hell nimmt sich die Zeit und den Raum, eine dieser Buchhandlungen (Gotham Books Mart), ihre Regale und ihr Inventar auf drei Seiten zu beschreiben und zu würdigen. Dabei zeigt sich, worin die Leistung dieser oder jener Buchhandlung für die Entstehung des New York Punk bestand: als Möglichkeit Geld zu verdienen, also als career opportunity; als Gelegenheit, Literatur kennenzulernen (bei Hell: die modernistische Poesie, T.S. Eliot etc. pp.); schließlich als Begegnungort für Gleichgesinnte – wo ein schräger Vogel für ein paar Dollar Inventartlisten erstellt, kommt bald ein zweiter hinzu, der Regale einsortiert …

Die Blank Generation, das ist vielleicht die Ironie der Geschichte, wurde in einer Umgebung geboren, in der keineswegs unbeschriebene Blätter dominierten. Bisher fehlen die Buchhandlungen in der Geschichte des Punk; und ich bin mir nicht sicher, ob in der Geschichte der Buchhandlungen deren Bedeutung als soziale, kulturelle und ökonomische Infrastruktur für Punk ausreichend gewürdigt wird. Offen bleibt die Frage, ob sich zukünftige Musiker_innen heute als Lagerist_innen bei Amazon oder DHL-Boten_innen verdingen.

Das Buchhandlungsthema soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hells Buch eher wenig überzeugt (besonders gern habe ich es nicht gelesen). Verantwortlich dafür ist ein mentaler Rockismus, der sich vor allem in der Beschreibung von Frauen zeigt: den „chicks“ und sexuell befreiten „fun-loving girls“. Offensichtlich gibt es in Sachen Popkultur eine sehr spezielle Gleichzeitigkeit von Kontinuität und Bruch: musikalisch und ästhetisch bedeuteten Richard Hell, Television, The Voidoids etwas Neues und radikal Anderes; Habitus und Haltung im Privaten (das natürlich politisch ist) scheinen freilich in alten, überholten Posen zu erstarren. Jemand, der auf der Bühne oder auf einem Album weder aussieht noch klingt wie Keith Jagger (und gerade für diese Differenz geschätzt wird), kann trotzdem dessen Altrockstarweltwahrnehmung haben.

Richard Hell: I Dreamed I Was a Very Clean Tramp. An Autobiography, Ecco HarperCollins 2013. [Dt. Ausgabe u.d.T.: Blank Generation. Autobiographie, übers. v. Thomas Atzert, Edition Tiamat 2015]

Like The Deserts Miss the Rain – die Autobiographie von Tracey Thorn

22/11/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

In einem gewissen Alter kann man dieses „And I miss youuuuu …“, das Tracey Thorn, die eine Hälfte von Everything But The Girl, 1994 aus allen Radios sang, automatisch ergänzen. Eben. Like The Deserts miss the Rain.

Everything But the Girl – Missing

Ich habe das Bloggen vermisst, ohne es anfangs zu merken. Der letzte Beitrag ist lange her, der blog langsam ein- und fast entschlafen. Mit dem Bloggen fehlte mir auch die schreibende Beschäftigung mit Pop/musik. Das soll sich ändern. Vor allem mag ich regelmäßig über Dinge schreiben, die es zu lesen und zu hören (und manchmal auch zu sehen gibt). Bücher über Pop waren hier schon früher Thema (etwa die Autobiographien von Neil Young oder Alice Bag); und so soll es auch wieder werden.

Gute Bücher über Pop gibt es in England. Jeder Ausflug (wie etwa der Urlaub im September) endet mit einem volleren Koffer und einem Stapel neuer Bücher. Tracey Thorns Autobiographie Bedsit Disco Queen: How I Grew Up and Tried to be a Pop Star (2014) kannte ich nicht und hätte sie also nie gekauft – gäbe es nicht in Bath einen der sicherlich schönsten Buchläden Englands (und darüber hinaus): Mr B’s Emporium of Reading Delights

isbn9781844088683

Es ist ein wundervolles Erlebnis für Pop- und Bookgeeks, wenn eine Buchhändlerin beim Abkassieren den Bücherstapel mustert und daraus blitzschnell folgert, dass ein weiteres Buch einem sehr gut gefallen könnte … und so landete Bedsit Disco Queen dann eben auch auf meinem Stapel.

Bedsit Disco Queen gehört zu den guten, gelungenen Musiker_innenautobiographien. Es ist ein Buch, das seine Berechtigung nicht ausschließlich aus dem fame des Namens auf dem Cover zieht. Tracey Thorn hat einen wundervollen Humor und einen feinen literarischen Stil; nicht diese anbiedernde, kumpelige, ‚mündliche‘ Sprache, diesen langweilig-nervigen Plauderton vieler anderer Autobiographien.

Popkulturell ist es außerordentlich spannend, weil es (neben klugen feministischen Positionen und Reflektionen) eine Wegscheide markiert. Thorn beschreibt den Weg – ihren Weg und den Weg von Everything But The Girl – aus dem (Post-)Punk in den (Mainstream-)Pop. Sie reflektiert über die Schwierigkeit, einen Sound und Stil mit Popappeal zu entwerfen und das in Einklang mit einer Indiehaltung und -herkunft (Thorn gehörte davor zu den legendären Marine Girls) zu verbinden. Mit den chartstürmenden Erfolgen von Everything But The Girl fand sich Thorn in einer merkwürdigen Situation: Alle Weggefährt_innen der alten Postpunk/DIY-Zeit waren irritiert über den neuen Sound und Erfolg, wussten aber weiter die dahinter stehende Haltung zu schätzen; die erfolgreichen Chartacts, denen man nun immer wieder begegnete, liebten und schätzten die Musik von Everything But The Girl, konnten aber mit dem Indiekontext der Band nichts anfangen. Thorns Schilderungen und Reflektionen zu diesem Thema sind popgeschichtlich aufschlussreich und ein Lektüre- und Erkenntnisgewinn für alle, die wissen möchten, was mit Postpunk passiert ist.

Das Buch bietet noch viel mehr, meine neue Politik lautet aber: kürzere Beiträge, dafür häufiger bloggen. Für alles weitere: Bedsit Disco Queen lesen …

Marine Girls – On My Mind

girls I’d like to be, part I: Alice Bag’s chicana punk feminism

05/08/2012 § 2 Kommentare

„One two three four! My band rips into our opening song. The Music is loud, tight, fast and intense.

A wave of bodies surges at the front of the stage as the audience explodes into frenetic dancing. The music blaring at my back, I’m going to ride this wave. I grab the microphone from the stand and belt out the words.

‚She’s taken too much of the domesticated world, she’s tearing it to pieces, she’s a violence girl!‘

I’m bouncing on stilettos like a fighter in the ring, I charge out onto the edge of the stage, full of adrenaline and fire. I sing into the faces in the front rows. They are my current, my source of energy. I urge them to engage. I know there’s something in them, some inner carbonation lying still, waiting to be shaken. It’s fizzing in them as I shake them up. Shake, motherfucker, shake! I want you to explode with me.

I’m stomping, jogging and dancing all over the stage, teetering precariously on my high heels. I spot an area of spectators in front of Patricia, my bassist. Fuck that! No spectators, we’re all participants here!“

So beginnt die Autobiographie einer Frau, die am 7. November 1958 in East L.A. als Alicia Armendariz geboren wurde, sich während der siebziger Jahre in Alice Bag – das Violence Girl – verwandelte und heute ihr Diary of a Bad Housewife führt. Was Siouxsie Sioux einst sang, passt auf diese Frau, wie es auf wenige Menschen passt: „We are painted birds, painted birds, by our own design“.

Alice Bag, das Violence Girl:

Musiker_innenautobiographien folgen mehrheitlich einem heimlichen Skript. Da gibt es zunächst die ‚Vorgeschichte‘ bis zu dem Moment, in dem die anderen Bandmitglieder gefunden, der erste später bekannte Song geschrieben oder das erste legendäre Konzert gegeben wird. In diesen Kapiteln menschelt es. Zu lesen gibt es niedliche Anekdoten aus Kindheit und Jugend, etwas über die Familie, Elternhaus, Grundschulfreund_innen usw. Ein Mensch, wie jede_r andere – das wollen diese Kapitel mitteilen, bevor der Startschuss zur ‚eigentlichen‘ Geschichte fällt. Diese ‚eigentliche‘ Geschichte besteht meistens aus einer – für Fans auf den ersten Blick spannenden, bei nüchterner Betrachtung aber banalen und langweiligen – Ansammlung von celebrity gossip, name dropping, Backstagegeschichtchen und ‚Hintergrundinfos‘ zu Musik und Texten der geliebten Songs und Alben. Dann folgen Kapitel, in denen der Niedergang geschildert wird, das (beinahe) Zerbrechen am Ruhm – und schließlich die Versöhnung mit sich selbst, der eigenen Geschichte und früheren Bühnenpersönlichkeit.

Die Autobiographie von Alice Bag hat auch derartige Kapitel, aber sie erzählt eine andere Geschichte. Alice Bag bastelt mittels unzähliger kleiner Miniaturen ein Mosaik aus Gewalt und Traumatisierung, aus Diskriminierung und Ungleichheit, aus Aufbegehren, Widerstand, Selbst-Ermächtigung und Kreativität. ‚Punk‘, in seiner frühen L.A.-Ausprägung, ist nur eine Chiffre, ein Wort, das eine bestimmte Erfahrung und Haltung knapp auf den Punkt bringt.

Alice Bag ist die Tochter eines mexikanischen Zimmermanns – er weigerte sich im Gegensatz zu ihr Zeit seines Lebens, sich als Mexican-American oder Chicano zu bezeichnen. Ihre Mutter war bereits als Kind aus Mexico nach Los Angeles gekommen. Die Familie lebt in armen Verhältnissen im East L.A. Barrio. Der Vater verprügelt die Mutter regelmäßig, schlägt sie mehrfach halb tot – „My father was a monster“ – schlägt Alice aber nie, liebt sie , unterstützt sie in allem, was sie tut. Dennoch: er zwingt ihr eine häusliche Umgebung auf, in der Brutalität und Gewalt alltäglich sind. Erst auf dem Sterbebett konfrontiert Alice ihren Vater und will wissen, warum er jahrzehntelang ihre Mutter verprügelt habe.

In Kindergarten und Grundschule erfährt sie, was es heißt, die Sprache aller anderen nicht zu verstehen. Alice spricht spanisch, kein oder kaum englisch. Wen meinen die eigentlich alle, wenn von „Uhleesha“ die Rede ist? Erst später geht ihr auf, dass sie gemeint ist:

„Uhleesha was my English name. It sounded ugly to me. Ah-lees-ia sounded so much softer to me and was what my family called me, but if the teacher called me Uhleesha, it must be my new name. […] [I]n second grade, I shed my hard-to-pronounce Mexican-sounding name and went with the foolproof, Anglo-approved Alice.“

In der Schulzeit stabilisiert Alice einen Außenseiterstatus.

„I was an early bloomer, except that the qualities which bloomed early were all the ones that would ensure I become a true misfit: I was snaggletoothed, overweight, unpopular and unwilling to follow the herd to fit in.“

Alice kultiviert diesen Außenseiterstatus, notgedrungen. Sie gibt im eine offensive Wende. Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen entstehen fast ausschließlich in Konfrontation. Immer wieder wird sie darauf gestoßen, dass sie anders ist. Dinge, die ihr völlig selbstverständlich sind, werden ihr von anderen vorgehalten: ihr Gewicht, ihre Sprache, ihre Herkunft. Ihr wurde klar gemacht, dass sie zu einer Minderheit gehörte, die jederzeit mit Diskriminierung zu leben hatte. Ihr wurde klar, dass sich daraus auch Energie schöpfen ließ.

Dann die Neuerfindung als tough girl und Exzentrikerin auf den Spuren von Elton John und David Bowie – die Entdeckung der Musik: „My world was becoming stereophonic“. Es folgt – im Medium der Autobiographie – eine brillante Schilderung der Entstehung der Punkszene in L.A. Ein zartes Suchen und Finden, ein Experimentieren und Scheitern. Alice Bag schildert minutiös, wie sich die Freaks und Geeks, die Nerds und Misfits immer wieder über den Weg laufen, sich erkennen und wiedererkennen, sich zusammentun und Dinge ausprobieren.

„That summer of 1977, we misfits, weirdos and outcasts established ourselves as a force to be reckoned with. […] The island of misfit toys that had been the very early L.A. punk scene could now be seen for was it truly was: a group of islands dotting the western coastline. […] It seemed to me that the eraly L.A. scene was unconsciously egalitarian. The bands, musicians, artists, press and everyone involved in the punk scene provided an accurate sampling of L.A.’s misfit population. We may have looked weird and even hard on the outside, but most of the people involved in the early scene were open to new ideas, friendly and cooperative. […] There was no clearly defined punk sound, no dress code; all you had to do was show up and make your presence known. The movement was one of individuals and individual expression“.

Es ist genau diese Qualität, die Alice später – als Punk zu Hardcore wurde – vermisste. Die zweite und dritte Welle der L.A.-Szene irritiert sie.

„The once quirky men and women artists who prized originality above all else were being replaced by a belligerent, male-dominated mob who became anonymous, camouflaged by their homogeneous appearance. I didn’t mind the belligerent part. […] What I didn’t like was the sameness.“

Nachdem Alice sich als chicana und Punk entdeckte, entdeckte sie sich als Feministin.

„Cherry Vanilla’s poems helped me realize that some groupies had the same mentality as the cheerleader who had told me she just wanted to make the guys feel good. There was an air of glamour and popularity that went along with both roles, but there was also a risk that the importance by proxy conferred upon those who supported the music or athletic stars could make a girl forget that she should also have goals of her own, even while playing the supporting role.“

Wie das auf die Bühne zu bringen war, zeigte Patti Smith. „Patti completely changed the way I thought about female performers“. Patti war anders:

„Her power was in her words and her presence; it didn’t come from the sweetness of her voice, because her voice wasn’t sweet; her power came from the brutal conviction in it. It didn’t come from makeup, high heels or typically feminine dress; it came from her raw sexual androgyny.“

Und dann: The Bags! Ein kurzer, aber heftiger Punkorkan. „Kinda hardcore before there was hardcore.“ Alice erfindet Alice Bag als Bühnenperson. Iggy Pop, Patti Smith und viel, viel mehr in einem – „a more sexually aggressive persona, one that was not traditionally female sex-kittenish or vampish but more like a sexual outlaw.“

The Bags zerbrechen kurze Zeit später. Alice wird Lehrerin, schließt sich einem internationalen Alphabetisierungsprogramm der Sandinisten in Nicaragua an (bevor die Sandinisten sich in der Rolle als menschenrechtsverachtende Folterknechte zu gefallen begannen!), sie richtet ein online-Interviewarchiv ein (Women in L.A. Punk) und schreibt ein Buch. Es ist ein großartiges Buch geworden, es lässt einen so vieles besser verstehen. Es verdient Leser_innen, viele, ganz viele.

+++

ps. Wer schon immer einmal wissen wollte, was es mit der akademischen Mode „Intersektionalität“ denn nun genau auf sich hat: Die Lektüre von Violence Girl schafft hier Abhilfe.

pps. Sollte sich das wundervolle Missy Magazine irgendwann einmal dazu entschließen, eine eigene Buchreihe, eine Kleine Feministische Bibliothek, einzurichten, dann wäre eine Übersetzung von Violence Girl ein toller erster Band.

Alice Bag: Violence Girl – East L.A. Rage to Hollywood Stage, A Chicana Punk Story, Feral House 2011, 384 Seiten.

Protestsong der Woche V: The Clash – White Riot

05/06/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

In den nächsten zwei Monaten werde ich an dieser Stelle eine kleine Sammlung von Protestsongs seit den sechziger Jahren anlegen. Vielleicht ergeben sich daraus ja eine Typologie und eine Geschichte des Protestsongs, die irgendwie Sinn machen.

Diese Woche:

Die jüngste Hipstersoziologie hat wiedereinmal daran erinnert, dass prekäre Aneignungsverhältnisse (manche würden sagen: Enteignungsverhältnisse) im Herzen so mancher Jugend- und Subkultur liegen. Popkultur wird, wie alles andere auch, durch die Kategorien Rasse und Klasse strukturiert (Geschlecht ist ebenso zentral, wird in dieser Diskussion aber eher an den Rand gedrängt). Was für den Hipster galt und gilt, trifft ebenso deutlich, wenn auch mit anderen Akzenten auf Punk zu: in der Regel weiße, in der Regel männliche Jugendliche ‚leihen‘ sich die Symbole und den Stil einer marginalisierten (schwarzen) Subkultur – ihre coolness, ihren Außenseiterstatus usw.

Spätestens seit den sechziger Jahren bot die Identifikation mit der Black Culture – was auch immer darunter verstanden wurde – eine Möglichkeit, das eigene Anderssein auszudrücken. Und hier kommt Punk ins Spiel: „Punk“, so schreibt Stephen Duncombe, „offered a space for young Whites growing up in a multicultural world to figure out what it meant to be White.“ Whiteness wird zu punk whiteness, zu oppressed whiteness. Nur, diese Perspektive erschloss sehr konträre neue Wege. Einerseits ließen sich Beschwörungen einer ‚unterdrückten weißen Minderheit‘ für rassistische Politiken mobilisieren, andererseits kamen – mit The Clash und anderen – Bestrebungen in Gang, kulturell, musikalisch usw. ein anderes, solidarisches, anti-rassistisches Weißsein zu etablieren. Daher auch The Clashs Institieren, dass man keinen white reggae spiele, sondern punk and reggae. Nachzulesen ist das alles in der großartigen Textsammlung White Riot: Punk Rock and the Politics of Race, die unzählige Einsichten und kluge Analysen vermittelt.

White Riot, dieser signature song von The Clash, steht in engem Zusammenhang mit den black riots, die sich 1976 beim Notting Hill Carnival entzündeten. Die gesamte britische Öffentlichkeit konnte hier beobachten, wie sich ein fröhlich-buntes Fest schlagartig verwandelte: „into a menacing congregation of angry black youths and embattled police. Hordes of young black Britons did the Soweto dash across the nations’s television screens and conjured up fearful images of other Negroes, other confrontations, other ‚long, hot summers‘.“ (Dick Hebdige, Subculture. The Meaning of Style)

Mitglieder von The Clash sind vor Ort und erleben die Riots hautnah, werden angesteckt, sind beeindruckt von der mehr als berechtigten Wut, spüren aber auch, dass es nicht ihre Wut, nicht ihr Protest, nicht ihre Rebellion ist. Und da sind sie dann, Joe Strummers legendäre Textzeilen:

White riot – I wanna riot
White riot – a riot of my own

Da ist er, der Kontrast, in dem mehr als ein klein wenig Neid zum Ausdruck kommt, gemischt mit Bewunderung:

Black people gotta lot a problems
But they don’t mind throwing a brick
White people go to school
Where they teach you how to be thick

Um gender nun doch ein wenig ins Spiel zu bringen: The Clash stehen mit White Riot auch in einer Protestsongtradition, die explizit männlich ist. Der Song evoziert eine heroische Männlichkeit, die Kämpferpose. Das ist jene Tradition, in der die Rolling Stones über den Street Fighting Man singen oder Billy Bragg die Jungs fragt: Which Side Are you On? Gewalt und Auseinandersetzungen auf der Straße – vornehmlich natürlich mit der Polizei – werden zu Signum und Quelle dieser Art Männlichkeit. Ohne dass hier explizit von den boys die Rede ist, wird doch klar, gegen wen das Ganze gerichtet ist: gegen die verweichlichten weißen Kids, die feigen und unmännlichen, die aus Angst vor Konsequenzen den Schwanz einziehen.

All the power’s in the hands
Of people rich enough to buy it
While we walk the street
Too chicken to even try it

Everybody’s doing
Just what they’re told to
Nobody wants
To go to jail!

Wo bin ich?

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