es könnte goth sein II: das debütalbum von 2:54

Vor einiger Zeit habe ich angekündigt, eine kleine Serie zu schreiben, die sich neuen Alben und Künstler_innen widmet, deren Musik sich – um David van Mark zu zitieren – irgendwo zwischen “new grave” und “dark synth disco” bewegt. Nachdem der erste Teil schon etwas zurückliegt, folgt hier endlich Teil II.

Diesmal geht es um das selbstbetitelte Debütalbum der Band von Colette and Hannah Thurlow: 2:54. Auch im Fall von 2:54 gilt meine Leitthese für diese Rubrik. Es könnte goth sein. Genau genommen: Gäbe es noch einen Funken musikalischer Kreativität in der düsteren Unterwelt, würde gothic in irgendeiner Weise noch musikalisch reizvoll sein, dann klänge das wohl so. Und es sähe wohl auch so aus.

2:54 haben eine Vorliebe für einwortige Songtitel (Scarlet, Sugar, Circuitry, Watcher, Ride, Creeping), eine Technik, die immer schon auf poetische Unklarheit und Interpretationsoffenheit verweist – dieses eine Wort transportiert eben immer die stumme Behauptung, es sei lediglich Verdichtung eines sehr viel weiter ausgreifenden Zusammenhangs, den man nur entschlüsseln müsse. Die Texte greifen das auf, und sie sind so mysteriös, wie sie eben sein müssen.

CAUGHT INSIDE THE VEINS
SLIDING THROUGH THE GATES
EYES STUNG AND LIPS BURNT
IT FELL
BEND TO MEET THE LOW
DISSOLVE INTO THE DAWN
COARSING AND SOARING
IT FELL
LEADING TO
WHISPERING DISAPPEARING
CANNOT LEAVE A SCAR

“LOVER” SHE SAID
“YOU PUT THE BEAT IN MY BONES
IT’S YOUR LIGHT HERE IN MY HAND
YOU MAKE IT EASY TO SEE”
IT FLOWS
FLOWS
FLOWS

(2:54 – Scarlet)

Der atmosphärische Effekt, den 2:54 mit ihren Texten, ihrer Musik und ihrem Gesang erzeugen, ist genauso uncanny, wie das bei Veronica Falls der Fall ist, aber der Effekt entsteht hier in umgekehrter Richtung. Bei Veronica Falls fühlt man sich von Gespenstern verfolgt. Bei 2:54 glaubt man, sich selbst in ein Gespenst zu verwandeln oder schon verwandelt zu haben. 2:54 laden dazu ein, die Gespensterperspektive selbst und für sich zu übernehmen. Diese Gespenster verfolgen nicht. Sie verführen zum Gespenstersein. „I’ve been watching / I’ve been waiting / For You / For You / I just want to be close / Let myself in / Hope You don’t mind it …“ (You’re Early).

Christina Mohr hat in ihrer Besprechung auf CULTurMAG betont, dass nicht alle Songs auf 2:54 überzeugen, dass der Anfang und das Ende des Album toll, der Mittelteil aber etwas schwächlich sei.

„In drei Songs (“Revolving”, “You´re Early” und “Creeping”) verbinden 2:54 Shoegaze und Stonerrock zu einer umwerfenden Mischung, verführerisch und perfekt […]. […] [A]ber leider überzeugen die sieben Songs im Mittelteil nicht – viel zu konventionell wirken Kompositionen und Arrangements von ‚A Salute‘ oder ‚Scarlet‘, von Lush und Girlschool keine Spur mehr, eher Starship in ihrer Midtempo-Mainstream-Phase, abgeschmeckt mit ein wenig Gothicrock.“

Auch wenn man über die Beurteilung der einzelnen Songs sicher anderer Meinung sein kann (ich mag ‚Scarlet‘), Christina Mohr steckt den musikalischen Rahmen von 2:54 treffend ab. Nur, hätte der Gothicbezug wirklich dafür herhalten müssen, um Schwächen zu markieren? Aus meiner Sicht erfüllt ‚Stonerrock‘ diese Funktion viel besser. 2:54 sind doch immer dann wirklich stark, wenn sie den Gothicrahmen wirklich ausbuchstabieren.

Wollte man – und das will man ja immer – 2:54 in ein Gothic-Sound-Koordinatensystem einordnen, dann böten sich zwei Bezugspunkte an: Die Gitarre von Hannah Thurlow verbeugt sich vor den frühen Helden The Cure. 2:54 gelingt es, düstere Melodien zu entfalten, die nicht nur an The Cure erinnern, sondern in den besten Momenten ebenbürtig sind. Das ist oft ebenso treibend wie poetisch. Es gibt also Gründe, warum 2:54 bei Fiction Records, der Heimat von The Cure erschienen sind – und wen erinnern die Bandschattenspiele im Video zu You’re Early nicht an das Boys Don’t Cry-Video? Der Gesang von Colette Thurlow verweist – zumindest fände ich es schön, wenn es so wäre – auf die großartige Debra Fogarty, deren Band Diva Destruction seit Ende der Neunziger auf eigenwillige Weise ebenso großartig wie sträflich unterbewertet ist. Oder nicht?

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The Cure und das Ende des Kapitalismus

Bloodflowers (2000) gehört nicht zu den Alben von The Cure, die ich sonderlich häufig höre. Das dürfte wohl ein Fehler (gewesen) sein, denn das Album ist der perfekte Soundtrack zur ökologisch-spätkapitalistischen Apokalypse. Bloodflowers ist weit weg von der Perfektion von Disintegration (1989) oder den Pop-Perlen in Singleform, die The Cure in der zweiten Hälfte der achtziger aneinander gereiht haben (oder dem 1982er-Liebling Pornography). Dieses Album ist ein bedrohlicher Klangdschungel, in dem wuchernde Natur und wuchernde Psyche eins werden. Das Album macht aus Robert Smiths ikonischer Vogelnestfrisur ein gespenstisches Lianengeflecht. Das gilt für jeden einzelnen Song wie für das Ganze: Wer würde schon behaupten, sich aus dem elfminütigen Watching Me Fall ohne Hilfe wieder herausfinden zu können?

Aber nicht Watching Me Fall ist der Song, der paradigmatisch für das Album steht, sondern das immerhin auch noch siebenminütige 39 – auch wenn Chris Ott das vor zwölf Jahren ist seiner Besprechung anders sah.

Bloodflowers, so schrieb Ott damals, „closes with Smith’s biggest resignations: ’39‘ and the title track. The former starts off with a bizarre guitar effect that almost resembles the video game music of old; it takes the signature Simon Gallup bass line (in arguably its finest presentation) to get things moving properly. There’s the customary self-loathing in the lyrics [but] ’39‘ lacks the usually powerful music that accompanies such rants; it can’t hold a candle to even ‚Watching Me Fall‘.“

Das soll keine kraftvolle, mächtige Musik, kein überwältigender Sound sein? Vielleicht war er es 2000 auch nicht, aber heute? Wie soll man hier nicht an eine überwältigende, übermächtige Öko-Apokalypse denken? Wie kann man hier nicht den Soundtrack des spätesten Kapitalismus hören? Auch der Text bietet heute mehr als „self-loathing […] rant“.

So the fire is almost out and there’s nothing left to burn / I’ve run right out of thoughts and I’ve run right out of words / As I used them up, I used them up /  Yea, the fire is almost cold and there’s nothing left to burn / I’ve run right out of feeling and I’ve run right out of world / And everything I promised, and everything I tried / Yea, everything I ever did.

Etwas prosaischer: Es drängen sich wachstumskritische Assoziationen auf, die bis zu jenem Punkt getrieben werden, an dem Ressourcenverbrauch, Kapitalismus und Apokalypse konvergieren. Kritikerinnen und Kritikern des postmodernen Kapitalismus dürften die Topoi bekannt sein: ein neuer Kapitalismus, der nicht mehr nur von der Arbeit, sondern von den Gedanken, Worten, Geführen und Wünschen – von der Subjektivität jeder und jedes Einzelnen – lebt. Oder nicht?

I used to feed the fire / Half my life I’ve been here, half my life in flames / Using all I ever had to keep the fire ablaze.

Verstörend wird das Ganze, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass der Kapitalismus vielleicht gar nicht das Feuer, sondern das lyrische Ich sein könnte. Dann nämlich bringt der Kapitalismus die Subjekte hervor, die ihm gar nicht so sehr oder ausschließlich unterworfen sind, sondern in ihrem Überleben von ihm abhängen. So oder so: Die Untiefen der Feuer- wie auch der Kapitalismusmetaphorik geben einiges her. Dass und wie The Cure beide Stränge – vermeintlich – aufeinanderprallen lassen, macht 39 zu einem großartigen Song.