Tanz der Intersektionalität. Zadie Smith, Swing Time und die traurigen Gothic-Kids

Swing Time, der aktuelle Roman von Zadie Smith (in diesem Herbst in deutscher Übersetzung von Tanja Handels erschienen) erzählt die Geschichte einer Freundschaft und mehrfach gekreuzter Lebensläufe. Diese Geschichte beginnt nicht damit, dass die namenlose Ich-Erzählerin und Tracey zufällig in der gleichen Londoner Sozialbausiedlung aufwachsen – auch wenn dieser Umstand und das, wofür er politisch, sozial, ökonomisch und kulturell steht, wichtig sind -, sondern mit einer Entdeckung der beiden Mädchen: „Our shade of brown was exactly the same […] and our freckles gathered in the same areas.“ (S. 9)

Hinter der gleichen Sozialbausiedlung und dem gleichen Hautton verbergen sich Unterschiede: auf der einen Seite die Tochter einer jamaikanischen Mutter, deren intellektuelle und politische Ambitionen durch ein erzwungenes Hausfrauendasein nicht „gezähmt“ werden können, und eines Vaters aus der englischen Arbeiterklasse; auf der anderen Seite die Tochter eines meistens abwesenden, jamaikanischen Kleinganoven und Posers und einer englischen Mutter, die im durch Klassenvorurteile geprägten Diskurs der Dämonisierung der Arbeiterklasse, den Owen Jones 2011 in einem klugen Buch rekonstruiert hat, wohl chav genannt werden würde.

Zadie Smith erzählt die Geschichte einer Freundschaft, die sich in geteilter Leidenschaft für das Tanzen auslebt. Die beiden Mädchen profitieren davon, dass die alten Hollywood-Tanzfilme auf VHS verramscht werden und die Kirche im Gemeindehaus einen Tanzkurs auflegt. Die Geschichte folgt der Tanzkarriere von Tracey und dem Weg der Erzählerin – als Personal Assistant – in die Welt der globalen Popstars. Dabei verhandelt Smith die britisch-jamaikanische Migration, die Mobilisierung der karibischen Geschichte im Diskurs (post-)kolonialer Politik und die Bedeutung von ‚Afrika‘ als politischem Imaginationsraum und Projektionsfläche einer globalen Charity-Elite.

Wie die Romane von Zadie Smith überhaupt, so kreist auch Swing Time um Fragen, die seit einiger Zeit unter dem Etikett der Intersektionalität verhandelt werden. Gemeint sind damit die Zusammenhänge von Geschlecht, Klassen- und ethnischer Zugehörigkeit (oder besser: Zuschreibung) und deren Rolle bei der Produktion gesellschaftlicher Ein- bzw. Ausschlüsse und Machtverhältnisse. Swing Time tanzt durch die Kategorien. Die theoretisch reflektierte und sprachlich herausragende Literatur von Zadie Smith reproduziert nicht den wahlweise abwertenden oder mitleidigen Blick der (oberen) Mittelschicht auf „die da unten“, der sich in zeitgenössischen Romanen gern als „sozialkritisch“ oder „engagiert“ tarnt. Swing Time ist ein Roman der Differenzen: nicht in erster Linie der simplen Differenz von „schwarz“ und „weiß“ oder von Mittel- und Unterschicht (wobei ein differenziertes Portrait oft ersterer vorbehalten bleibt). Smith sieht dagegen Abgrenzungsbemühungen, Eifersucht, konkurrierende und unvereinbare Ambitionen, aber auch Solidarität und zeitweilige oder dauerhafte Allianzen und Verbundenheiten, die das Leben in der scheinbar so homogenen Welt der „sozial Schwachen“ von Grund auf strukturieren. Der Traum von stardom und der harte Weg in die Londoner Musicaltheater sind etwas anderes als lokalpolitisches Engagement, das als Labour-MP endet oder der erste Schritt an eine Universität:

„But for the rest of us, who were only ever one remove, or occasionally two, distant from father machinists and mother cleaners, from grandmother orderlies and grandfather bus drivers, we still felt we had done the miraculous thing, that we were ‚the first in our line to go‘, and this in itself was enough.“ (S. 286)

Irgendwann begegnen in dieser Welt die „sad young goths hanging their feet over the bridge, bunking off school, shadows of myself from a decade before“ (S. 87). Die Ich-Erzählerin, zu diesem Zeitpunkt, den mittleren Neunzigern, mit wenig zu tun, aber allen Möglichkeiten einer verschwenderischen Zeit als Künstler_innen-Betreuerin eines Musiksenders („an extended period of playtime, in which we were forever expecting the arrical of adults, who never arrived … we had nothing but time“, S. 86f.) – war zehn Jahre zuvor also ein sad young goth! In Cool Britannia, unter all den „rebooted Mods“ (S. 88), löst das ein nostalgisches Lächeln aus.

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Gothic wird erinnert als – melodramatisch überspitzt – „last exit for the lost“ (Fields of the Nephilim) und als perfekter „ersatz tribe“ (Zadie Smith).

„I, meanwhile, was caught completely unawares by adolescence […] as the friedship rings began to form and harden around me, defined by colour, class, money, postcode, nation, music, drugs, politics, sport, aspirations, languages, sexualities … In that huge game of musical chairs I turned round one day and found I had no place to sit. At a loss, I became Goth – it was where people who had nowhere to go ended up. Goths were already a minority, and I joined the oddest chapter, a small group of only five kids. One was from Romania and had a club foot, another was Japanese. Black Goths were rare but not unprecedented: I’d seen a few of them hanging around Camden and now copied them as best I could, dusting my face ghost-white and painting my lips blood red, letting my hair half-dread and spraying some parts of it purple. I bought a pair of Dr Martens and covered them in Tipp-Exed anarchy symbols. I was fourteen: the world was pain. […] I hated the music, and there was no dancing allowed – just pogoing up and down, or else swaying drunkenly into each other – but I liked that the political apathy disgusted my mother and that the brutality of my new look brought out the keenly maternal side of my father, who now worried about me endlessly and tried to feed me up as I gothically lost weight.“ (S. 215f.)

Die ganze Komplexität der Zugehörigkeit und Ausdrucksformen wird deutlich, als die Erzählerin auf dem Nachhauseweg aus einem Indieclub am Jazz Café vorbeigeht.

„[I] was struck by what a different crowd was gathered at its doors, not on their way out but on the way in, and not all drunk, as these were people who loved dancing, who did not need to be drunk to convince their bodies to move. Nothing they wore was torn, or shredded or defaced with Tipp-Ex, everything was flash as flash could be, the women shone and dazzled, and no one sat on the ground, on the contrary all effort had been made to separate the clientele from the ground: the men’s trainers had two inches of air built into them, and the women’s shoes had double that in heels. I wondered what they were queuing for. Maybe a brown girl with a flower in her hair was going to sing for them.“ (S. 231f.)

Das Tanzen, das andere Aufreten, die andere Haltung und die andere (imaginierte) Rolle des „brown girl“ – hier ließe sich, ausgehend von Swing Time, aber das eigentliche Thema des Romans auch verlassend, noch einmal die Frage nach den (neu-)rechten Tendenzen in der Gothic und Darkwave-Szene diskutieren, die Martin Büsser mit dem Bemühen einiger Künstler um „musikalische Reinheit“ in Zusammenhang bachte – eine Musik, die „explizit Anti-Pop sein will, sich also vor allem gegen US-und afroamerikanische Tendenzen wendet“ (Wie klingt die neue Mitte? Rechte und reaktionäre Tendenzen in der Popmusik, Ventil Verlag 2001, S. 91). Dem nachzugehen bedeutete freilich einen Rollenwechsel: Ich schriebe dann nicht mehr als glühender Zadie Smith-Leser, sondern als Old School Goth.

Zadie Smith: Swing Time, 464 Seiten, Hamish Hamilton/Penguin 2016.

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Stellvertretende und vorweggenommene Lektüre – Texte über ungelesene Bücher

Kürzlich habe ich, zufällig, zwei Essays gelesen, die sich mit ein und demselben Romanklassiker beschäftigen: George Eliots Middlemarch (1871). Beide Essays habe ich nicht wegen ihres Themas gelesen (obwohl Middlemarch zu den Romanen gehört, die nie wirklich von meiner imaginären Leseliste verschwinden), sondern weil ich Zadie Smith als Schriftstellerin und Carolyn Steedman als Historikerin außerordentlich schätze. Ich wollte Essays von Smith bzw. Steedman lesen – egal worüber.

In der zufälligen Middlemarch-Überlagerung drängte sich aber eine Frage auf, die wir alle kennen: Was bedeuten und bewirken Texte über Bücher, die man nicht gelesen hat? Das hängt natürlich von der Art der Texte ab.

Verlagsankündigungen oder Kurzrezensionen haben ihren Zweck bereits dann erfüllt, wenn sie mir sagen, dass es ein Buch gibt. Das klappt in der Regel dann gut, wenn ich die Autorin oder den Autor kenne, und auf dem Laufenden bleiben will, ob es etwas Neues gibt.

Anders ist es mit den zahllosen Einführungen zu dieser Autorin oder jenem Autor, die vor allem in der Lehre an Universitäten kursieren. Diese Texte sollen nicht über die bloße Existenz bestimmter Autor_innen oder Bücher informieren, sondern sie versprechen (allerdings niemals offen ausgesprochen), dass man selbst sich die Lektüre sparen kann, weil jemand anderes sie stellvertretend bereits unternommen hat – und man nun einfach auf dessen Lesefrüchte zugreifen könne. (Außerhalb universitärer Seminare dürften Biographien diese Funktion erfüllen.)

Wieder anders ist es mit Essays wie denjenigen von Zadie Smith oder Carolyn Steedman. Darin wird keine stellvertretende Lektüre angeboten. Stattdessen handelt es sich um eine Form vorweggenommener Lektüre. Smith und Steedman greifen meiner eigenen Lektüre vor. Sie skizzieren, was mich erwarten könnte, falls ich Middlemarch lesen würde. Sie machen ein Angebot, wie ich Middlemarch lesen, worauf ich dabei achten könnte. Essays wie diese ersetzen keine Lektüre. Smith und Steedman sind keiner Leserinnen an meiner Stelle. Ihre Essays sind ein Vorgriff auf ein noch zu lesendes Buch – und sie legen nahe, dass das Verständnis der Thesen ihrer Essays erst nach der eigenen Lektüre von Middlemarch abgeschlossen sein wird.

Folge ich Zadie Smith, erwartet mich ein Buch, das die Grenzen des klassischen englischen Romans ausreizt. Mich erwartet eine Prise Spinoza und vor allem „the famous Eliot effect, the narrative equivalent of surround sound“ – eine Interpretation des Genres Roman, die bewusst ohne Hauptfigur auskommt und stattdessen eine Vielfalt gleichrangiger Charaktere vorstellt. Die Frage nach dem Hauptcharakter ist so immer eine Frage der Perspektive.

  • „The novel is a riot of subjectivity. To Mary Garth, Fred Vincy is the central character in Middlemarch. To Ladislaw, it is Dorothea. To Lydgate, it is Rosamund Vincy. To Rosamund, it is herself. And authorial attention is certainly diffuse.“

Folge ich Carolyn Steedman, erwartet mich ein Buch, das durch seine zeitliche Dissonanz strukturiert ist – Middlemarch wurde 1871 veröffentlicht, spielt aber in den Jahren 1829-32. Mich erwartet ein Buch, das Teil einer nostalgischen Bewegung im englischen Bürgertum der 1860er Jahre war. Mich erwartet ein Buch, das eine Rückprojektion des Moralismus der 1860er Jahre auf die sozialen Brüche und politischen Konflikte der 1830er vornimmt, statt sich ‚aus dem Archiv‘ zu bedienen.

  • „Eliot reads class, class concflict, political struggle and questions of political agency through the filter of ‚culture‘. […] Did she know about her own role of diminution and occlusion? – About a political story told in terms of something else?“

Vielleicht erwartet mich aber auch etwas ganz anderes. Vielleicht erwartet mich die Chance, Zadie Smith und Carolyn Steedman anders zu lesen. Vorweggenommene Lektüre ist Vorfreude – und damit die schönste Freude; gerade kurz vor Weihnachten, wenn auf den einen oder die andere vielleicht ein Buch wartet, über das man bereits etwas gelesen hat.

 

Literatur:

George Eliot: Middlemarch, London 2012 [1871].

Zadie Smith: Middlemarch and Everybody, in: dies., Changing My Mind. Occasional Essays, London 2009, S. 28-40 [dt.: Sinneswechsel: Gelegenheitsessays, KiWi 2015, übersetzt von Tanja Handels].

Carolyn Steedman: To Middlemarch: without benefit of archive, in: dies., Dust, Manchester 2001, S. 89-111.