Wandelnde Leichen – die Koffeinsucht junger Fabrikarbeiterinnen (1893)

05/02/2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Minna Wettstein-Adelt (1869-1908) veröffentichte 1893 den Bericht 3 1/2 Monate Fabrik-Arbeiterin, in dem sie – eine der Vorkämpferinnen der bürgerlichen Frauenbewegung – sich dem Elend der ‚Schwestern‘ in den Fabriken widmete. Zu diesem Zweck verbrachte sie einige Zeit im Undercovereinsatz in einigen Chemnitzer Textilfabriken. Derartige Expeditionen in das fabrikgesellschaftliche Herz der Finsternis waren im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert durchaus in Mode.

Minna Wettstein-Adelt schildert alle möglichen Facetten der Lebens- und Arbeitswelt junger Fabrikarbeiterinnen und zeigt sich permanent erschüttert und schockiert darüber, wie anders, wie roh, wie schamlos, wie unzivilisiert und wie bestialisch (alles ihre eigenen Etiketten) diese Welt im Vergleich zur Berliner Bürgerwelt ist. Am Ende ihrer gut hundert Seiten starken Schrift findet sich ein Kapitel, dass mit „Verschiedenes“ überschrieben ist – und in diesem Kapitel findet sich ein Kommentar zum größten Laster der (jungen) Fabrikarbeiterinnen: dem  Essen von Kaffeebohnen.

„Es giebt [sic] Mädchen unter den Arbeiterinnen, von denen man erschrickt, die den Stempel des Todes im Antlitz tragen, mit weißer Gesichtsfarbe und tiefliegenden Augen, wie wandelnde Leichen, die sich ruinieren und elend machen um elender Kaffeebohnen willen. Solche Koffeinsüchtigen verbrauchen ihren halben Lohn für dieses Gift, sie haben größtenteils einen ruinierten Magen und bedürfen kaum der festen Nahrung. Eine meiner Nachbarinnen kaufte sich jeden Morgen eine Düte [sic] frischgebrannter Kaffeebohnen, am Nachmittage hatte sie alle verzehrt und sehnte sich nach ’neuen‘. Ich glaube kaum, daß man diese Unglücklichen retten kann, denn sie sind jeder Selbstbeherrschung und Energie bar, sie sind weit schwerer zu kurieren, denn Cocainsüchtige.“ (S. 103)

Eine wundervolle Passage; aufschlussreich in vielerlei Hinsicht.

Die weiße Gesichtsfarbe und tiefliegenden Augen der wandelnden Leichen erinnern daran, wie verbreitet es im neunzehnten Jahrhundert war, die Fabriken (und den Kapitalismus) als moderne Verkörperung des Vampirismus zu beschreiben. „Das muß man gesehen haben“, hieß es etwa 1913 in Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen (dem Publikationsorgan der proletarischen Frauenbewegung um Clara Zetkin), „um den Leiber und Geister auspressenden Kapitalismus ganz zu begreifen. Und immer mehr solcher geduldiger Lämmer, immer mehr solcher Frauen, Mädchen und Männer schleppt der Vampyr ins Land.“ Die Existenz tatsächlicher Vampire trieb mit deren literarischer Kodifizierung in der gothic novel inzwischen niemanden mehr um, die Metaphoriken des Vampirismus allerdings schon – wenn es um die armen, elenden Fabrikmädchen ging. Vor allem die Arbeiterinnen der Textilindustrie, das hat die Historikerin Eva Pietsch in einer schönen Studie (Gewerkschaft, Betrieb und Milieu in der Bekleidungsindustrie, Essen 2004) herausgearbeitet, schienen dieses Bild zu bestätigten: „Bleiche Lippen und hektische Wangen, flache Brust und blasse Haut.“

Die Brücke von der Koffein- zur Kokainsucht bekräftigt dagegen eine Binsenweisheit in der Geschichte stimulierender Substanzen: Drogen nehmen immer nur die Anderen und am Gefährlichsten ist immer das, was die unteren Schichten nehmen (denen es, natürlich, in noch größerem Maß an Selbstbeherrschung mangelt, als es bei bürgerlichen Süchtigen der Fall sein mag). Als Minna Wettstein-Adelt ihre Passage schrieb, war es noch gar nicht so lange her, dass Kokain als medizinisch-pharmazeutische Wunderwaffe verwendet wurde, unter anderem um Morphinsucht zu behandeln … Immerhin schlug Wettstein-Adelt nicht vor, dem Essen von Kaffeebohnen damit auf den Leib zu rücken. Mich hat sie allerdings daran erinnert, wieder einmal schokoladenüberzogene Espressobohnen zu kaufen (ich höre wieder auf, falls irgendwann der halbe Lohn dafür draufgehen sollte).

das prinzip deacon frost

09/12/2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Deacon Frost – der von Stephen Dorff gespielte Vampir – ist der eigentliche Held in Blade (1998). Frost ist der paradigmatische Vampir der Postmoderne: in der Postmoderne und für die Postmoderne. Frost verkörpert in dreifacher Hinsicht ein Gegenmodell zum vormodernen wie auch modernen Vampir und bietet sich selbst als role model für zukünftiges Vampirleben an. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass er bei Strafe der eigenen Vernichtung scheitert – das ist schließlich das Schicksal jeder Avantgarde. Mit Deacon Frost wird der Vampir zum Zeremonienmeister einer vampirischen „Gesellschaft des Spektakels“ (Guy Debord), zum postmodernen Unternehmer seiner selbst und zum bricoleur der Geschichte.

1) Deacon Frost in der Blutdisco: Die grandiose und berühmte Eröffnungsszene von Blade führt in einen undergroundigen Vampirclub, mitten in eine Party, die – bezeichnender Weise und laut Werbebanner  – Blood Bath heißt. Der Club befindet sich unter einem Schlachthof. Augenfälliger lassen sich moderne Industriegesellschaft und postmoderne Gesellschaft des Spektakels kaum in Beziehung setzen. Blut fließt hier wie dort; einmal jedoch im Kontext industriell betriebener Massenschlachtung und Fleischverarbeitung, das andere Mal als fast schon kultisches Menschenopfer im Kontext eines entgrenzten Spektakels. In den Schlachthöfen Chicagos wurde um 1900 die Fließbandproduktion geboren. Die Blutsdisco führt um 2000 vor, was postmodern entertainment heißt. Dazu passt, dass Deacon Frost selbst nicht nur als kapitalistischer Investor im Hintergrund agiert, sondern in die in seinen Clubs feiernde Menge eintaucht. Sein Lebensentwurf ist zugleich sein Geschäftsmodell.

2) Deacon Frost und der Rat der Vampire: Bruchlinien und Konflikte stellt Blade auch innerhalb der Gesellschaft der Vampire zur Schau. Deacon Frost kämpft und gewinnt gegen den altehrwürdigen, gesetzen und gesättigten Rat der Vampire. Dieser Rat begegnet dem postmodernen Helden nicht nur mit vampirrassistischen Vorurteilen, sondern verdammt ebenso entschieden Frosts Lebensentwurf und Geschäftsmodell. Der Rat der Vampire – eine Ansammlung mittelalter, weißer Herren im Anzug  – verkörpert in Haltung und Auftreten einen vampirischen corporate capitalism, der gerade in der Gegenüberstellung mit Frost antiquiert wirkt. Dieser Vorstand und Aufsichtsrat der Vampire, Inc. sorgt sich eher um internationale Finanzgeschäfte und Verträge mit den Menschen (man hat ein spiegelbildliches, politisch-ökonomisches Geheimgremium, mit dem der Rat der Vampire seine Absprachen trifft, formlich vor Augen) als dass es um eine Erneuerung vampirischer Selbstentwüürfe geht.

3) Deacon Frost im Archiv: In einer HighTech-Bibliothek bastelt Deacon Frost mit der Geschichte. Ein gigantischer Serverraum bietet die Infrastruktur, derer es bedarf, um die Prophezeiungen der ‚Vampirbibel‘ aus längst verblichener Vorzeit zu entschlüsseln und sie in die Gegenwart zu holen. Im Gegensatz zu den altehrwürdigen Ratsmitgliedern, die derartiges längst als Aberglaube abgetan haben, ist  Frost geschichtsbesessen; aber nicht, weil er sich selbst als Teil irgendeines historischen Überlieferungszusammenhangs sieht, als Wahrer oder Vollender irgendeiner Tradition usw. Sein Umgang mit Geschichte ist postmodern: Frost zitiert, Frost de- und rekontextualisiert. Ihm geht es nicht um die Geschichte als solche, sondern darum, was sich aus der Geschichte rausbrechen lässt, um in der Gegenwart die Zukunft zu evozieren. Frost, der Archivar, behandelt Geschichte als Anhäufung von Fragmenten, die unterschiedlich nützlich und ‚wahr‘ sind.

Deacon Frost bringt den Vampir auf die Höhe der Zeit anno 1998. Frost bewirkt eine signifikante Neuausrichtung der Vampirökonomie und ihrer Subjekte. Dadurch gelingt es ihm, den Anschluss an jenen „Strukturwandel von revolutionärer Qualität“ (Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael) herzustellen, den die menschlichen Gesellschaften seit dem Ende der 1970er jahre bereits durchlaufen hatten. Die soziale und ökonomische, noch mehr freilich die diskursive Struktur der neuen Ordnung bedeutete ein Ende der Industriegesellschaft. Sie kündete vom Aufstieg der postindustriellen Gesellschaft, der Dienstleistungs-, Wissens- und Informationsgesellschaft. Vielerorts verloren sich die Spuren des korporativen Industriekapitalismus. An den Schnittpunkten dieser Entwicklungen stieg das neoliberale Projekt-Selbst empor.

Angesichts dieser Entwicklung wirken sowohl die alten feudal-aristokratischen als auch die neueren korporativ-kapitalistischen Vampire eigentümlich aus der Zeit gefallen. Erst Deacon Frost macht den Vampir – durchaus auch unter Reaktivierung der einen oder anderen, irgendwie verschütteten Vampirtugend – fit für ein Leben unter den Bedingungen der Postmoderne. Das beinhaltet die Verachtung jedweder produktivistischer Ideologie, die Wiederentdeckung eines hedonistischen Konsumindividualismus, aber auch ein Neuaufleben der vampirischen Kunst der Verführung.

Jedenfalls: Der „neue Geist des Kapitalismus“ (Luc Boltanski/Ève Chiapello) bietet Anschlüsse und Möglichkeiten für einen Vampir neuen Typs. Die Zukunft sollte frostig werden.

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