Protestsong der Woche VI: The Specials – Racist Friend

19/06/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

In den nächsten zwei Monaten werde ich an dieser Stelle eine kleine Sammlung von Protestsongs seit den sechziger Jahren anlegen. Vielleicht ergeben sich daraus ja eine Typologie und eine Geschichte des Protestsongs, die irgendwie Sinn machen.

Diese Woche:

the specials racist friend

Racist Friend (1983) von The Specials dürfte sicher zu den bekanntesten anti-rassistischen Songs der jüngeren und etwas älteren Popgeschichte zählen. Racist Friend gehört zu jenen Songs, die ihr politisches Anliegen unmittelbar und unumwunden artikulieren. Es ist ein Song, der ganz eindeutig eine message hat. Damit ignorieren The Specials so manches boshafte Statement (zum Beispiel von Bob Dylan), wonach man im Fall des Vorahndenseins einer Botschaft doch lieber zum Postamt gehen oder Journalist werden, statt einen Song schreiben solle.

The Special setzen in ihrem Song auf direkte Ansprache, face to face. „If you have a racist friend … „, „Call yourself my friend …“, „So if you are a racist, our friendship has got to end …“. Das Video unterstützt diesen Versuch, individuelle, persönliche Beziehungen zwischen Band und Publikum herzustellen. Bandmitglieder schauen und reden in Großaufnahme direkt in die Kamera, sie fokussieren ihr gegenüber. Sie meinen mich und dich.

Der Song versucht, eine anti-rassistische community herzustellen, eine (nicht nur) musikliebende community, deren verbindendes Band ein anti-rassistischer Konsens ist. In gewisser Weise ist das der Versuch, das Bandkonzept der Specials zu verallgemeinern: 2-tone, Schachbrettmuster, schwarz und weiß; eine anti-rassistische Haltung, die sich in Stil und Musik ebenso widerspiegelt wie in den sozialen Beziehungen. Musik und Gesang bringen das großartig zum Ausdruck. Racist Friend ist nicht das persönliche politische Statement eines Bandleaders, sondern Zeichen eines Miteinanders, das in dieser Weise erst auf der Grundlage eines geteilten, gemeinsamen Anti-Rassismus möglich wird.

The Specials stehen damit für eine neue Form anti-rassistischen Aktivismus, der in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren im britischen Kontext wirkmächtig wurde. In Reaktion auf eine Reihe brutaler Übergriffe, Auseinandersetzungen und riots waren es Teile der Jugend- und Subkultur, die vereinzelte anti-rassistische Aktionen in eine Bewegung verwandelten. Vor allem Rock Against Racism (RAR) tat sich dabei hervor. Paul Gilroy schrieb bereits 1987 in seiner inzwischen klassischen Studie There Ain’t No Black in the Union Jack. The Cultural Politics of Race and Nation:

„RAR’s audience, the anti-racist crowd, was conceived not only as consumers of the various youth cultures and styles but as a powerful force for change which, in its diversity, created something more than the simple sum of its constitutitve elements. This anti-racism drew attention to the complex race politics of all white pop music and grasped the importance of the black origins of even the whitest rock as a political contradiction for those who were moving towards racist consciousness and explanations of the crisis.“

Neben diesem neuen Anti-Rassismus, der die Sprache und Symbole der black culture innerhalb der Jugend- und Popkultur mobilisierte, um rassistische Spaltungen zu überwinden, ist an Racist Friend etwas anderes bemerkenswert. The Specials liefern mit ihrem vermeintlich unscheinbaren Text eine profunde und starke Interpretation von Rassismus.

Be it your sister
Be it your brother
Be it your cousin or your uncle or your lover

If you have a racist friend
now is the time, now is the time for your friendship to end

Be it your best friend
Or any other
Is it your husband or your father or your mother?

The Specials beschreiben Rassismus als Alltagsrassismus. Rassismus ist nicht das exklusive ‚Vorrecht‘ eindeutig und offen rechtsradikaler Parteien, Politiker und ihrer Anhänger (der Song ist eben kein direkter Angriff auf die National Front). Rassismus ist überall, zumindest kann er überall sein. Auch (ansonsten) nette Menschen (so nett immerhin, dass man mit ihnen befreundet sein, sie lieben oder gar geheiratet haben kann) können Rassisten sein. Mit einer simplen Aufzählung hebeln The Specials den damals gängigen Rassismusbegriff aus, wonach Rassismus immer nur ein Problem ‚der Anderen‘ ist und demzufolge man gar kein Rassist sein kann, solange man nicht Mitglied einer rechtsextremistischen, neo-faschistischen Partei ist und brüllend durch die Straßen marschiert.

Der zweite Punkt, der auffällt, ist die Entschiedenheit und Kompromisslosigkeit in der Forderung, sich loszusagen, wenn Rassismus ist Spiel kommt. Ist es nicht etwas viel verlangt, sich gleich von Eltern, Ehepartnern und besten Freunden abzuwenden? Reicht es nicht, wenn man kurz den Kopf schüttelt, ansonsten aber ein Auge zudrückt? Die Antwort auf beide Fragen kann nur dann ‚Ja!‘ lauten, wenn man einen bestimmten Rassismusbegriff hat. Nur, es ist genau dieser Begriff, der Rassismus immer nur als Verirrung, Geschmacklosigkeit, Ausrutscher, blöden Spruch und ’nicht so gemeint‘ abtut, von dem The Specials sich entschieden distanzieren. Racism matters. Rassismus macht etwas mit den Menschen, er fügt Verletzungen zu, die so tief sind, dass es eben doch gerechtfertigt ist, zu fordern, was der Song fordert.

Rassimus ist – so kann man den Song der Specials hören – ein dead end. Wo Rassismus ist, gibt es keine sozialen Beziehungen, und es kann sie auch nicht geben. In diesem Sinn ist der Rassismusbegriff der Specials das Gegenstück zur Idee eines Anti-Rassismus, der auf Gemeinsamkeit und Miteinander setzt.

Protestsong der Woche V: The Clash – White Riot

05/06/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

In den nächsten zwei Monaten werde ich an dieser Stelle eine kleine Sammlung von Protestsongs seit den sechziger Jahren anlegen. Vielleicht ergeben sich daraus ja eine Typologie und eine Geschichte des Protestsongs, die irgendwie Sinn machen.

Diese Woche:

Die jüngste Hipstersoziologie hat wiedereinmal daran erinnert, dass prekäre Aneignungsverhältnisse (manche würden sagen: Enteignungsverhältnisse) im Herzen so mancher Jugend- und Subkultur liegen. Popkultur wird, wie alles andere auch, durch die Kategorien Rasse und Klasse strukturiert (Geschlecht ist ebenso zentral, wird in dieser Diskussion aber eher an den Rand gedrängt). Was für den Hipster galt und gilt, trifft ebenso deutlich, wenn auch mit anderen Akzenten auf Punk zu: in der Regel weiße, in der Regel männliche Jugendliche ‚leihen‘ sich die Symbole und den Stil einer marginalisierten (schwarzen) Subkultur – ihre coolness, ihren Außenseiterstatus usw.

Spätestens seit den sechziger Jahren bot die Identifikation mit der Black Culture – was auch immer darunter verstanden wurde – eine Möglichkeit, das eigene Anderssein auszudrücken. Und hier kommt Punk ins Spiel: „Punk“, so schreibt Stephen Duncombe, „offered a space for young Whites growing up in a multicultural world to figure out what it meant to be White.“ Whiteness wird zu punk whiteness, zu oppressed whiteness. Nur, diese Perspektive erschloss sehr konträre neue Wege. Einerseits ließen sich Beschwörungen einer ‚unterdrückten weißen Minderheit‘ für rassistische Politiken mobilisieren, andererseits kamen – mit The Clash und anderen – Bestrebungen in Gang, kulturell, musikalisch usw. ein anderes, solidarisches, anti-rassistisches Weißsein zu etablieren. Daher auch The Clashs Institieren, dass man keinen white reggae spiele, sondern punk and reggae. Nachzulesen ist das alles in der großartigen Textsammlung White Riot: Punk Rock and the Politics of Race, die unzählige Einsichten und kluge Analysen vermittelt.

White Riot, dieser signature song von The Clash, steht in engem Zusammenhang mit den black riots, die sich 1976 beim Notting Hill Carnival entzündeten. Die gesamte britische Öffentlichkeit konnte hier beobachten, wie sich ein fröhlich-buntes Fest schlagartig verwandelte: „into a menacing congregation of angry black youths and embattled police. Hordes of young black Britons did the Soweto dash across the nations’s television screens and conjured up fearful images of other Negroes, other confrontations, other ‚long, hot summers‘.“ (Dick Hebdige, Subculture. The Meaning of Style)

Mitglieder von The Clash sind vor Ort und erleben die Riots hautnah, werden angesteckt, sind beeindruckt von der mehr als berechtigten Wut, spüren aber auch, dass es nicht ihre Wut, nicht ihr Protest, nicht ihre Rebellion ist. Und da sind sie dann, Joe Strummers legendäre Textzeilen:

White riot – I wanna riot
White riot – a riot of my own

Da ist er, der Kontrast, in dem mehr als ein klein wenig Neid zum Ausdruck kommt, gemischt mit Bewunderung:

Black people gotta lot a problems
But they don’t mind throwing a brick
White people go to school
Where they teach you how to be thick

Um gender nun doch ein wenig ins Spiel zu bringen: The Clash stehen mit White Riot auch in einer Protestsongtradition, die explizit männlich ist. Der Song evoziert eine heroische Männlichkeit, die Kämpferpose. Das ist jene Tradition, in der die Rolling Stones über den Street Fighting Man singen oder Billy Bragg die Jungs fragt: Which Side Are you On? Gewalt und Auseinandersetzungen auf der Straße – vornehmlich natürlich mit der Polizei – werden zu Signum und Quelle dieser Art Männlichkeit. Ohne dass hier explizit von den boys die Rede ist, wird doch klar, gegen wen das Ganze gerichtet ist: gegen die verweichlichten weißen Kids, die feigen und unmännlichen, die aus Angst vor Konsequenzen den Schwanz einziehen.

All the power’s in the hands
Of people rich enough to buy it
While we walk the street
Too chicken to even try it

Everybody’s doing
Just what they’re told to
Nobody wants
To go to jail!

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