Esst keine Blumen! Mark von Schlegell: Venusia

20/11/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Mark von Schlegells Debütroman Venusia ist literarische Postmoderne im frühen 2000er style. Nun in schöner deutscher Übersetzung von Simon Elson bei Matthes & Seitz erschienen, erstveröffentlicht 2005 bei Semiotext(e) – und damit in einem Programm, in dem sich seit 1974 literarische Experimente, kultureller Underground und poststrukturalistische Theorie (french theory) treffen.

Venusia ist natürlich Science Fiction: Der Roman spielt Ende des 23. Jahrhunderts (für Science Fiction-Freund_innen das ikonische Jahrhundert, in dem die Enterprise unter Cpt. Kirk ihre five year mission unternimmt). Schauplatz ist eine kleine Venuskolonie. Die Erde ist längst zersört, Rückkehr also ausgeschlossen. Selbstredend bringt ein Leben auf der Venus im 23. Jahrhundert technische und soziale Besonderheiten mit sich, die Schlegell phantasie- und humorvoll ausbuchstabiert. Klassische Science Fiction, soweit.

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Was den Roman zu einem Exponenten der literarischen Postmoderne der frühen 2000er macht, ist der Fokus auf Bewusstseinsströme und Bewusstseinsebene. Venusia ist eine Reise durch das Raum-Zeit-Kontinuum; durch ein Multiversum, in dem Denken und Wahrnehmung die Form einer technisch gestalteten und gestaltbaren Neuro-Scape bzw. N-Scape annehmen. Mark von Schlegell blendet gekonnt die psychedelischen Träume der Sixties mit ihrer Suche nach Bewusstseinserweiterung und dem Wunsch, die Pforten der Wahrnehmung aufzustoßen, mit den Cyberspace-Variationen dieses Themas um 2000 ineinander.

Aus den Blumenkindern der sechziger Jahre werden in Venusia die „Blumies“ des 23. Jahrhunderts, die sich ausschließlich von psychoaktiven Blumen ernähren, auch wenn mit der industriellen Massenfertigung der Blumen das „Futter hässlich und zügellos geworden“ war.

„Jeden T-Morgen wurden hochrangigen Angestellten der Crittendon-Regierung bündelweise Blumen zum häuslichen Verzehr geschickt. […] Beim normalen Futter, für das sich die einfachen Leute draußen auf dem Strand balgten und nach ihrem Anteil schrieen, erzeugten die Blumen sofortigen und tiefen Sinn, der die allgemeine Bedeutungslosigkeit des Lebens überwand. Sie aber so mühelos geliefert zu bekommen, ohne jegliche Anstrengung, bedeutete, mit der Leere konfrontiert zu werden, die die Blumen verdeckten.“ (S. 8f.)

Wer die Aufnahme der blumigen Nahrung verweigert, gilt als Süchtiger (Halluzinationen als Entzugserscheinung: Echsen! Überall sprechende Echsen!) und potentieller Widerständler (der einem „Neustart“ unterzogen werden muss).

Die Blumen geben den Takt vor.

„Wie der in ein Stück Treibholz geritzte Kalender des Schiffbrüchigen, war die Fütterung gemeinschaftliches Zeit-tot-schlagen. Das Futter verwirklichte das seltsame Zeitschema. Das Futter strukturierte den Tag. Das Futter wuchs immer weiter und überwucherte dabei alle anderen öffentlichen Rituale. […] Nimm Blumen, Bruder.“ (S. 15)

Die Blumen selbst, so klärt Dr. Sylvia Yang, Neurowissenschaftlerin und eine der Protagonist_innen des Romans, auf, seien nicht narkotisch, leisteten aber drogenähnliche Dienste:

„Sie entspannen uns. Sie geben unserem anormalen Leben eine sinnliche Konstante, durch die wir Gefühlsabläufe organisieren. Ohne die Blumen fallen wir einfach auseinander. Die Blumen verbinden unsere Erfahrungen miteinander, sie weben eine Gemeinschaft. Wenn diese Konstante aus dem individuellen Leben verschwindet, Herr C., wenn Sie meinen, mit uns anderen keine Blumen mehr nehmen zu müssen, dann kollabiert unsere Welt.“ (S. 34f.)

Blumenkonsum und Blumenentzug revolutionieren beide auf je eigene Art die Wahrnehmung und das Bewusstsein. Mit dem Enzug kommen die Visionen. Aber diese Visionen

„waren nicht mit der üblichen Unterscheidung von Halluzinationen und Realität zu erklären. Die durch mentale Projektion erzeugten Echsen, die Präzision ihres Aussehens und ihr selbstverständliches Auftreten nahmen die Raumzeit derart in Beschlag, als wollten sie die Realität zu einem Hologramm machen.“ (S. 66)

Und darin liegt dann auch die Pointe: Es ist der Verzicht auf die Blumen, der die Pforten öffnet, während die Wirkung der Blumen darin besteht, das Hereinbrechen der zahllosen anderen Wirklichkeiten, des kollektiven Gedächtnisses und des Unbewussten zu verhindern. Schritt für Schritt erliest man im Roman den Grund dafür: die eigentlichen Bewohner der Venus! Fühlende Pflanzen, die im menschlichen Bewusstsein über die Zeitalter hinweg den Eindruck erweckten, die Venus sei der unwirtlichste und für eine Besiedlung denkbar ungeeigneteste Planet (während sie den Einblick in die schönen Parallelversionen der Venus blockieren). Im Gegensatz zu den Menschen sind die fühlenden Pflanzen in der Lage, sich zwischen parallelen Wirklichkeiten und ineinander fließenden Raum- und Zeitebenen zu bewegen, ohne verrückt zu werden. Irgendwann setzten sich freilich die neoliberalen gegen die konservativen Pflanzen durch – und erlauben eine menschliche Kolonie (mit dem wunderschönen Argument, Menschen seien talentierte Gärtner, die helfen könnten, die Bedürfnisse und Potentiale der Blumen zu entwickeln). Damit die Menschen, denen man Einfluss in das alternative Venusiversum gewährt, psychisch stabil bleiben und nicht durch die unzähligen Welten taumeln, müssen sie eben Psychoblumen essen. Der Blumenkonsum verhindert, dass man sich in der Neuro-Scape verliert.

Venusia ist nicht ausschließlich ein Blumenroman und nicht nur eine psychedelische Matrix-Version, sondern auch ein Roman über Bücher, oder besser: eine Welt, in der Bücher zu Raritäten geworden sind, denen nur wenige nachspüren, etwa der schrullige Antiquitätenhändler Rogers Collectibles (ein weiterer Protagonist, der mit grandios witziger Verbissenheit sein aus der Zeit gefallenes Dasein als „Kleinunternehmer“ reflektiert). Wo es kaum Bücher gibt, wird auch nicht gelesen und und Schrift-Sprache ändert ihre Bedeutung. Mark von Schlegell lässt es sich nicht nehmen, dieses Lieblingsthema der french theory ironisch zu kommentieren. Jorx Crittendon, der Princeps von Venusia, so erfahren wir da, war früher nämlich Historiker und Theoretiker. Rogers Collectibles, der vielleicht letzte Bücherjäger der Kolonie, schätzt Crittendons Arbeiten (vor allem natürlich, wie es sich gehört, „die frühen Schriften“), auch wenn er ihn als Politiker nicht mag. In einer dieser Arbeiten finden sich die denkwürdigen Zeilen, in denen das Theorieprogramm umrissen wird:

„Wir trennen die Namen von den Dingen, um den Dingen freie Veränderung zu erlauben. Unzivilisierte Alphabetisierung ist überflussig. Das reine Wort wird verbannt. Wir erschaffen eine Welt aus unmittelbarer Präsenz.“ (S. 57)

Bis dahin gilt: Esst keine Blumen und träumt nicht (oder doch) die „Träume eines Blumensüchtigen“.

Mark von Schlegell: Venusia. Aus dem amerikanischen Englisch übers. v. Simon Elson: Matthes & Seitz 2016. 238 Seiten.

CETA, TTIP, Tiptree, oder: Handel in unendlichen Weiten

17/07/2016 § Hinterlasse einen Kommentar

Wenn etwas kompliziert ist – kompliziert zu verstehen oder kompliziert zu bewerkstelligen -, dann hilft Science Fiction. Das gilt auch für die unendlich komplizierten, weitgehend intransparenten, viel diskutierten und viel kritisierten Freihandelsabkommen CETA und TTIP. Offenkundig gebiert der Freihandel vertragliche Ungeheuer. Es bedarf scheinbar eines ungeheuerlichen Apparats und Vorlaufs, damit Güter und Waren einfach, schnell und leicht über weite Räume gehandelt werden können.

Es könnte natürlich auch einfach sein: Man könnte sich einfach gegenseitig zusichern, alle Waren und Güter der ‚anderen‘ rein zu lassen. Aber nach welchen Regeln? Entweder beharrt man darauf, dass alles, was ‚bei uns‘ eingeführt wird, ‚unseren‘ Regeln und Vorgaben entsprechen muss, oder ‚wir‘ vertrauen ‚ihnen‘ und ‚ihren‘ Regeln. Das Problem ist nur, dass den jeweiligen Regeln unterschiedliche Einschätzungen darüber zugrunde liegen, welche Waren und Güter (un-)gesund, (un-)gefährlich, (un-)schädlich sind. US-Amerikaner_innen finden französischen Rohmilchkäse nicht nur eklig, sondern halten ihn fast schon für eine kulinarische Form bakteriologischer Kriegsführung; Europäer_innen erkennen im Chlorhühnchen den Vorboten eines alten Witzes von Louis de Funès.

Wenn bereits Kanada, die USA und die Europäische Union – die ja immerhin behaupten, einer gemeinsamen (westlichen) Wertegemeinschaft und Konsummoderne anzugehören – feststellen müssen, dass selbst in profanen Waren und Konsumgütern abweichende kulturelle Vorlieben, Abneigungen und Werthaltungen eingeschrieben sind – wie muss es dann erst im extraterrestrischen, interstellaren Handel aussehen?

Die Kurzgeschichte Geburt eines Handlungsreisenden von James Tiptree Jr. aus dem Jahr 1967 – ein wundervolles SciFi-Kleinod – gibt einen Einblick in die unterschiedlichen Strategien im Umgang mit den Problemen eines weiträumigen (Frei-)Handels. Im Mittelpunkt der Geschichte steht T. Benedict, Mitarbeiter einer Handelsorganisation und dort der Verantwortliche in der Abteilung FKGK – „Fremdkulturelle Gestaltklarierungen“.

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Als Einstieg in die Geschichte und Beschreibung von Mr. Benedicts Arbeit dient ein Telefongespräch, dass dieser mit einem Klienten führt. Das ist literarisch fein gearbeitet, und es macht Vergnügen, als Leser die andere Seite des Gesprächs zu imaginieren.

„Eff-ka-ge-ka. … Richtig, Sie brauchen eine Klarierung von uns, wenn Sie Ihr Produkt außerhalb des Planeten versenden wollen … Richtig, das gilt auch für außerplanetare Waren, die hier weiterverarbeitet werden. Sobald man sie irgendwie in die Finger nimmt … Ja, genau, Fremdkulturelle Gestaltklarierungen. Ein scheußlicher Name, ich weiß; war nicht meine Wahl. Wir schicken Ihnen die Formulare zu … Moment, dass wir uns richtig verstehen, der Name ist vielleicht albern, aber unsere Aufgabe nicht. Was wollen Sie versenden? … Lager mit monomolekularer Beschichtung? Wie sind sie verpackt? … Wie sie verpackt sind, will ich wissen. In was für Behältern? In kugelförmigen? Schön, Sie wollen sie also in den Deneb-Sektor verschicken. Das heißt, über den Transferpunkt Deneb-Gamma, richtig? … Na, dann schlagen Sie es mal nach, Sie werden feststellen, dass die Ware darüber laufen muss. Also, in dem Moment, in  dem diese Kugeln von Ihnen da durch den Transfer rollen, wird sich die komplette Belegschaft von Station Gamma auf ihre Opercula hocken und niemand krümmt auch nur einen Tentakel, weil Kugeln auf Gamma nämlich religöse Bildnisse sind, alles klar? Und der Transmitter bleibt auf Ihre Kosten offen, abgerechnet per Mikrosekunde, und Ihr Produkt rührt sich kein Stück, bis ein dortiger atheistischer Rettungstrupp da reingebracht wird – zum dreifachen Satz, auf Ihre Kosten – und den Weiterversand übernimmt, ja? Wenn Sie sich diesen Mist ersparen wollen, müssen Sie uns ein Muster zur Klarierung schicken. Und zwar, bevor die Fracht versiegelt wird! Alles klar? … Ich schick Ihnen die Formulare und Sie sehen zu, dass wir schleunigst die Muster reinbekommen, Wir tun, was wir können.“

Die Geschichte folgt im Wesentlichen dieser Logik und bezieht ihre Komik und Dynamik aus der schieren Unendlichkeit der Variationen von Produkteigenschaften, denen auch mit dem brillantesten fremdkulturellen Gestaltklarierer und einem allumfassend besetzten „Fremdwesen-Beirat“ nicht im Vorhinein beizukommen ist. Bekannte Faktoren lassen sich vorweg ausschalten – etwa die Gefahr, dass ein Paket auf einem bestimmten Planeten angeknabbert wird, weil den dortigen Transportarbeitern das Rot des Paketaufdrucks so gut schmeckt usw. – anderes bleibt aber völlig rätselhaft, und man ist erst im Nachhinein schlauer, wenn überhaupt. Es sollte also niemanden verwundern, dass auch heute amerikanische und europäische CETA- und TTIP-Unterhändler_innen mit ihren Versuchen, alle Unwägbarkeiten vorab vertraglich zu klären, einfach nicht hinterherkommen. Im Grunde – das könnte man aus Tiptrees Geschichte lernen – weiß man nie abschließend, was es überhaupt alles zu regeln gilt, geschweige denn, dass man sich auf das Wie einigen könnte.

Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: einerseits das optimistisch-expertokratische Bürokratiemodell, auf das Tiptree in den 1960er Jahren augenzwinkernd setzte; andererseits das privatrechtliche Vertragsmodell, mit dem sich zwei „Unternehmer“ auf die Bedingungen und Voraussetzungen eines Geschäfts oder einer Reihe von Geschäften einigen. Kanada, die USA und die EU probieren sich am zweiten Modell. Das hat wohl auch etwas mit dem Zeitgeist zu tun. Die Kritik an CETA und TTIP ist aus unterschiedlichen, nicht immer unzutreffenden Gründen erheblich. Sie wäre wahrscheinlich aber noch massiver, wenn jemand eine ressourcenstarke europäische Behörde fordern würde, die von Fall zu Fall und auf Antrag Produkte prüft und „Unbedenklichkeitsbescheinigungen“ ausstellt – oder eben auch nicht. Bereits T. Benedict muss sich in Tiptrees Geschichte mit verärgerten Geschäftsleuten herumschlagen, die sich über die Kosten bestimmter Auflagen beklagen und die Behörde für alles, was schief geht verantwortlich machen. „Wofür zahle ich meine Steuern? Inkompetent! Parasitär! Bah!“

Im progressiven Klima der USA der Sixties konnte man Partei für aufgeklärte öffentliche Angestellte ergreifen – gegen die allzu eindeutigen und durchschaubaren Interessen der Geschäftswelt. Seither hat die Bürokratiekritik erheblich an Bedeutung gewonnen. Diesen Aspekt des Neoliberalismus finden alle gut … Die EU-Kommission hat vielleicht deshalb ein so schweres Standing, weil sie als bürokratische Behörde wahrgenommen wird, die sich wie ein schmierig-gieriger Geschäftsmann aufführt; jedenfalls nicht wie der integere Mr. T.Benedict von der FKGK.

 

Die Geschichte Geburt eines Handlungsreisenden (1967) ist erschienen in: James Tiptree Jr.: DOKTOR AIN. Sämtliche Erzählungen, Band 1 (aus dem Amerikanischen von Elvira Bittner, Andrea Stumpf, Samuel N. D. Wohl, Laura Scheifinger, Frank Böhmert und Margo Jane Warnken). Der Band ist Teil der wunder- und verdienstvollen Werkausgabe, die der Septime Verlag anlässlich des 100jährigen Tiptree-Jubiläums seit 2011 herausgibt. Danke!

P.S. Bei James Tiptree Jr. handelt es sich natürlich um Alice B. Sheldon, deren unter männlichem Pseudonym verfasste Kurzgeschichten zum Kernbestand moderner Science Fiction gehören.

Jungsspielzeuge statt feministischer Utopie – Alexander Krützfeldt: Wir sind Cyborgs (2015)

05/12/2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Cyborgs haben immer mal Konjunktur. Gerade ist es wohl wieder soweit. Jedenfalls hat Alexander Krützfeldt unter dem Titel Wir sind Cyborgs (Blumenbar) gerade eine Reportage aus der Welt der Cyborgs veröffentlicht.

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Der Stil des Buchs – übrigens sehr schön gestaltet, vor allem mit tollen Illustrationen von Annelie Kretzschmar – erinnert ein wenig an Bücher oder Dokumentationen a la ‚Expeditionen ins Tierreich‘ oder ‚Durchs wilde Kurdistan‘. Es handelt sich also um eine Art Entdeckungsreisebericht. Krützfeldt schildert seine Begegnungen mit ‚Cyborgs‘ an unterschiedlichen Orten. Das Buch will den interessierten Laien, also uns als Leser_innen, eine unbekannte Spezies in ihrem natürlichen Habitat vorstellen. Krützfeldt setzt einerseits auf den Effekt des Exotischen. Viele Passagen wollen offenkundig schmunzelnd-verblüfftes Kopfschütteln, ungläubiges Staunen usw. provozieren. Das klappt mal besser, mal schlechter. Andererseits spielt das Buch mit den Erwartungen und Assoziationen zum Thema. Krützfeld spekuliert darauf, dass alle sofort an Science Fiction, an Robocop, Terminator, die Borg, denken – und kontrastiert das mit der sehr viel unspektakuläreren Welt derjenigen, die sich Chips unter die Haut pflanzen, um ihre Körpertemperatur zu messen, Hightechprothesen oder besondere Hörgeräte tragen.

In vielen Punkten ist das spannend, zumindest interessant – nice to know, aber nicht viel mehr. Es lohnt immer dann, wenn ein Nachdenken über die Grenzen des Menschen in Gang kommt. Und es ist plausibel, die Schwelle zum Cyborg etwas niedriger anzusetzen; nicht erst bei Robocop oder dem Terminator, sondern eher bei Geordi La Forge. Allerdings verliert die Cyborgologie dadurch auch viel von ihrem Reiz. Die Protagonisten des Buchs (Protagonistinnen gibt es nur wenige) neigen zwar dazu, sich als Außenseiter oder Avantgarde zu inszenieren, ihre Ideen verlassen den Rahmen der gegenwärtigen Fitness-, Gesundheits- und Selbstoptimierungsideologie aber nur selten. Die Mehrheit der Cyborgs, die im Buch begegnen, ist dann vielleicht eine Avantgarde, aber eben nur die Avantgarde des allgegenwärtigen Neoliberalismus. Macht Euch fit für den Wettbewerb! Überwindet Eure Handicaps!

Selbst die Cyborgs haben inzwischen, diesen Eindruck vermittelt Krützfeldts Buch, den Sinn für das Emanzipatorische verloren und leben in einer Welt, die eher unspektakuläre Ideen produziert. Über Tim Cannon, einen der us-amerikansichen Cyborgpioniere heißt es: „Hört man ihn und seine Jungs reden, klingt neben dem Interesse an der Wissenschaft auch eine ordentliche Dosis Technik-Religiosität durch. Einschließlich lose eingestreuter Erlösungsmetaphern.“ Eher nicht so reizvoll, oder? Dabei muss man noch nicht einmal auf die krypto-eugenischen Denkstränge in dieser Ideensuppe eingehen, auf die Krützfeld auch hinweist. Und auch nicht darauf, dass einige der Cyborgs auf Kritik (etwa den Einwand, dass ein gewisser medizinischer Sachverstand für die Durchführung von Operationen am eigenen oder fremden Körper eine gute Idee sein könnte) reagieren wie die Aluhutträger: mit Beschimpfungen der „Mainstream-Wissenschaft“.

Alexander Krützfeldts Reportage legt nahe, dass sich das Koordinatensystem des Cyborgismus in den letzten knapp fünfzig Jahren erheblich verschoben hat. Nicht nur ist das utopische Moment zugunsten einer pragmatischen Langweiligkeit verschwunden (oder zumindest dabei zu verschwinden). Darüber hinaus scheinen sich die Cyborgs auch zu maskulinisieren. Jedenfalls zeigen Krützfeldts Expeditionen ins Cyborgreich eine männliche Welt (jung bis mittelalt). Die real existierenden Cyborgs anno 2015 gehören nicht jener Spezies an, die Feministinnen wie Shulamith Firestone oder Donna Haraway in den 1970er und 80er Jahren herbeiträumten. Den von Krützfeldt portraitierten Cyborgs kommt eine potentielle Überschreitung der Grenzen von Geschlecht und Geschlechtlichkeit nicht mehr in den Sinn. Ihnen reicht es aus, an ihren Gadgets und Implantaten zu schrauben, zu löten und zu programmieren; fitter, gesünder und leistungsfähiger zu sein. Wenn Cyborgisierung aber nicht mehr auf eine Überschreitung von Grenzen und eine fundamentale Verunsicherung etablierter Kategorien verweist, sondern sich mit einer Erweiterung bestehender Fähigkeiten begnügt – worin soll dann die Verheißung bestehen?

Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Mars? Der neue Roman von Georg Klein

01/11/2013 § 3 Kommentare

Lektüre und Rezension eines Buchs sind voraussetzungsvoll, schließlich muss man zuallererst auf ein Buch aufmerksam werden und es kaufen oder ausleihen, um es dann lesen und besprechen zu können. Dass ich mich hier dem neuen Roman von Georg Klein („Die Zukunft des Mars“) widme, wurde durch zwei Dinge möglich gemacht.

Erstens meine Buchhandlung. In der Buchhandlung Lessing und Kompanie Literatur e. V. führte kürzlich mein etwas verschämtes Geständnis, heimlich Science Fiction zu mögen, zu einer spontanen Lobrede auf Georg Kleins neuen Roman, der mit „Zukunft“ und „Mars“ zwei eindeutige Schlüsselworte in Sachen SciFi bereits im Titel trägt.

Zweitens die Buchgestaltung. „Die Zukunft des Mars“ ist ein schönes Buch – beautiful. Rowohlt-Verlag und Gestalterin Lisa Neuhalfen haben einen Sinn für die Verführungskraft des Materiellen. Ein strahlend orangener Leinenbuchrücken, ein blutrotes Lesebändchen, die düster-tröstliche Coverzeichnung von Anke Feuchtenberger, das Orange der Schnittkanten.

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Die gestalterische Schönheit begleitet die Leserin und den Leser auch im Innern des Buchs. Das Layout des Covers wiederholt sich in den Zwischentiteln, das strahlende Orange – vielleicht die eigentliche signature color des ‚roten Planeten‘ Mars? – kehrt wieder und wieder. Die Typographie: einnehmend-elegant.

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Wenn sich Buchhandel und Buchgestaltung begeistert-begeisternd verbünden, kann ich nicht widerstehen. Zum Glück. Das Genre des Science Fiction-Romans wird von Georg Klein als Aufforderung interpretiert, nicht nur eine irgendwie eigentümliche Geschichte zu komponieren (das tut er auch; und es gelingt ihm), sondern zugleich eine Sprache zu entwicklen, die etwas Zukünftig-Fremdes hat. Die Sprache leistet und verstärkt hier jenen Effekt, der für gute Science Fiction absolut notwendig ist: die Ent-Fremdung der Leserinnen und Leser von Geschichten, Schauplätzen und Figuren. Schlechte Science Fiction behauptet Fremdheit meistens nur, liest sich dann aber wie eine Geschichte über eine halbglückliche Familie in einer halbbekannten Provinzstadt, die sich um den Abwasch und den HJ-Opa streiten oder sich mit dem Leben in der DDR arrangieren.

Der erste Teil des Romans entführt in die merkwürdige Welt der Marskolonisten, ihre sozialen Beziehungen, die Organisation ihres Wirtschafts-, Arbeits- und Familienlebens, Nahrungs- und Versorgungsgewohnheiten wie auch -probleme. Die Welt der Kolonisten auf dem Mars bestätigt, wovon die Einstürzenden Neubauten schon vor einiger Zeit sangen: „Life on other planets is difficult!“ Der zweite Teil nimmt die Leser_innen auf die Erde mit, auf der allerdings auch nichts (mehr) sein wird, wie es heute ist. Beide Teile funktionieren mehr oder weniger parallel. Man fragt sich die ganze Zeit, was beide Roman-Teil-Welten miteinander zu tun haben – und erfährt es nicht. So gehört sich das für SciFi: nix verraten, nix erklären, dafür aber die spekulative Vernunft befeuern. Die Teile drei und vier knüpfen dann allerdings doch zarte Fäden zwischen Erde und Mars; einmal aus Marsperspektive, das andere Mal aus Erdenperspektive. Es bleibt aber alles ausreichend kryptisch.

Georg Klein beherrscht und kultiviert die Kunst der Aussageverweigerung in den entscheidenden Passagen. Im Rahmen der Lesung in der Lessing und Kompanie-Buchhandlung vor einigen Tagen nannte er dieses Verfahren: „den inneren Thomas Mann überwinden“. Sprachlich und kompositorisch ist es mitunter schlicht überragend, wie Klein Erklärungen skizziert, die letztlich nur erklären, dass nichts erklärt werden kann oder – er einfach nichts sagt. Erde und Mars, so viel vielleicht, befinden sich beide in post-apokalyptischem Zustand. In beiden Fällen ist die Apokalypse in den Kopfen der Figuren noch präsent, aber irgendwie nur noch als verwaschene Erinnerung. Die nur diffus, metaphorisch und poetisch benannten Katastrophen liegen jeweils schon lange zurück; zu lange, um noch genau zu wissen und darüber zu berichten, was eigentlich passiert ist.

Vor allem der erste Teil des Roman ist brillant. Klein gelingt hier ein gradioser Kniff in Sachen Erzählperspektive („die Richtung des ‚libidinösen Pfeils‘ umkehren“, GK). Er lässt einen Marskolonisten ein (Selbst-)Rechtfertigungsschreiben an seine, ihm unbekannten erdbürgerlichen Zeitgenossen verfassen. Der Marskolonist erklärt sich und seine Welt, er teilt den Erdlingen mit, was er über sie und ihre Welt zu wissen glaubt; und er vergleicht beide Welten miteinander. Er wirbt für Verständnis und begründet Differenzen. Diese Erzählperspektive ist schon spannend genug, wird aber noch einmal weitergetrieben. In der Marskolonie hat man nämlich irgendwann die Erdenmuttersprache teilweise verlernt, teilweise erheblich verändert. Vor allem ging die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens verloren – durchaus aus pragmatischen, nachvollziehbaren Gründen. Die wenigen Erdenbücher, die mit der ersten Kolonisierung auf den Mars kamen, werden als Reliquien betrachtet, aber nicht gelesen. Der Chronist des ersten Teils ist ein „Heimlichleser“ und „Heimlichdenker“. Im Verborgenen hat er gelernt, die Bücher von der Erde zu lesen. Er hat sich aus diesen insgesamt nur 56 Bänden sein Bild der Erde und ihrer Bewohner zusammengereimt, und beginnt nun zu schreiben.

„Kein Kolonist hat Kenntnis von meiner Lektüre. Niemand bei uns ahnt, dass ich die Mutter unserer kargen Sprache, jenen prächtigen Singsang, in dem die Heiligen Bücher verfasst sind, nicht bloß ablesen und verstehen, sondern auch in eigene Sätze gießen und Wort für Wort, Buchstabe an Buchstabe, Strich an Bogen niederschreiben kann. Der Umfang unserer Büchersammlung muss Euch kümmerlich, ja lachhaft erscheinen. Haltet mir zugute, dass es sechsundfünfzig sehr große und recht dicke Bücher sind. […] Bei uns ist es Brauch, Blatt um Blatt andächtig langsam zu wenden. Keiner meiner Mitweltler würde wagen, an der heiligen Unlesbarkeit des Niedergeschriebenen zu zweifeln.“ (S. 11f.)

„Ich verstehe nicht, was Geld ist. Erneut habe ich darüber nachgegrübelt, aber ich begreife sein Wesen nicht, obwohl sich in den Heiligen Büchern reichlich Beispiele für seinen Gebrauch finden. […] Allenfalls dämmert mir ein Verdacht. Geld ist offenbar in besonderer Weise beweglich, wie auf vielen emsigen Füßchen unaufhörlich vorwärtsstrebend. Obwohl Ihr Euch diese tippelige Zukunftsflucht auf mannigfaltige Weise zunutze macht, seid Ihr zugleich auf sorgend ängstliche Weise um den Bestand des Geldes, fast um seinen Stillstand bemüht. Auf widersprüchlich sinnige Weise scheint es Schwundgeld und Bleibgeld in einem zu sein.“ (S. 61f.)

Der Marskolonist sieht sich mit Schwierigkeiten konfrontiert, die Historiker_innen, Anthropolog_innen oder Ethnolog_innen immer wieder zu bewältigen haben. Er ist ein Forscher, der sich Quellen in einer ihm nicht unmittelbar zugänglichen Sprache nähern muss. Er muss sich Bedeutungen erschließen. Er imaginiert sich seinen Untersuchungsgegenstand. Entscheidend und für die Erzählperspektive außerordentlich spannend ist hier nun aber, dass unser Marskolonist nicht nur über seinen Forschungsgegenstand spricht, sondern zu ihm; dass er sich seinem Forschungsgegenstand gegenüber erklärt und rechtfertigt. Er erlernt mit Lesen und Schreiben eine ihm fremde, dem Gegenstand seiner Neugier aber vertraute Kulturtechnik – gerade deshalb, weil er die ihm fremde, unbekannte Kultur verstehen will. Er lotet Differenzen aus, (be-)schreibt sich aber selbt in eine(r) untergeordneten, ‚primitiven‘ Position. Wo ansonsten der westliche Ethnologe an den Amazonas reist und dann über die dortigen Stämme schreibt, ist die Perspektive hier umgekehrt: Das „wilde Denken“ schreibt zurück. Der ‚Wilde‘ lernt die Sprache des ‚Zivilisierten‘ und eignet sich punktuell dessen Rolle an.

Wie übrigens die Dame des Hauses der Lessing und Kompanie-Buchhandlung treffend anmerkte: „Die Zukunft des Mars“ sollte verfilmt werden, am Besten unter der Regie von Terry Gilliam, in der Tradition von „Brazil“ und „12 Monkeys“.

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